Buchtipp

Letzter Tipp: Die Eloquenz der Computer

Paranoia in Hollywood

Publiziert am 16. März 2026 von Matthias Zehnder

«Die Schönheit der Gegend ist so unvergleichlich, daß selbst ein so hartgesottener Europäer wie ich davor kapituliert», schreibt Theodor W. Adorno seinen Eltern nach der Ankunft in Hollywood im November 1941. Schriftsteller Franz Werfel meldet sogar nach Europa: «Die Riviera ist ein Dreck daneben.» Sie sind nicht die einzigen, die vor Hitler nach Los Angeles, der Stadt der Engel, flüchten: In den 1940er-Jahren leben hier mehr als eintausend deutschsprachige Persönlichkeiten aus Literatur, Film, Musik, Philosophie und Architektur. Unter ihnen Filmemacher wie Fritz Lang und Billy Wilder, Komponisten wie Arnold Schönberg und Hanns Eisler, Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann oder Bertolt Brecht. Es ist eine Gemeinschaft von Exilierten, die meisten von ihnen jüdisch, die den Nationalsozialisten oft nur knapp entkommen sind und in Hollywood nicht nur Arbeit, sondern auch eine neue Heimat suchen. Jan Jekal erzählt in seinem Buch, wie die Vereinigten Staaten diese Künstler erst retteten, nur um sie wenig später mit einem misstrauischen Überwachungsapparat und politischer Verfolgung systematisch zu zermürben. Die zentrale Frage des Buchs: Wie konnte sich die anfängliche Solidarität mit den Geflüchteten so rasch in eine nationale Hysterie verwandeln? Warum wurden ausgerechnet jene, die vor der Tyrannei flohen, in der Demokratie als Staatsfeinde gebrandmarkt? Die These von Jan Jekal: Die Eigenschaften, die diese Emigranten im Kampf gegen den Faschismus zu wertvollen Verbündeten machten, ihr politischer Aktivismus, ihre Bildung und ihr Kosmopolitismus, wurden ihnen im Klima des aufziehenden Kalten Krieges als unamerikanisch und subversiv ausgelegt.

PDF-Version

Jekal verbindet in seinem Buch filmhistorische Analyse mit der Biografie einer versprengten Generation. Es bietet nicht nur spannende Einsichten in die goldene Ära Hollywoods, sondern darüber hinaus auch einen wichtigen, aktuellen Bezug: eine beunruhigende Perspektive auf die Zerbrechlichkeit bürgerlicher Freiheiten im Angesicht staatlicher Paranoia. Jan Jekal führt vor, wie das Paradies für die Künstlerinnen und Künstler zur Falle wurde.

Die Geschichte beginnt im November 1941, als Intellektuelle wie Theodor W. Adorno in Los Angeles eintreffen und von der «unvergleichlichen Schönheit» der Landschaft überwältigt werden. Doch der Glanz von Hollywood, das mit billigem Sonnenlicht und vielfältigen Drehorten lockte, täuschte über die harte Realität hinweg. Mit dem Angriff auf Pearl Harbor änderte sich die Stimmung schlagartig; plötzlich galten die deutschen Flüchtlinge als «enemy aliens», als feindliche Ausländer. Adorno berichtet seinen Eltern von nächtlichen Ausgangssperren und der absurden Situation, dass ausgerechnet die zuverlässigsten Hitlerfeinde unter polizeilicher Beobachtung standen. Während die Filmindustrie mit Werken wie «Mrs. Miniver» oder «Casablanca» Antikriegs-Propaganda produzierte, bei der echte Flüchtlinge in den Kulissen echte Tränen vergossen, zog im Hintergrund bereits der Inlandsgeheimdienst unter J. Edgar Hoover die Fäden.

Jekals faszinierender Bericht zeigt auf, wie das Exil die Gemeinschaft zusammenschweisste, aber auch tief spaltete. In den privaten Residenzen wurde heftig darüber debattiert, ob die Deutschen als Ganzes schuldig seien oder ob man zwischen dem Regime und dem Volk unterscheiden müsse. Der Konflikt zwischen Thomas Mann und Bertolt Brecht wird dafür zum Sinnbild: Während Thomas Mann das «dämonische Deutsche» und eine kollektive Verantwortung sah, beharrte Brecht auf einer marxistischen Analyse der Klassenzugehörigkeit. Diese intellektuellen Reibungen prägten auch die Kunst, etwa Thomas Manns grossen Roman «Doktor Faustus», für den er sich bei den musikalischen Details massgeblich bei Adorno bediente, was später zum Zerwürfnis mit Arnold Schönberg führte.

Der eigentliche Bruch erfolgte jedoch nach dem Krieg, als der Antifaschismus der Emigranten plötzlich verdächtig wurde. Jekal schildert detailliert, wie das «House Committee on Un-American Activities» (HUAC) Hollywood ins Visier nahm. Hanns Eisler wurde zum ersten prominenten Opfer. Er wurde als «Karl Marx des Kommunismus auf musikalischem Gebiet» diffamiert und 1947 in einem inquisitorischen Verhör schlimm gedemütigt. Dass Eisler schliesslich das Land verlassen musste, war nur der Auftakt. Auch Bertolt Brecht lieferte sich ein rhetorisches Duell mit dem Ausschuss, nur um unmittelbar nach seiner Aussage nach Europa zu fliehen. Die Einführung der «Schwarzen Liste» veränderte Hollywood fundamental: Studios entliessen ihre besten Autoren und Regisseure, wenn diese den Gehorsam verweigerten.

