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We the People. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung.
Die US-Verfassung gehört zu den ältesten Verfassungen der Welt: Sie wurde am 17. September 1787 verabschiedet und trat 1789 in Kraft. Man darf also sagen: Sie stammt aus einer anderen Zeit. Die US-Verfassung ist aber nicht nur alt, sie ist auch unglaublich schwer zu ändern. Jill Lepore, Professorin für Geschichte und Rechtswissenschaften an der Harvard University zeigt in ihrem Buch über die Geschichte der US-Verfassung, welche Folgen das hatte (und hat). Kern ihrer Darstellung ist ihre Auseinandersetzung mit dem Originalismus. Das ist eine Auslegungsmethode der US-Verfassung, die besagt, dass der Text der Verfassung ausschliesslich so interpretiert werden darf, wie ihn seine Schöpfer und die Öffentlichkeit zur Zeit seiner Entstehung (also Ende des 18. Jahrhunderts!) beabsichtigt oder verstanden haben. Nur der Oberste Gerichtshof darf die Verfassung auslegen (und tut das im Sinne des Originalismus). Jill Lepore stellt sowohl den Originalismus als auch das Monopol des Obersten Gerichtshofs in Frage. Sie argumentiert: Das Ziel der Verfassung sei es gewesen, eine Basis zu legen. Ein zweiter Zweck war es, Veränderungen ohne Gewalt zu ermöglichen. «Änderung ist so grundlegend für die amerikanische Verfassungstradition, so methodisch und so vollständig eine Konzeption von Dauerhaftigkeit durch Anpassung, dass sie am besten als eine Philosophie beschrieben werden kann», schreibt sie. Zum 250. Jahrestag der Gründung der USA bietet Jill Lepore eine umfassende Verfassungsgeschichte und erzählt die Geschichten von Generationen von Amerikanern, die alles versucht haben, die Verfassung zu verändern, von der Abschaffung des Wahlmännerkollegiums bis zur Gewährleistung von Umweltrechten, immer in der Hoffnung, Amerika durch eine Änderung seiner Verfassung zu verbessern. Jill Lepore schreibt keine trockene Rechtsgeschichte. Sie erzählt Geschichten von Menschen und dem schmerzhaften Ringen um die Frage, wem dieses Land eigentlich gehört. Die zentrale Frage: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihre rechtliche Grundlage wie in Bernstein erstarrt ist?
Am 20. April 1787 wütet in Boston ein Feuer. Funken fliegen durch die Nacht, Häuser stürzen krachend in sich zusammen. Inmitten dieses Infernos stürzt eine Gruppe von Männern in das Haus eines Uhrmachers, um ein mechanisches Wunderwerk zu retten: Joseph Popes «Orrery», ein hochkomplexes Modell unseres Sonnensystems aus Messing und Elfenbein. Jill Lepore schreibt, für die Gründerväter, die zur selben Zeit auf dem Weg nach Philadelphia waren, sei dieses mechanische Modell des Universums das perfekte Sinnbild für das gewesen, was sie in Philaselphia entwerfen wollten: Die Verfassung war für sie eine Maschine.
Doch jede Maschine, das zeigt Jill Lepore eindringlich, verschleisst mit der Zeit. Sie braucht Wartung, Reparaturen und manchmal neue Teile. Genau dafür schufen die Verfasser den Artikel V: den Mechanismus für Verfassungsänderungen. Die zentrale These ihres Buches lautet deshalb: Die US-Verfassung war von Beginn an dazu bestimmt, verändert zu werden. Diese «Philosophie der Änderung» ist nicht nur ein technisches Detail, sondern der fundamentale Beitrag des amerikanischen Konstitutionalismus, um Revolutionen durch friedliche Anpassung zu verhindern.
Doch die amerikanische Verfassung ist erstarrt: «Mit nur 27 Änderungen hat die US-Verfassung eine der niedrigsten Änderungsraten weltweit», schreibt Jill Lepore. Und dies, obwohl die Amerikanerinnen und Amerikaner seit 1789 fast 10’000 Petitionen und unzählige Briefe und Postkarten eingereicht haben. Sie haben «Tausende Änderungsvorschläge vorgelegt und sich dafür eingesetzt, auf Zeitungsseiten und mit Flugblättern und Broschüren, von Rednerpulten und Kanzeln aus, bei politischen Kundgebungen, auf Websites und über die sozialen Medien. Rund 12’000 Änderungsvorschläge sind im Kongress offiziell eingebracht worden.»
In der Ära einer zunehmenden Polarisierung, die etwa 1968 einsetzte, verzichteten die Mitglieder des Kongresses fast ganz darauf, Verfassungsänderungen auch nur vorzuschlagen: «Je konservativer der Supreme Court, desto kleiner ist die Zahl der von Kongressmitgliedern vorgeschlagenen Verfassungsänderungen», schreibt Jill Lepore. «Anstatt sich mit Argumenten für Änderungen einzusetzen, bedienten sich Kongressmitglieder, Lobbyisten und sonstige Befürworter anderer Mittel, um Änderungen der Verfassung entweder durchzusetzen oder zu vereiteln: Sie beeinflussten die Nominierung und Bestätigung der Richter des Supreme Court und änderten die Methode, die diese Richter zur Interpretation der Verfassung nutzen.»
