Video-Buchtipp

Letzter Tipp: Der Fluss der Zeit

Kafka im Grossraumbüro

Publiziert am 19. Februar 2026 von Matthias Zehnder

«Der Process» ist Franz Kafkas eindringliche Schilderung einer im Wortsinn verrückten, bürokratischen Welt: Eines Morgens wird Josef K. verhaftet, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben, was er sich zuschulden hätte kommen lassen. Es klopft an seiner Schlafzimmertür «und ein Mann, den er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte, trat ein.» Besonders beklemmend wirkt der Bericht, weil Kafka minutiös und realistisch beschreibt, was passiert. Der Mann «war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das ähnlich den Reiseanzügen mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war …» Man sieht ihn vor sich. An diese Art der realistischen Schilderung des Verrückten hat mich «Die Fabrik» von Hiroko Oyamada erinnert. Sie transportiert das beklemmende Kafka-Gefühl ins 21. Jahrhundert. Unserer Zeit gemäss spielt ihre Geschichte nicht in einem Justizgebäude, sondern in jener Fabrik, die dem Roman den Titel gab. Es ist eine Mischung aus Google-Campus, Fabrikgelände und bürokratischem Disneyland. Wenn ich als Journalist Unternehmen wie Google, Microsoft, Roche oder Novartis besucht habe, habe ich mich ähnlich gefühlt: ein Eindringling in einem fremden Ökosystem. Genau so fühlen sich die drei Protagonisten im Roman von Hiroko Oyamada. Die drei haben an unterschiedlichen Orten in der Fabrik Arbeit gefunden und mühen sich damit ab, sich in die undurchsichtigen Abläufe des Unternehmens einzufügen. In meinem 293. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum ich das Buch gerade jetzt für äusserst lesenswert halte.

 

Aus der realen Welt kennen wir das Prinzip gut: Wer ein Unternehmen wie Google oder Apple besucht, betritt nicht einfach Büros, sondern ein ganzes Ökosystem. Es gibt nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Ruhezonen, ein Fitnesscenter, Gourmet-Kantinen, Ruhebereiche und die berühmte Rutschbahn. Es ist klar: Hier wird nicht nur gearbeitet, hier wird gelebt. Das Unternehmen kümmert sich um alle Belange seiner Mitarbeiter und erzielt damit die totale Bindung.

Bei Google und Apple wirkt das alles freundlich und hell. Die Menschen, die da arbeiten, sind alle fröhlich und sie sehen alle auch noch gut aus. Hiroko Oyamada fusioniert diese modernen Corporate-Welten des 21. Jahrhunderts mit jenem beklemmenden Gefühl, das einen bei der Lektüre von «Der Process» befällt. Wo sich bei Kafka Josef K. in den dunklen Winkeln einer ungreifbaren Justiz verliert, verschwinden die Mitarbeiter der «Fabrik» bei Hiroko Oyamada in einem riesigen Gelände des Unternehmens. In ihrem Roman ist die «Fabrik» so gross, dass sie die Stadt und das Leben der Menschen komplett verschluckt hat.

Hiroko Oyamada schafft es dabei, ein ähnliches Leseerlebnis zu erzeugen wie Kafka: Auf den ersten Blick wirkt alles normal. Alle Menschen um die Protagonisten herum empfinden auch alles als normal. Doch dann erweist sich diese Normalität als Treibsand – bis man das als Leserin, als Leser merkt, steckt man aber schon tief im Sand drin. Zum Gefühl des Versinkens trägt bei, dass der Roman nicht eine, sondern drei Hauptfiguren hat: eine Frau, die einen Papierschredder bedient, ein Mann, der Dokumente korrigiert, und ein Wissenschaftler, der sich einem rätselhaften Begrünungsprojekt widmet. Alle drei erzählen ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive, die drei Erzählstränge sind aber nicht voneinander abgegrenzt. 

Die erste Figur ist Yoshiko. Sie wird eingestellt, ohne genau zu wissen, wofür. Eigentlich hat sie sich auf eine unbefristete Stelle beworben, sie hat aber nur einen Zeitarbeitsvertrag erhalten. Ihre Aufgabe ist so monoton, dass sie fast schon meditativ wirkt, wäre sie nicht so vollkommen sinnfrei.

«Für welche Aufgaben werde ich denn zuständig sein?» «Sie werden in der Druckerei assistieren.» Ich stellte mir vor, dass ich Papier aus der Verpackung nehmen und in den Drucker einlegen oder auch leere Druckerpatronen austauschen würde. Meine Arbeit bestand schliesslich darin, Dokumente in einen Schredder zu geben und zu vernichten. Als Mitglied des sogenannten Schredder-Teams stand ich den ganzen Tag über in der Schredder-Station ganz hinten im Untergeschoss und bediente einen der dortigen Schredder. Wenn ich wollte, siebeneinhalb Stunden pro Tag.» (Seite 14)

Warum genau, weiss sie nicht. Ich kenne das aus grossen Unternehmen: Da sind Abläufe und Prozesse oft so detailliert und weit verzweigt, dass einzelne Arbeiten oft völlig absurd wirken. Trotzdem wagt niemand, das Absurde zu hinterfragen. Das Absurde wird zur Routine. Es gehört zum System, und dieses System fühlt sich in einem grossen Unternehmen ganz natürlich an. Die einzelnen Mitarbeiter sind ganz kleine Rädchen in einer ganz grossen Maschine, die brummt und brummt. Es gibt keinen feststellbaren Bezug mehr zwischen der einzelnen Arbeit und dem Produkt des Unternehmens oder dem Lohn, den man erhält. In diesem Umfeld ist Bürokratie kein Hindernis, sondern das Gerüst des Unternehmens.

