Buchtipp

Letzter Tipp: Das Alphabet der Angst

Die literarische Hausapotheke

Publiziert am 23. Februar 2026 von Matthias Zehnder

Schon Erich Kästner erkannte das heilende Potenzial der Literatur: 1936 veröffentlichte er «Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke», ein Band mit Gedichten wie das «Eisenbahngleichnis» oder die «Moral». Marcel Reich-Ranicki berichtet in seiner Autobiographie, wie ihm dieser Gedichtband im Warschauer Getto über schwere Zeiten hinweg half. Stefan Bollmann weitet dieses Konzept jetzt aus zur literarischen Hausapotheke und bietet Lektürehinweise für alle Lebenslagen. Das Prinzip ist einfach: Er bietet uns einen gut gefüllten Arzneischrank, in dem sich statt Pillen und Pülverchen die grossen Geister der Weltliteratur befinden. Da steht ein Fläschchen «Kafka» gegen das Gefühl der emotionalen Selbstaufgabe, daneben eine Tinktur «Siri Hustvedt» für die schwierigen Stunden einer Beziehungspause und im obersten Fach liegt «Seneca», bereit zur Anwendung bei akuter Zeitnot. Literaturwissenschaftler Stefan Bollmann hat also ein Laboratorium der Seele entworfen. Seine Hoffnung: dass Lesen uns retten kann, wenn das Leben aus den Fugen gerät. Bollmann ist überzeugt davon und zeigt, dass Literatur kein blosser Zeitvertreib ist, sondern ein hochwirksamer Wirkstoff, der uns hilft, Krisen zu überstehen, ja sie aktiv in neue Lebensentwürfe zu verwandeln.

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Nun gibt es ja nicht gerade ein Mangel an literarischen Anthologien. Was unterscheidet diesen Ansatz von herkömmlichen Literaturführern? Klassische Kanon-Listen heben oft den bildungsbürgerlichen Zeigefinger und zeigen, was man lesen «muss». Stefan Bollmann fragt dagegen direkt nach der jeweiligen «Indikation». Er ordnet seine 62 Lektürevorschläge also nicht nach Epochen oder Gattungen, sondern nach existenziellen Bedürfnissen wie dem Wunsch, der freudlosen Normalität zu entkommen oder der Sehnsucht, die eigene Würde in einer feindseligen Welt zu wahren. Alle Lesetipps sind in vier Abschnitte gegliedert. Zunächst das «Anwendungsgebiet», die Indikation für die Anwendung des entsprechenden Textes. Eine kurze Zusammenfassung unter dem Titel «Worum geht es?» hilft beim Einstieg. «Wie ist dieses Buch zu lesen?» leitet an zur Anwendung des Textes. «Welche Nebenwirkungen sind möglich?» bietet, nein, keine Warnungen, sondern eher eine Art literarisch-lebenskundliche Einordnung. Bei alledem verspricht Stefan Bollman keinen Instant-Trost im Sinne von Wohlfühl-Literatur, sondern mutet seinen Lesern auch einiges zum etwa schmerzhafte Selbsterkenntnis oder das riskante Aufbrechen verkrusteter Identitäten. «Wir lesen Literatur, um zu leben», sagt er. Da kann es schon mal sinnvoll sein, einen Klumpen Gold gegen ein schnelles Reitpferd zu tauschen oder statt ins verhasste Büro zu gehen, sich in einen hässlichen Käfer zu verwandeln.

Eine Erkenntnis seiner Anthologie: Im Leben kommt es immer anders, als man denkt. Manchmal reichen deshalb Aspirin oder Beruhigungsmittel nicht aus. Stefan Bollmann beginnt seine Untersuchung im Feld der Verwandlungen und greift dabei auf Stefan Zweig zurück: Er zeigt, wie ein Mensch seine Potenziale erst entfalten kann, wenn die Umgebung Resonanz verleiht. Dabei macht er deutlich, dass der Mensch prinzipiell ein weltoffenes Wesen ist, das sich rasch in neue Lebenswelten hineindenken kann, sofern die seinem Wohlbefinden förderlich sind. Er warnt jedoch sogleich vor dem «Rausch der Verwandlung», der auch in Wut und Hass umschlagen kann, wenn die Rückkehr in die Enge erzwungen wird.

