KI-Denkfehler 21: KI ist künstliche Intelligenz

Publiziert am 10. Dezember 2025 von Matthias Zehnder

Für einmal ist ein Name nicht Programm: Der Begriff «künstliche Intelligenz» führt uns in die Irre. Die Systeme sind künstlich, simulieren Intelligenz aber nur. Sie schützen Denkprozesse vor, die uns verblüffend vertraut erscheinen, weil sie an der Oberfläche aus Sprach bestehen und nach Argumentation aussehen. Doch unter der perfekten sprachlichen Oberfläche arbeiten rein statistische Mechanismen ohne Weltbezug und ohne Erfahrung. Wer KI für intelligent hält, verwechselt das Denken mit seinem Resultat.

Wenn die KI anders heissen würde, wäre alles halb so schlimm. Doch das Wort «Intelligenz» suggeriert, dass Maschinen über Fähigkeiten verfügen, die wir als spezifisch menschlich anschauen: Denken, Probleme lösen, Schlussfolgern, Planen, Entscheiden, Verstehen. Weil sie auch noch äusserst eloquent mit Sprache hantieren, was bei Menschen ein untrügliches Anzeichen für Intelligenz und Bildung ist, unterschieben wir den Maschinen Intelligenz. Doch die Systeme arbeiten nicht mit Bedeutung, sondern nur mit Wahrscheinlichkeiten. Sie erzeugen Muster, die den Anschein von Intelligenz wecken, ohne je einen Gedankenschritt zu vollziehen.

Wir überschätzen die Maschine nicht zuletzt deshalb, weil wir die Vielfalt unserer eigenen Intelligenz unterschätzen. Wir begegnen einem sprechenden System und schliessen daraus, dass ein denkendes Wesen dahinterstehen müsse. Es ist die Reaktion des Menschen auf einen Papagei.

1. Denkfehler: Rechnen ist Denken

Viele Menschen setzen Intelligenz mit Rechnen gleich und fühlen sich schon einem Taschenrechner unterlegen. Ganz zu schweigen von einem KI-System, das Millionen von Parameter verarbeitet. Doch Rechenleistung ersetzt das Denken nicht. Vernunft ist keine simple Rechenoperation, sondern beinhaltet auch das Abwägen von Erfahrungen. Ein KI-Modell kann Muster erkennen, nicht aber ihre Bedeutung. Das ist der Unterschied zwischen Verarbeitung und Verstehen.

Menschen, die schnell mit Zahlen hantieren können, sind intelligent. Das ist kein Zufall: Es ist ein wesentlicher Faktor bei der Messung der Intelligenz. Wir schliessen deshalb gerne vom Rechenvermögen auf die Intelligenz eines Menschen. Das ist bequem, aber falsch: Rechnen ist ein formales Verfahren, Denken ist eine geistige Handlung. Deshalb kann jeder Taschenrechner besser rechnen als ein Mensch, aber jeder Trottel hat mehr Gedanken im Kopf als der grösste Computer.

Denken ist etwas ganz anderes. Platon definiert das Denken als Dialog zwischen der Vernunft und sich selbst. Immanuel Kant erklärte, Denken meine, Vorstellungen in einem Bewusstsein zu vereinigen. Beiden ist gemein, dass Denken mit einem Selbst zusammenhängt, mit einem Ich, das sich denkend mit der Welt auseinandersetzt. Das gilt sogar für die spöttische Bemerkung von Sean Connery, dass die meisten Menschen hauptsächlich über das nachdenken, was die anderen Menschen über sie denken.

Offensichtlich ist Rechnen allenfalls ein kleiner Teil dessen, was das Denken beim Menschen ausmacht. KI-Modelle können nur rechnen: Sie errechnen sich die Welt, indem sie Relationen in Daten erkennen. Das heisst: Sie erkennen Muster, aber nicht deren Sinn.

2. Denkfehler: Sprachfähigkeit ist Intelligenz

Die grossen Sprachmodelle sind beeindruckend eloquent: Sie formulieren Sätze fliessender, als es viele Menschen tun. Sie sind unermüdlich, schnell und formal präzise. Die sprachliche Perfektion blendet uns Menschen: Wir halten für klug, wer klug spricht. Doch dem widersprach schon Goethe: «Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, / Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen», dichtete der Meister etwas verdrossen.

