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Behind the News
Vertrauen Sie journalistischen Medien? In der Schweiz hat etwa ein Viertel der Bevölkerung kein Vertrauen in die Medien, nur noch etwas weniger als die Hälfte der Menschen vertraut Nachrichtenmedien. Warum hat das Vertrauen so gelitten? In ihrem Buch analysiert Mary Abdelaziz-Ditzow die Funktionsweise der Nachrichtenmedien. Wer prägt die Auswahl der Nachrichten? Wie gehen die Journalistinnen und Journalisten vor und vor allem: Wie wählen sie aus, was sie berichten? Als Beispiel für die «Logik» der Medien erzählt Mary Abdelaziz-Ditzow von zwei gesunkenen Schiffen. Das eine, das Tauchboot «Titan», sank im Juni 2023 mit fünf sehr reichen (und sehr abenteuerlustigen) Männern an Bord. Die Weltöffentlichkeit war gebannt, Medien berichteten atemlos. Fast gleichzeitig sank vor der griechischen Küste die «Adriana», ein völlig überfülltes Fischerboot mit Hunderten von Geflüchteten. Über 500 Menschen starben, darunter viele Frauen und Kinder. Während die «Titan»-Saga mit über 35’000 Artikeln weltweit die Schlagzeilen dominierte, wurde das Schicksal der Ertrunkenen im Mittelmeer nur am Rande erwähnt. Warum? Welche Logik steckt dahinter? Ist es das «Agenda-Setting» der Redaktion? Oder ist der Sensationswert einer Nachricht wichtiger als ihre tatsächliche Relevanz? Und welche Rolle spielen wir Nutzer mit unserem Klickverhalten dabei?
Abdelaziz-Ditzow bietet in ihrem Buch einen Blick hinter die Kulissen der Nachrichtenmeden. Sie deckt keine geheimen Machenschaften auf, sondern zeigt, wie zynisch die Zahnräder der Nachrichtenmedien manchmal funktionieren. Das ermöglicht es den Medienkonsumenten, ihre eigene Wahrnehmung zu schulen und sich nicht mehr als Opfer, sondern als Teil der Medien zu verstehen. Wer dieses Buch liest, wird seinen Newsfeed künftig mit anderen Augen betrachten und besser verstehen, warum manche Nachrichten so viel Verbreitung findet und manche fast gar nicht.
Mary Abdelaziz-Ditzow ist langjährige Wirtschaftsjournalistin bei ntv und dem «Handelsblatt». Sie wirft in diesem Buch einen kritischen Blick auf die Mechanismen der Medien. Es geht ihr dabei nicht um pauschale Verurteilung. Die Berichterstattung journalistischer Medien ist nicht per se böse oder gesteuert. Sie ist das Ergebnis eines hocheffizienten, aber fehleranfälligen Systems aus ökonomischem Druck, psychologischen Verzerrungen und menschlichen Unzulänglichkeiten. Ihre These: Wir brauchen die etablierten Medien mehr denn je, müssen sie aber «zu nehmen wissen», um nicht manipuliert zu werden.
Journalistinnen und Journalisten sind keine neutralen Beobachter, sondern Individuen, deren Gefühle oft den Verstand dominieren. Das macht den Wunsch nach vollkommener Objektivität zu einem unerreichbaren Ideal. Sie unterscheidet zwischen der kollektiven Lüge, die in einer modernen Redaktion technisch kaum durchführbar wäre, und dem unbewussten Verbreiten von Falschinformationen durch Zeitdruck oder das blinde Vertrauen in Nachrichtenagenturen und andere Quellen.
Ein zentrales Argument betrifft die Macht der Sensation. In den Redaktionskonferenzen lautet die häufigste Frage nicht «Was ist wichtig?», sondern «Welche Geschichte machen wir heute?». Um komplexe Inhalte zugänglich zu machen, werden sie in emotionale Narrative verpackt. Mary Abdelaziz-Ditzow zeigt, dass Sensationen wie Magnete wirken, weil sie Klickraten und Quoten garantieren. Das sind die Währungen, an denen der Erfolg journalistischer Arbeit heute gemessen wird. Das führt zu einer moralisch fatalen Konsequenz: Im Duell zwischen Relevanz und Sensation gewinnt zu oft die Sensation.
