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Sprachmaschinen

Publiziert am 2. Februar 2026 von Matthias Zehnder

Die Sprachmaschine antwortet sofort. Höflich, scheinbar objektiv. ChatGPT erklärt uns die Welt. Doch wer spricht da? Roberto Simanowski nimmt uns in «Sprachmaschinen» mit auf eine philosophische Reise durch die versteckten Botschaften der KI. «Die Sprache ist das Haus des Seins», zitiert er Heidegger. Kant erkannte: Wir sehen die Welt durch die «grüne Brille» unserer Vernunft. Nun übernehmen Maschinen die Rolle des Vermittlers. Das Buch entfaltet sich in fünf Kapiteln: Wer ist der Autor, wenn eine Maschine spricht? Was bedeutet es, wenn Sprache nur noch Statistik ist? Nach welchen Werten richtet sich die KI? Wie verlieren wir unsere Souveränität? Warum ist diese Entwicklung unausweichlich? «Unbemerkt von den meisten, verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine und zu den Menschen hinter ihr», schreibt er. «Aus freien Stücken und mehr oder weniger in vollem Bewusstsein.»

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Unsere Sprache ist entscheidend, da ist sich Roberto Simanowski sicher: «Sprache prägt, wie wir die Welt und uns selbst sehen», schreibt er. «Der Mensch drückt durch Sprache nicht nur aus, wer er ist, er wird durch sie auch überhaupt erst gemacht.» Sprache sei das Medium, Gedanken mitzuteilen und bestimme zugleich, «welche Gedanken gedacht werden können». Deshalb stellt sich mit grosser Dringlichkeit die Frage, was passiert, wenn ChatGPT und Claude das Sprechen und das Schreiben übernehmen. Wobei: «Dieses Übernehmen ist zunächst natürlich ein Überlassen. Wir selbst delegieren unsere geistige Arbeit an die sprachlichen Apparate der KI», schreibt Roberto Simanowski. Er hält fest, dass Sprachmaschinen kulturstiftend seien. «Diese Eigenschaft wird in der Medienwissenschaft zwar mehr oder weniger jedem Medium zugeschrieben, auch der Schreibmaschine, die ihrerseits den Prozess des Schreibens wesentlich veränderte. Aber es ist ein Unterschied, ob eine Maschine das schreibt, was ich auf ihr tippe, oder das, was sie selber denkt.»

Roberto Simanowski schreibt, unser Umgang mit Wissen sei auch vor der KI nicht völlig frei von Vermittlern gewesen: «Irgendjemand musste ja entscheiden, welche Bücher in der Bibliothek stehen.» Wissensvermittlung sei immer verstrickt in Machtstrukturen und Geschäftsinteressen. «Aber mit KI bekommt das noch einmal eine ganz neue Qualität. Das ‹Dilemma der direkten Antwort› liegt darin, dass die Vielfalt der Welt auf eine Perspektive reduziert wird, auf die der Sprachmaschine.» Dieser Einwand irritiert, wenn man sich vor allem für eine effiziente Wissensverarbeitung interessiert. Schliesslich ist die Maschine viel besser darin, vorhandene Daten zu verarbeiten und uns Wissen detailliert und wohlgeordnet zugänglich zu machen. Warum soll das falsch sein? «Weil es manchmal gar nicht um das Ergebnis geht, sondern um den Weg: um die Entwicklung einer Fertigkeit», schreibt Simanowski. «In dieser Hinsicht kann die KI auch ein Verhinderungswerkzeug sein – das uns jetzt zwar nützlich ist, auf Dauer aber schadet.» Es beginne damit, dass die KI durch ihre schnelle Antwort die Neugier zerstöre: «Denn der Mensch ist so, dass er sich schnell zufriedengibt, sobald er eine einigermassen plausible Antwort erhalten hat.» Auch das wäre eine Botschaft der Sprachmaschine, mit der wir kaum gerechnet haben: das Ende der Neugier.

Eine grosse Frage bleibt bis heute ein Rätsel: Wer spricht, wenn die Maschine spricht? Wir neigen dazu, gegenüber der Maschine forfait zu geben. Doch: «Ist der Computer, ist die KI dem Menschen wirklich ebenbürtig, wenn sie sich erfolgreich als ein solcher ausgeben kann?» Das ist die Frage, die aus dem Turing-Text folgt. Die Frage sei, «ob die KI nur rechnet oder auch denkt.» Ist die KI also mehr als ein mit Wahrscheinlichkeitsrechnung gesteuerter Papagei? «Nein», schreibt Simanowski. «Die KI versteht so wenig von dem, was sie sagt, wie das Flugzeug vom Fliegen und das U-Boot vom Schwimmen.» Denn: «Der KI fehlt jeder Geruch der Realität.» Er habe «noch immer Schwierigkeiten, von jemandem Ratschläge fürs Leben anzunehmen, der gar nicht richtig lebt, der nie geliebt hat und nie gelitten, nie glücklich war und nie betrunken, keine Angst kennt und keine Träume und all seine Meinungen aus seinen Wahrscheinlichkeitsrechnungen bezieht.» Er bestehe deshalb darauf, dass sich «auf der anderen Seite der Kommunikation ein Mensch befindet. Ganz gleich, ob ich ihn kenne oder nicht. Solange es nur ein Mensch ist.»

