KI-Denkfehler #40: «KI ersetzt Menschen.»

Publiziert am 21. April 2026 von Matthias Zehnder

Ja. Nein. Aber. Etwas ausführlicher: Ja, die KI ersetzt derzeit im grossen Stil Menschen. Das heisst aber nicht, dass das sinnvoll ist. «Die meisten Chefs können es kaum erwarten, ihre Angestellten durch KI zu ersetzen», zitiert die «Basler Zeitung» Netzaktivist Cory Doctorow. Die KI werde deren Jobs jedoch nicht gut erledigen können. «Wir sollten uns nicht sorgen, dass KI uns die Jobs klaut, sondern dass ein KI-Vertreter die Chefs davon überzeugt, uns durch KI zu ersetzen, die unsere Jobs nicht machen kann», sagt Doctorow.

Die Fähigkeiten der KI werden gleichzeitig über- und unterschätzt. Weil Löhne in Dienstleistungsunternehmen der wichtigste Kostenfaktor sind, setzt Management by Excel schnell das Messer an und kürzt die Belegschaft. Kurzfristig lassen sich so massiv Kosten sparen. Langfristig schiessen sich die meisten Unternehmen selbst ins Bein. Doch bis das bemerkt wird, sind die Excel-Manager oft schon weitergezogen. Das heisst nicht, dass eine KI nicht wichtige Arbeit übernehmen und ein Unternehmen produktiver machen kann. Unsere Excel-Manager übersehen dabei eine wichtige Prämisse: Wenn die KI von einem menschlichen Experten eingesetzt wird.

1. Apekt Was die KI ersetzt

Die KI ist tatsächlich in der Lage, repetitive Prozesse und eine ganze Reihe von digitalen Tätigkeiten zu übernehmen. Stark ist die KI zum Beispiel bei Tätigkeiten, die mit Dateneingabe zu tun haben, mit Programmier-Routinen oder mit Standard-Prozessen etwa im Kundenservice. Überall da, wo schon digitale Daten vorliegen, die formatiert, bearbeitet, umgewandelt, übersetzt oder sonstwie verarbeitet werden müssen, ist die KI menschlichen Mitarbeitenden stark überlegen.

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Dabei ersetzt die KI aber in der Regel nicht Mitarbeitende, sondern strukturierte Einzeltätigkeiten, also einzelne Tasks. Das ist der Kern des Missverständnisses der Excel-Manager: Sie sehen Jobs als homogene Einheit, die man wegkürzen kann. In Wirklichkeit ist ein Beruf ein Bündel heterogener Tätigkeiten, von denen manche automatisierbar sind, andere nicht. Auch einfache Arbeiten wie das Schreiben nach Diktat, die grundsätzlich gut von einer KI übernommen werden können, beinhalten oft menschliche Leistungen, die eine KI nicht so einfach übernehmen kann.

2. Apekt KI als Bedrohung für Einsteiger

Die grösste Bedrohung trifft paradoxerweise nicht die Experten, sondern die Einsteiger. Junior-Rollen waren historisch der Weg, wie Berufsanfänger Erfahrung sammelten. In der Anwaltskanzlei lernen Praktikanten durch Recherchen, in der Werbeagentur erheben sie die Daten bei den Kunden, auf der Redaktion schreiben sie die Kurzmeldungen für die Randspalte. Genau diese einfachen Aufgaben übernimmt jetzt die KI und erledigt sie schneller, oft zuverlässiger und ohne zu reklamieren. Die Kundinnen und Kunden merken nichts davon. Anthropic-CEO Dario Amodei warnte sogar davor, dass KI innerhalb der nächsten fünf Jahre 50 Prozent aller White-Collar-Einstiegsjobs vernichten könnte.

Das Problem ist, dass die Anwaltskanzleien, die Werbeagenturen und die Redaktionen so ihrem eigenen Nachwuchs schaden. Das ist das stille Strukturproblem, das kaum diskutiert wird: KI verunmöglicht es den heutigen Berufseinsteigerinnen und -einsteigern, jene Erfahrungen zu sammeln, die sie brauchen, um Expertenstatus zu erlangen. Es ist wie im Auto: Wie will eine Lenkerin, ein Lenker sich die Erfahrung aneignen, die man braucht, um schwierige Situationen zu bestehen, wenn die einfachen Situationen im Alltag von Assistenzsystemen abgearbeitet werden? Das Problem dabei: Excel-Manager interessieren sich für den Profit in der Gegenwart. Probleme in der Zukunft schlagen sich nicht in der Erfolgsrechnung nieder.