Dabei taucht Mary Abdelaziz-Ditzow tief ins Phänomen des «Framings» ein. Sie macht deutlich, dass es keine Berichterstattung ohne Rahmen gibt, da Sprache niemals neutral ist. Jede Wortwahl, jede Auslassung setzt einen Deutungsrahmen. Ein prägnantes Beispiel ist die Berichterstattung über neue Staatsschulden: Während ein Medium sachlich von «Rekordschulden» spricht, ergänzt ein anderes das Adjektiv «schwindelerregend» und löst damit sofort eine emotionale Reaktion beim Leser aus. Mary Abdelaziz-Ditzow betont: «Der gewählte Frame bestimmt, welche Wahrheit – von womöglich vielen – dir im jeweiligen Bericht eröffnet wird.»
Mary Abdelaziz-Ditzow weicht dabei den heiklen Themen nicht aus und widmet ein ganzes Kapitel der Nahost-Berichterstattung. Als Deutsche mit jordanischen Wurzeln kritisiert sie eine «unheimliche Homogenität» und Einseitigkeit in den deutschen Medien nach dem 7. Oktober 2023. Sie dokumentiert Fälle, in denen ungesicherte Behauptungen wie Tatsachen behandelt wurden, während das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung phasenweise unsichtbar blieb. Dabei geht es ihr nicht um politische Parteinahme, sondern um die journalistische Sorgfaltspflicht und den Mangel an Kontextualisierung. Sie beschreibt ein «Klima der Angst» in den Redaktionen, was zur Folge hat, dass multiperspektivische Berichte oft aus Sorge vor Diffamierung unterlassen werden.
Ein weiterer Aspekt ist der «Negativitätsbias». Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, auf Gefahrenmeldungen stärker zu reagieren als auf positive Nachrichten. Studien zeigen, dass jedes zusätzliche negative Wort in einer Überschrift die Klickrate um etwa 2,3 Prozent erhöht. Das führt zu einer toxischen Symbiose: Medien bedienen unsere Sensationslust, um finanziell zu überleben, und wir verstärken durch unseren Konsum genau die Art von Alarmismus, die uns letztlich in eine «News Fatigue» oder ins «Doomscrolling» treibt.
Mary Abdelaziz-Ditzow erklärt in ihrem Buch auch, wie das «unsichtbare Nervensystem» der Medienwelt funktioniert: die Nachrichtenagenturen wie dpa, Reuters oder AP. Sie sind die eigentlichen Gatekeeper, da die meisten Redaktionen ihre Meldungen aufgrund des «Agenturprivilegs» ungeprüft übernehmen. Fehler verbreiten sich so wie ein Lauffeuer um den Globus. Ein Beispiel war die Falschmeldung über angeblich russische Raketen in Polen im Jahr 2022, die die Welt kurzzeitig an den Rand eines dritten Weltkriegs brachte. Da die meisten Agenturen westlich geprägt sind, entsteht zudem ein systematischer Bias, der Krisen in Regionen wie dem Sudan oder Jemen oft gänzlich ausblendet.
Abschliessend widmet sich Mary Abdelaziz-Ditzow der wirtschaftlichen Misere privater Medienhäuser. Sinkende Werbeeinnahmen und der Rückgang der Printauflagen zwingen Redaktionen in einen Überlebenskampf. In diesem «Haifischbecken» wird Clickbaiting zur Überlebensstrategie. Journalisten arbeiten zunehmend wie Algorithmen, die nur noch die Erwartungen der Zielgruppe bedienen. Das fördert die Bildung von Filterblasen und Echokammern, in denen wir uns nur noch gegenseitig in unseren Vorurteilen bestätigen. Mary Abdelaziz-Ditzow warnt: Wenn Medien nur noch polarisieren statt zu deeskalieren, zerlegt sich die Gesellschaft in immer kleinere Einzelteile.
Trotz aller Kritik an der Logik moderner Medien ist das Buch von Mary Abdelaziz-Ditzow ein leidenschaftliches Plädoyer für den Qualitätsjournalismus. Sie kritisiert die Systemfehler, die zu Manipulation führen, aber sie erklärt auch die Sachzwänge, unter denen Redaktionen heute arbeiten. Es gelingt ihr gut, komplexe kommunikationswissenschaftliche Theorien wie Agenda-Setting oder Framing anhand von aktuellen Beispielen begreifbar zu machen. Die zentrale Erkenntnis: Wir müssen lernen, die Mechanismen hinter den Schlagzeilen zu erkennen, um uns eine eigene, wirklich unabhängige Meinung bilden zu können. Am Ende bleibt die Einsicht, dass die Medien trotz aller Fehler unsere wichtigste Informationsquelle zur Welt bleiben – wenn wir sie wach und kritisch konsumieren.
Mary Abdelaziz-Ditzow: Behind the News. So navigierst du sicher zwischen Manipulation und Information. Ullstein, 336 Seiten, 22.50 Franken; ISBN 978-3-548-07436-8
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783548074368
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 13.04.2026, Matthias Zehnder
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