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Owen Meany mit flirrenden Nerven: «Sie wollen uns erzählen» von Birgit Birnbacher
Die Literatur liebt Aussenseiter. Ich denke etwa an Holden Caulfield: J.D. Salinger schildert in «The Catcher in the Rye» seine radikale Ablehnung der Verlogenheit der Erwachsenenwelt. Oder an Oskar Matzerath: Günther Grass lässt ihn in «Die Blechtrommel» als ewiges Kind aus der Perspektive von unten über die Welt der Erwachsenen berichten. Und natürlich an Owen Meany aus dem gleichnamigen Roman von John Irving, dessen Hommage an Oskar Matzerath. So spannend diese Aussenseiterfiguren sind, so schwierig ist es, im richtigen Leben ein Aussenseiter zu sein. Birgit Birnbacher zeigt das auf einfühlsame Weise in ihrem neuen Roman. Ihr Owen Meany heisst Oswald Haag, genannt «Oz». Er ist neun Jahre alt und hat ein starkes ADHS. Oz ist also neurodivergent. Er verfügt nicht über prophetischen Gaben wie Owen Meany, aber er ist extrem empathisch: Er hat ein starkes Gespür für die Regungen seiner Mitmenschen und eine charismatische Ausstrahlung. Gleichzeitig plagen ihn starke Schuldgefühle und Verlustängste. Ozzy hat eine wichtige Verbündete: seine Mutter Ann leidet ebenfalls unter einem ADHS. Sie ist oft impulsiv und sagt von sich selbst, dass sie ein «flirrendes Nervenkostüm» hat. Sie kämpft bedingungslos für ihren Sohn und beschützt ihn vor den normativen Zuschreibungen der Gesellschaft. Wie ihr Sohn ist sie hochintellegent, aber chronisch gestresst und fühlt sich von den Anforderungen des Alltags überfordert. In meinem 298. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum ich Ihnen dieses Buch nicht nur dieser Geschichte wegen empfehle.
Es ist manchmal zum Haare raufen, wenn die Wirklichkeit einfach nicht in die Schubladen passen will, die wir für sie bereitgelegt haben. Auch Ann verzweifelt daran. Annegret Haag ist Anfang 40 und arbeitet als Postdoc in der empirischen Sozialwissenschaft. Sie erforscht gerade, welche Voraussetzungen beeinflussen, ob Menschen einen Pflegeroboter nutzen oder nicht. Kollege Sällinger braucht dringend eine Interpretation der Daten, die er den Auftraggebern der Forschung vortragen kann. Leider steckt das, was Ann bräuchte, nicht wirklich in den Daten drin. Sie muss etwas aus den Daten herausholen, das nicht da ist. Das Modell, das Sällinger und sie entwickelt haben, gibt die Daten nicht her.
Die Forschungsfrage ist nicht leicht, aber vielleicht waren auch die Annahmen von Ann und Sällinger falsch. Vor allem die Daten aus der Schweiz machen ihr Probleme. Und da ganz besonders die Daten aus der französischsprachigen Schweiz:
Die französischsprachige Schweiz vielleicht einfach löschen, denkt Ann. Oder gleich die ganze Schweiz. Immer wenn sie das Modell um die Schweiz bereinigt, sind die Zahlen auf einmal brauchbar, und ihr Modell ist schlüssig. Wer hat sich das mit den Schweizern überhaupt einfallen lassen? Das muss jetzt mal alles konstruktiver werden hier. […]
So tun, als gäbe es die Schweiz nicht, ist nur ein bisschen riskant, zumal das ein Dreiländervergleich ist. Irgendwas anderes muss es sein. Irgendwas stimmt mit der Schweiz nicht, und sie muss herausfinden, was.
Denk wie jeder, denkt sie sich, der sich nicht auskennt mit Strukturgleichungsmodellen.
Was wissen Schweizer schon von Pflege? Haben sie nicht kürzlich erst in irgendeiner Doku etwas über die Haussklaven in der Schweiz gebracht? Schweizer brauchen einfach keine Roboter, die haben Villen und die illegale Migration und ihre Nebeneffekte, vielleicht ist den Schweizern das einfach genug. (Seite 57f.)
