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Zeit der Oligarchen
«In den letzten zwei oder drei Generationen wurden die politischen Bosse, die in den verschiedenen Nationalstaaten an der Macht waren, durch Wissenschaft und Technik mit Zwangsmitteln von nie da gewesener Effizienz ausgestattet.» Dieser Satz stammt nicht von einem hippen Kolumnist der «New York Times», der sich über Donald Trump ärgert, und auch nicht von einem «Spiegel»-Autor. Der Satz ist fast 80 Jahre alt: Er stammt aus dem Buch «Science, Liberty and Peace» von Aldous Huxley, das 1946 erschienen ist. Der Essay ist jetzt frisch übersetzt bei Hanser auf Deutsch erschienen und enthält viele Sätze, die man als geradezu prophetisch bezeichnen muss. Etwa: «Dank der angewandten Wissenschaft kann ein wortgewaltiger Diktator Abermillionen von Menschen mit seiner emotional aufgeladenen Heilsbotschaft beglücken.» Huxley dachte dabei vor allem an das Radio. Er schrieb, das gesprochene Wort sei viel verführerischer als das gedruckte. Vor dem Hintergrund von TikTok und YouTube können wir ihm nur zustimmen. Ein anderer dieser prophetischen Sätze: «Der Glaube an den universellen Fortschritt basiert auf dem Wunschdenken, dass etwas umsonst zu haben ist.» Huxley weist darauf hin, dass Gewinne auf einem Gebiet meist mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen. Das haben wir mittlerweile schmerzhaft gelernt. So erhebt der Autor von «Brave New World» sprachmächtig aus der Vergangenheit seinen Zeigefinger – und wir kommen nicht umhin, ihm Recht zu geben.
Es ist geradezu gespenstisch, mit welcher Klarheit Huxley die Zukunft prognostiziert – seine Zukunft ist unsere Gegenwart. So schreibt er über China: «Was passiert, wenn Indien und China so hoch industrialisiert sind wie Japan in der Vorkriegszeit, wenn sie ihre günstigen Industriegüter gegen Nahrungsmittel eintauschen wollen und dabei in Konkurrenz zu den westlichen Mächten treten, deren Lebensstandard deutlich höher ist?» Wohlgemerkt: Huxley hat diese Zeilen 1945 oder 1946 geschrieben. Er war sich sicher: «Niemand kann die Zukunft vorhersehen, doch die rasche Industrialisierung Asiens (mit neuesten und besten Nachkriegsmaschinen) birgt ein gefährliches Potenzial.» Das haben wir in den seither vergangenen hundert Jahren immer wieder erlebt, zum Beispiel an der Grenze zwischen Indien und Pakistan und rund um China.
In seinem schmalen Essay kritisiert Huxley vor allem die Zentralisierung der Macht. Er schreibt, hundert Jahre vor seiner Zeit sei ein simples Jagdgewehr den Waffen der Soldaten noch ebenbürtig gewesen. Um die Staatsmacht aufzuhalten, die damals mit Kavallerie und Kanonen ausgerüstet war, habe «eine Barrikade aus umgestürzten Karren, Sandsäcken und Pflastersteinen» genügt. Diese Zeiten sind vorbei: «Nach einem Jahrhundert des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts können Waffen, wie sie den Massen zur Verfügung stehen, nicht mehr mit den Arsenalen der herrschenden Minderheit mithalten», schreibt Huxley 1946. «Wenn die Vielen den Wenigen Widerstand leisten wollen, müssen sie dies daher auf Gebieten tun, auf denen die technische Überlegenheit nicht greift.» Wir denken dabei sofort ans Internet, an Memes, an klandestine Chatgruppen oder an den zivilen Widerstand der Frauen im Iran. Auch das hat Huxley vorausgesehen.
Huxley warnt vor allem vor dem Fall, dass «eine bislang demokratische Regierung» sich «nicht mehr an die Spielregeln» halte. Er sagt, weil Wissenschaft und Technik in ihrem Sieg über die Natur die militärische und polizeiliche Macht der Wenigen (jener im Titel erwähnten Oligarchen) massiv gestärkt hätten, sei das Volk machtlos und könne gegen diese Wenigen keinen Widerstand mehr leisten. Genau das beobachten wir heute in Autokratien.
«Die wichtigste Lektion der Geschichte ist, dass niemand je die Lektionen der Geschichte lernt.» Selbst die unvorstellbaren Katastrophen der vergangenen Jahre hätten kaum Eindruck auf das Denken der Überlebenden hinterlassen, schreibt Aldous Huxley. Leider hat er recht.
Aldous Huxley: Zeit der Oligarchen. Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden. Hanser, 96 Seiten, 21.50 Franken; ISBN 978-3-446-28723-5
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446287235
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 20.11.2025, Matthias Zehnder
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