Buchtipp

Letzter Tipp: Paranoia in Hollywood

Der amerikanische Albtraum

Publiziert am 23. März 2026 von Matthias Zehnder

Als Elon Musk am 20. Januar 2025 während einer Rede in Washington den ausgestreckten rechten Arm hob, war die Empörung gross. Und doch waren sich die meisten Beobachter darin einig, dass dieser Gruss nicht die USA repräsentiere, sondern nur ein Ausrutscher eines ketaminvernebelten Gehirns sei. Heute, über ein Jahr später, wissen wir es besser: Amerika, das Traumland der Freiheit, hat sich in einen organisierten Albtraum verwandelt. So beschreibt es Klaus Brinkbäumer, langjähriger USA-Korrespondent des «Spiegel» und später dessen Chefredakteur. In seinem Buch dokumentiert er, wie die zweite Amtszeit Donald Trumps zu einem existenziellen Stresstest für die liberale Weltordnung geworden ist. Gesteuert durch das «Project 2025» hebeln die Trumpisten Checks and Balances systematisch aus und ersetzen Fachleute in der Verwaltung durch bedingungslos loyale Gefolgsleute. Ein libertär-autoritärer Zirkel um Elon Musk und Peter Thiel verachtet den Staat und träumt von «Exit-Szenarien» in privaten Enklaven, während der Rest der Menschheit in einer kaputten Welt zurückgelassen wird. Universitäten, Medien und wissenschaftliche Institutionen werden als Feinde markiert, finanziell stranguliert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die entscheidende Lektion, die in diesem Buch steckt: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und schon gar kein Naturgesetz. Klaus Brinkbäumer macht schmerzhaft deutlich, dass Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit um ein Vielfaches gefährlicher ist als in seiner ersten. Sein systematischer Angriff auf die Freiheit ist zum Albtraum geworden. Ich dachte immer, der Faschismus erobere die Macht mit Panzern und Fackelzügen. Klaus Brinkbäumer zeigt in seinem Buch, wie sich ein Umsturz ohne Gewalt und Gewehre nur mit Verwaltungsrecht und Dekreten vollziehen lässt. Das Ergebnis ist in der Tat ein Albtraum.

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1988 landete Klaus Brinkbäumer zum ersten Mal am Flughafen Los Angeles. Der monströse Airport kam ihm vor wie das Tor zu einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Kalifornien war für den jungen Journalisten ein Sehnsuchtsort. Er war überzeugt, dass Amerika als Land sich aufgrund seiner Vielfalt und Innovationskraft niemals selbst zerstören könnte. Fast vier Jahrzehnte später steht Brinkbäumer erneut an den Küsten dieses Kontinents, doch der Blick hat sich dramatisch verdüstert. In seinem neuen Buch beschreibt er, wie das Land der Freien systematisch demontiert worden ist.

Seine zentrale Botschaft ist beunruhigend: Der Faschismus des 21. Jahrhunderts benötigt keine Marschmusik und keine Uniformen mehr, sondern operiert mit der chirurgischen Präzision von Verwaltungsrecht und Dekreten. Es ist eine Entwicklung, die Klaus Brinkbäumer als «Faschismus made in USA» bezeichnet, ein System, das demokratische Normen nicht krachend stürzt, sondern schleichend aushöhlt. Dabei stellt sich die Frage: Was passiert mit einer Nation, die den Gedanken an einen fairen Machtwechsel aufgegeben hat und den politischen Gegner konsequent zum Staatsfeind erklärt? Klaus Brinkbäumer zeigt, dass die gegenwärtige Krise kein Betriebsunfall ist, sondern das Ergebnis eines jahrelang vorbereiteten Plans zur Fixierung absoluter Macht.

Donald Trump, schreibt er, sei «keine Abweichung, kein moderner Eulenspiegel, auch kein Spieler, sondern eine selten dramatische politische Erscheinung.» Trump sei ein Mann ohne Skrupel oder Scham, «ins mächtigste Amt der Welt gespült und mit einer seltenen Freude an Grausamkeit und Rache ausgestattet, gepaart mit einem unerschütterlichen Allmachtsanspruch.» Timothy Snyder, der amerikanische Historiker und Faschismusforscher, hat es früh und präzise formuliert: «Trump war nie eine Leerstelle. Er war von Anfang an die Präsenz des Faschismus.» Trump sei nicht der grosse Stratege, sondern «Verstärker und Beschleuniger. Ein Mann, der vor allem Reflexe kennt – Rache, Demütigung, Belohnung –, dessen Willkür aber durch loyalistische Juristen und Project 2025 strukturell wirksam wird.»

Aber warum beschimpft Donald Trump seine Kritiker als «Faschisten»? Er meine damit: «Sie sind meine Feinde», schreibt Klaus Brinkbäumer. «Die Umkehrung der Begriffe ist Teil seines Programms: Faschisten bezichtigen ihre Gegner stets jener Dinge, die sie selbst, die Faschisten, planen und tun.» Dazu gehöre Korruption, Ausgrenzung, die Unterdrückung freier Rede und die Unterdrückung von Minderheiten. «Was zählt, ist nicht Wahrheit, nicht Wirklichkeit, nicht Konsistenz, sondern Aufmerksamkeit, Resonanz und Loyalität», schreibt Klaus Brinkbäumer. «Wer widerspricht, ist sofort ein Verräter. Wer gehorcht, zählt zum Team. Und selbst wer nur feige mitläuft, wird Freiheitskämpfer genannt.

