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Durchblick Künstliche Intelligenz

Publiziert am 19. Januar 2026 von Matthias Zehnder

Niemand kommt heute noch um die Künstliche Intelligenz herum. Das bedeutet: Auch wer kein Computer-Freak ist, muss sich damit beschäftigen und sollte wenigstens in Ansätzen verstehen, wie das alles funktioniert. Genau dafür eignet sich dieses Buch: Es ist zugänglich und verständlich, aber ohne ungebührlich zu vereinfachen oder zu beschönigen. Brian Clegg beginnt mit der Intelligenz im Allgemeinen und der Geschichte der künstlichen Intelligenz. Kern jeder KI sind so genannte neuronale Netze, die der Struktur des menschlichen Gehirns nachempfunden sind. Gut erklärt ist das maschinelle Lernen. Zum Durchbruch fehlte der KI aber eine Zutat: Daten. Die lieferte das Internet. In den letzten Jahren haben sich KI-Modelle mehr oder weniger alle verfügbaren Daten einverleibt und dabei quasi nebenbei so gut wie jede Sprache der Welt gelernt. Das ermöglichte die generative KI, wie wir sie von ChatGPT, Claude und Gemini kennen. Doch KI findet längst nicht nur auf Computern statt. Neuerdings treibt die KI auch Roboter und autonome Fahrzeuge an. Die KI erobert also den Raum. Dadurch werden die KI-Systeme noch mehr lernen, sie stossen aber (derzeit) auch an ihre Grenzen. Zum Abschluss thematisiert das Buch einige Probleme und Gefahren, etwa die Frage, ob eine übermächtige KI sich gegen den Menschen richten würde. Mir hat an dem Buch gefallen, dass der Ton dabei immer sachlich bleibt. Weder werden Chancen glorifiziert, noch Gefahren dämonisiert. Brian Clegg greift immer wieder Fragen auf, die wir uns im Alltag stellen – etwa: Warum behilft sich die KI mit Mogeln?

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Brian Clegg beginnt nicht bei Algorithmen oder Rechenleistung, sondern bei einer scheinbar einfachen Frage: Was ist Intelligenz? Das Problem: So einfach die Frage ist, so schwierig ist eine Antwort. Die behelfsmässige Definition von Brian Clegg: «Es handelt sich um die Fähigkeit, Informationen in einen Kontext zu setzen und sie dementsprechend zu nutzen.» Als Beispiel führt er eine KI-gesteuerte Kaffeemaschine an, die zwar ein Rezept kennt, aber keine Tasse erkennt. Clegg zeigt so, dass Intelligenz mehr ist als das Befolgen von Regeln. Intelligenz umfasst auch Aspekte wie Kontext, Verständnis und die Fähigkeit, Konsequenzen mitzudenken. Zur Erläuterung erklärt er klassische Denkexperimente ein, etwa den «Chinesischen Raum» des Sprachwissenschaftlers John Searle und natürlich den Turing-Test von Alan Turing. Er erklärt die Experimente dabei so, dass man ihnen auch ohne philosophische Vorbildung folgen kann. Er macht auf diese Weise von Anfang an klar: KI kann erstaunlich viel, aber sie versteht nichts.

Chronologisch schlägt Brian Clegg einen gut nachvollziehbaren Bogen. Er beginnt bei den ersten Experten-Systemen und zeigt warum dieser Ansatz scheiterte. Die Systeme basierten zwar auf viel Expertenwissen und Regeln. Intelligenz besteht aber gerade nicht darin, stur Wissen und Regeln zu befolgen: Expertensysteme sollten menschliches Wissen abbilden, scheiterten aber daran, dass Wissen sich nicht vollständig in Regeln pressen lässt. Brian Clegg erklärt gut verständlich, warum Programmierer glaubten, Denken lasse sich codieren, und warum genau diese Annahme sie an Grenzen führte. Verständlich sind seine Erklärungen, weil er sich auch in Flussdiagrammen, einfache Wenn-dann-Logiken und anschaulichen Metaphern ausdrückt. Das Buch vermittelt so ein historisches Verständnis dafür, weshalb KI jahrzehntelang grosse Versprechen machte, aber wenig hielt.

Der Wendepunkt kommt erst mit neuronalen Netzen und maschinellem Lernen. Brian Clegg erklärt, wie die sogenannte Fehlerrückführung, also schlicht das Lernen aus Fehlern, KI erstmals flexibel machte. Besonders stark sind hier die Beispiele: von der Erkennung handgeschriebener Ziffern bis zu Schachprogrammen wie Deep Blue. Brian Clegg zeigt dabei auch, dass eine Maschinen einen menschlichen Schachmeister schlagen kann, ohne «intelligent» im menschlichen Sinn zu sein. Wer verstehen möchte, warum Daten wichtiger wurden als Regeln, findet hier eine gute Einführung.

Im vierten Teil stösst das Buch in die Gegenwart vor: grosse Sprachmodelle, generative KI, Chatbots, Bildgeneratoren, Deepfakes. Clegg erklärt, wie Sprachmodelle funktionieren, warum sie überzeugend schreiben können und weshalb genau darin ihre grösste Gefahr liegt. Besonders einprägsam ist das Beispiel der mehrdeutigen englischen Sätze (etwa: «time flies like an arrow»), an dem er zeigt, was Kontext bedeutet und warum eine KI den Kontext nur statistisch simuliert. Brian Clegg führt so vor, warum die Kreativität der KI keine magische Fähigkeit ist, sondern ein kombinatorischer Prozess.

Zum Schluss weitet Clegg den Blick auf künstliche allgemeine Intelligenz und auf die Ängste, die sie begleitet. Er fragt, ob Maschinen je ein Bewusstsein erlangen könnten, ob sie den Menschen überholen und warum diese Fragen oft mehr über uns Menschen als über die Technik aussagen. Das Buch eignet sich deshalb für alle, die KI verstehen wollen, ohne sich dabei viel mit Informatik beschäftigen zu müssen. Das Buch hebt sich von anderen KI-Einführungen durch seine Grafik ab: Die reduzierten, zweidimensionalen Illustrationen und Infografiken von Robert Fiszer geben den Erklärungen quasi eine dritte Dimension. Sie ermuntern zum Blättern und machen Kompliziertes verständlich.

Brian Clegg: Durchblick Künstliche Intelligenz. Einfach erklärt, schnell verstanden. Kosmos, 160 Seiten, 28.90 Franken; ISBN 978-3-440-18374-8

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783440183748

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 19.01.2026, Matthias Zehnder

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