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Auf dem Weg ins Jetzt

Publiziert am 11. Dezember 2025 von Matthias Zehnder

Geschichtsbücher handeln meist von Zeiten, die wir Lesenden nur vom Hörensagen kennen. Von den Alten Eidgenossen, von Morgenstern und Hellebarden, von Pest und Schwefel, Hexenverfolgung und Teufelsaustreibungen. Nur natürlich, dass wir uns den beschriebenen Menschen fremd fühlen und die Städte und Orte mit Staunen und oft auch mit Unverständnis betrachten. Bei diesem Geschichtsbuch, dem letzten Band der Basler Stadtgeschichte, ist das anders: Es erzählt die Geschichte der Stadt Basel seit den 1960er-Jahren. Viele von uns blättern mit diesem Buch also in Erinnerungen. Umso befremdlicher ist es, wie fremd die eigene Stadt dabei wirkt. Ganz besonders gilt das für den Umgang mit dem Auto: In den 1960er Jahren dominierte das Auto die Stadt. Im Zentrum der Stadtplanung stand der motorisierte Verkehr. Die Planer sahen grosszügige Fahrbahnen für Autos und Busse vor. Tramlinien und Fahrradwege spielten eine geringe Rolle, der historische und ästhetische Wert der Altstadt ebenfalls. Die historischen Plätze der Altstadt, wo heute Menschen flanieren, waren zugeparkt. Frappierend ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Zeitgenossen das hingenommen haben. Man fragt sich unwillkürlich, über welche Selbstverständlichkeiten von heute unsere Nachkommen dereinst den Kopf schütteln.

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Der letzte Band der Stadtgeschichte deckt die Zeitspanne von 1960 bis 2020 ab. Die Autoren sehen Basel von drei grossen Entwicklungslinien geprägt. Da ist zunächst der steigende Ressourcenverbrauch mit den entsprechenden ökologischen Folgen. Bis in die 1970er Jahre wuchs Basel rasant. Danach wurden die ökologischen Kosten und die politischen Auswirkungen dieses Wachstums immer deutlicher sichtbar. Ein Wendepunkt war die Umweltkatastrophe von Schweizerhalle. Das neue Bewusstsein kam in den Protesten gegen das Atomkraftwerkprojekt in Kaiseraugst zum Ausdruck. Heute ist ökologisches Denken im Kanton Basel-Stadt der Normalfall. Das ist nicht nur eine Folge von Katastrophen, sondern auch vom Erleben im Alltag. So fahren heute mehr als doppelt so viele Autos auf Basels Strassen wie 1960. Die Wohnfläche pro Kopf hat sich in der selben Zeit etwa verdoppelt. Das selbe gilt für das Abfallvolumen.

Der zweite Aspekt: die zunehmende Vielfalt der städtischen Gesellschaft. «Historisch betrachtet waren Städte seit dem Spätmittelalter gigantische Integrationsmotoren», schreiben die Autoren der Stadtgeschichte. Bis in die 1960er Jahre bedeutete Integration, dass Fremde sich an die schweizerische Norm anzupassen hatten. Heute folgt die schweizerische Integrationspolitik eher dem Gedanken der Diversität. Diese Entwicklung ist maßgeblich von Basel ausgegangen. Basel gilt heute als Migrationsgesellschaft: Heute haben fast zwei Fünftel der Baslerinnen und Baslern keinen Schweizer Pass. Integration ist heute nicht mehr einfach Assimilation, sondern wird eher als unterkultureller Lernprozess verstanden.

Die dritte grosse Entwicklung betrifft die Entwicklung der Wirtschaftsstadt zur Kulturstadt. Zwar lebte und profitierte Basel von der chemisch-pharmazeutischen Industrie, das Verhältnis der Bevölkerung zu ihrem wichtigsten Arbeitgeber war jedoch zwiespältig. Nach der Katastrophe von Schweizer Halle 1986 und den Debatten um die Gentechnologie in den 90er Jahren kam es zu einer veritablen Vertrauenskrise zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Gleichzeitig wurde die Kultur für die Stadt Basel immer wichtiger. Dies auch im Sinne einer Selbstvergewisserung der Grenzstadt.

Diesen drei Schwerpunkten widmet sich der letzte Band der Stadtgeschichte in fünf grossen Themenblöcken: Siedlungsentwicklung und Umweltschutz, Gesellschaft und Politik, Globalisierung und Digitalisierung, Emotionen und Alltag sowie Kunst und Kultur. Das ist spannend zu lesen, wirkt aber in zweierlei Hinsicht hin und wieder auch befremdlich. Dass uns die Menschen im Mittelalter heute fremd sind, kann jeder nachvollziehen. Dagegen ist es seltsam, wie fremd uns heute die Stadt der 1960er-Jahre ist, wie bedingungslos sich die Stadt dem Automobil hingegeben hat – und wie konservativ die Männer (Frauen hatten lange nichts zu sagen) die Stadt regierten. Dazu kommt: Viele Entwicklungen kennen wir aus eigener Anschauung detaillierter, als sie in einem Geschichtsbuch dargestellt sind. Die Verkürzung von Ereignissen, die uns wichtig sind, auf ein, zwei Zeilen in einem Geschichtsbuch wirkt befremdlich. Erst daran erleben wir, wie verkürzend und vereinfachend Geschichtsschreibung wohl immer sein muss.

Tobias Ehrenbold, Silas Gusset, Anina Zahn: Auf dem Weg ins Jetzt. Stadtgeschichte Basel – seit 1960. Christoph Merian Verlag, 336 Seiten, 39.00 Franken; ISBN 978-3-03969-008-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783039690084

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 11.12.2025, Matthias Zehnder

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