Buchtipp

Letzter Tipp: Der amerikanische Albtraum

Cooks letzte Reise

Publiziert am 30. März 2026 von Matthias Zehnder

James Cook war vermutlich der grösste Entdecker und Kartograph aller Zeiten. Er zeichnete Karten von stupender Genauigkeit. Er besiegte den Skorbut auf seinen Seereisen durch eine Kombination aus gezielten Ernährungsvorschriften und präventiven Massnahmen. Er war kein Eroberer und stand keiner Armee vor. Er segelte mit seinen Schiffen in die unendlichen Weiten des Ozeans, dahin, wo kein weisser Mensch zuvor gewesen war. Die Figur des Captain James Kirk von der USS Enterprise in der Fernsehserie «StarTrek» ist denn auch Captain James Cook nachempfunden. Doch derselbe James Cook steht auch für die beispiellose Hybris der weissen Seefahrer, die da, wo sie mit ihren Schiffen landeten, Zerstörung, Krankheit und Tod verbreiteten. Zwei seiner drei grossen Seereisen leitete er als umsichtiger Kapitän mit scharfer Beobachtungsgabe. Auf seiner dritten und letzten Seereise verwandelte Cook sich in einen herschsüchtigen Despoten und wurde schliesslich auf Hawaii von Einheimischen erschlagen. Hampton Sides rekonstruiert in seinem Buch diese dritte Expedition. Er zeichnet damit das Scheitern eines Mannes nach, der mit zwei Entdeckungsreisen zur Lichtgestalt der Aufklärung wurde und als getriebener Schatten seiner selbst endete. Spannend ist das Buch, weil Hampton Sides nicht urteilt, sondern möglichst objektiv erzählt und Fakten zusammenträgt. Umso erschütternder ist der Befund: Die Begegnung zweier Welten, die sich völlig fremd sind, trägt den Keim der Zerstörung bereits in sich, lange bevor der erste Schuss fällt.

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Was passiert mit einem Geist, der Jahrzehnte lang die Grenzen des Vorstellbaren verschoben hat, wenn die körperliche und mentale Erschöpfung einsetzt? Hampton Sides geht dieser Frage nach, indem er James Cook auf seinem Weg durch den Pazifik bis in die Arktis begleitet. Es ist eine Erzählung über kulturelle Missverständnisse, die Macht des Eigentums und die tödliche Gefahr religiöser Überhöhung. Das Buch unterscheidet sich von klassischen Biografien durch seine multiperspektivische Herangehensweise: Sides lässt die Stimmen der Einheimischen, die durch mündliche Überlieferungen bewahrt wurden, gleichberechtigt neben den Logbüchern der Briten stehen. Als Leserin, als Leser gewinnen wir eine neue, ungeschönte Sicht auf die Wurzeln des Kolonialismus im Pazifik und begreifen, warum Cook für die einen ein Held und für die anderen ein Symbol für Verwüstung ist. Wie Sides schreibt: «In vielen Gegenden der Welt wird Cook verachtet – weniger für das, was er getan hat, sondern vor allem für das, was er ausgelöst hat.»

Hampton Sides beginnt seine Erzählung im Jahr 1776, einem Wendepunkt der Weltgeschichte. Während in Amerika die Revolte gegen die britische Krone schwelt, bricht James Cook in London zu seiner dritten, ambitioniertesten Expedition auf: Er soll den Polynesier Mai, der in der Londoner Gesellschaft als «edler Wilder» hofiert wurde, in seine Heimat zurückbringen und anschliessend die legendäre Nordwestpassage finden. Sides zeichnet das Bild eines Kapitäns, der eigentlich schon im Ruhestand am Themseufer in Greenwich angekommen war, sich aber von der Aussicht auf ein letztes grosses Abenteuer und eine astronomisch grosse Belohnung locken liess. Dabei wird deutlich, dass Cook zu diesem Zeitpunkt bereits ein Gezeichneter war, geplagt von mysteriösen Krankheiten und einer Reizbarkeit, die seinen legendären Gleichmut mehr und mehr aushöhlte.

Der erste grosse Akt dieser Reise ist die Rückkehr Mais nach Tahiti. Sides beschreibt meisterhaft das Schicksal dieses jungen Mannes, der zwischen zwei Kulturen verloren gegangen ist. In London trug er Samtanzüge und speiste mit dem König, doch zurück in der Südsee ist er weder Engländer noch vollendeter Tahitianer. Die mitgebrachten Reichtümer, eine Ritterrüstung, Waffen, sogar ein Springteufel, wecken lediglich Neid und Gier. Es ist ein Punkt, auf den Hampton Sides immer wieder zu sprechen kommt: Die Polynesier haben ein ganz anderes Verständnis von Eigentum. Sie praktizieren eine Form des gemeinschaftlichen Teilens. Es ist für sie deshalb selbstverständlich, dass sie sich auf den Schiffen der Briten einen Nagel nehmen können. Für die Briten dagegen ist das Diebstahl, ein Verbrechen. Es ist dieser Zusammenprall der Kulturen, der später auf Hawaii zum blutigen Fanal führen wird.

