Fragen Sie richtig? Fragen Sie gut?
Im Herbst 1990 hielt Bill Gates, der Gründer und damalige Chef von Microsoft, an der Computermesse Comdex eine Rede. Er beschrieb die Vision einer vernetzten Welt mit sofortigem Zugriff auf alle Informationen. Bill Gates sprach von «Information At Your Fingertips», also von Information auf Knopfdruck. 1990 war das eine kühne Vision. Ein durchschnittlicher PC hatte damals eine Festplatte mit 40 MB Speicherplatz, ein Diskettenlaufwerk und arbeitete unter DOS und Windows. Heute lächeln wir über die Rede von Bill Gates. Heute müssen wir nicht einmal mehr einen Knopf drücken, um eine Information zu erhalten. Es genügt, den Computer zu fragen. Die KI weiss immer eine Antwort. Etwa alle zwei Jahre verdoppelt sich die Informationsmenge, auf die wir über das Internet Zugriff haben. Nur schon der Arbeitsspeicher eines Mobiltelefons ist heute grösser als die Festplatte, die 1990 in einem Computer steckte. «Information At Your Fingertips» ist Realität geworden: Wir erhalten jede Information auf Knopfdruck. Vorausgesetzt, wir wissen, was wir wissen wollen. Bei all dem Anhäufen von Daten und Informationen haben wir vergessen, dass es dabei auf die Frage ankommt. Ich frage deshalb zum Jahresbeginn: Fragen Sie richtig? Fragen Sie gut?
Die erste Heldengeschichte der Literatur handelt von einem jungen Mann, der zum kühnsten Ritter am Hof von König Artus wird. Im Epos von Wolfram von Eschenbach besiegt er die mächtigsten Feinde, kämpft wie kein anderer Ritter seiner Zeit und versagt dennoch, als er König Anfortas begegnet, dem Hüter des heiligen Grals: Er fragt den kranken König nicht, warum er leidet. Im Zentrum der wichtigsten literarischen Heldengeschichte steht also eine Frage. Bei seiner ersten Begegnung mit Anfortas verpasst es Parzival, die Frage zu stellen, auf die es ankommt: waz wirret dir? Also: Was quält dich? All die Kämpfe und die Siege, die Parzival errungen hat, zählen nichts, weil Parzival diese entscheidende Frage nicht stellt.
Fragen spielen in vielen Geschichten eine zentrale Rolle. Nathan der Weise entwickelt im gleichnamigen Stück von Lessing die Ringparabel, weil Sultan Saladin ihm eine Frage stellt, die er nicht beantworten kann. Die Frage lautet: «Welche Religion ist mir die wahre?» Nathan weicht einer direkten Antwort aus, indem er die berühmte Ringparabel erzählt. Auch bei Goethe ist die wichtigste Frage in seinem Werk die Frage nach der Religion: Gretchen fragt Faust «Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?» Es ist die zentrale Frage im Stück. Sie berührt den Kern der Sache und prompt weicht Faust der Antwort aus. Dieses Muster ist zur sprichwörtlichen «Gretchenfrage» geworden.
Alle Fragen offen
Im 20. Jahrhundert wird die Sache mit der Frage etwas vertrackter. Bertolt Brecht stellt im Epilog von «Der gute Mensch von Sezuan» 1943 fest: «Der Vorhang zu und alle Fragen offen.» Der Satz wird fast schon zum Motto unserer Gegenwart. Im Werk von Bertolt Brecht gibt es, anders als im «Parzival» von Wolfram von Eschenbach, keine Antwort mehr. Das Publikum muss seine Antwort selber finden. Ganz ins Absurde dreht Douglas Adams die Frage nach der Frage im «Hitchhikers Guide to the Galaxy». Ein Supercomputer errechnet 7,5 Millionen Jahre lang die Antwort auf die Frage aller Fragen und kommt tatsächlich auf ein Resultat. Es lautet «42». Ein Resultat, das als Antwort nutzlos ist, weil niemand die Frage kennt. Douglas Adams ironisiert also das Parzival-Motiv: Wir haben Antworten im Überfluss, wissen aber nicht mehr, wonach wir eigentlich fragen sollen.
An genau diesem Punkt stehen wir heute: Wir haben «Informations At Your Fingertips», Antworten auf Knopfdruck, auf Zuruf und manchmal auch ohne unser Zutun. Leider haben wir vergessen, dass es dabei auf die Frage ankommt. Auf die gute Frage.
