Video-Buchtipp
Letzter Tipp: Abschied(e)
Vielleicht ist die Liebe so
Sicher kennen Sie «Den Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt, das Theaterstück über die steinreiche Claire Zachanassian, die dem Städtchen Güllen ein unmoralisches Angebot macht – und damit das ganze Dorf durcheinanderbringt. Das Buch, das ich Ihnen diese Woche empfehlen möchte, könnte man als Gegenstück dazu verstehen: Es erzählt vom Abschied einer alten Dame. Einer alten Dame, die ihr eigenes Ableben plant und damit ihre Freunde und vor allem ihre Tochter Anja vor den Kopf stösst. Dass Mama einmal das Zeitliche segnen wird, das ist Anja klar. Auch dass das nicht mehr allzu lange dauern wird. Warum also ändert die Ankündigung alles? «Ein Tod, für den man einen Termin festsetzt, ist nicht vorstellbar», sagt Tochter Anja. Aber hat nicht jedes Leben ein Ablaufdatum? In meinem 290. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum dieses Buch trotz des auf den ersten Blick düsteren Themas wirklich gute Unterhaltung bietet – auch wenn das Lachen manchmal schmerzt im Hals.
Thema des Romans von Katja Früh ist ein freiwilliger (und deshalb angekündigter) Abschied aus dem Leben. In der Schweiz ist das umstritten, aber möglich. Es gibt Organisationen, die Interessierte dabei begleiten und dabei auch eine genaue Prüfung vornehmen. Vorab dazu zwei wichtige Punkte: Wir reden hier über Literatur. Katja Früh hat einen wunderbar unterhaltenden Roman geschrieben und spitzt das Thema zuweilen sarkastisch zu. Das ist also kein Bericht über die Realität und schon gar keine Anleitung. So wenig eine Geschichte über den Drachenreiter die Leserinnen und Leser dazu anregen sollte, Ungeheuer zu besteigen, sollte dieses Buch Anregungen geben, sich ein Ablebedatum zu setzen. Es ist vielmehr ein Roman darüber, was das Leben lebenswert macht.
Das liegt in erster Linie an Anja, durch deren Augen wir die Geschichte erleben. Sie kann mit dem Wunsch ihrer Mutter überhaupt nicht umgehen. Vor allem weiss sie nicht, wie sie reagieren soll. Muss sie ihre Mutter und damit auch der Wunsch ernst nehmen? Soll sie versuchen, die ganze Sache der Mutter auszureden? Was soll sie als gute Tochter, die sie ist und sein will, ums Himmels willen tun? Das Problem dabei ist: Die Mutter weiss genau, welche Knöpfe sie bei Anja drücken muss. Sie beherrscht ihre Tochter förmlich. Nicht bloss direkt im Befehlston, sondern mit diesen indirekten Sätzen, gegen die man sich kaum wehren kann. Aber lesen Sie selbst, was Anja berichtet.
Ich erstarre. Sage nichts. Glaube ihr nicht, kein einziges Wort. Sie jedoch redet wie ein Wasserfall. Wie sie alles organisiert hat. Und wie die Leute von der Sterbehilfe endlich grünes Licht gegeben haben. Sie freut sich darüber. «Ich möchte natürlich, dass du dabei bist. Ich weiß, das ist sicher ein Opfer für dich, aber so viel hast du ja auch nicht für mich getan, dass ich das jetzt nicht von dir erwarten dürfte. Wenn du bedenkst, dass ich dir ja nicht mehr zur Last fallen werde, später, ist das ja noch das Geringste. Du wirst mich nie pflegen müssen, wie andere Kinder das ja gerne für ihre Eltern tun, aber bei dir kann ich mir das nicht vorstellen, denn dieses Gen hast du ja irgendwie nicht, dieses Liebes-Gen. Da kannst du nichts dafür, ich weiß, aber es war ja schon so, als du noch klein warst, du hast mich immer abgelehnt, egoistisch warst du, nicht einmal stillen konnte ich dich. Ich brauche übrigens noch etwas Schönes zum Anziehen. Ich denke, das Ganze findet auf der Chaiselongue im Wohnzimmer statt, im Bett fände ich es zu unelegant. Irgendeine Art Morgenrock, aber nicht mein alter, Seide am liebsten. Du könntest ja mal in der Stadt schauen, ob du so was findest. Altrosa fände ich schön.»