Faszinierend ist, wie Hampton Sides den schleichenden Verfall von Cooks Urteilskraft dokumentiert. Auf der Insel Moorea geschieht etwas, das den jüngeren Entdecker Cook nie ereilt hätte: Wegen einer gestohlenen Ziege verliert der Kapitän die Beherrschung und ordnet einen Rachefeldzug an, bei dem ganze Dörfer und unersetzliche Kanus vernichtet werden. «Es war nicht zu übersehen, dass viele von ihnen uns verachteten», notiert ein Offizier, «und das vor allem, weil wir die Vorfälle auf Moorea auf sich haben beruhen lassen, was dem, wie sie in einem solchen Fall gehandelt hätten, zutiefst widersprach.» Sides macht deutlich, dass Cook hier seine moralische Autorität verspielte. Gleichzeitig vollbrachte er im Norden Alaskas seine gewohnten, kartografischen Meisterleistungen: Die Expedition tastet sich entlang der Küste Oregons bis nach Alaska vor, wo Cook als Erster die westliche Ausdehnung Nordamerikas präzise vermisst.

Hampton Sides schildert die Strapazen in der Arktis mit einer Unmittelbarkeit, die die Kälte spürbar macht. Cook jagt seine Männer und die maroden Schiffe durch das Packeis. Er verbeisst sich in die Suche nach einer Passage, die es dort nicht gibt. Die Enttäuschung über das unpassierbare Eis zwingt die Expedition schliesslich zur Umkehr nach Hawaii. In der Kealakekua-Bucht trifft Cook auf eine Tausende von Menschen, die ihn als Gott Lono empfangen. Es ist eine Zeit des Rausches, in der die Briten wie Gottheiten bewirtet werden, während ihre Schiffe «Kealakekua förmlich auslaugten», wie ein Leutnant bemerkt. Die Gastfreundschaft der Hawaiianer hat jedoch ihre Grenzen, die zeitlich mit dem Ende des Makahiki-Festes zusammenfallen. Als die Briten wegen eines Mastbruchs kurz nach ihrer Abreise zurückkehren müssen, hat sich die Stimmung radikal gewandelt.

So kommt es in der Brandung von Hawaii zum Finale, einem chaotischen Gemetzel, das aus einer Kette von Fehlentscheidungen resultiert. Der Diebstahl eines Kutters provoziert Cook zu dem Versuch, den König als Geisel zu nehmen. Er hatte diese Taktik auf kleineren Inseln oft angewendet. Da hatte sie funktioniert. Diesmal aber scheitert sie an der tiefen Loyalität der Hawaiianer zu ihrem König. In dem Moment, als die Hawaiianer erkennen, dass Cook kein Gott ist, sondern ein verletzlicher Mann in einem Gezeitentümpel, bricht alles zusammen. Die Einheimischen stechen auf ihn ein, nicht aus Hass, sondern um zu prüfen, ob ein Gott bluten kann. Sides beschreibt die Zeremonialisierung seiner Überreste, die Aufteilung seiner Knochen unter den Häuptlingen, als einen Akt höchster spiritueller Bedeutung, den die entsetzten Briten nur als barbarisch missverstehen konnten.

Hampton Sides «Cooks letzte Reise» ist ein Meisterwerk der narrativen Geschichtsschreibung, das den Leser von der ersten Seite an in den Bann zieht. Hampton Sides schafft es dabei, wissenschaftliche Akribie und packende Dramaturgie in eine Balance zu bringen. Er wertet nicht, sondern beobachtet und lässt den Leser an der psychologischen Erosion von Cook teilhaben. Er macht das komplexe Geflecht aus kolonialem Anspruchsdenken und indigener Weltsicht verständlich, ohne in einfache Täter-Opfer-Schemata zu verfallen. Das Werk leistet damit einen spannenden Beitrag zur Debatte über das Erbe der Entdeckerzeit, indem es zeigt, dass hinter den grossen weissen Flecken auf den Landkarten immer Menschen standen, deren Schicksale aufeinanderprallten.

Die zentrale Erkenntnis bleibt, dass die Entdeckung der Welt immer auch deren Veränderung und oft deren Zerstörung zur Folge hatte. Sides zeigt Cook als einen Mann, der «die Naturphilosophie bereichert und die Seefahrt befördert» hat, aber am Ende an der Unvereinbarkeit der Welten zerbrach, die er selbst miteinander verbunden hatte. Wer dieses Buch liest, wird den Pazifik und die Geschichte seiner Erkundung mit anderen Augen sehen: als einen weiten, weiten Ozean, auf dem die Träume der Aufklärung in einer blutigen Brandung endeten.

Hampton Sides: Cooks letzte Reise. Die fatalen Folgen eines geheimen Auftrags. mare, 512 Seiten, 44.90 Franken; ISBN 978-3-86648-756-7

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783866487567

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 30.03.2026, Matthias Zehnder

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