Was James Bond besser wusste als alle Experten
In den letzten Tagen habe ich mir mal wieder einige alte James-Bond-Filme angeschaut: Netflix hat alle Filme digital restauriert verfügbar gemacht. Einige der alten Filme sind heute kaum mehr auszuhalten. Es dauert ewig, bis die Handlung in die Gänge kommt. Die Filme wimmeln nur so von Clichés und Bond ist aus heutiger Sicht in den frühen Streifen sexuell arg übergriffig. Spannend ist dagegen, wie die Filme sich die Technik der Zukunft vorstellen. Darunter rührende Inszenierungen des Weltraums und von angeblichen Superwaffen. Zum Schmunzeln haben mich erstaunlich präzise Vorwegnahmen gebracht, etwa vom Funktelefon und der Satellitennavigation im Auto. Und dann ist mir zweimal wirklich die Kinnlade runtergefallen: In einigen frühen Filmen finden sich Auseinandersetzungen mit Themen, die uns genau wie beschrieben heute beschäftigen. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass der olle Bond (respektive seine Drehbuchschreiber) die Zukunft so genau beschreiben konnten. Die Antwort ist spannend: Wenn es um die Zukunft geht, sind Logik und Expertenwissen, alles Extrapolieren und Prognostizieren, weniger nützlich als eine uralte Denkform, die tief in unseren Gehirnen verankert ist: das narrative Denken. Ich zeige Ihnen diese Woche, wie das geht, und habe Ihnen auf meiner Homepage auch ein kleines Denkwerkzeug dafür bereitgelegt.
Seit Mitte Januar hat Netflix alle 26 James-Bond-Filme im Programm. Bemerkenswert ist das, weil die Familie Broccoli die Rechte an der 007-Reihe an Amazon verkauft hat. Und Amazon ist ein scharfer Konkurrent von Netflix im Streaming-Business. Das scheint die beiden Unternehmen aber nicht davon abzuhalten, miteinander zu kooperieren. Die Zusammenarbeit hat aber Grenzen: Die Filme sind nur drei Monate lang verfügbar. Ich habe mich deshalb beeilt und mir einige der alten Bond-Filme mal wieder zu Gemüte geführt.
Mit gemischten Gefühlen: viele Szenen in den alten Filmen sind aus heutiger Sicht zum Fremdschämen peinlich oder gar abstossend. Vor allem in den Streifen mit Sean Connery und Roger Moore, also fast in der ganzen ersten Hälfte der Filmserie, ist mir aufgefallen, wie übergriffig sich Bond gegenüber Frauen verhält. Bond tritt da nicht als Verführer auf, er nimmt sich mit Gewalt, was ihm nicht gerade freiwillig in die Arme fällt. Bemerkenswert ist das, weil es zu der Zeit offensichtlich weder den Drehbuchautoren und der Regie noch dem Publikum aufgefallen ist.
Übermächtige Bösewichte
Interessant ist im Rückblick, wie früh sich die Serie vom simplen USA-Sowjetunion-Konflikt gelöst hat und auf übermächtige Unternehmer als Bösewichte gesetzt hat. Aufgefallen ist mir dabei vor allem der Bösewicht in «Moonraker». Nicht der zur Comic-Figur überzeichnete «Beisser» mit Zähnen aus Edelstahl, sondern Hugo Drax (Michael Lonsdale), Chef von Drax Industries in Kalifornien. Seine Firma baut die Space Shuttles. Drax hat eine Vision von der Besiedelung des Weltraums. Als ich den Film zum ersten Mal sah, schien mir die Idee arg übertrieben. Mittlerweile muss ich sagen: Dieser Hugo Drax erinnert stark an Elon Musk.
Wirklich die Kinnlade runtergefallen ist mir aber in zwei älteren Filmen. In «You Only Live Twice» aus dem Jahr 1967 mit Sean Connery entführt Bösewicht Blofeld die Raumkapseln der Sowjets und der Amerikaner mit einem speziellen Raumschiff, das die Kapseln quasi verschlucken kann. Vor allem aber: Dieses Raumschiff kehrt auf die Erde zurück und landet in einem erloschenen Krater. Es landet dabei senkrecht auf dem Raketenstrahl, genauso, wie das heute die Raketen von SpaceX machen.
