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Geliebter Paul Auster: «Ghost Stories» von Siri Hustvedt

Publiziert am 4. April 2026 von Matthias Zehnder

Ich glaube nicht, dass ich in den letzten Jahren ein Buch gelesen habe, das mir so zu Herzen gegangen ist wie dieses: Siri Hustvedt erzählt in «Ghost Stories» von ihrem Leben mit Paul Auster, von seinem Sterben und seinem Tod. Nein, es ist umgekehrt: Sie erzählt von seinem Tod und der Erschütterung, die sie dadurch erlebt hat, von seinem Sterben und dem Leben mit Paul Auster. Er war im Dezember 2022 mit Lungenkrebs diagnostiziert worden. Zunächst schien es, dass die Behandlung erfolgreich verlaufen würde, doch dann versagte sein Immunsystem. Am 30. April 2024 starb Paul Auster in seinem Haus in Brooklyn. Er wurde 77 Jahre alt und war 43 Jahre lang mit der Autorin Siri Hustvedt verheiratet. Die beiden lebten nicht nur zusammen, sie arbeiteten gemeinsam in ihrem Haus, lasen sich gegenseitig vor, was sie gerade geschrieben hatten, kritisierten sich, lernten voneinander. Nach dem Tod von Paul war für Siri klar, dass sie sein Sterben nur schreibend überleben würde. Im Buch schreibt sie: «Es ist eine Notwendigkeit, keine Entscheidung. Dieses Buch ist eine Notwendigkeit, keine Entscheidung.» Sie lässt uns in ihrem Buch teilhaben an ihrer Trauer und ihrem Schmerz, aber auch am reichen Leben mit Paul, dem gemeinsamen Schreiben, der aufkeimenden Musikkarriere von Tochter Sophie, dem Alltag in Brooklyn. Das Buch ist deshalb gleichzeitig sehr traurig und wunderbar hell. In meinem 299. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum ich Ihnen dieses Buch ans Herz lege – selbst wenn Sie dieses Jahr nur noch ein einziges Buch lesen sollten.

 

«Ich lebe. Mein Mann, Paul Auster, ist tot. Er starb am 30. April 2024 um 18 Uhr 58 hier im Haus in Brooklyn, wo ich jetzt diese Worte schreibe.» So beginnt das «Buch der Erinnerung» von Siri Hustvedt. Die zwei Sätze sagen alles. Ich lebe, mein Partner ist tot. Es könnte einfach nur traurig sein. Doch Siri Hustvedt taucht in ihrem Buch ein in ihre Erinnerungen, erzählt von ihrem Leben mit Paul, dem gemeinsamen Schreiben, dem Leben in Brooklyn. Ihre Gegenwart mag düster und traurig sein, mit ihren Erinnerungen zündet sie eins ums andere Mal ein Licht an und erfüllt das jetzt leere Haus mit Lachen, Licht – und Lust.

Zunächst steht in der Gegenwart aber dunkel und absolut der Tod von Paul, der Siri aus der Bahn wirft. Wir wissen alle, dass wir sterben werden. Einige von uns wissen auch, dass ihr Leben bald enden könnte. Siri hatte während der Zeit der Krankheit oft Gelegenheit, darüber nachzudenken, was es bedeuten würde, ohne Paul zu leben. Sie stellte sich vor, allein durchs Haus zu gehen und zu trauern.

Was ich mir nicht vorstellte, war, dass die Zeit nach Pauls Tod bis zur Unkenntlichkeit durcheinandergeraten würde. Ich erinnere mich und vergesse wieder, welcher Tag es ist. Ich erinnere mich, dass Mai ist, und vergesse es. Die Stunden überschlagen sich, aber Minuten verstreichen oft langsam. Ich will meinen Körper in Kalender-und Uhrzeit verankern, diesen verlässlichen, wenn auch letztlich fiktionalen Markierungen der Zeit, kann den regelmäßigen Schlägen aber keinen Sinn entnehmen. Ich fürchte, dass ich, wenn ich nicht laufend Datum, Tag und Stunde überprüfe, die Orientierung verlieren, auf der Treppe stolpern und stürzen oder haltlos davontreiben werde. (Seite 7f.)