Die französischsprachige Schweiz vielleicht einfach löschen, denkt Ann. Auch sie sehnt sich nach Eindeutigkeit. So, wie sie in ihrer Studie die Schweiz «löschen» möchte, damit die Zahlen wieder stimmen, gehen häufig genug die anderen mit Oz und ihr um. Ganz besonders an der Schule versuchen die Lehrkräfte und die, schönes Wort: Bildungsberaterin, das Unpassende einfach aus der Normalität herauszudiagnostizieren und wegzukorrigieren.
Was bei der Mutter die widerspenstige Statistik, ist beim Sohn der Schulalltag. Oz ist kein Kind für das Raster der Bildungsbürokratie. Er ist zu schnell für die langsame Welt – und zu langsam für die Schnelligkeit der Bürokratie. Und Oz spürt das genau. Vor allem dann, wenn mal wieder etwas entgleist ist. Wie die Sache mit Flöte. Das ist ein Hase. Genau genommen eine Häsin. Respektive ein weibliches Kaninchen. Oder war es. Es ist mal wieder dumm gelaufen. Und wie immer ist Ozzy schuld daran. Vielleicht sind die anderen auch einfach schneller weggelaufen. Egal: Es ist der letzte Schultag und er hat ein grösseres Problem.
Seine Lage ist ein bisschen ungünstig, weil das Jahr kein leichtes gewesen ist. Ausgerechnet die dritte Volksschulklasse, deren Zeugnis man überall vorzeigen muss, wenn man ins Gymnasium will. Ihm ist halt in der Schule so fad. Obwohl er Carina, seine Lehrerin, wirklich sehr mag. Carina ist fünfundzwanzig, trägt Billabong-Hauben und dunkle Locken bis zur Hüfte, eine kleine runde Brille, und gestikuliert, wenn sie etwas erklärt, als wäre es ein Battle-Rap. Trotzdem schläft Oz augenblicklich das Hirn ein, wenn sie anfängt, von schriftlicher Division oder vom Löwenzahn zu reden oder wem wie viele Äpfel übrig bleiben. Ihn interessiert das mit den Äpfeln einfach nicht. (Seite 14)
Jetzt ist Ozzy auf dem Heimweg. Ohne Äpfel. Dafür hat er ein Zeugnis. Es könnte ein wunderbarer Tag sein, denn Ozzy hat es geschafft: Notenschnitt 1,2 – das ist die formale Qualifikation fürs Gymnasium. Aber er kann sich nicht freuen: Er hat auch noch einen Brief dabei. Einen Brief von Carina an die Mama. Er ist sich sicher: Wenn er den Brief zusammen mit dem Zeugnis herzeigt, folgt ein Donnerwetter. Dann wird seiner Mama wieder diese Ader auf der Stirn anschwellen.
Mit dieser Ader auf der Stirn hat sie dann auch das Camp gebucht, ein Camp für Kinder mit und ohne ADHS, damit Ozzy Erlebnisse in der Natur hat und in den ersten beiden Ferienwochen nicht zu Hause sitzen und ihr beim Tabellenauswerten zuschauen muss. Fischen, wandern, Kräuter suchen, hat sie gesagt. Andere Kinder, denen es auch so geht wie dir, hat sie gesagt. Wie geht es mir, hat er sich gefragt, aber es nicht ausgesprochen. Für sie ist es schwierig genug zu wissen, wie es ihr geht. Da kannst du dich wunderbar von dem stressigen Schuljahr erholen, hat sie gesagt. Da kannst du Erlebnisse in der Natur haben und so. Erlebnisse in der Natur sind etwas Schönes, hat sie gesagt, ihr seid Kinder, ihr mögt so was. (Seite 12)
Ann und Ozzy sind beide hochintelligent und doch der Welt fast schon hilflos ausgeliefert. Birgit Birnbacher zeigt in ihrem Buch einfühlsam, warum das so ist. Sie erklärt es nicht, sie erzählt, was im Kopf von Ozzy und in dem von Ann abgeht, wenn sie der Bildungsberaterin gegenübersitzen und die sich gönnerhaft an Ann und ihren «kleinen Gast» wendet. «Sie sind Dr. Haag, nicht wahr? Annegret Haag. So liest es die Bildungsberaterin vom Formular ab.»
