Buchtipp
Letzter Tipp: Ich rede, also bin ich
Das Alphabet der Angst
Fast jeder vierte Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an einer behandlungsbedürftigen Angststörung. Trotzdem bleibt die Angst für viele Betroffene ein diffuses, namenloses Unbehagen, das gerade dadurch seine Macht entfaltet. Die Freiburger Psychiaterin Katharina Domschke und der Psychiater Peter Zwanzger, der in Wasserburg am Inn eine Klinik leitet, erinnern in ihrem neuen Buch an das Märchen vom Rumpelstilzchen: Solange die Angst namenlos bleibt, hat sie die Oberhand. Doch sobald man ihr Wesen kennt, «wird sie entmachtet, verliert ihren Schrecken und ‹reisst sich› – analog zum Rumpelstilzchen – im Idealfall ‹entzwei›». Genau dieses Entzaubern durch Benennen und Verstehen ist das Programm ihres alphabetisch aufgebauten Nachschlagewerks, das von A wie Abgrund bis Z wie Zukunftsangst rund 200 Begriffe rund um unsere wichtigste Emotion versammelt. Was passiert im Gehirn, wenn die Amygdala Alarm schlägt? Warum sind Frauen doppelt so häufig von Angsterkrankungen betroffen wie Männer? Hilft Cannabis gegen Panik – oder verschlimmert es sie? Und was hat es mit der «German Angst» wissenschaftlich auf sich? Was das Buch von herkömmlichen Ratgebern unterscheidet, ist die Verbindung von klinischer und kulturgeschichtlicher Expertise: Neben Studien und Statistiken finden sich Bezüge zu Kierkegaard, Baudelaire und Wagner, neben Fallbeispielen aus der Praxis stehen Reflexionen über Ehrfurcht, Gottesfurcht und Angstlust. Wer die Angst besser verstehen will, findet in diesem Buch ein fundiertes, erstaunlich unterhaltsames Kompendium, das sich sowohl als Nachschlagewerk wie auch als fortlaufende Lektüre lesen lässt.
Katharina Domschke und Peter Zwanzger eröffnen ihr Buch mit einer programmatischen Einleitung, in der sie die Angst als «buchstäblich überlebensnotwendig» einordnen – als körpereigenes Alarmsystem, das uns vor Bedrohungen warnt und vor Gefahren schützt. Gleichzeitig stellen sie klar, dass dieses Alarmsystem überempfindlich werden kann, dass aus einem sinnvollen Gefühl eine Erkrankung entstehen kann, die erheblichen Leidensdruck verursacht. Der Schlüssel zum Umgang mit der Angst liegt für Katharina Domschke und Peter Zwanzger im Verstehen: Wer die Angst begreift, kann mit ihr leichter umgehen. Oder, in den Worten der Nobelpreisträgerin Marie Curie, die sie zitieren: «Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr.»
Die alphabetische Struktur erlaubt es Katharina Domschke und Peter Zwanzger, das Thema in all seinen Facetten aufzufächern, ohne sich einer linearen Abhandlung unterzuordnen. Das erste Stichwort, der «Abgrund», führt sogleich in die literarische Dimension der Angst: Elfriede Jelinek beschreibt die Angst als Spaziergang ins Nichts, der Maler Alfred Kubin gibt ihr die Gestalt eines Gespenstes, das einen in die Tiefe zieht. Gleich darauf folgen mit «Achtsamkeit» und «Adrenalin» zwei Einträge, die den Bogen von der buddhistischen Meditationspraxis zur Biochemie der Stresshormone spannen. Dieser ständige Wechsel zwischen Kulturgeschichte und Neurowissenschaft, zwischen Fabel, Fallbeispiel und Forschungsbefund, macht das Buch trotz seiner alphabetischen Ordnung zu einer spannenden Lektüre.
Katharina Domschke und Peter Zwanzger erklären verständlich die biologischen Grundlagen: Wie das Zusammenspiel von Amygdala, Adrenalin und Cortisol unsere Angstreaktionen steuert. Der amerikanische Neurowissenschaftler Joseph LeDoux habe die Amygdala als «eine Nabe im Rad der Furcht» beschrieben, als zentrale Relaisstation, die Bedrohungen erkennt und die Angstreaktion auslöst. Dabei gehen die Autoren auch auf die Epigenetik ein, die sie als eine Art Marionettenspieler der Gene bezeichnen: Umweltfaktoren, Traumata und Stress können über epigenetische Mechanismen unsere Angstgene aufwecken, doch ebenso können positive Erfahrungen und erfolgreiche Therapien diese Gene wieder in einen Winterschlaf versetzen.