Er trifft damit des Pudels Kern: Wir gewöhnlichen Menschen glauben, wenn wir die Worte der KI vernehmen, dass sie sich dabei etwas gedacht haben müsse. Doch dem ist nicht so: Sprache ist bei der KI nicht Ausdruck eines Bewusstseins, sondern das stumpfe Produkt statistischer Verfahren. Die Modelle prognostizieren die wahrscheinlichste Fortsetzung eines Textes, ohne die Bedeutung der Worte zu verstehen.

Das bedeutet: Die KI meint nichts, sie befolgt nur Muster. Deshalb wirken die Antworten oft so glatt und seltsam konturlos. Die Stimme, die da spricht, gehört niemandem: Da ist kein Selbst. Die Gedankenlosigkeit ist in perfekte Sprache gekleidet. Von Denken aber ist keine Spur zu erkennen.

3. Denkfehler: Verstand ist formalisierbar

Gesunder Menschenverstand basiert auf körperlichen Erfahrungen, biografischem Wissen und der Intuition, die daraus resultiert. Das lässt sich nicht in Regeln fassen, die ein System berechnen kann. KI arbeitet ohne den Weltbezug eines Menschen: Sie ist eine Simulation in einem Computerchip und hat weder Körper noch Geschichte. Sie kann deshalb Vernunft nur nachahmen.

«Man kann sehr viel gelesen haben und wenig Verstand zeigen», wusste schon Georg Christoph Lichtenberg. Ganz besonders gilt das für den gesunden Menschenverstand: Er lässt sich nicht aus Regeln konstruieren. Menschenverstand besteht darin, dass da jemand etwas durch Erfahrung verstanden hat. Der KI fehlt es nicht nur am Verstand, sondern auch am Jemand: Da ist kein Selbst, das abwägt und versteht. Wir Menschen lernen durch unsere Fehler und Blessuren. Das kann eine KI nicht, weil sie kein empfindendes Selbst hat.

Eine KI besteht aus Rechenprozessen im luftleeren Raum. Deshalb kann sie Vernunft nur imitieren. Sie spricht so eloquent, dass wir ihr Vernunft unterschieben, aber die KI hat kein Verhältnis zur Welt und kann deshalb auch nicht über die Welt urteilen. Schon gar nicht gesund.

Fazit

Die Rede von der «künstlichen Intelligenz» verführt uns dazu, Maschinen Fähigkeiten zuzuschreiben, die sie nicht besitzen. Die Systeme sind auf der Basis von Statistik erstaunlich sprachgewandt, aber letztlich erzeugen sie dabei nur wahrscheinliche Wort-Muster. Sie wissen nichts über die Welt, in der wir leben. Sie verfügen nicht über Erfahrungen, haben keine Werte und keine Absichten. Ihre scheinbare Vernunft ist eine statistische Konstruktion, keine geistige Leistung.

Gleichzeitig unterschätzen wir den Reichtum unserer eigenen Intelligenz. Wir vergessen, dass Denken mehr ist als die perfekte Oberfläche eines Satzes. Vernunft entsteht aus Lebenserfahrung und aus der Auseinandersetzung mit der Welt – und sei es nur ein juckender Mückenstich. Genau das lässt sich nicht synthetisieren.

Wir sollten die KI deshalb nicht vermenschlichen, sondern als spannende, aber maschinelle Ergänzung zu unseren Fähigkeiten verstehen. Die KI kann uns helfen, mehr Informationen zu verarbeiten und Routinen zu beschleunigen. Wenn wir sie für intelligent halten, verlieren wir den Blick auf das, was menschliches Denken ausmacht. Nur wenn wir diesen Unterschied klar benennen, können wir die Möglichkeiten der KI sinnvoll nutzen.
10.12.2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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3 Kommentare zu "KI-Denkfehler 21: KI ist künstliche Intelligenz"

  1. Insbesondere die sogenannte westliche Welt erlebe und sehe ich von Gier, Herrsch- und Vergnügungssucht sowie von Zerstörungswut geprägt. Hochintelligent dumme Mächtige sind ein Teil dieser Welt. Sie nutzen die KI für ihre Machenschaften. Und wie immer geht der Krug zum Brunnen, bis er bricht.

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