Präzise Erfindung der Zukunft
Das zweite Beispiel stammt aus «The Man with the Golden Gun» aus dem Jahr 1974 mit Roger Moore: In diesem Film soll James Bond Informationen über den «Solex-Generator» sammeln. Dabei handelt es sich um den zentralen Baustein für die Erzeugung von Strom aus Solarenergie. Es ist eine Solarzelle mit einem sagenhaften Wirkungsgrad von 95 Prozent. An der Lagebesprechung in Hongkong stellt Bond-Chef «M» fest, dass diese Technik das Potenzial hätte, die Energiekrise zu beenden. Auch wenn sie heute anders aussehen, sind Solarzellen genau das: eine Lösung für die Energiekrise.
Die Drehbuchautoren haben also in diesen beiden Fällen die Zukunft recht genau vorhergesagt. Und das ohne lange Studien, technische Analysen oder Auswertungen von Daten. Das liegt nicht an James Bond, sondern an seinen Drehbuchautoren. Und es sind keine Zufälle. Es gibt eine ganze Reihe weiterer, verblüffender Beispiele für präzise Zukunftsvisionen in Romanen oder Filmen.
In «2001: A Space Odyssey» aus dem Jahr 1968 nutzen die Astronauten «Newspads», flache, elektronische Bildschirme, um Nachrichten von der Erde zu lesen. Der Film nahm damit die Entwicklung von Tablet-Computern und E-Books vorweg. Video-Telefonie, wie sie heute dank Zoom und FaceTime Alltag ist, war früh fester Bestandteil von Science-Fiction-Filmen. Schon in «Metropolis» von Fritz Lang sehen wir ein fest installiertes Bildtelefon an der Wand. Dieser Film stammt aus dem Jahr 1927!
Logik versagt, wenn es um die Zukunft geht
Wie kann es sein, dass Schriftsteller und Drehbuchautoren oft präzisere Vorstellungen von der Zukunft haben als Forscher und Wissenschaftler? Eine Antwort darauf gibt Jerome Bruner in seinem Buch «Actual Minds, Possible Worlds». Bruner sagt, es gebe zwei ganz unterschiedliche Arten zu denken.
Es gibt einerseits das logisch-wissenschaftliche Denken. Das ist die Welt der Zahlen, Daten und Fakten, wie wir sie aus Wissenschaft und Forschung, aber auch vom Arbeitsplatz mit Excel kennen. Dieses Denken arbeitet mit systematischen Beschreibungen und mit Logik. Bruner sagt deshalb, dieses Denken sei «herzlos»: Es ist unverzichtbar für die Wissenschaft, aber es versagt, wenn es um das Menschliche geht.
Die Stärke des narrativen Denkens
Doch daneben existiert ein weiteres Denken. Bruner nennt es das narrative Denken. Das ist unsere Fähigkeit, Geschichten zu konstruieren. Bruner sagt, wir konstruieren in unserem Kopf «mögliche Welten». Während es beim logisch-wissenschaftlichen Denken um Wahrheit geht, zielt eine Geschichte auf Lebensnähe und Glaubwürdigkeit. Im Zentrum einer Geschichte steht laut Bruner das, was die Beteiligten wissen, denken oder fühlen. Bruner konnte beweisen, dass diese narrative Fähigkeit tief in unserer Biologie verwurzelt ist.
Wenn es um die Zukunft geht oder darum, neue Ideen zu entwickeln, ist das logisch-wissenschaftliche Denken nicht wirklich hilfreich. Die Zukunft lässt sich nicht berechnen. Wirklich bahnbrechend sind gerade Erfindungen, die sich einer Wahrscheinlichkeitsrechnung entziehen. Die Zukunft, das ist eine «mögliche Welt». Dafür ist jene Art des Denkens nötig, das Jerome Bruner das «narrative Denken» nennt.
