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Wer denkt, ist klar im Vorteil

Publiziert am 8. September 2025 von Matthias Zehnder

Unser Gehirn ist ein extrem komplexes Organ und es ist erstaunlich formbar, lernfähig und anpassungsfreudig. In diesem Buch erzählt der Kognitionswissenschafter und Journalist Bent Freiwald, was ein durchschnittliches Gehirn an einem Tag so erlebt. Seine Erzählung beginnt mitten in der Nacht, im Schlaf und im Traum. Er erklärt, wie der Kaffee am Morgen wirkt und was es ausmacht, wenn man zu Fuss zur Arbeit geht. Er erzählt von Meetings, welche Musik beim Arbeiten hilft und was Bewegung während der Arbeit bewirkt. Vom Mittagsschlaf ist die Rede, vom Brainstorming und von Tricks, wie man sich besser konzentriert. Nach der Arbeit gehts in Fitness und dann mit dem besten Freund zum Feierabendbier. Zu Hause angekommen bleibt unser Gehirn etwas länger am Handy hängen als ihm lieb ist und schläft schliesslich ein. Bent Freiwald erklärt präzise und doch verständlich, was dabei in unserem Gehirn passiert. Das ist nicht nur äusserst spannend, es hilft im Alltag ganz konkret weiter. So zeigt er anhand von kognitionswissenschaftlichen Erkenntnissen, was wirklich dabei hilft, mehr Sport zu treiben, wie man es schaffst, weniger Zeit am Handy zu verbringen, was disziplinierte Menschen gemeinsam haben und warum man schlechter schläfst, wenn man gestresst bist – und was man dagegen tun kann. Das Schöne an dem Buch ist, dass Bent Freiwald von ganz konkreten Alltagsfragen ausgeht. Etwa: Macht Kaffee abhängig? Oder: Woher weiss dein Gehirn, dass du hungrig bist? Zur Beantwortung der Frage führt er ein in die Anatomie des Gehirns, in Erkenntnisse der Kognitionsforschung und Psychologie und die Ergebnisse neuster Studien. Das ist nicht nur spannend, sondern auch äusserst lehrreich.

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Es sind spannende Fragen, die Bent Freiwald in seinem Buch anschneidet. Was genau passiert im Gehirn, wenn wir träumen? Warum lieben Kinder Eis, aber hassen Brokkoli? Macht Sport schlau? Hat das Gehirn Humor? Verändert Lesen das Gehirn? Spannende Fragen. Lesen verändert das Gehirn übrigens tatsächlich. Zum Beispiel sind Hirnregionen, die mit Sprachverständnis, Perspektivübernahme und Storyverarbeitung in Verbindung gebracht werden, nach der Lektüre besser miteinander verbunden. «Lesen verdrahtet das Gehirn also neu», schreibt Freiwald. Er referiert dazu verschiedene Studien, etwa eine Übersichtsarbeit, die zeigt, dass beim Lesen verschiedene Hirnareale beteiligt sind. Dabei handelt es sich um visuelle, auditive und semantische Bereiche, die teilweise weit voneinander entfernt sind. Beim Lesen entstehen neue Verbindungen in der weissen Materie, insbesondere zwischen Temporallappen und anderen sprachverarbeitenden Regionen. Das Beispiel zeigt gut, wie locker uns Freiwald in seinem Buch in die teils durchaus komplexen Tiefen der Kognitionsforschung lockt.

Schön dabei ist, dass er es nicht nur beim Referieren von Anatomie und Studien belässt, sondern auch ganz konkrete und hilfreiche Tipps daraus ableitet. In Sache Lesen bietet er uns eine Anleitung fürs konzentrierte Lesen in der digitalen Welt in vier Schritten. Erstens geht es um die Motivation: Warum liest man einen Text? Informationen kann man auch mal Scrollen und Scannen. Wer komplexere Gedanken verstehen will, sollte sich Zeit nehmen, «Zeile für Zeile zu lesen». Und dabei «solltest du auch kurze Pausen machen, um über das gerade Gelesene nachzudenken.» Der Zweite Schritt: Gib dir Mühe. «Mach dir Notizen, rede mit anderen über das Gelesene, teste dein Wissen», schreibt Freiwald. Lesen sei oft nur der Anfang einer Erkenntnisreise. Der dritte Schritt: «Nimm dir Zeit.» Das heisst auch: «Slow down», wenn du nicht alles verstehst. «Der Text gibt das Tempo vor». Und wer vierte Punkt: Blende alles andere aus. «Forschende aus Grossbritannien haben herausgefunden, dass es schon unsere Konzentration stört, wenn unser Handy ausgeschaltet (!) auf dem Tisch liegt, während wir versuchen, Aufgaben zu absolvieren.» Spannend.

Auf diese Art und Weise führt uns Bent Freiwald durch das Gehirn, von Träumen bis zum Wiedereinschlafen, vom Auditiven Kortex bis zum Wernicke-Areal. Ja, er spart dabei nicht mit Fachbegriffen. Aber er erklärt sie gut – und wer seine Tipps rund um Konzentration und besseres Lesen befolgt, hat damit keine Mühe.

Bent Freiwald: Wer denkt, ist klar im Vorteil. Wie du dein Gehirn im Alltag smarter nutzt. Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 29.50 Franken; ISBN 978-3-462-00985-9

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462009859

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 08.09.2025, Matthias Zehnder

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