Spannend am Buch von Klaus Brinkbäumer ist die Kombination aus Gesprächen mit wichtigen Intellektuellen und einer Reise durch ein Land, das sich in seiner eigenen Wut zu verlieren scheint. Klaus Brinkbäumer nutzt seine langjährige Erfahrung als USA-Korrespondent und ehemaliger Chefredakteur des «Spiegel», um die Verschmelzung von Herrschaft und Propaganda sichtbar zu machen. Der Leser erhält eine Perspektive, die über das Tagesgeschehen hinausgeht und die strukturellen Brüche einer Supermacht offenlegt.

Die Chronik des Zerfalls beginnt für Brinkbäumer nicht erst mit der Wahl von Donald Trump, sondern mit einem fundamentalen Missverständnis über das Wesen der Macht in der Ära nach der Wahrheit. Er schildert eindrücklich, wie Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit als Verstärker eines Prozesses fungiert, der die professionelle Verwaltung durch loyale Gefolgsleute ersetzt. Das Herzstück dieser Transformation ist das «Project 2025», ein Regierungsprogramm, das sich gegen die Idee richtet, dass Pluralismus und Demokratie an sich wertvoll seien.

Ein zentraler Aspekt des Buches ist die Analyse der «starken Männer», die Brinkbäumer gemeinsam mit der Historikerin Ruth Ben-Ghiat vornimmt. Dabei wird deutlich, dass Figuren wie Trump oder Mussolini keine ideologisch gefestigten Programme benötigen, sondern die Fähigkeit besitzen, das Gefühl der Ohnmacht in Massen in Erzählungen zu verwandeln. Diese Geschichten müssen nicht wahr sein; sie müssen lediglich die unterdrückte Wut stimulieren und ein geschlossenes Weltbild schaffen, in dem man sich als Opfer dunkler Mächte fühlt. Ben-Ghiat zeigt, dass der moderne Autoritarismus mit einer Selbsttäuschung des Establishments beginnt, das glaubt, den Aussenseiter kontrollieren zu können, nur um festzustellen, dass dieser die Wahrheit längst durch Macht ersetzt hat.

Besonders faszinierend und erschreckend zugleich ist das Kapitel über das «ungarische Drehbuch». Brinkbäumer dokumentiert, wie die Regierung Trump von Viktor Orbán gelernt hat, dass kulturelle Hegemonie machbar ist, wenn man die Institutionen diszipliniert. Es ist ein Prozess, den der Autor als «competitive authoritarianism» bezeichnet: Die Justiz wird gefügig gemacht, Medien üben Selbstzensur aus Angst vor Mittelentzug, und Universitäten werden in Sicherheitszonen verwandelt. Brinkbäumer berichtet von Professoren der Columbia University, die darum bitten, ihre Namen nicht zu nennen – ein deutliches Zeichen für eine verkümmernde Demokratie, in der die Gewalt nicht mehr spektakulär, sondern administrativ und strukturell ist.

Klaus Brinkbäumer führt uns ins Zentrum der technologischen Macht, zum Zirkel um Elon Musk und Peter Thiel. Hier begegnen wir dem «Technofaschismus», einem Projekt, das christlichen Fundamentalismus mit digitalem Libertarismus und technologischem Eskapismus verschmilzt. Brinkbäumer portraitiert Palantir-Gründer Peter Thiel als Schattenmann, der nicht mehr an die Vereinbarkeit von Freiheit und Demokratie glaubt und stattdessen an einem Überwachungsstaat baut, der auf KI-gestützter Ausgrenzung basiert. Es geht hier nicht mehr um politische Debatten, sondern um die totale algorithmische Kontrolle des sozialen Raums.

Den Frontalangriff auf die Wissenschaft und die Fakten beschreibt Klaus Brinkbäumer anhand der Entlassung von Erika McEntarfer: Trump feuerte die Leiterin des Bureau of Labor Statistics, weil ihm die Beschäftigungszahlen nicht gefielen. Brinkbäumer verdeutlicht, dass eine Demokratie ohne eine verlässliche epistemische Infrastruktur nicht existieren kann. Wenn Fakten zu Meinungen degradiert werden, bricht die gemeinsame Entscheidungsgrundlage einer Gesellschaft zusammen. Dies führt zu einer «Flexokratie», einer Herrschaft durch schiere Machtdemonstration, in der Gesetzesbrüche zur heroischen Tat umgedeutet werden und die Justiz als Waffe gegen Kritiker dient.

Die Stärke des Buchs von Klaus Brinkbäumer liegt in der Präzision, mit der er die Mechanismen des modernen Autoritarismus seziert, ohne in die Falle wohlfeiler Empörung zu tappen. Es gelingt ihm, die komplexen Verflechtungen zwischen Silicon Valley, religiösem Nationalismus und administrativer Zerstörungswut so darzustellen, dass die Gefahr für die gesamte westliche Welt greifbar wird.

Klaus Brinkbäumer: Der amerikanische Albtraum. Faschismus made in USA. S. Fischer, 352 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-10-397733-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783103977332

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 23.03.2026, Matthias Zehnder

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