Ausserhalb von Schubladen und Schablonen
Helen Marshall, Kim Wilkins und Lisa Bennett haben das in «Story thinking for technology foresight» gezeigt. Sie sagen, die handwerklichen Fähigkeiten von Romanschriftstellern, also das Erschaffen von Welten, das Verständnis für emotionale Beweggründe und das Konstruieren von Konflikten, sind besser geeignet, um ein Bild der Zukunft zu entwerfen, als die kühle Logik von Wissenschaftlern oder Militärs.
Wer eine Geschichte erfindet, denkt sich eine «mögliche Welt» aus. Es ist ein Denken ausserhalb von Schubladen und Schablonen. In dieser erzählten Welt gelten vielleicht ganz andere Regeln und es gibt völlig andere Maschinen. Wir merken dennoch sofort, ob eine Geschichte plausibel ist oder nicht. Das ist sie, wenn sie emotional stimmig ist, wenn uns die Figuren und ihre Beweggründe überzeugen und wenn wir uns mit einer der Figuren identifizieren können.
Denken Sie sich einen Film aus
Vielleicht können wir ja genau dieses Denken auf uns selbst anwenden? Schliesslich spielt jeder Mensch in wenigstens einer Geschichte immer die Hauptrolle: in seinem eigenen Leben. Versetzen wir uns also in die Rolle eines Drehbuchautors. Die Aufgabe: ein Film-Script skizzieren. Die Hauptfigur: Sie. Zeit der Handlung: von jetzt bis in zehn Jahren. Was lassen Sie sich einfallen, damit die Geschichte gut wird?
Das ist narratives Denken. Es geht also nicht darum, aufzuschreiben, was wahrscheinlich passieren wird, sondern darum, eine glaubwürdige Geschichte zu erfinden, die Sie nicht nur gerne lesen würden, sondern in der Sie auch gerne die Hauptrolle übernehmen.
Mein kleines Denkwerkzeug für Sie
Das ist nicht einfach, ich weiss. Ich habe Ihnen deshalb auf meiner Homepage ein kleines Denkwerkzeug zur Unterstützung bereitgelegt: ein PDF mit dem «Erzählrezept» von sieben bekannten Autorinnen und Autoren. Alle sieben haben je eine eigene Methode, Geschichten zu Ende zu denken. Nutzen Sie diese Rezepte als Denkwerkzeuge für Ihre eigene Situation.
Für Friedrich Dürrenmatt galt zum Beispiel die Regel: «Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.» Fragen Sie sich also, was das Schlimmste sein könnte, das in Ihrer Situation passieren könnte.
Das Rezept von Astrid Lindgren, der Erfinderin von Pippi Langstrumpf, den Brüdern Löwenherz und Ronja Räubertochter, lautet: «Alle Menschen sollten ihre Kindheit von Anfang bis Ende mit sich tragen.» Fragen Sie sich also, was dieses Kind in Ihnen wollen würde, dieses innere Kind, das noch nicht gelernt hat, was «unmöglich» bedeutet?
Weitere Erzählprinzipien, unter anderem von Jack London und J.K. Rowling, finden Sie auf meinem Merkblatt zum narrativen Denken auf meiner Homepage.
Kuss und Klappe
Es ist gar nicht so einfach, eine schlüssige Geschichte zu erzählen. Ihr Vorteil bei dieser Übung: Sie kennen die Hauptfigur sehr gut und Sie wissen auch, wer diese Rolle spielt. Das ist beim nächsten James Bond noch nicht klar. Aaron Taylor-Johnson soll ein heisser Kandidat dafür sein, als siebter Darsteller in die Schuhe von 007 zu treten. Es dürfte nicht einfach werden, eine Bond-Geschichte zu erfinden, die nicht durch die gegenwärtige Realität gleich wieder in den Schatten gestellt wird.
Eines können wir uns dabei von den vielen Bond-Filmen für unsere eigenen Geschichten abschauen: In den Armen eines geliebten Menschen ist jedes Ende ein Happy End.
Basel, 27.02.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
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Quellen:
Bruner, Jerome Seymour (1986): Actual minds, possible worlds, Cambridge, Mass. London 1986.