Zum prominentesten Opfer der Paranoia wurde Charlie Chaplin. Er gehörte als Darsteller, Regisseur, Komponist und Unternehmer zu den Gründungsfiguren von Hollywood, zu den wenigen Pionieren, die ihre künstlerische und kommerzielle Relevanz über die Stummfilm-Ära hinaus behaupten konnten, ja die sogar den Höhepunkt ihrer öffentlichen Wirkung erst während des Krieges erreichten. In «The Great Dictator», seiner Anti-Nazi-Komödie von 1940, spielt er sowohl eine Variation seiner liebenswerten Tramp-Figur, hier einen jüdischen Friseur, als auch den wahnsinnigen Diktator Adenoid Hynkel. Die Satire wird noch vor dem Kriegseinritt der USA gegen die Erwartung aller Industrie-Insider ein sensationeller Erfolg. Ein Erfolg allerdings, der im bis dahin apolitische Hollywood kritisch betrachtet wurde. Jan Jekal schildert trocken, wie das FBI Charlie Chaplin schrittweise demontiert. Als Schauspielerin Joan Barry eine Vaterschaftsklage einreicht, klagt dasFBI Chaplin «unter einem obskuren Gesetz an, nach dem er eine Frau zu unlauteren Zwecken über Bundesstaatsgrenzen transportiert habe», schreibt Jekal. Es drohen ihm über zwanzig Jahre Gefängnis. «Zwar gibt ihm ein Vaterschaftstest recht und ein Gericht spricht ihn in jedem Punkt frei, aber die Publicity ist desaströs. Dass Chaplin kurz nach dem Urteil, gerade geschieden, die 18-jährige Oona O’Neill heiratet, macht die Sache nicht besser.» In kürzester Zeit ist Chaplin zum unbeliebtesten Mann Hollywoods geworden.

Besonders eindrücklich zeigt Jekal die Atmosphäre der Angst durch die Reaktionen derjenigen, die blieben. Billy Wilder verarbeitete den Zynismus der Branche in seinem Meisterwerk «Sunset Boulevard», in dem ein toter Erzähler den Untergang Hollywoods beschwört. William Wyler versuchte zwar mit dem «Committee for the First Amendment» Widerstand zu leisten, musste aber zusehen, wie selbst grosse Stars wie Humphrey Bogart unter dem öffentlichen Druck einknickten. Die einstige Zuflucht verwandelte sich in einen Ort der Denunziation, an dem man Namen nennen musste, um die eigene Karriere zu retten, wie es etwa Elia Kazan tat. Für viele der Protagonisten blieb am Ende nur die erneute Flucht, diesmal vor den Rettern von einst.

Die Paranoia erreichte schliesslich auch Salka Viertel, das Herz der Exilgemeinde. Ihr wurde 1953 die Ausreise in die Schweiz vorübergehend verweigert, weil sie angeblich zu lange der Linie der Kommunistischen Partei gefolgt sei. Jekal beschreibt das Ende dieser Ära als einen Prozess der Vereinsamung: Die grossen Köpfe starben oder kehrten in ein zerstörtes Europa zurück, das ihnen oft fremd geblieben war. Thomas Mann siedelte enttäuscht in die Schweiz über, während Brecht und Eisler in der neu gegründeten DDR eine neue, wenn auch nicht konfliktfreie Wirkungsstätte fanden. Was bleibt, ist die Erkenntnis einer tragischen Ironie: Die USA boten Schutz vor der physischen Vernichtung, verlangten aber im Gegenzug die Preisgabe der politischen Identität.

Jan Jekal ist mit «Paranoia in Hollywood» ein Buch gelungen, das die filmische Pracht der Ära meisterhaft mit ihrer politischen Finsternis kontrastiert. Die Stärke seines Buches liegt darin, dass es die abstrakten Mechanismen der McCarthy-Ära durch die Augen von Weltstars und Intellektuellen erfahrbar macht, ohne dabei in Voyeurismus zu verfallen. Es ist ein Buch für Leser, die sich für die Schnittstelle von Kultur und Macht interessieren und verstehen wollen, wie Ideologien Gemeinschaften zerstören können. Jekal zeigt damit, dass schon Ende der 1940er-Jahre die USA kein Hort der Freiheit mehr waren: Schon damals dominierte die dunkle Seite der USA. Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass die grössten Talente des 20. Jahrhunderts im Exil zuerst ihre Heimat verloren und kurz darauf auch ihre Illusionen. Wer dieses Buch liest, wird den nächsten Hollywood-Klassiker mit anderen Augen sehen und hinter dem Glamour vielleicht die nackte Angst spüren.

Jan Jekal: Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten 1941-1953. Matthes & Seitz, 400 Seiten, 39.90 Franken; ISBN 978-3-7518-2103-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783751821032

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 16.03.2026, Matthias Zehnder

PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten,   abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:

  • den neuen Sachbuchtipp
  • den aktuellen Buchtipp
  • den Hinweis auf den Wochenkommentar
  • das aktuelle Fragebogeninterview

Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!