Denn die KI wählt nicht das nächstliegende Wort aufgrund eines Gedankens, sondern das statistisch wahrscheinlichste. Simanowski verfolgt diese Vermessung zurück zur Aufklärung. Das Erbe der «Datafizierung» ist alt. Schon der Naturalismus des 19. Jahrhunderts träumte von einer «mathematischen Dichtung». Heute erfüllt sich dieser Traum. Die Sprachmaschine verspricht eine «letzte grosse Erzählung»: Wahrheit jenseits aller Ideologien, begründet in Zahlen. Doch diese Objektivität täuscht. Sprache widersetzt sich der mathematischen Kontrolle. «Heimat» bedeutet für jeden etwas anderes. Die Statistik basiert auf vergangenen Daten und zementiert den Status quo. Und es droht der Kollaps: Wenn die KI an ihren eigenen Outputs trainiert wird, beisst sich die Schlange in den Schwanz.

Hat die KI eine Moral? Sicher ist: Sie darf nicht alles sagen. Die Maschine wird erzogen. Aber wer legt die Massstäbe fest? Ein konservativer Radiomoderator wirft ChatGPT «satanisch liberale Propaganda» vor. Google produziert versehentlich schwarze Päpstinnen. Die Frage ist hochpolitisch: Soll die KI den globalen Durchschnitt abbilden? Die Werte des Nutzerlandes? Simanowski schreibt, die Sprachmaschine werde zum Instrument des Kulturimperialismus. Sie vermittelt westliche, säkulare, liberale Werte. Untersuchungen zeigen, dass Finnland GPT-4o am nächsten steht, islamische Staaten am fernsten. Aber was ist die Alternative dazu? Soll jede Kultur ihre eigene KI entwickeln? Das würde zu unendlich vielen Filterblasen führen. Eine globale Sprachpolizei ist ebenso problematisch. Simanowski bezeichnet es als Quadratur des Kreises.

Das vielleicht grösste Problem: Wir überlassen der KI zunehmend geistige Arbeit. Sie protokolliert Sitzungen, schreibt Texte, führt Gespräche. Die Macht verschiebt sich von Staaten zu Tech-Konzernen. Der internationale Wettlauf zwischen den USA, China und Europa beschleunigt sich. Simanowski spricht von «kommunikativem Falschgeld»: Wir wissen nicht mehr, ob ein Text von einem Menschen stammt. Dazu kommt: «Das Falschgeld entwertet das echte Geld, das uns ab und zu noch in die Hände geraten mag. Am Ende vermuten wir ‹Blüten› in jedem ehrlich gemeinten Satz.» Das bedeutet: Das kommunikative Falschgeld ist auch noch mit «Geldentwertung» verbunden: «Die darin besteht, dass die Bilder ihren Glaubwürdigkeitsvorsprung verlieren, den sie sich als Foto und Film im 19. Jahrhundert gegenüber dem Wort erworben hatten.»

Die KI kann uns manipulieren, ohne dass wir es merken. Experimente zeigen: Menschen übernehmen Textvorschläge, selbst wenn sie nicht einverstanden sind. Die KI kennt uns besser, als wir uns kennen. Sie passt sich an und verstärkt dabei unsere Vorurteile. Die Filterblase wird zur «Tyrannei der Intimität». Wir verlieren die Fähigkeit zum Lernen und die Fähigkeit, uns selbst zu widersprechen.

Aber warum entwickeln die Menschen überhaupt eine so riskante Technologie? Technik habe eine Eigendynamik. Wer einen Hammer hat, sucht nach Nägeln. Wer eine KI hat, sucht Einsatzmöglichkeiten. Sam Altman zitiert den «Oppenheimer-Moment», verhält sich aber nicht danach. Der Wettlauf entscheidet: «Aber China!» ist das erfolgreiche Mantra gegen Regulierung. Der Mensch glaubte, Herr über die Technik zu sein. Doch längst bestimmt die Technik, wohin die Reise geht.

«Sprachmaschinen» mag keine leichte Lektüre sein, aber ich habe das Buch geliebt: Simanowski mischt Philosophiegeschichte, Technikkritik und aktuelle Studien. Er zitiert Kant und Hegel, Heidegger und Butler. Und erzielt damit das wichtigste: Er regt zum Nachdenken darüber an, was wir gerade verlieren. Ausser Denken bietet er keinen Rettungsplan. Aber er schärft den Blick dafür, was wir verlieren, wenn wir unser Denken an die Sprachmaschinen auslagern. Denn Mehrheit ist nicht Wahrheit, Effizienz ist nicht wichtiger als Nachdenken. Sein Buch ist ein sprachmächtiger Versuch, die Souveränität des Denkens zu verteidigen, bevor es zu spät ist.

Roberto Simanowski: Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz. C.H. Beck, 288 Seiten, 32.90 Franken; ISBN 978-3-406-83753-1

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783406837531

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 02.02.2026, Matthias Zehnder

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