Marshall, Helen; Wilkins, Kim; Bennett, Lisa (2023): Story thinking for technology foresight, in: Futures, 146, 2023, S. 103098, https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0016328723000034 [27.02.2026].
Schwarz, Jan Oliver (2015): The ‘Narrative Turn’ in developing foresight: Assessing how cultural products can assist organisations in detecting trends, in: Technological Forecasting and Social Change, 90, 2015, S. 510–513, https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0040162514000882 [27.02.2026].
4 Kommentare zu "Was James Bond besser wusste als alle Experten"

Denkwerkzeuge müssen nicht unbedingt grosse literarische Absender haben. Ich habe da meine eigenen: Mit welchem Gedanken will ich Abends schlafen gehen? Was sagt mein höheres Selbst? Ist das mein Wille oder werde ich fremdgeleitet? Bin ich verbunden mit der geistigen Welt? Handle ich mit dem Herzen? Je nach Situation ergeben sich neue Fragen, wenn man in sich hineinhört.
* * *
Bond mag ich auch nicht mehr. Und Bezahl-Netflix schon gar nicht. Die ehem. Vorabendspässchen Serie „Die 2″mit Danny Wilde (Tony Curtis), dem flapsig-amerikanische Geschäftsmann, der sich aus den Strassen der Bronx hochgearbeitet hat und der eher zurückhaltend-britische Lord Brett Sinclair (Roger Moore) mit seiner adeliger Abstammung haben Aufträge vom pensionierten Richters Fulton (Laurence Naismith) oder geraten von selbst in unterhaltende Situationen. Ich empfinde die kurze+ kompakte Fernseh-Vorabend-Serie „Die 2“ als James „Bond für kleine Leute“ + eine interessante Alternative welche heute für uns alle frei auf You-Tube zu sehen ist. Die deutsche Synchronisierung ist zudem witziger und besser als das Original – das stimmten sogar ‚die 2‘ Hauptdarsteller zu.
„Die 2“ – alles ohne versteckte politische Botschaften und ideologiefrei am Fernsehen – damals zahlte man noch jauchzend seine TV-Zwangs-Gebühren ein….
Die Welt, wie sie ist, verstehe ich als eine von vielen möglichen Wirklichkeiten. Die bestehende Welt nehme ich von Gier, Herrsch- und Vergnügungssucht sowie von Zerstörungswut geprägt wahr. Ich bin ein Teil dieser Welt und engagiere mich für und mit Projekten, die in unserer Welt für eine andere Welt unterwegs sind: dies ist mein Narrativ.
In meinem Buch über die Entwicklung der Kommunikation habe ich folgende interessante Passage geschrieben:
In Erich Kästners Kinderbuch «Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee», das 1932 erschien, kam ein Mobiltelefon vor: «Ein Herr, der vor ihnen auf dem Trottoir langfuhr, trat plötzlich aufs Pflaster, zog einen Telefonhörer aus der Manteltasche, sprach eine Nummer hinein und rief: ‚Gertrud, hör mal, ich komme heute eine Stunde später zum Mittagessen. Ich will vorher noch ins Laboratorium. Wiedersehen, Schatz!‘ Dann steckte er sein Taschentelefon wieder weg, trat aufs laufende Band, las in einem Buch und fuhr seiner Wege.»
Das Thema ist sehr schön bunt, das „Handy“ bei Erich Kästner eine tolle Beobachtung! Mir fällt Louis de Funès (1914-1983) ein, der in einigen Filmen ebenfalls damals futuristische Elemente verwendet hat: Das eindrückliche „Wissenschaftszentrum“ im zweiten Fantomas-Film (1965); das „UFO“ in der „Begegnung mit den Ausserirdischen“ (1979), die eigentlich aus Blech sind und nach Kontakt mit Wasser jämmerlich zugrunde gehen; die Rakete, die die vorwitzigen Schüler in „Balduin, der Schrecken von St. Tropez“ (1970) sogar starten können… Im Unterschied zu Kästners „Handy“ war die Raumfahrt zu Funès‘ Zeiten gewissermassen schon Wirklichkeit – er hat in seinen Filmen mit allen möglichen Gadgets gespielt, ich denke: einfach die „Realität“ verwendet.