Falsche Fragen
Nicht jede Frage ist eine gute Frage. Falsche Fragen zum Beispiel haben sich nur als Frage verkleidet. Etwa: «Hast du dein Zimmer wieder nicht aufgeräumt?» Diese Frage ist eigentlich ein Vorwurf. Oder: «Möchtest du das Fenster öffnen?» Das ist eine Aufforderung, die sich als Frage tarnt.
Dann gibt es Fragen, die nicht gestellt werden, weil der Fragende die Antwort nicht kennt, sondern umgekehrt: weil der Befragte vermutlich die Antwort nicht kennt. Das ist die Art Fragen, die wir aus der Schule gut kennen. Etwa, wenn mich die Französischlehrerin im Unterricht fragte: «Matthias, was heisst Eichhörnchen auf Französisch?» Sie stellte mir diese Frage nicht, weil sie die Antwort nicht kannte, sondern weil sie davon ausging, dass ich nicht wusste, dass die Antwort «Écureuil» war. Ich habe ihr einmal geantwortet, dass sie das als Französischlehrerin doch wissen müsste. Es kam nicht sehr gut an.
Manipulierende Suggestivfragen
Auch in der Politik gibt es Fragen, die keine sind. Suggestivfragen beinhalten die Antwort bereits in der Frage. Wenn ein Politiker fragt: «Sie sind doch auch der Meinung, dass die Armee die nötigen Mittel braucht, um unser Land schützen zu können, oder?», dann ist das Ziel der Frage die Manipulation der Meinung. Vollends gemacht ist die Meinung bei einer rhetorischen Frage: Da wird ein Gemeinplatz mit einem Fragezeichen versehen. Etwa: «Wer möchte schon sein Land verlieren?»
Das alles sind falsche Fragen. Echte Fragen dienen dazu, eine Lücke zu schliessen. Im einfachsten Fall kann die Frage mit «ja» oder «nein» beantwortet werden. Etwa: «Hast Du Parzival gelesen?» Oder: «Hast Du Dein Zimmer aufgeräumt?» Ja-Nein-Fragen sind geschlossene Fragen. Sie haben einen klaren Zweck und sind eindeutig formuliert. Auch sie sind nicht besonders interessant.
Wie Sie gute Fragen stellen
Gute Fragen sind offene Fragen. Sie beginnen oft mit einem W-Wort. Im Journalismus kennen wir die sieben W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Wozu? Solche Fragen stelle ich, weil ich die Antwort nicht kenne. Ich habe also eine Wissenslücke, die ich schliessen möchte.
Das setzt drei wichtige Dinge voraus:
- Ich habe die Wissenslücke bemerkt. Das ist gar nicht so trivial. Damit Sie eine Lücke bemerken, muss es darum herum schon Wissen haben. Wer weiss, was er nicht weiss, weiss schon ganz schön viel.
- Ich stehe zur Lücke. Wer fragt, gibt zu, dass er eine Wissenslücke hat und exponiert sich damit. Das braucht manchmal Mut.
- Ich möchte die Lücke füllen. Anders gesagt: Ich bin neugierig oder wissensdurstig. Ich will es wissen – und bin bereit, die Antwort anzunehmen.
Die drei Punkte machen auch klar: Wer fragen will, braucht Bildung. Die beste Antwort nützt mir nichts, wenn ich sie nicht verstehe. Vor allem aber muss ich eine Frage formulieren können. Dafür brauche ich zum Beispiel den richtigen Wortschatz. Und das heisst: ich sollte nicht nur die Wörter kennen, sondern auch verstehen, was sie meinen.
Verstehen Sie Fussball?
«Information At Your Fingertips» bringt nichts, wenn man die Information nicht versteht. Natürlich sind Google, Wikipedia und die KI eine grosse Hilfe, wenn ich etwas wissen will. Aber verstehen Sie, was Cricket ist, wenn Sie lesen, dass es sich dabei um ein «taktisches Schlagballspiel mit Schläger und Ball» handelt, das «von zwei Teams mit je elf Spielern auf einem ovalen Feld gespielt wird»?
Nehmen wir die KI-Definition von Fussball: «Fussball ist eine weltweit beliebte Mannschaftssportart, bei der zwei Teams mit je elf Spielern versuchen, einen Ball ins gegnerische Tor zu schiessen, um mehr Tore zu erzielen als der Gegner und das Spiel zu gewinnen.» Fein. Verstehen Sie jetzt den FC Basel oder den FC Liverpool? Wenn es um die Wissenslücke herum kaum Wissen hat, nützt Ihnen die beste Antwort wenig.