Die zweite Figur im Roman von Hiroko Oyamada ist ein Mann namens Yoshio Furufue. Eigentlich ist er Moos-Forscher. Er hat lange an der Universität gearbeitet, sein Professor hat ihm den Job in der Fabrik verschafft. Da hat er den Auftrag, eine Dachbegrünung zu planen, die vermutlich niemand braucht und die er wohl nie umsetzen wird. Er arbeitet allein; seine Abteilung besteht nur aus ihm. Er fragt Herrn Goto, den Mann, der ihn eingestellt hat, wie er sich bezüglich Dachbegrünung und Moose weiterbilden könne. Der empfiehlt ihm einen Orientierungsrundgang für neue Mitarbeiter. Yoshio Furufue protestiert:

«Nein, das meine ich nicht, ich meine eine Fortbildung für das Züchten von Moosen oder die Dachbegrünung …» «Heutzutage finden berufliche Fortbildungen im Gegensatz zu früher bei uns als OJT statt, das heißt als on the job training. Wir gehen davon aus, dass unsere Mitarbeiter sich ihre Kenntnisse während der Arbeit aneignen, eine individuelle Fortbildung findet in der jeweiligen Abteilung, oder besser gesagt, unter den Angestellten statt, in Partnerschaft zwischen bereits seit Längerem hier beschäftigten und neuen Mitarbeitern, bei individuellen Aufgaben bieten wir also kaum noch Fortbildungen an.» «Aber wie kann ich dann eine Dachbegrünung durchführen?» «Indem Sie Ihre bisherigen Kenntnisse anwenden, die Sie sich über Moose erarbeitet haben, und diese, nun, das mag vielleicht etwas simpel klingen, weiter vertiefen.» Ich sah Herrn Gotō fassungslos an. Ich verstand nicht, was er sagte, aber vor allem verstand ich nicht, welche Intention dahintersteckte. Ich würde keine Kollegen haben und auch keinen Vorgesetzten? Herr Gotō lächelte mir fröhlich zu. «Haben Sie sonst noch Fragen?» (Seite 27)

Es ist eine absurde Welt, die Hiroko Oyamada aber hyperrealistisch beschreibt. Sie beschreibt die Textur des Papiers, das Geräusch der Schredder und die Biologie von Moosen sehr präzise. Man hat beim Lesen das Gefühl, auf wissenschaftlich festem Boden zu stehen, und dann merkt man, dass man genau dadurch den Boden unter den Füssen verliert.

Im Laufe der Geschichte lösen sich alle Strukturen auf. Die Geschichten der drei Protagonisten vermischen sich. Die Zeit wird unendlich: aus Wochen werden Jahre. Und aus den Menschen in der Fabrik werden Teile einer einzigen riesigen Maschine.  Und dann sind da noch die seltsamen Tiere: Nutrias und schwarze Vögel vermehren sich auf dem Gelände und verwischen auch die Grenzen zwischen Natur und Fabrik.

Die dritte Figur spielt eine zentrale Rolle. Sie ist nur als Ich-Erzähler präsent, wir kennen den Namen nicht. Es ist ein namenloser Korrektor. Er ist das intellektuelle Gewissen des Romans. Er liest Dokumente, findet Fehler und zeichnet sie mit seinem Rotstift an. Doch die Texte ergeben keinen Sinn. Er stellt die Frage, die wir uns alle gelegentlich am Schreibtisch stellen: Was mache ich hier eigentlich?

Unternehmensprofile, Anleitungen für irgendwelche Geräte für Kinder, firmeninterne Meldungen, Kochrezepte, Wissenswertes aus Chemie und Geschichte … Wer schreibt diese Texte, die wir täglich korrigieren, und für wen? Warum bedürfen sie der Korrektur? Wenn alle diese Texte etwas mit der Fabrik zu tun haben, was produziert diese Fabrik dann eigentlich? Natürlich habe ich zunächst angenommen, zu wissen, was in der Fabrik hergestellt wird, aber seit ich hier arbeite, wird mir immer klarer, dass ich keine Ahnung habe. Um was für eine Fabrik handelt es sich eigentlich? Ich nehme einen neuen Umschlag und öffne ihn. (Seite 104)

So versinken wir mit den Figuren langsam im Treibsand der Bürokratie dieser gigantischen Fabrik, bis sich am Ende die Realität fast vollständig auflöst. Als Leserin, als Leser mutiert man selbst zu einem jener schwarzen Vögel, die über dem Gelände kreisen. Es ist ein Lektüre-Erlebnis zwischen Franz Kafka und Haruki Murakami. Ich kann ihnen garantieren: Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie Ihr eigenes Büro mit ganz anderen Augen sehen und sogar den Papierkorb misstrauisch mustern. Und wenn Sie das nächste Mal durch ein Werkstor auf das Gelände eines grossen Unternehmens treten, werden Sie unwillkürlich nach Moos und schwarzen Vögeln Ausschau halten und sich fragen, was hinter diesen Mauern korrigiert und geschreddert wird.

Die Geschichte von Hiroko Oyamada hat mich beeindruckt. Ihre präzisen Beschreibungen und der harmlose Ton gehen unter die Haut, wie die Anfangsszene eines Films von David Lynch. Kafka im Grossunternehmen – was für ein Buch!

Hiroko Oyamada: Die Fabrik. Roman über die Absurdität der modernen Arbeitswelt. Rowohlt, 160 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-498-00794-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783498007942

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 19.02.2026, Matthias Zehnder

PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten,   abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:

  • den neuen Buchtipp
  • den aktuellen Sachbuchtipp
  • den Hinweis auf den Wochenkommentar
  • das aktuelle Fragebogeninterview

Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!