Video-Buchtipp

Letzter Tipp: Geliebter Paul Auster: «Ghost Stories» von Siri Hustvedt

Der Sprachschatz im Silbersee: «Die Enthusiasten» von Markus Orths

Publiziert am 9. April 2026 von Matthias Zehnder

Die Suche nach dem verlorenen Schatz ist eines der wichtigsten Motive in der Literatur. Ich denke an «Die Schatzinsel» von Robert Louis Stevenson über die Suche nach dem Schatz des berüchtigten Piraten Captain Flint. An den legendären Indiana Jones und die Suche nach dem verlorenen Schatz. An den Schatz im Silbersee und die Geburt der grossen Westernhelden bei Karl May. Und natürlich an «Die Stadt der träumenden Bücher» von Walter Moers, einem fantastischen Abenteuer um ein verschollenes Meisterwerk und die Suche nach dem Autor. Mit diesem Abenteuer von Walter Moers darf sich das neue Buch von Markus Orths messen: Er erzählt eine wunderbar verquere Geschichte über die Jagd nach dem verschollenen zehnten Buch von Laurence Sterne über «Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman», gespickt mit Erinnerungen des Ich-Erzählers an seine Kindheit und Jugend im Schoss einer wunderlichen Familie von Bücherliebhabern. Dieser Teil der Geschichte erinnert an den frühen John Irving. Markus Orth geht aber weit über diese Handlung hinaus. Der Vater des Ich-Erzählers huldigt einer Poetik der Abschweifung, lobt die Zweckfreiheit der Kunst und ist allergisch auf Wiederholungen. Mit grösster Fabulierst kritisiert Markus Orth die «schnöde Eigenleben-Erbsenzählerei» der modernen Literatur, kämpft gegen die «Hemingway’sche Erzählökonomie» und huldigt dem «Popcorn-Prinzip» der Erinnerung im Roman. Sicher ist dabei nur eins: Wir sind die Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen. Mit anderen Worten: Ich könnte Ihnen im Rahmen meines 300. Buchtipps kein würdigeres Buch zur Lektüre empfehlen.

 

«The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman» ist ein Roman des englischen Schriftstellers Laurence Sterne. Erschienen ist er in neun Bänden von 1759 bis 1767. Zu jener Zeit regierte Friedrich II. in Preussen, Voltaire schrieb am «Candide», Christoph Willibald Gluck revolutionierte mit »Orfeo ed Euridice» die Oper und der junge Wolfgang Amadeus Mozart brach zu seiner ersten grossen Konzertreise durch Europa auf. Ach ja, nicht ganz unwesentlich, aber ohne Belang für unsere Geschichte: 1759 unterzeichnete ein gewisser Arthur Guinness einen Pachtvertrag für eine Brauerei am St. James’s Gate in Dublin. Und 1764 erfand James Hargreaves die erste Spinnmaschine, die «Spinning Jenny», die als Auslöserin der industriellen Revolution gilt.

Zu dieser Zeit also veröffentlichte Laurence Sterne den Roman über Tristram Shandy. Genau gesagt: neun Bände des Romans. Was seltsam ist, denn er veröffentlichte immer zwei Bände aufs Mal. Es liegt deshalb nahe, zu vermuten, dass Laurence Sterne zehn Bände geschrieben hat, den zehnten Band aber versteckt hat. Vincent Bär ist überzeugt von dieser Theorie. Er ist der Ich-Erzähler des Buchs und Tristram Shandy-Spezialist. Mit Ole und Bianca, zwei Freunden, trifft er sich am Todestag von Laurence Sterne an dessen Grab in der englischen Provinz. Und gerät ganz aus dem Häuschen, als seine beiden Freunde und er zeitgleich eine SMS erhalten, in der steht, das Manuskript des sagenumwobenen zehnten Kapitels des Romans sei aufgetaucht.

Die Jagd nach diesem zehnten Kapitel bildet die Gegenwartsebene des Romans. Markus Orths erzählt dabei fast so weitschweifig wie weiland Laurence Sterne und lässt seinen Vincent Bär die ökonomische Erzählweise, wie sie Ernest Hemingway geprägt hat, verspotten:

Unser Tristram Shandy ist das Gegenteil der Hemingway’schen Erzählökonomie. Und deshalb lieben wir ihn so, in alle Unendlichkeit. Wer aufs Meer will mit dem alten Mann, kann’s gerne tun. Wir aber tänzeln lieber dreihundert Seiten lang mit einem gespenstisch ungeborenen Ich-Erzähler eine einzige Treppe hoch, die nicht so viele Stufen hat, wie man denken könnte. (Seite 22)