Sie zeigt in starken Bildern, wie sie sich aus der Bahn geworfen fühlt. Sie erzählt, wie sie in eine halb gefüllte Badewanne steigt und merkt, dass sie vergessen hat, ihre  Socken auszuziehen. Wie sie nach einem Besuch ihrer Tochter Sophie und deren Mann Spencer die Spülmaschine ausräumt und sich minutenlang fragt, was mit dem vierten Teller passiert ist. Bis es sie wie ein Faustschlag im Magen trifft, dass Paul tot ist. Sie rebelliert mit jeder Faser ihres Körpers dagegen.

Miles wird geboren. Paul stirbt. Ein Kreislauf der Zeit. Ich wusste, der Tod würde kommen, seiner oder meiner zuerst, aber ich rebelliere gegen die rohe Tatsache – ich spüre es in meinen Muskeln, Fasern, Knochen, im Kreislauf, Herzschlag und der Atmung. Ich bin eine Reaktionärin. Ich will, was war. (Seite 35)

Ihr Buch ist eine Art Tagebuch, das von ihrer Wiederauferstehung vom Bett des Toten erzählt. Sie weiss genau, dass ihre Trauer Stadien durchlaufen wird und ist ihnen doch hilflos ausgeliefert. Paul sagte ihr vor seinem Tod, dass er als Geist zurückkehren werde. Nach der Beerdigung, die Trauergäste waren noch im Haus, zog sich Siri erschöpft zurück in ihr Schlafzimmer.

Ich ging nach oben in unser Schlafzimmer und legte mich auf unser Bett. Die Witwe kann machen, was zur Hölle sie will. Der Witwe wird Raum gegeben. In manchen Kulturen ist es ihr erlaubt, sich auf den Boden zu werfen, um sich zu treten und zu heulen. In nordischen Kulturen weniger. Ich habe nicht geschlafen auf dem Bett. Ich lag einfach nur alleine da, ohne wirkliche Gedanken, an die ich mich erinnern könnte. Ich hörte nichts, aber ich wusste mit absoluter Sicherheit, dass Paul die letzten beiden Stufen zur zweiten Etage nahm, direkt außerhalb der offenen Tür. Er überquerte den Treppenabsatz, kam ins Zimmer und blieb neben dem Bett stehen. Es war nicht der kranke Paul, der nicht gehen konnte, sondern der gesunde Paul von früher, vor dem Fieber, vor dem Krebs, vor der Behandlung. Ich sah, hörte oder roch ihn nicht. Er berührte mich nicht, aber er war spürbar da, im Zimmer. Er nahm genau denselben Raum ein, den er im Leben eingenommen hätte. Ich wusste, er war gekommen, um sich zu vergewissern, dass es mir gut ging. Und wie er neben mir im Zimmer stand, durchflutete mich seine unsichtbare, liebende, besorgte Anwesenheit mit einem satten, vollen Glücksgefühl. (Seite 116)

Später kommt es immer wieder vor, dass Siri Zigarrenrauch riecht. Das erste Mal geht sie zum Fenster und öffnet es, um nachzuforschen, woher der Rauch kommt. Aber da ist kein Raucher. Der Geruch, erzählt sie, bleibe nie lange, ein kurzes Schnuppern, dann verschwindet er wieder: Sie riecht Paul. Er hat jahrzehntelang Schimmelpennick-Zigarillos geraucht, wie sein Alter Ego Paul Benjamin im Film «Smoke», zu dem er das Drehbuch schrieb.

Paul war ein starker Raucher. Sein Lungenkrebs war sicher eine Folge davon. Während seiner Krebsbehandlung fragten Freunde ihn, ob er das Rauchen bereue. Siri erzählt, Paul habe lange und ernsthaft über die Frage nachgedacht und dann gesagt: die Antwort sei nein. Im Film «Smoke» (1995, Regie Wayne Wang) hat Paul einem Zigarrenladen an einer Strassenecke in Brooklyn ein Denkmal gesetzt. Der Film handelt vom Kommen und Gehen im Laden von Auggie Wren (Harvey Keitel). Auggie schiesst jeden Tag um dieselbe Zeit ein Foto von seiner Ecke vor seinem Laden. In einer berührenden Szene schauen sich Auggie und Schriftsteller Paul Benjamin die Fotos zusammen an. Unter den vielen Leuten, die die Kamera zufällig eingefangen hat, ist Pauls tote Ehefrau. Mich hat der Film damals so inspiriert, dass ich seither jeden morgen beim Joggen am selben Punkt ein Foto schiesse, egal, wie dunkel oder neblig es ist.

