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Letzter Tipp: Vielleicht ist die Liebe so

Tod zur Teestunde

Publiziert am 5. Februar 2026 von Matthias Zehnder

Sicher kennen Sie einige der Kriminalromane von Agatha Christie. Der belgische Detektiv Hercule Poirot und die scharfsinnige Miss Marple sind neben Sherlock Holmes die wohl bekanntesten Ermittler im Krimi-Universum. Zu den Grundmotiven ihrer Geschichten gehört das herrschaftliche Haus, die habgierige aristokratische Familie, der Giftmord, das veränderte Testament, die Versammlung in der Bibliothek und natürlich der kluge Detektiv. Mit genau diesen Zutaten spielt Anthony Horowitz in seinem Roman: «Tod zur Teestunde» enthält einen Kriminalroman im Stil von Agatha Christie, der 1955 im Château Belmar in Südfrankreich spielt. Seine Hercule-Poirot-Figur heisst Atticus Pünd, natürlich muss er einen Giftmord aufklären. Anthony Horowitz bettet diesen Roman aber ein in eine Rahmenhandlung in der Gegenwart: Lektorin Susan Ryeland kehrt nach London zurück und soll einen neuen Atticus-Pünd-Roman redigieren. Alan Conway, der Erfinder des Detektivs, ist zwar gestorben, Verleger Michael Flynn hat jedoch Eliot Crace, einen jungen Autor, mit der Fortsetzung der Serie beauftragt. Also liest Susan das Manuskript: Lady Margaret Chalfont lädt Atticus Pünd in ihre Villa in Südfrankreich ein. Sie fürchtet um ihr Leben und wird tatsächlich vergiftet. Während Susan das Buch lektoriert, realisiert sie: Eliot hat den Mord an seiner eigenen Grossmutter Miriam Crace in den Roman eingewebt. Die Figuren im Buch sind verschlüsselte Familienmitglieder. Susan wird unfreiwillig zur Detektivin in einem realen Mordfall – und gerät in Gefahr. In meinem 291. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum diese verschachtelte Geschichte grösstes Lesevergnügen bereitet.

Wer ist bekannter: Sherlock Holmes oder Arthur Conan Doyle? James Bond oder Ian Fleming? Interessieren sich die Menschen also mehr für die Autoren oder für ihre Figuren? Für Verleger Michael Flynn ist der Fall klar: «Kein Mensch interessiert sich für Alan Conway, Atticus Pünd kommt sehr gut ohne ihn aus», erklärt er zu Beginn des Romans Lektorin Susan Ryeland. Sie weiss zunächst nicht recht, ob sie es eine gute Idee finden soll, dass nach dem Tod des Autors ein anderer Schriftsteller neue Geschichten über dessen Helden schreibt. Doch dann sagt sie sich:

Er hatte es ein bisschen schnöde formuliert, aber er hatte recht. Es ist erstaunlich, dass manche Figuren weit über ihre Autoren hinauswachsen, aber gerade die populäre Literatur ist voll von ihnen. Das war einer der Gründe, warum Conan Doyle sich entschlossen hat, Sherlock Holmes in die Reichenbachfälle zu schmeißen. Er hatte das Gefühl, dass seine wahren Talente von dem populären Privatdetektiv in den Schatten gestellt wurden. Sowohl A.A. Milne als auch sein Sohn Christopher Robin haben Pu den Bären gehasst, und Peter Pan hatte eine Spur hinterlassen, die von Leichen gepflastert war. Was haben Dracula, Mary Poppins, der Zauberer von Oz und Tarzan gemeinsam? Die halbe Welt kennt sie, aber nur die wenigsten kennen die Namen der Autoren, die sie erfunden haben. (Seite 19f.)

Es ist ein erstes, gutes Beispiel dafür, mit wieviel Ironie Anthony Horowitz sein Buch gespickt hat. In der Realität hat Horowitz selbst nämlich das Erbe von Ian Fleming angetreten und auf der Basis von nicht publiziertem Material drei James Bond-Roman geschrieben. Er wurde dafür von den Erben von Ian Fleming ausgewählt – weil er zuvor schon erfolgreich in die Fussstapfen von Arthur Conan Doyle getreten war und zwei neue Romane über Sherlock Holmes geschrieben hatte. Anthony Horowitz macht sich hier also über sich selbst lustig.

Aber zurück zur Geschichte. Lektorin Susan Ryeland kehrt nach Jahren auf Kreta nach London zurück. Ihr neuer Chef Michael Flynn beauftragt sie, einen Atticus-Pünd-Roman zu redigieren. Der Roman ist von Eliot Crace geschrieben worden, dem Enkel der weltberühmten Kinderbuchautorin Miriam Crace. Das ist die Rahmenhandlung.

Susan liest das Manuskript und wir lesen mit: Lady Margaret Chalfont lädt Atticus Pünd in ihre Villa in Südfrankreich ein, weil sie um ihr Leben fürchtet. Tatsächlich wird sie wenige Stunden vor dem Besuch von Atticus Pünd vergiftet. Dieser Teil des Buchs, also der Roman im Roman, ist in bester Agatha Christie-Manier geschrieben.