Rückblenden in die Kindheit und Jugend von Vincent Bär bilden die zweite Ebene. Wir erfahren die Geschichte seiner verschrobenen Familie. Der Vater, Schriftsetzer von Beruf, hasst Wortwiederholungen. Er führt sogar eine Liste mit Sätzen, die er «wie vertrocknete Brombeeren aus zahllosen Büchern gepflückt» hat. Hinter jedem Satz hat es Striche, die anzeigen, wie oft der Vater den Satz schon gefunden hat. Es sind seine Strafzettel gegen Wiederholungen, «Knöllchen für profillose, abgefahrene Sprachreifen». Der Vater spricht süffisant vom «Verlust der poetischen Substanz».

Vincent Bär ist zusammen mit der zwei Jahre älteren Schwester Elfi und dem zwei Jahre jüngeren Bruder Marcellus in einem Haus voller Bücher aufgewachsen. Wie in «Hotel New Hampshire» oder «Garp» von John Irving ist die Familie Bär eine Schicksalsgemeinschaft der Exzentriker. Zusammengehalten wird die Familie von der Mutter und ihrer Geschichtendecke:

Im Winter prasselten Scheite im Kamin, und wir suchten Mutters Nähe auf der Couch, krochen zu ihr unter eine Decke, die uns allesamt verhüllte, eine Decke aus grüner Wolle mit rosaroten Sprenkeln, von Mutter selbst gehäkelt, mindestens vier mal vier Meter oder noch größer. Mutters Endlosdecke verbarg uns alle vor den Augen der Welt. In den Schatten der Dinge kuschelten wir uns. Wir vergaßen alle Pflichten, Schule, Hausaufgaben, Instrumente üben. Unter der Decke zerflossen wir und glühten wie die Kachelöfen, unter der Decke konnten wir sein, wie und wer wir sein wollten. Und unter der Decke hörten wir zu. Mutter erzählte Geschichten, plapperte drauflos, ein wenig polternd, ein wenig lustig, ein wenig verrückt, ein wenig gruselig, alles Mögliche kam ihr unter die Erzählräder. Den größten Unsinn fanden wir am besten. «Auch Unsinn muss einem erst mal in den Sinn kommen!», sagte Mutter gern und lachte. Wenn Mutter erzählte, fielen wir aus der Zeit, wir fielen aus dem Raum, wir fielen aus der Gegenwart, wir fielen in alle Wolken und vergaßen die restliche Welt um uns her. (Seite 36f.)

Die Stelle zeigt schön, wie sprachverspielt Markus Orths schreibt und wie er damit immer wieder kleine, geistige Widerhaken setzt. Wie kann einem Unsinn in den Sinn kommen? Wie kommt man unter die Erzählräder der Mutter? Und, besonders hübsch: Wer seine Illusionen verliert, fällt aus allen Wolken. Unter der Geschichtendecke aber fällt die Familie in alle Wolken. Vincent Bär gefällt das so gut, dass er der Mutter ins Wort fällt und selbst beginnt, Geschichten zu erzählen. Und dann, dann verschwindet die Mutter – eine weitere Jagd nach einem verlorenen Schatz beginnt.

Doch die Mutter bleibt verschwunden. Schwester Elfi wird Physikerin und macht sich auf die Suche nach Dunkle-Materie-Teilchen, Bruder Marcellus wird Filmemacher von nie gesehenen Filmen. Und Vince? Der Geschichtenerzähler unter der Decke? Kommt nicht ins Schreiben, sondern flüchtet sich ins Lesen – und in Tristram Shandy. Als Vincent Bär nämlich eines Tages in einem ICE zufällig ein Exemplar von «Tristram Shandy» findet, ist es um ihn geschehen. Er taucht im Buch ab und bleibt im ICE sitzen bis Basel Endbahnhof.

Von Anfang an war ich nicht nur elektrisiert, ich stand nicht nur im Sommerregen der Entzückung und Entrückung, ich sah nicht nur auf jeder Seite Vaters Schmunzeln durchs Papier blinzeln, ich hörte nicht nur Mutters Lachen, nein, vielmehr muss ich sagen: Ich liebte das Buch. Sofort. Ich liebte jedes noch so uferlose Glissando-Girlanden-Geflecht aus Neben-und Hauptsätzen und Wortschöpfungen und dieses akrobatische Satzjonglieren und diese Rasanz des Durcheinanderwirbelns gewohnter Ordnung. Ich liebte alle Kettensatz-Kommakaskaden und die Schreiblawinen, ich liebte diese Wühlbewegung, die den Boden der Sprache selber brach auf der Suche nach Unsagbarem. Ich liebte den hopsenden Rhythmus, der mein Lesen mitunter in einen inneren Singsang wandelte, ich liebte alle spielerischen Vertröstungen und Unverfrorenheiten: ein Buch zu beginnen mit dem zappelnden Zeugungsakt der Eltern? (Seite 125 f.)