3. Apekt KI als Verstärker für Experten

Experten mit KI überflügeln Experten ohne KI. Hier liegt das eigentliche Potenzial: Die KI ersetzt die menschlichen Experten nicht, sondern macht sie leistungsfähiger. KI wird dabei zur Multiplikationstechnologie: Sie multipliziert die Fähigkeiten, das Fachwissen und die Erfahrung des Menschen, der sie bedient. Dabei kommt es mindestens genauso auf die Fähigkeiten des Menschen an wie auf die KI. Studien wie die Arbeitsmarktstudie des IAB betonen, dass die Chancen, die menschliche Arbeit durch Augmentierung und Innovation zu bereichern, weitaus grösser sind als die blosse Automatisierung bestehender Aufgaben. Ein reiner Fokus auf Substitution begrenzt die Gewinne oft auf einfache Kostenersparnis, während Augmentierung völlig neue Kategorien von Arbeit und Werten erschaffen kann.

Das ist die Prämisse, die viele Excel-Manager übersehen: Die KI ist ein Werkzeug, dessen Wirksamkeit wesentlich vom Menschen abhängt, der am Computer sitzt. KI lässt sich nicht wie ein neuer Firmenwagen einsetzen oder wie ein neues Logo an die Fassade pappen. Der Einsatz von KI beginnt mit dem Einbezug und der Weiterbildung der Expertinnen und Experten im Unternehmen und ist deshalb zunächst mit Investitionen verbunden.

Fazit

KI ersetzt nicht in erster Linie Menschen, sondern zunächst vor allem einzelne Tätigkeiten. Weil KI die Arbeiten von Juniors übernehmen kann, gefährdet der KI-Einsatz Berufseinsteiger. Unternehmen und Institutionen, die KI konsequent einsetzen, drohen damit, am Ast zu sägen, auf dem sie sitzen. Wer KI klug einsetzt, stärkt damit Expertinnen und Experten. Das setzt aber voraus, dass Menschen willens und in der Lage sind, mit KI zu arbeiten.

Manager, die in KI vor allem eine Möglichkeit sehen, Personalkosten zu senken, denken zu kurz. Es kann sein, dass die KI einzelne Aufgaben übernehmen kann und das Unternehmen deshalb weniger Mitarbeitende benötigt. Den grossen Hebel stellt die KI aber in der Hand der «Seniors» im Unternehmen dar. Das setzt voraus, dass diese Expertinnen und Experten Zeit und Ressourcen erhalten, damit zu arbeiten. Wer mit der KI nur Menschen ersetzen will, begeht einen Denkfehler. KI ist vor allem eine Multiplikationstechnologie. Das bedeutet: Auch auf der anderen Seite des Multiplikationszeichens muss etwas stehen. Motivierte Menschen.

Praxistipp

Was heisst das für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer?

  • Machen Sie sich bewusst, welche Tätigkeiten in Ihrem Beruf strukturiert und repetitiv sind und welche Urteilsvermögen, Erfahrung und Kontextwissen erfordern.
  • Investieren Sie gezielt in die zweite Kategorie. Das bedeutet: Stärken Sie Ihre eigenes Fachwissen und eignen Sie sich die nötigen KI-Skills an.
  • Im besten Fall stärken Sie mit KI Ihre Stärken. Das macht Ihnen bewusst, wo Ihre unersetzbare Leistung liegt und macht Sie, hoffentlich, wirklich unersetzbar.

Basel, 21.04.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

Zika, Gerd; Hassemer, Theresa-Marie; Hummel, Markus; Krebs, Bennet; Maier, Tobias; Mönnig, Anke; Schneemann, Christian; Weber, Enzo; Zenk, Johanna (2025): Künstliche Intelligenz: Potenzielle Effekte für den deutschen Arbeitsmarkt, in: IAB-Forschungsbericht, 2025, S. 202523, https://iab.de/en/publications/publication/?id=15227157 [21.04.2026].
«Die meisten Chefs können es kaum erwarten, ihre Angestellten durch KI zu ersetzen», in: Basler Zeitung, 2026, https://www.tagesanzeiger.ch/cory-doctorow-so-wird-ai-das-internet-noch-nerviger-machen-518307503394 [20.04.2026].
Top 20 Predictions from Experts on AI Job Loss, in: AIMultiple, https://aimultiple.com/ai-job-loss [21.04.2026].

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