Ich möchte etwas sagen, komme aber nicht dazwischen, ich möchte sie stoppen, weiß nicht wie, ich kann doch jetzt nicht einfach sagen «hellblau fände ich schöner». (Seite 8f.)
Sich vernünftig zu verhalten ist umso schwieriger, als die Mutter sich in ihre eigene Logik hineinsteigert. Das beste Beispiel dafür ist Anton. Das ist ihr Hund. Die Mutter liebt ihren Hund abgöttisch und macht sich deshalb Sorgen, was mit dem Hund passiert, wenn sie nicht mehr da ist. Ergo verlangt sie von Tochter Anja, dass die den Anton jetzt und sofort umbringt. Die Mutter findet:
«Das ist … das Wichtigste, das muss geschehen. Er kann nicht weiterleben, wenn ich tot bin. Das würde ihn umbringen.» (Seite 52)
Eine herrlich verquere Logik. Dann will die Mutter ein schönes Kleid kaufen. Natürlich soll Anja sie begleiten – und möchte dabei in den Boden versinken.
Meine Mutter dreht sich zu der verunsicherten Verkäuferin. «Also, meine Liebe: Ich brauche ein Kleid für den Sarg. Ich liege im Sarg und will dabei nicht aussehen wie eine Hausfrau aus Buxtehude. Verstanden? Natürlich können Sie jetzt sagen, für diesen einen Tag, an dem Sie im Sarg herumliegen, lohnt sich kein Valentino-Kleid, weil Sie nachher sowieso verbrannt werden, mit dem Kleid. Aber in Valentino verbrannt zu werden, ist sicher ein anderes Gefühl.» (Seite 55)
Das muss wohl so sein. Anja dreht fast durch dabei und greift gerne einmal mehr in die Schachtel mit dem Valium. Ihr Psychiater hat ihr das in Notfällen erlaubt. Und die Sache mit ihrer Mutter ist ein Notfall. Wenigstens für Anja. Eigentlich ist Anja Schauspielerin. Ihre Mutter war ja so stolz auf sie. Doch sie konnte sich in Deutschland nicht wirklich durchsetzen und dann kam es in einem Hotelzimmer zu einem «Vorfall» mit einem bekannten Regisseur. Für Anja war es eine versuchte Vergewaltigung, die Mutter findet, sie sei zu zimperlich. Jetzt arbeitet Anja in der Schweiz in einer Bar. Da findet sie, was anderen ihre Familie gibt: Geborgenheit und Zuflucht. Zum Beispiel bei Mike, dem Inhaber der Bar.
«Irreal ist es schon», sagt Mike, «man kann es nicht richtig fassen, nicht glauben, obwohl ich ja finde, jeder Mensch sollte das Recht haben auf seinen eigenen Tod, wie es eben für ihn passt.»
«Das finde ich nicht», sage ich voll Widerwillen. «Ich glaube, dass hinter dieser Art von Tod immer eine tiefe Verzweiflung steckt.»
«Verzweifelt wirkt deine Mutter aber nicht», sagt Mike, «überhaupt nicht.»