Jill Lepore fragt deshalb: Kann ein Dokument, das vor 250 Jahren für drei Millionen Menschen an der Atlantikküste geschrieben wurde, heute noch achtzig Millionen Menschen von Küste zu Küste binden? Warum ist der Prozess der Änderung so drastisch zum Stillstand gekommen? Und was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihre rechtliche Grundlage «wie in Bernstein» erstarrt? In ihrem Buch erzählt sie nicht nur die Geschichte der Verfassung, sie erzählt auch von den verlorengegangenen Stimmen: von den Stimmen der Frauen, Schwarzen und indigenen Völker, die lange Zeit nicht zum «Volk» gezählt wurden und dennoch unermüdlich um ihren Platz im Gewebe der Nation kämpften. Durch die Lektüre ihres Buchs verstehen wir: Die hitzigen Debatten im heutigen Amerika sind nicht nur politisches Theater, sondern Ausdruck einer tiefen Verfassungskrise.
Lepore gliedert ihre Erzählung entlang der grossen Epochen des amerikanischen Wandels. Sie beginnt mit der «Erfindung» der Verfassung (1774 – 1791), in der das mechanische Weltbild der Aufklärung dominierte. Die Verfasser dachten in Bahnen der Schwerkraft und des Gleichgewichts. Der Artikel V war für sie die «konstitutionelle Tür», die dem Volk offenstehen sollte, um Irrtümer der Zeit zu korrigieren. Spannend ist, dass die Forderung nach Änderbarkeit der Verfassung oft von einfachen Bürgern kam, die darauf beharrten, dass eine Verfassung kein heiliges Monument sein dürfe.
Im zweiten Teil (1803 – 1896) zeigt Jill Lepore, wie sich das Ringen um die Auslegung verschärfte. Da formelle Änderungen schwierig waren, begann der Supreme Court unter John Marshall, sich die Macht der Interpretation anzueignen. Jill Lepore beschreibt diese Beziehung treffend als «hydraulisch»: Je bereitwilliger das Gericht neue Interpretationen anbietet, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit für offziell ratifizierte Zusatzartikel. Ein düsterer Höhepunkt ist das Dred-Scott-Urteil von 1857, in dem das Gericht versuchte, die rassistische Hierarchie der Nation für alle Zeit festzuschreiben, indem es sich auf die «ursprüngliche Absicht» der Gründerväter berief. Es bedurfte schliesslich eines blutigen Bürgerkriegs, um mit dem 13., 14. und 15. Zusatzartikel das Fundament der Nation neu zu giessen.
Mit der «Progressive Era» (1905 – 1959) trat ein neues Muster der Änderung zutage. In dieser Zeit des rasanten technologischen Fortschritts wurde die Verfassung wieder änderbar. Innerhalb weniger Jahre wurden die Einkommensteuer, die Direktwahl der Senatoren, die Prohibition und das Frauenwahlrecht verankert. Jill Lepore macht deutlich, wie sehr der Geist der Zeit von der Vorstellung einer «lebenden Verfassung» geprägt war. Die Regierung wurde nun nicht mehr mit Newtons Mechanik, sondern mit Darwins Biologie verglichen: als ein Organismus, der wachsen und sich anpassen muss. Doch dieser Vorwärtsdrang rief auch heftigen Widerstand hervor. James Montgomery Beck, der als «Mr. Constitution» bekannt wurde, warnte damals schon vor dem Verfall der alten Ordnung und nannte den 16. Zusatzartikel den «Eisberg», den das Schiff der Verfassung rammen würde.
Der vierte Teil (1961 – 2016) markiert schliesslich das vorläufige Ende der Verfassungsänderung. In einer Ära zunehmender Polarisierung wurde der Artikel V zu einem «schlafenden Riesen». Jill Lepore zeigt, wie die politischen Lager begannen, ihre Schlachten nicht mehr über Amendments, sondern fast ausschliesslich über die Besetzung der Richterstühle auszufechten. Hier liegt die Geburtsstunde des modernen Originalismus. Richter wie Antonin Scalia begannen zu verkünden, die Verfassung sei «tot, tot, tot» – ein Dokument, dessen Bedeutung unveränderlich im 18. Jahrhundert festgeschrieben sei. Jill Lepore zeigt, dass dieser Originalismus im Grunde aus der Frustration erwuchs, die Verfassung nicht mehr mit demokratischen Mitteln ändern zu können.
Jill Lepore reichert diese chronologische Erzählung mit spannenden Reportagen an. Sie berichtet von den über 11’000 Änderungsvorschlägen, die im Laufe der Geschichte im Kongress eingebracht wurden, von denen nur 27 Erfolg hatten. Sie erzählt von Isaiah Montgomery, dem einzigen Schwarzen Delegierten beim Verfassungskonvent von Mississippi 1890, der schweren Herzens einer «Verständnis-Klausel» zustimmte, die faktisch zum Entzug des Wahlrechts für tausende Schwarze führte. Und sie führt uns nach Bandung, Indonesien, wo Ethel Payne 1955 über die erste Konferenz der «dunkleren Rassen» berichtete und damit den globalen Kontext der amerikanischen Bürgerrechtsdebatte erönete.
Jill Lepore hat ein monumentales Werk geschrieben, das die US-Verfassung von ihrem hohen Sockel holt und sie wieder als das zeigt, was sie eigentlich ist: ein Werkzeug des Volkes zur Selbstregierung. Die besondere Stärke des Buches liegt in seiner erzählerischen Wucht, mit der es komplexe juristische Debatten in menschliche Schicksale übersetzt. Jill Lepore gelingt es meisterhaft, die Lücken der Geschichte zu füllen, indem sie jenen eine Stimme gibt, die von den grossen Konventen ausgeschlossen waren.
Jill Lepore: We the People. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung. C.H. Beck, 920 Seiten, 64.90 Franken; ISBN 978-3-406-84524-6
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783406845246
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 06.04.2026, Matthias Zehnder
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