Vielleicht kennt der Himmel doch Günstlinge

Publiziert am 25. April 2025 von Matthias Zehnder

Diese Zeilen schreibe ich unter der gleissenden Sonne von Südfrankreich, im Schatten von Pinien, die sich gegen einen scharfen Mistral stemmen. An der Sonne ist es schnell zu heiss, im Schatten bald zu kühl. Am Abend sind der Kuckuck und die Nachtigall zu hören, die Frösche quaken. Es ist Frühling in Südfrankreich. Über dem Golfe du Lion wölbt sich der Himmel in diesem hellen Blau, wie wir es sonst nur von den Bildern von Claude Monet und Paul Signac kennen. Das Blau stellt klar, dass dieser Himmel nichts zu tun hat mit dem, was unter ihm geschieht.

Am Boden, in Frankreich, haben am Montag die Glocken geläutet. Frankreich ist laizistisch. Hier hat der mythische Peppone die ewige Auseinandersetzung mit Don Camillo längst für sich entschieden. Der Staat Frankreich hat schon 1789, kurz nach der Revolution, die Macht der Kirche beschränkt. Seit 1905 ist die Trennung Teil der Verfassung: Der Staat will nichts mehr mit der Kirche zu tun haben. Aber nur der Staat, nicht die Menschen. Am Dienstag räumte sogar die linksliberale «Libération» die Titelseite frei: Vor schwarzem Hintergrund war auf dem Titelblatt der Papst im weissen Messgewand zu sehen, daneben stand in grossen Lettern: «Perdimus Papam» – wir haben den Papst verloren. Er habe sich als Papst für die Armen, die Migranten und die Umwelt engagiert, aber in gesellschaftlichen Fragen habe er enttäuscht, schreibt die «Libération». Viele andere Würdigungen klingen ähnlich. Die Enttäuschung, von der die Rede ist, zeigt wohl vor allem, wie gross die Hoffnung war, die dieser Papst aus Argentinien ausgelöst hat.

Ich bin weder katholisch, noch dem Papsttum zugeneigt. Im Petersdom hat mich vor allem die Geschichtsträchtigkeit des Ortes beeindruckt. Mein Lieblingsort im Vatikan ist der Campo Santo Teutonico, wo der deutsche Schriftsteller Stefan Andres begraben liegt. Trotzdem hat mich der Tod des Papstes beschäftigt. Erst nach seinem Tod habe ich realisiert, dass dieser Papst Fanziskus das präzise Gegenstück zu Donald Trump ist – oder eben: war. Wo der US-Präsident mit Glanz und Gloria prozt, mit Superlativen um sich wirft und in nie gesehener Art und Weise den Eigennutz zum zentralen Massstab seiner Politik macht – den nationalen, wie den persönlichen –, hat Papst Franziskus von Anfang an auf genau diese Äusserlichkeiten verzichtet. Auf die roten Papstschuhe, den Pomp des Pontifikats, ja sogar auf die Staatskarosse.  Er hat sich in einem Fiat 500 in Rom herumfahren lassen. Sein erster Besuch galt den Geflüchteten auf Lampedusa. Für Armutsbetroffene hat er neben dem Petersplatz Duschen eingerichtet. Er rief zu Bescheidenheit auf und versuchte Bescheidenheit, so weit das in seinem Amt möglich war, vorzuleben. Der Papst ist das Oberhaupt des kleinsten Staates der Welt: Der Stato della Città del Vaticano misst nur gerade 0.4 Quadratkilometer und hat etwa 450 Staatsbürger. Papst Franziskus hat gezeigt, dass es auf Grösse, auf Zahlen, auf all das, womit der Mann im Weissen Haus protzt, nicht ankommt. Sondern auf die Worte und die Taten als Mensch.

Ja, ich weiss um die Probleme der katholischen Kirche. Die Missbrauchsskandale. Der verlogene Umgang mit Homosexualität. Der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt. Die Hierarchie. Wäre ich katholisch, würde ich damit hadern. Aber ich sehe die katholische Kirche von aussen, als interessierter Zuschauer. Als solchem fällt mir vor allem der symbolische Gehalt dieses Papstes auf. Ich betrachte diesen Papst also wie ein Schriftstück in einer Sprache, die ich nicht verstehe, wie eine persische Kalligraphie, die ich wunderschön finden kann, ohne zu wissen, ob es ein Liebesgedicht ist oder ein Todesurteil. So also gesehen ist dieser Papst der Armen und der Migranten das symbolische Gegenstück zu Donald Trump, dem protzenden Egomanen, dem nichts gross genug sein kann und der alles nur in Distanz zu sich selbst misst. Deshalb stimme ich dem «Perdimus Papam» von «Libération» zu: Wir haben den Papst der Armen verloren und wir werden ihn noch vermissen.

Und noch ein Todesfall hat mich diese Woche beschäftigt: der Tod von Peter von Matt. Ich habe bei ihm studiert und seine Bücher gelesen. Vor ein paar Jahren bin ich ihm zum letzten Mal begegnet, weil wir beide Teilnehmer einer Podiumsdiskussion waren. Ich glaube, es ging um Meinrad Inglin und die Schweiz. Ich habe an ihm bewundert, dass er seinen messerscharfen Intellekt nie zur Schau stellen musste. Wir nannten seine Vorlesungen damals, an der Universität Zürich, «Vorstellungen», aber es war gutmütiger Spott, denn Peter von Matt bestritt seine Vorlesungen als Vorstellungen mit grösster Selbstverständlichkeit und einer sprachlichen Eloquenz, die auch das abgelegenste Thema zum Genuss werden liess. Peter von Matt brauchte keine Superlative, schon gar nicht über sich selbst. Auch er war, so gesehen, ein Vertreter einer Gegenwelt zum protzenden Proleten im Weissen Haus. Ein müssiger Vergleich, ich weiss. Trotzdem: Papst Franziskus und Peter von Matt waren wichtige Gegenfiguren zu dieser Welt des Eigennutzes und der Grossmannssucht.

Ich sitze unter dem gleissenden Himmel Südfrankreichs und schaue in die Wolken. Wo die beiden jetzt wohl sind? «Der Himmel kennt keine Günstlinge» heisst ein Roman von Erich Maria Remarque. Wenn ich in das helle Blau schaue, bin ich mir da nicht so sicher.

Der Mistral treibt kleine, weisse Wolken vor sich her, eine Fächerpalme raschelt laut mit ihrem Blättern. Es gibt sicher viel mehr Bescheidenheit und Rechtschaffenheit, Klugheit und Ernsthaftigkeit auf der Welt, als wir gerade fürchten. Nur kommen sie ohne unsere Aufmerksamkeit aus. Weil sie nicht die Gunst der Menschen und der Medien suchen, sondern, allenfalls, die Gunst des Himmels.

In diesem Sinne grüsse ich Sie herzlich aus meinen Ferien in Südfrankreich – wo auch immer Sie gerade sind: Schauen Sie ab und zu in den Himmel.

Montagnac, 25. April 2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Ein Kommentar zu "Vielleicht kennt der Himmel doch Günstlinge"

  1. Meine alltägliche Himmelsleiter:
    Mit und in den Füssen den Boden spüren.
    Die Kraft der Erde durch den Körper strömen lassen. Sich im und mit dem Rückgrat aufrichten.
    Aufrecht und aufrichtig,
    wahrhaftig und wirklich da sein.
    Der Welt, wie sie ist, gewachsen sein und Stand halten.
    Den Kopf für das Licht des Himmels frei und offen halten.

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