Das Sonnenlicht fiel durch die Doppelfenster des kleinen Salons, glitzerte auf dem Glas und Besteck. Die Tischdecke schimmerte blendend weiß. Sechs Personen saßen um den Esstisch, der aus dem 17. Jahrhundert und der Zeit von Ludwig XIV. stammte. Man konnte sich ohne Weiteres vorstellen, dass sie für ein klassisches Gemälde posierten, während vielleicht Vermeer oder Boucher mit dem Pinsel in der Hand vor einer Staffelei auf der anderen Seite der Türöffnung standen. Béatrice hatte den Kaffee und das noch warme Brot aus der Bäckerei serviert, dazu Honig (von den eigenen Bienen), Toast, Obst und Joghurt und sich dann lautlos zurückgezogen.
Elmer Waysmith hatte seinen üblichen Platz am Kopfende eingenommen, seinen Sohn Robert zu seiner Rechten. Judith Lyttleton – die Tochter von Lady Chalfont – saß auf der anderen Seite, neben ihrem Ehemann Harry Lyttleton. Lola Chalfont war mit ihrem achtjährigen Sohn Cedric hereingekommen, der aus dem Fenster starrte und übellaunig mit den Beinen baumelte.
Es war keine behagliche Szene. Es lagen deutliche, aber undefinierbare Spannungen in der Luft, als wären sie alle Figuren in einem Theaterstück, die sich ihrer Texte nicht sicher waren und darauf warteten, dass der Vorhang fiel, damit sie alle ihrer Wege gehen konnten. Aber für den Augenblick hielten sie sich an die Regieanweisungen, und jeder spielte seine Rolle, so gut er konnte. (Seite 64)

Die Passage könnte auch aus einem Roman von Agatha Christie stammen. Das Château Belmar in Südfrankreich imitiert den klassischen englischen Landsitz. Wie bei Agatha Christie kümmern sich wackere Dienstboten wie die Köchin Béatrice um eine arrogante, adelige Familie. Die Chalfonts treten auf, als wären sie Figuren in einem Theaterstück. Jede der Personen spielt eine klassische Rolle. Nicht nur die Kulisse, auch die Figuren nehmen sich aus wie Versatzstücke. Die noble, reiche Lady, ihr zweiter Ehemann, die missratenen Nachkommen – alles da.

Privatdetektiv Atticus Pünd und Frédéric Voltaire, Polizeibeamter der Sûreté, beginnen mit ihren Ermittlungen. Sie sprechen mit allen Familienmitgliedern, mit dem Personal und natürlich mit dem Anwalt der Familie. Jean Lambert, Rechtsanwalt mit einer Kanzlei in Saint-Paul-de-Vence, ist nämlich der erste, der vom Tod von Lady Chalfont hört. Wenige Minuten nachdem sie gestorben ist, fährt er zusammen mit seiner Assistentin in einem dunkelgrauen Citroën Traction Avant vor.

Vorn auf dem Beifahrersitz saß ein Mann in den Fünfzigern, glatzköpfig und ohne Lächeln, gekleidet in einen dunklen Anzug und eine schwarze Krawatte. Er sah ein bisschen aus wie ein Bestattungsunternehmer. Aber so war es nicht. Sein Name war Jean Lambert, und er war Anwalt – ein Advokat, wie die Franzosen sagen. Er arbeitete sowohl für Lady Chalfont als auch für ihren Ehemann. (Seite 89)

Lady Chalfont hat in einbestellt, weil sie ihr Testament ändern will. Doch der Advokat kommt zu spät. Dafür kommt es wenig später in der Bibliothek des Château Belmar zur klassischen Testamentseröffnung: Die ganze Familie ist versammelt, als der Advokat den letzten Willen von Lady Chalfont eröffnet. Detektiv Atticus Pünd und der Polizeibeamte schauen zu, wie sich die Familie danach in die Haare gerät.

Für den Geschmack von Lektorin Susan Ryeland kommt die Zusammenkunft in der Bibliothek zu früh in der Geschichte. Sie meldet sich nach der ersten Hälfte des eingebetteten Kriminalromans mit ihrer Kritik zu Wort. Susan kritisiert, dass die Testamentseröffnung zum Standardrepertoire gehöre, normalerweise aber als Höhepunkt des letzten Kapitels, nicht schon nach dem ersten Drittel. Sie findet es seltsam, dass der Roman mehrheitlich in Frankreich spielt, sie kritisiert einzelne Beschreibungen und Handlungsstränge. Und dann fällt ihr etwas auf: Eliots berühmte Grossmutter hatte in Marble Hall gewohnt. «Marble» und «Belmar» – das ist ein Anagramm: dieselben Buchstaben, andere Reihenfolge. Das Château Belmar ist Marble Hall. Während einer Besprechung mit Autor Eliot Crace bringt sie es zur Sprache:

«Sie haben also ein paar Tricks von Alan Conway übernommen», sagte ich. «Ist da noch etwas in Ihrem Roman versteckt, was ich wissen sollte?»
«Ich weiß gar nicht, was Sie meinen.»
«Nun ja, Ihre Großmutter hat in Marble Hall gewohnt. Ich habe mich gefragt, ob sie das Vorbild für Lady Chalfont war?»
«Wie kommen Sie darauf?»
«Miriam Crace ist an einem Herzanfall gestorben, und Margaret Chalfont hat auch ein Herzleiden. Außerdem haben sie dieselben Initialen: MC. Es geht mich ja nichts an, und ich will auch gar nicht in Ihrer Familiengeschichte herumwühlen. Aber Sie verstehen sicher, dass ich nach meinen Erfahrungen mit Alan Conway nicht besonders scharf auf ein solches Versteckspiel in einem Krimi bin.»
«Alan hat Anagramme benutzt?»
«Anagramme, Akrostichen und so weiter. Ich will nicht schon wieder davon anfangen, aber das war am Ende der Grund, warum Charles ihn von diesem Turm geschubst hat.»
«Werden Sie mich auch von einem Turm stoßen, Susan?» Er lächelte, als ob er mir zeigen wollte, dass er das als Witz gemeint hatte.
Ich beugte mich vor und sah ihm direkt in die Augen. «Sie sind ein sehr guter Schriftsteller, Eliot, und der erste Teil Ihres Buches gefällt mir sehr. Aber ich will nicht noch einmal so etwas durchmachen. Wenn Sie vor mir und Ihren Lesern Geheimnisse haben und böse Sachen zwischen den Zeilen verstecken, dann müssen Sie sich jemand anderen suchen, der ihr Buch lektoriert. Das Leben ist ohnehin schon so kurz.»
«Michael Flynn sagt, Sie seien die Beste.»
«Das ist sehr freundlich von ihm.»
«Er hat gesagt, Sie hätten Alan Conway zu einem Erfolg gemacht.»
«Alan Conway hat sich selbst zum Erfolg gemacht. Ich habe ihm nur geholfen.»
«Ich möchte, dass Sie mir auch helfen und an meinem Buch arbeiten. Ich werde über alles nachdenken, was Sie gesagt haben.»
«Schreiben Sie über Ihre Familie?», fragte ich.
Er griff nach seiner E-Zigarette und saugte den Dampf mit dem Nikotin ein. «Ich bin in Marble Hall aufgewachsen», sagte er schließlich. «Ich habe das Haus gehasst. Ja, Lady Chalfont ähnelt meiner Großmutter. Und mein Vater kommt auch in dem Buch vor. Man könnte sagen, dass ich Cedric bin. Aber übernimmt nicht jeder Autor Charakterzüge von Leuten, die er kennt, für seine Figuren?» (Seite 172)

Natürlich machen Autoren das. Agatha Christie war berüchtigt dafür. Eliot Crace hat aber nicht nur einzelne Figuren in seine Geschichte geschmuggelt. Während Susan das Buch lektoriert, erkennt sie: Eliot hat den Mord an seiner eigenen Grossmutter Miriam Crace in den Roman eingewebt. Die Figuren im Buch sind verschlüsselte Familienmitglieder. Indem sie das Manuskript liest, wird Susan unfreiwillig zur Detektivin in einem realen Mordfall. Mehr sei hier nicht verraten.

Anthony Horowitz hat mit seinem Roman keine Imitation eines Agatha-Christie-Krimis geschrieben, sondern eher eine Art liebevolle Dekonstruktion des Christie-Kosmos vorgelegt. Er zeigt, mit den Erklärungen von Lektorin Susan Ryeland sogar ganz explizit, wie die Plots von Agatha Christie funktionieren. Susan kritisiert durchaus zu Recht, dass die Elemente davon, das Testament, der Giftmord im noblen Landsitz, die adelige, aber innerlich verkommene Familie, Versatzstücke sind. Als Leserin, als Leser erleben wir beim Lesen des eingebetteten Romans aber, dass sie trotzdem gut funktionieren. Das ist die ironische Seite des Romans: Susan redigiert einen Text, der genau jene Klischees benutzt, die sie kritisiert. Wir Leserinnen und Leser konsumieren diese Klischees – und lieben sie. Wer «Magpie Murders» oder «Moonflower Murders» von Anthony Horowitz kennt, der erkennt seine Methode: Der Roman im Roman ist nie lediglich Fiktion. Aber «Tod zur Teestunde» treibt das Spiel noch weiter: Hier wird das Genre selbst zum Thema. Wenn nicht zum Tatort. Und Agatha Christie wird zur Mordwaffe.

Damit eignet sich der neue Roman von Anthony Horowitz perfekt für Agatha-Christie-Fans, die das goldene Zeitalter der Queen of Crime nicht nur lieben, sondern es auch verstehen wollen. Quasi am eigenen Leib.

Anthony Horowitz: Tod zur Teestunde. Insel Verlag, 572 Seiten, 35.90 Franken; ISBN 978-3-458-64515-3

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783458645153

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 05.02.2026, Matthias Zehnder

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