KI-Denkfehler 22: KI demokratisiert die Bildung

Publiziert am 18. Dezember 2025 von Matthias Zehnder

Knapp daneben: KI demokratisiert den Zugang zu Informationen und deren Verarbeitung. Bildung lässt sich aber nicht auslagern, sondern findet im besten Fall im Kopf des Menschen statt, der am Computer sitzt. Zwingend ist das allerdings nicht: Die KI lädt geradezu dazu ein, gedankliche Anstrengungen und damit mühsame Bildungsarbeit zu vermeiden. Genau darauf kommt es aber an. Denn Bildung ist nicht einfach das Downloaden von Informationen ins Gehirn, sondern ein Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Es geht also nicht nur um Wissen, sondern auch um das Entwickeln von Fähigkeiten, Werten und einem kritischen Urteilsvermögen. Studienresultate zum Einsatz von KI bei Lernenden sind durchzogen: Sie zeigen, dass KI die Lernenden auch denkfaul machen kann.

1. Aspekt: Informationen sind nur der Rohstoff von Bildung

KI-Tools vereinfachen den Zugang zu Informationen und Erklärungen. Doch Informationen sind nur der Rohstoff von Bildung – und an Rohstoff mangelt es mindestens hierzulande nicht. Wir haben problemlos Zugang zu Daten aller Art, zu Texten, Bildern, Grafiken und Erklärungen, sei es im Internet, in Büchern oder in Bibliotheken. KI beschleunigt und vereinfacht den Zugriff auf diese Rohstoffe. Boolsche Operatoren sind passé, man kann die Bots in natürlicher Sprache fragen und sie zaubern die gewünschte Information auf den Bildschirm oder erklären auch siebenmal hintereinander den Satz des Pythagoras, ohne dabei Anzeichen von Ungeduld zu entwickeln.

Alles wunderbar also? Nicht ganz. Bildung war nie bloss ein Problem des Informationszugangs. Die Schwierigkeit ist die Aneignung der Informationen. Die Frage ist also weniger, ob Informationen verfügbar sind, als was damit passiert. Lernen wir schneller und effektiver, wenn wir mit einem Chatbot plaudern können? In einzelnen Aspekten vereinfachen KI-Tutoren sicher das Begreifen von Formeln, Abläufen oder Verfahren. Doch Bildung ist kein Ponyritt. Mediziner werden weiterhin monatelang hart büffeln müssen, um sich ihr Fach anzueignen. Wer Geige, Horn oder Klavier spielen möchte, muss üben, üben, üben. Und das gilt auch für Fremdsprachen, Mathematik, die Arbeit im Chemielabor oder das Erkennen von Pflanzen.

2. Aspekt: Bildung geht nicht im Schlafwagen

Der grosse Vorteil von KI-Chatbots: Sie verlieren nie die Geduld. Der grösste Nachteil: Sie sind darauf programmiert, uns zu gefallen. Die Folge: Sie wirken wie ein überfreundlicher Therapeut. KI wirkt zuweilen geradezu servil. Chatbots sind offensichtlich darauf programmiert, uns bei Laune und damit bei der Stange zu halten. Das hat zur Folge, dass die KI uns abnimmt, was wir eigentlich selbst durchstehen müssten. Anders gesagt: Bildung ist kein Produkt, das im Onlineshop zur Verfügung gestellt wird, sondern ein Prozess.

Beim Lernen kommt es, wie in der Psychotherapie, aber oft genau dann zum Durchbruch, wenn es weh tut. Wenn ich schmerzhaft mit einem Problem konfrontiert werde und mich durchbeissen muss. Ich erinnere mich an so manches Problem in der Mathematik oder später in der Logik, an dem ich fast verzweifelt wäre. Man konzentriert sich, bis man das Gefühl hat, dass es einem fast die Schädeldecke lupft – und dann kommt plötzlich der Durchbruch. Es ist, wie wenn man nach einem Tauchgang in trübem Wasser plötzlich die Wasseroberfläche durchstossen würde. Diesem produktiven Leiden kann man mit Hilfe einer servilen KI problemlos ausweichen. Das Resultat ist dann aber nicht Bildung, sondern eine Unterhaltung mit Stützrädern.

3. Aspekt: Demokratisierung beinhaltet Mitsprache – KI-Systeme sind aber autoritär

Demokratisierung der Bildung heisst auch Mitsprache und Selbstbestimmung. Schülerinnen, Schüler und Studierende wollen ernst genommen werden. Sie wollen mitreden, wenn es um ihre Bildung und Ausbildung geht.

Auf den ersten Blick ermöglicht die chattende KI genau das: Sie geht auf jeden Wunsch ein und gibt sich fast überfreundlich. Doch in der zuckerigen Hülle steckt ein beinharter Kern: KI-Programme sind letztlich autoritäre Systeme grosser US-Konzerne. Ihre Parameter sind gesetzt und nicht verhandelbar. Trotz aller Interaktion konsumieren die User lediglich Output, gestalten die Systeme aber nicht mit. Das ist das Gegenteil demokratischer Teilhabe.

Fazit

Demokratisierung der Bildung hiesse: Mehr Menschen können selbstbestimmt lernen und denken. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist der Wille, sich durch Probleme durchzubeissen und sich dabei zu verwandeln. Bildung ist nicht blosser Informations-Download, sondern manchmal schmerzhafte Arbeit an sich selbst. Die KI kann als Tutorin, als anregende Gesprächspartnerin, als Erklärbär dabei eine gute Ergänzung sein. Aber bei Lichte besehen demokratisiert sie nur den Konsum von bereits Aufbereitetem. Das ist nicht emanzipatorisch, sondern paternalistisch.

18.12.2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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