Paul sagte zu Siri vor seinem Tod, er sehne sich danach, ein Geist zu sein. Er wolle zurückkehren, um zu sehen, wie es ihr geht, was sie schreibe. Er wolle Sophies Musik hören, Spencers Fotografien anschauen und Miles aufwachsen sehen. Kein Wunder, riecht Siri Zigarrenrauch. Sie schreibt, dass sie den Geruch als sinnliches Zeichen ihres toten Mannes mag. Die westliche Kultur einer Trennung von Geist und Körper sei eigentlich falsch. Sie versteht ihr tägliches Rauchatmen als ihre verkörperte Spur des Mannes, den sie liebte. Sie macht klar, dass sie den Mann aus Fleisch und Blut vermisst.

Ich weiß, dass Pauls Bücher «weiterleben», und ich freue mich darüber. Aber der Mann, der mir fehlt, war der Körper für meinen Körper, ein sprechender, denkender, gestikulierender Körper, und er war schön – als er jung, im mittleren Alter und alt war; als er dünn, dick und zwischendrin war; als er gesund und als er krank war. Ich nannte Paul immer meinen Backofen, weil er Wärme für meine ewig kalten Füße erzeugte. Wenn ich neben ihm im Bett lag, sagte ich: Ich lege jetzt meinen eisigen Fuß auf dein Bein, okay? Wenn Haut auf Haut traf, jaulte er. (Seite 316)

Im Buch enthalten sind Briefe, darunter die ersten drei Briefe, die Siri an Paul schrieb, als sie sich kennengelernt hatten und er sich überraschend zurückzog. Es sind Liebesbriefe aus der Vergangenheit, die von einer möglichen Zukunft einer Liebe träumen. Ebenso enthalten sind Briefe, die Paul in den letzten Wochen seines Lebens an seinen Enkel Miles schrieb. Er schrieb nicht an den Miles der Gegenwart, den Säugling, sondern an einen jungen Mann, der irgendwann in der Zukunft die Briefe zur Hand nehmen wird, um zu verstehen, woher er kommt. Das ist das Geheimnis, das im Schreiben und Lesen steckt. «Die Vergangenheit des Schreibens wird zur Gegenwart des Lesens», formuliert es Siri. Und bekennt, dass sie Geschichten über Paul schreibt, um ihn festzuhalten.

Sie schreibt, dass sie um Paul trauere, aber vor allem auch um «Siri und Paul». Dass sie um das «und» trauere. Die beiden haben zusammen gelebt und gearbeitet, gedacht und geschrieben. Sie haben sich ihre Texte vorgelesen und sind dabei in die Träume des anderen eingetaucht. Wenn Siri sagt, dass sie um das «und» trauere, dann meint sie dieses Zusammenwachsen, diese Überlagerung von zwei Menschen.

Wird sie auf den Tod von Paul angesprochen, reagiert sie hilflos. Sie beobachtet sich dabei, dass sie immer wieder sagt, wie lange sie und Paul zusammen waren. 43 Jahre.

Vielleicht wiederhole ich dreiundvierzig, weil ich annehme, dass die meisten Leute an die objektive Realität von Zahlen glauben. Wir leben in einer Kultur, in der alles quantifiziert wird, sogar Eigenschaften, die offensichtlich nicht gemessen werden können. Wir beziffern Intelligenz, Depression und psychische Verfassungen aller Art, Abstraktionen, die wir nicht einmal definieren können. Quantitäten vermitteln uns das Gefühl, im Griff zu haben, was fundamental ungewiss ist. Wie sehr ich Paul liebte und wie sehr er mich liebte, lässt sich nicht durch eine Zahl heraufbeschwören. (Seite 41)

Die 43 Jahre sind ihre hilflose Geste, den unermesslichen Verlust zu messen. Dann schrieb sie dieses Buch. Wer es gelesen hat, braucht die Zahl nicht mehr.

Warum sollten Sie dieses Buch lesen? Es ist traurig, Siri zuzuhören, wie sie um ihren Mann trauert. Gleichzeitig ist es ungemein tröstlich, in unserer düsteren Zeit von einer so erfüllten Liebe zu lesen. Auch wenn Siri uns ihre Liebesgeschichte von ihrem Ende her erzählt, bleibt  es doch eine wunderbare, lichtvolle Liebesgeschichte. Das macht mich froh.

Siri Hustvedt: Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung. Rowohlt, 400 Seiten, 35.90 Franken; ISBN 978-3-498-00788-1

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783498007881

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 04.04.2026, Matthias Zehnder

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