Die schwierigen Kinderfragen
Wir leben im Informationszeitalter. Aber Informationen sind noch nicht Wissen – und vom Wissen zum Verständnis ist es ein weiter Weg. Es ist ein Weg voller Fragen. Wenn wir sie denn stellen. Denn vor lauter Daten und Informationen merken wir gar nicht mehr, wie gross unsere Wissenslücken sind.
Oft sind es Kinder, die uns mit ihren Fragen unsere eigenen Wissenslücken vor Augen führen. Papa, warum leuchtet eine Lampe? Wie überleben die Vögel, wenn es so kalt ist? Warum muss ich trinken? Wo bin ich, wenn ich schlafe? Was passiert, wenn ich nicht mehr erwache? Das sind gute Fragen.
Ich glaube, wir haben Bildung zu stark auf Antworten ausgerichtet, zu stark auf Information und Wissen. Ich glaube, wir sollten Schule und Bildung auf Fragen ausrichten. Wir sollten alle lernen, Fragen zu stellen. Richtige Fragen.
Warum Sokrates weiss, dass er nichts weiss
Sokrates war bekannt dafür, dass er den Menschen auf der Strasse Fragen stellte. Er ging seinen Zeitgenossen damit ganz gehörig auf die Nerven. Seine Fragen waren unbequem, weil er so lange fragte, bis sein Gesprächspartner sich in Widersprüche verhedderte. Sokrates zeigte damit, dass vieles von dem, was wir zu wissen glauben, nur eingebildetes Wissen ist. Er sagt selbst: Ich weiss, dass ich nichts weiss.
Er meinte damit: Ich bin mir (im Gegensatz zu anderen) bewusst, dass mein Wissen vorläufig und unvollständig ist. Deshalb stellt er Fragen. Wer glaubt, schon alles zu wissen, stellt keine Fragen mehr. Weil Sokrates sein Unwissen akzeptiert, nimmt er die Haltung eines Suchenden ein. Und stellt Fragen.
Wie geht das? Wie können wir uns, wie Sokrates, die Welt mit Fragen erschliessen? Ich glaube, es geht dabei konkret um drei Fragen:
- Wo ist meine Wissenslücke? Was weiss ich nicht?
- Wie frage ich danach? Was brauche ich, um meine Frage zu stellen?
- Was mache ich mit dem Wissen? Bin ich bereit für die Antwort?
Bildung für das 21. Jahrhundert könnte darin bestehen, uns auf diese Fragen vorzubereiten.
Die wichtigste aller Fragen
Ein Manko haben die drei Fragen: Sie fokussieren auf den Fragenden, es geht um seine Wissenslücke. Die wichtigste Frage dreht den Fokus um. Es ist die Frage, die Parzival Gralskönig Anfortas stellen muss: Was quält dich? Also: Wie geht es Dir?
Bei dieser Frage steht nicht mehr der Fragende und seine Wissenslücke im Zentrum. Bei der Parzival-Frage geht es nicht um die Antwort. Es geht nicht darum, Informationen über den Gesundheitszustand des Gegenübers zu erlangen. Die Frage dient der Zuwendung zum Anderen. Sie signalisiert: Ich sehe dich und du kümmerst mich. Es geht mir nicht um mich, es geht um dich.
Auch in der Informationsgesellschaft und im Wissenszeitalter ist deshalb die wichtigste Frage eine Frage, bei der es nicht auf die Antwort ankommt, sondern auf die Frage: Wie geht es Dir?
Basel, 02.01.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
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Quellen:
Adams, Douglas (1994): The more than complete hitchhiker’s guide: complete & unabridged, Omnibus ed, New York, Avenel, N.J. 1994.
Brecht, Bertolt; Jeske, Wolfgang (2025): Der gute Mensch von Sezuan, 19. Auflage, Frankfurt am Main 2025 Suhrkamp BasisBibliothek Text und Kommentar 25.
Goethe, Johann Wolfgang von; Schöne, Albrecht; Steinmetz, Ralf-Henning (2014): Faust: eine Tragödie ; (Faust I) ; [Text und Kommentar], 5. Aufl, Frankfurt am Main 2014 Suhrkamp-BasisBibliothek 107.
Lessing, Gotthold Ephraim; Düffel, Peter von (2015): Nathan der Weise: ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen, Durchges. Ausg. 2000, [Nachdr.], Stuttgart 2015 Reclams Universal-Bibliothek Nr. 3.
Wolfram (2010): Parzival, Ditzingen 2010 Reclams Universalbibliothek 3682.
COMDEX/Fall ’90 – Bill Gates: Information At Your Fingertips (60FPS), 2024, https://www.youtube.com/watch?v=dPPV0t_T4fA [02.01.2026].