In einem weiteren grossen Bogen wendet sich Stefan Bollmann der Psychodynamik von Beziehungen zu und analysiert dabei moderne Klassiker wie Sally Rooneys «Normale Menschen». Er zeigt, wie junge Menschen oft versuchen, in der Liebe Lösungen für Probleme zu finden, die eigentlich in ihrer Herkunftsfamilie wurzeln. Das führe dazu, dass Beziehungen überfordert werden und in jenem zerbrechlichen Zustand landen, den wir heute als On-off-Beziehung bezeichnen. Die Lösung sieht Stefan Bollmann in der Suche nach eigenen Ressourcen – etwa im Schreiben, das wie bei der Hauptfigur Connell helfen kann, Depressionen und Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden.

Ein besonders berührendes Kapitel widmet sich dem «Kind in dir» und der Methode der unwillkürlichen Erinnerung. Bollmann bezieht sich hier zum Beispiel auf Walter Benjamin und dessen «Berliner Kindheit um Neunzehnhundert», um zu verdeutlichen, dass wir den konfektionierten Erinnerungen der Erwachsenen misstrauen sollten. Die wahre Heilkraft liege in jenen Momentaufnahmen, die plötzlich durch einen Schlüsselreiz ausgelöst werden und uns Zugang zu tief verborgenen Dimensionen unserer Person verschaffen. Dass solche «Flashbacks» auch gefährlich sein können und mit einem Verlust der Selbstkontrolle einhergehen, verschweigt der Autor dabei nicht.

Faszinierend ist Bollmanns Blick auf das Alter und die Endlichkeit, wobei er Elke Heidenreichs Essay «Altern» als Kompass nutzt. Er zeigt auf, dass Altern vor allem bedeutet, Bilanz zu ziehen, und dass die Angst vor dem Tod oft nur die Angst vor dem ungelebten Leben ist. Der entscheidende Wirkstoff gegen das Gefühl der Nutzlosigkeit sei eine «sinnerfüllende Tätigkeit», die das Herz erfüllt, noch bevor die körperlichen Gebrechen Überhand nehmen. Bollmann zitiert Julien Green, der mit fast 98 Jahren notierte, dass man im Innersten nie alt sei.

Den Abschluss bilden Strategien für «stürmische Zeiten», in denen globale Krisen wie Kriege oder der Klimawandel die individuelle Integrität bedrohen. Bollmann empfiehlt hier die Lektüre von Timothy Snyders «Über Tyrannei», um zivilgesellschaftliche Wehrhaftigkeit zu trainieren. Er erinnert uns daran, dass Demokratien fragile Gebilde sind und dass der erste Schritt des Widerstands darin besteht, keinen vorauseilenden Gehorsam zu leisten. In diesen Passagen wird das Buch zu einem echten Handbuch für Resilienz, das uns lehrt, in einer unübersichtlichen Welt eine Haltung zu finden, ohne die Sinne stumpf werden zu lassen.

Übrigens erweist Stefan Bollmann auch dem Vorbild, der lyrischen Hausapotheke von Erich Kästner, Reverenz. Er empfiehlt die Lektüre von Kästners Verse bei «kleinen und grossen Schwierigkeiten der Existenz, zumal in unsicheren Zeiten.» Stefan Bollmann schreibt: «Literatur kann den an den Auswirkungen der Weltgeschichte Leidenden Trost und Kraft spenden.» Dabei gehe es nicht nur darum, für ein paar Stunden das Schreckliche zu vergessen, «was ja allein schon eine nicht zu unterschätzende Leistung» sei. Vielmehr könne Literatur «existenziellen Halt geben – durch Verzauberung: indem wir wieder Zutrauen zum Sinn des Existierens und der Schönheit der Welt fassen.» Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Stefan Bollmann hat mit der «Literarischen Hausapotheke» eine kluge und empathische Kartografie menschlicher Seelenlandschaften geschaffen. Seine besondere Stärke liegt in der Fähigkeit, komplexe literarische Werke so zu entschlüsseln, dass ihr unmittelbarer Nutzen für den Alltag greifbar wird, ohne dabei den ästhetischen Eigenwert der Texte zu verraten. Die zentrale Botschaft lautet: Wir müssen die Geschichten anderer lesen, um unsere eigene Geschichte besser verstehen und vielleicht sogar neu schreiben zu können. Wer dieses Buch gelesen hat, wird den nächsten Gang in eine Buchhandlung nicht mehr als blosse Freizeitgestaltung empfinden, sondern als den Besuch in einer Apotheke, deren Heilmittel keine Verfallsdaten kennen.

Stefan Bollmann: Die literarische Hausapotheke. Lektüren für jede Lebenslage. Klett-Cotta, 304 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-608-96691-6

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783608966916

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 23.02.2026, Matthias Zehnder

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