Markus Orths zündet ein Sprachfeuerwerk, das seinesgleichen sucht. Er schreibt geradezu akrobatisch und kämpft mit Wortneuschöpfungen und Kettensätzen gegen die Ödnis von Vaters Phrasenliste und die KI. Er setzt damit sprachliche Opulenz, Vitalität und Fantasie gegen mechanistische Sprachökonomie und künstlich generierte Texte. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Natürlich hat Markus Orths wie Laurence Sterne seinen Roman in Bücher unterteilt. Bloss sind es bei ihm nicht neun Bücher, sondern zehn, ein letztes und ein erstes Buch – also zwölf. Er erinnert den Leser immer wieder daran, dass er Teil eines meta-fiktionalen Spiels ist. Dazu lässt er literarische Figuren auftreten, darunter selbstverständlich Don Quijote und Moby Dick, was unsere beflissene Hauptfigur Vince kurzzeitig in Kapitän Ahab verwandelt. Und natürlich kommt es zur Katastrophe, als die beiden Ebenen des Romans sich vereinigen. Warum, das müssen Sie schon selber lesen.

Markus Orths erzählt das alles sprachlich fabulös und setzt satzjonglierend eine Panzersperre aus Wörtern gegen widerstandslos schwurbelnde Sprachautomaten. Er setzt sich mit Vehemenz ein für die Imagination und lässt den Vater gegen Autofiktion und rapportierendes Erzählen ätzen. Als der Vater Vince mal wieder auffordert, endlich mit dem Schreiben zu beginnen, sagt er:

«Vince. Wenn du mal schreiben wirst, wenn du endlich auf deine verdammte Mutter hören und damit anfangen würdest, Vince! – noch ist es nicht zu spät, Fontane war uralt, Kant war uralt, und du wirst spannender schreiben als Fontane und lesbarer als Kant, das ist sicher, na ja, aber auch nicht schwierig, haha, was sage ich? –, oh, Vince, bitte, folge deiner Mutter, folge deinem Vater, werde kein Teil dieser Realistiker, kein Teil dieser Erinnerungs-Chirurgen, die mit Knochenkrallen und Schlitzefingern sich selbst sezieren, die ihre Händebuckel aneinanderlegen und mit den scharfen Fingern graben und wühlen durch den eigenen Nabel und die eine nicht spannende Bauchdecke mit aller Kraft auseinanderziehen, bis sie klafft und ein dunkles Loch bildet wie eine Jauchegrube! Du willst dich doch nicht permanent selber bespiegeln, befingern, abpausen!? Du willst doch nicht das ganze gewaltig stinkende Gekröse deiner Eingeweide aus dir selbst schaufeln, bis nichts mehr in deinem Bauch zu finden ist? Du willst dich doch nicht selbst im Notieren betonieren!» (Seite 261 f.)

Das ist auch ein Schlag ins Gesicht von Roland Barthes. Der Autor ist nicht tot, sondern feiert lachend Urstände, indem er uns mit seiner originellen Sprache ins Reiche der Fantasie entführt und ein Recht auf die «lebenswichtige Verrücktheit eines Don Quijote» einfordert.

Das vielgesuchte zehnte Buch? Markus Orths hat es mit «Die Enthusiasten» selbst geschrieben: Es ist eine Liebeserklärung an das Unvollkommene, an den Schweiss des Schreibens und das lachende Herz des menschlichen Autors. Es ist ein Roman, der uns vorführt, dass wir nicht die Summe unserer Daten sind, sondern die Summe, was sage ich: das Produkt unserer Träume. Kurz: Mit diesem Roman fallen Sie in alle Wolken. Was will man mehr für einen 300. Buchtipp.

Markus Orths: Die Enthusiasten. Galiani Berlin, 368 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-86971-330-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783869713304

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 09.04.2026, Matthias Zehnder

PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten,   abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:

  • den neuen Buchtipp
  • den aktuellen Sachbuchtipp
  • den Hinweis auf den Wochenkommentar
  • das aktuelle Fragebogeninterview

Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!