Konkret wird das Buch vor allem dort, wo es die einzelnen Angsterkrankungen anhand von Fallbeispielen schildert. Da ist zum Beispiel Johanna, die nach mehreren Panikattacken im Supermarkt und in der U-Bahn ihre Wohnung kaum mehr verlassen kann: eine typische Agoraphobie. Oder Alexander, ein junger Anwalt, der mitten in der Nacht schweissgebadet aufwacht, Herzrasen hat und den Notarzt ruft, obwohl sich körperlich nichts finden lässt: eine Panikstörung. Diese Fallgeschichten machen die abstrakten Diagnosen greifbar und zeigen, wie schwierig es ist, die Grenze zu ziehen zwischen einem normalen, alltäglichen Unbehagen und einer psychischen Erkrankung.
Faszinierend ist das Kapitel zur Epidemiologie: Fast jeder vierte Mensch erkrankt einmal im Leben an einer Angststörung, wobei die spezifischen Phobien mit acht bis zwölf Prozent die Häufigkeitsliste anführen. Rund drei Viertel aller Angststörungen treten bereits vor dem 18. Lebensjahr auf. In Europa leiden in einem einzigen Jahr über 60 Millionen Menschen an einer Angsterkrankung, was kumulative Kosten von 74,4 Milliarden Euro verursacht. Zudem belegen die beiden Autoren, dass die oft zitierte «German Angst» wissenschaftlich kaum haltbar ist: Eine metaanalytische Auswertung zeigte keinen Unterschied in der Ängstlichkeit zwischen deutschsprachigen Ländern und Grossbritannien.
Einen beträchtlichen Teil des Buches widmen Katharina Domschke und Peter Zwanzger den Therapiemöglichkeiten. Für sie ist die kognitive Verhaltenstherapie mit dem zentralen Element der Exposition das am besten belegte Verfahren, gefolgt von medikamentösen Ansätzen mit Antidepressiva wie SSRI und SNRI. Dabei räumen sie auch mit verbreiteten Irrtümern auf: Cannabis, das von manchen Patienten als angstlösend empfunden wird, verschlechtert die Angst nach bisheriger Datenlage eher, als dass es sie bessert. Bei kanadischen Notaufnahme-Patienten war das Risiko für das Neuauftreten einer Angststörung bei Cannabiskonsumenten fast um das Vierfache erhöht. Ebenso eindeutig ist die Warnung vor Alkohol als vermeintlichem Angstlöser: Dem kurzfristigen Entspannungseffekt folgt verlässlich die «Hangxiety», eine Wortverschmelzung aus Hangover und Anxiety, bei der ein sinkender Alkoholspiegel das Angstniveau erst recht steigen lässt.
Neben den klinischen Einträgen überrascht das Buch immer wieder mit kulturgeschichtlichen Bezügen. Der Eintrag «Wald» etwa verfolgt die Angst im Wald von Hänsel und Gretel über Dantes erste Zeilen der Göttlichen Komödie bis zu einer Panikattacke in Wagners Siegfried. Der Eintrag «Wut» zeigt, wie Angst und Aggression ineinander übergehen können. Das reicht von Darwins Beobachtungen am Hund über Thomas Manns Begriff der «Angstwut» bis zu Jean Cocteaus Gemälde über die Angst, die dem Mut Flügel verleiht. Und unter «Zukunftsangst» spannen die Autoren den Bogen von Platons Furchtbegriff über den Soziologen Alvin Toffler bis zu Laotses Weisheit, dass eine Reise von tausend Meilen mit einem kleinen Schritt beginnt.
Katharina Domschke und Peter Zwanzger haben ein Buch geschrieben, das die Angst in ihrer ganzen Breite ausleuchtet: als biologisches Alarmsystem, als psychische Erkrankung, als kulturelles Phänomen und als existenzielle Grunderfahrung. Die besondere Stärke des alphabetischen Aufbaus liegt darin, dass er sowohl das gezielte Nachschlagen einzelner Begriffe ermöglicht als auch, dank zahlreicher Querverweise, eine zusammenhängende Lektüre. Dass zwei erfahrene Kliniker dabei nicht nur Studien und Statistiken referieren, sondern auch Kierkegaard, Baudelaire und Wagner einbeziehen, gibt dem Buch eine Tiefe, die über den klassischen Ratgeber weit hinausgeht. Für Betroffene bietet es fundierte Orientierung, für interessierte Leser ein erstaunlich unterhaltsames Kompendium über ein Gefühl, das uns alle betrifft. Am Ende bleibt die Erkenntnis, die bereits im Vorwort steckt: Wer der Angst ihren Namen gibt und ihr Wesen durchschaut, nimmt ihr die Macht, wie einst im Märchen vom Rumpelstilzchen.
Katharina Domschke, Peter Zwanzger: Das Alphabet der Angst. 200 Fakten rund um unsere wichtigste Emotion. Von A wie Adrenalin bis Z wie Zukunftsangst. Herder, 272 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-451-60886-5
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783451608865
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 16.02.2026, Matthias Zehnder
PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:
- den neuen Sachbuchtipp
- den aktuellen Buchtipp
- den Hinweis auf den Wochenkommentar
- das aktuelle Fragebogeninterview
Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!