Ann hasst ihren Namen. Weder ist sie Annegret, noch ist Ozzy Oswald. Ihr Ex-Mann Christian pflegte zu sagen, sie beide seien zwei Rumpelstilzchen. Zwei wütende Rumpelstilzchen, die nicht einmal den eigenen Namen akzeptieren. «Sture Böcke, stampfende Feuertänzer, verweigernde Trotzköpfe. Nicht einmal heißen können sie», sagt er. Genau das ist es: Nicht einmal heissen können sie.
Ann ist überzeugt, dass die Bildungsberaterin sich erfahren fühlt, weil sie selbst eine Tochter hat, die «leichter zu erziehen ist als jede Ikea-Palme». Dass die Tochter, die Ann sich vorstellt, ein Lernverhalten an den Tag legt, wie es einem mitteleuropäisch-statistischen Normgrössenkind entspricht, das wird sich die Bildungsberaterin selbstverständlich ihren exzellent ausgeprägten pädagogischen Fähigkeiten zuschreiben. Auf diese Weise macht Birgit Birnbacher sichtbar, dass Ann sich die Schuld am abweichenden Verhalten ihres Sohnes gibt: Sie schreibt ganz selbstverständlich das Aus-der-Reihe-tanzen ihres Sohnes ihren eigenen, nicht vorhanden pädagogischen Fähigkeiten zu. Es ist ein typischer Fehlschluss, in den sie sich verrannt hat. Ihre eigene Therapeutin sagt ihr immer wieder, dass ihr die Autobahnen im Gehirn fehlen.
Autobahnen nennt die Rottensteiner das. Ann bildet einfach keine Autobahnen. Jeder noch so kleine Gedanke, jede noch so winzige Irritation führt auf Seitenstraßen, Abwege, Verzweigungen. Ein neurotypisches Kind, sagt die Rottensteiner, kommt auf die Welt und macht Erfahrungen und bündelt diese zu Autobahnen, damit es nicht jedes einzelne Mal den Weg neu austreten und das Rad neu erfinden muss. Ihr anderen, ihr könnt so was nicht, und nur manchmal haben Tretwege ein paar kleine Vorteile, größtenteils sind sie anstrengend, nervenaufreibend und zeitfressend. Nicht einmal Bergführer im Himalaya können ein Leben lang nur spuren. (Seite 58)
Natürlich sind auch die Kinder neurotypischer Eltern selten so pflegeleicht wie eine Ikea-Palme. Aber sie verrennen sich eben auch selten in dieses Dickicht von Impulsivität und Schuldgefühlen. Es ist dieses kognitive Karussell, das Birgit Birnbacher in sprachlich wunderbaren Metaphern sicht- und nachfühlbar macht. Als Ozzy sich auf dem Heimweg überlegt, wie er die Sache mit Flöte der Mama beibringen kann, wird er sich bewusst, dass er Mama die Geschichte schneller erzählen muss, weil ihm sonst ihre Aufmerksamkeit davonbricht. Beim Zuhören erzählt sie sich die Geschichte tausendfach selbst: «Inzwischen sind in ihrem Kopf Würfel gefallen, die noch nicht einmal jemand geworfen hat.» Ein wunderbares Bild.
Ozzy ist ein Bub, den man «eher für die Party, aber nicht für die Tischgruppe in der Kommunionsvorbereitung» will. Er ist neun Jahre alt, aber doch kein Kind mehr: «Das Knie, das durch das Loch in den Jeans herausschaut, ist bereits spitz von der nahenden Jugend und sonnengebräunt, und das, wo noch nicht einmal Ferien sind.»
Es sind wunderbare Sprachbilder, die spürbar machen, was nicht fassbar ist: Das Rasen auf den Feldwegen im Gehirn von Ann und Ozzy, diese eigentümliche Mischung aus Genialität und Schnelligkeit einerseits – und kompletter Überforderung und Unfähigkeit andererseits. Mich hat deshalb nicht nur die Geschichte fasziniert, die Birgit Birnbacher uns von Ozzy erzählt, dem Jungen, der in die Reihe von Oskar Matzerath und Owen Meany gehört, sondern vor allem auch ihre Sprache, die in meinem Gehirn auf angenehme Weise die Feldwege ausgereizt hat.
Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen. Paul Zsolnay Verlag, 224 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-552-07521-4
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783552075214
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 26.03.2026, Matthias Zehnder
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