«Sie ist stolz, und sie hat Stil, beziehungsweise sie spielt jemanden, der stolz ist und Stil hat, das ist das Wichtigste für sie. Das ist vielleicht überhaupt der Grund, auf diese Weise aus dem Leben zu gehen, sie hält das für elegant. Aber irgendwo in ihr drinnen sieht es ganz anders aus, davon bin ich überzeugt.» Ich habe mich in Rage geredet, und Mike hat zwar konzentriert zugehört, aber es ist klar, dass meine Mutter ihn beeindruckt, wie eben richtige Diven schwule Männer beeindrucken. (Seite 106)
Das ist der Punkt: Die Mutter ist stolz und sie hat Stil. Und sie will im Zentrum stehen und ihren Abgang mit grösstmöglichem Effekt inszenieren. Dass es ihr dabei mehr um die Inszenierung geht als um den Abgang, zeigt sich deutlich, als sie umkippt, weil sie zu wenig gegessen hat, und notfallmässig ins Krankenhaus eingeliefert wird. Als Anja hört, was geschehen ist, eilt sie natürlich sofort ins Krankenhaus. Da schimpft ihre Mutter wie ein Rohrspatz:
«Na endlich! Ich hätte sterben können! Und du hättest es nicht einmal gemerkt! Das war richtig schlimm gestern Nacht. Ich musste den Notarzt rufen, und wenn der nicht gekommen wäre … Für dich ist es natürlich nicht schlimm, wenn ich plötzlich weg wäre, das weiß ich schon lange …» Meine Mutter deckt mich weiter mit Vorwürfen ein, ich versuche, möglichst wenig davon an mich rankommen zu lassen, die Situation verwirrt mich. Will sie nun sterben oder nicht, und wäre das hier nicht eine gute Gelegenheit gewesen, nüchtern betrachtet? (Seite 178)
Natürlich nicht. Der Mutter geht es ja um die Inszenierung beim Abgang. Wenn sie schon gehen muss, dann mit Stil und einem Tusch. Denn Gehen will sie, das macht sie bei jeder Gelegenheit klar. Einmal sagt sie:
«… eine alte Frau zu sein ist die schlechteste Art zu altern überhaupt. Was ist eine alte Frau schon wert? Nichts und nochmals nichts. Eine alte Frau wird nicht mehr gesehen und schon gar nicht bewundert, und das ist natürlich in meinem Fall besonders schmerzlich, weil ich so viel davon hatte, weiß Gott, aber plötzlich ist das alles weg, und es bleibt dir nichts anderes übrig, als eine Last zu werden für deine Umgebung, für deine Tochter, die dir das auch deutlich zu verstehen gibt, gerade, wo du sie besonders brauchst.» (213f.)
«… eine alte Frau zu sein ist die schlechteste Art zu altern überhaupt.» Es sind solche Sätze, die das Buch zum Lesevergnügen machen – und die einem dabei immer auch etwas im Hals stecken bleiben. Denn eigentlich hat die Frau Mama ja recht. Alt werden ist kein Zuckerschlecken, für eine elegante Frau schon gar nicht.
Und doch geht es natürlich auch ganz anders. Etwa zu der Zeit, als ich diesen Satz las, ist in Frankreich Brigitte Bardot gestorben. Eine der grössten Diven Europas, die es aber verstand, alt zu werden. Nicht elegant, ich weiss auch nicht, ob «würdig» das richtige Wort ist, aber sicher eigensinnig und selbstbestimmt.
Das ist die Frage, die dieses intelligente Buch stellt: Was ist ein gutes, ein selbstbestimmtes Leben? Der Kontrast zwischen Mutter und Tochter könnte nicht grösser sein: Für die Mutter meint ein gutes Leben, im Zentrum zu stehen und bestimmen zu können. Über sich, aber eben auch über die Tochter. Anja möchte umgekehrt im Leben einiges richtig machen, lässt sich dafür aber zu sehr von anderen bestimmen. Von ihrer Mutter, aber auch von Carlos, ihrer On-Off-Beziehung. Der kennt auch nur einen Menschen in seinem Leben: sich selbst. Er instrumentalisiert und manipuliert Anja. Bis Anja endlich zum Leben findet. Mehr sei hier nicht verraten.
Zum Schluss noch dies: Autorin Katja Früh hat jahrelang sehr erfolgreich als Drehbuchautorin und Regisseurin fürs Fernsehen gearbeitet. «Vielleicht ist die Liebe so» ist ihr erster Roman. Katja Früh ist 1953 in Zürich geboren. Sie wird also in diesem Jahr 73 Jahre alt. Sie liefert mit ihrem Werk also den besten Beweis dafür, dass eine ältere Dame zu sein keineswegs die schlechteste Art zu altern überhaupt sein muss.
Katja Früh: Vielleicht ist die Liebe so. Diogenes, 304 Seiten, 34 Franken; ISBN 978-3-257-07344-7
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257073447
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 29.01.2026, Matthias Zehnder
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