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Der Fluss der Zeit

Publiziert am 12. Februar 2026 von Matthias Zehnder

«Nachtzug nach Lissabon» ist das erfolgreichste Werk von Pascal Mercier, der in Wirklichkeit Peter Bieri hiess und unter an der Freien Universität Berlin als Professor für Philosophie lehrte. In seinen Romanen hat er seine philosophischen Überlegungen in Form von Geschichten erzählt. Zum Beispiel die Geschichte des Altphilologen Raimund Gregorius, einem verlässlichen Lateinlehrer, den nach 33 Jahren plötzlich der Wunsch packt, die Zeit zurückzudrehen bis zu jenem Punkt, als er seinem Leben eine Richtung gab. Ist es möglich, dem Leben eine ganz andere Richtung zu geben und so jemand ganz anderes zu werden? Das ist die Geschichte von «Nachtzug nach Lissabon». Jetzt hat der Hanser-Verlag fünf Erzählungen aus dem Nachlass von Pascal Mercier veröffentlicht. Darin beschreibt er in kurzen, zugänglichen Geschichten, was er in seinem philosophischen Werk abstrakt beschrieben hat. Im Zentrum steht die Freiheit und die Frage, was Selbstbestimmung bedeutet. So sagt er das freilich nie in den Erzählungen. Pascal Mercier zeigt es uns anhand von seiner Figuren. Die fünf Erzählungen sind Gedankenexperimente in Erzählform. In meinem 292. Buchtipp zeige ich Ihnen diese Woche, wie Pascal Mercier als Schriftsteller das umgesetzt, was er als Peter Bieri in seinem philosophischen Buch «Handwerk der Freiheit» als seine Methode beschreibt.

 

Fünf Erzählungen aus dem Nachlass versammelt der Band. Pascal Mercier erzählt von fünf Menschen, die an einem entscheidenden Punkt in ihrem Leben stehen. Da ist der Mann, der sein Haus verkauft, weil er ins Pflegeheim zieht, sich aber kaum von seinem Lebenshaus lösen kann. Ein begütertes Paar möchte einem Pianisten die Freiheit schenken, in dem es ihm seine Wohnung kauft, erreicht damit aber das Gegenteil. Ein Mann wartet auf den Befund einer Biopsie; obwohl der Arzt ihm versichert, es bestehe kein Grund zur Sorge, wirft ihn das Warten aus der Bahn. Ein anderer Mann erträgt den Lärm in seinem Alltag nicht mehr und stürzt sich deshalb vom Balkon. Die letzte Geschichte erinnert an «Nachtzug nach Lissabon»: Ein Mann kehrt in die Stadt zurück, in der er vierzig Jahre zuvor als Student gewohnt hat. Er kehrt in seine damalige Mansarde zurück. Er sagt: «Ich ging durch die Gassen, stets mit der Frage im Sinn, wie es damals gewesen war, ich zu sein.» Er fragt sich, warum er zu dem geworden ist, der er ist.

Unter seinem richtigen Namen Peter Bieri hat Pascal Mercier analysiert, was Freiheit ist. Unter seinem literarischen Namen zeigt er, wie Freiheit sich anfühlt. Respektive: Wie es sich anfühlt, wenn sie abhanden kommt. Jede der fünf Erzählungen kreist um einen Menschen, der mit dem Verlust seines Willens kämpft. Die Erzählungen ergänzen damit die Philosophie der Freiheit von Peter Bieri: Sie ermöglichen es uns Leserinnen und Lesern zu erleben, auf was Peter Bieri mit seiner Philosophie abzielt.

Was ist Freiheit? Peter Bieri beschreibt Freiheit als das, was entsteht, wenn wir unseren Willen artikulieren, verstehen und dazu stehen können. In der erste Geschichte «Die Übergabe» beschreibt Pascal Mercier das Gegenteil davon: Am Ende seines Lebens verkauft Prager sein Haus und zieht ins Pflegeheim. In seinem Haus steckt sein ganzes Leben: Seine Tischlerwerkstatt, der Weihnachtsschmuck im Kasten im ersten Stock, das verkalkte Ventil der Heizung im Keller. Das alles zeigt er den Käufern: Er übergibt ihnen nicht einfach ein Haus, sondern die Verantwortung dafür. Im wörtlichen Sinn eine Schlüsselszene ist die Schlüsselübergabe:

Auf der Theke in der Küche hatte Prager die Schlüssel hingelegt, ganz penibel in einer Linie ausgerichtet und mit genau gleichen Abständen. «Hier, die vier sind für die Haustür, die zwei größeren für das Atelier und die beiden kleineren für die Hintertür», sagte er. Er berührte jeden Schlüssel kurz mit dem Zeigefinger, dabei verrutschte einer, und er schob ihn sachte zurück. «Liebevoll», sagte Anna später darüber, «es lag seine ganze Liebe zu dem Haus in der Bewegung, ich musste schlucken.» Prager sah unsere Blicke. «Es sind halt meine Schlüssel», sagte er. «Oder waren es.» Dann tat er etwas Überraschendes, das uns verstörte: Mit einer heftigen Bewegung schob er die Schlüssel zu einem kleinen Haufen zusammen, es gab ein reibendes, ratschendes und klirrendes Geräusch, das uns in dem stillen Haus laut und aufdringlich vorkam. Ich glaube, er war selber erschrocken über das Zerstörerische, das in der heftigen Bewegung gelegen hatte, denn nach einem zögernden Blick auf die unordentlichen Schlüssel ordnete er sie wieder an wie zuvor. Er streifte uns mit einem scheuen, verlegenen Blick. (Seite 8)

Pascal Mercier zeigt uns mit dieser Geste den ganzen Kampf zwischen Vernunft und Gefühl, den er philosophisch so formuliert: Es gibt die Freiheit der Entscheidung (Prager hat sich rational für den Verkauf seines Hauses entschieden), und es gibt das emotionale Erleben dieser Entscheidung, das dem Willen nicht folgt. Pragers sagt es selbst: Es sei «Eine Vernunftentscheidung, eine Entscheidung aus Gründen der Vernunft heraus, nicht aus Gründen des Gefühls». Später unterläuft Prager seinen eigenen Entscheid, indem er heimlich einen der Schlüssel einsteckt. Es bleibt offen, ob er sich auf diese Weise gegen das eigene Urteil durchsetzt, das wäre eine Form der Unfreiheit, oder ob darin gerade ein trotzig-freiheitliches Aufbäumen steckt: Prager will nicht vollständig ausgeschlossen sein aus seinem eigenen Leben.

Ganz direkt greift Pascal Mercier das Thema Freiheit in der Erzählung «Die Wohnung» auf. Bieri unterscheidet im «Handwerk der Freiheit» drei Arten von Freiheit:

  • die bedingte Freiheit: das ist die Handlungsfreiheit
  • die unbedingte Freiheit: er nennt das eine Fata Morgana
  • die angeeignete Freiheit: Bieri spricht vom Eigensinn

Wie unterschiedlich sich diese Freiheiten anfühlen können, zeigt Pascal Mercier in der Erzählung. Luca ist Pianist und wohnt in einer Altbauwohnung. Im Wohnzimmer steht sein Flügel. Für ihn ist das perfekt: Er ist umgeben von seinen Noten, der Klang stimmt und die Nachbarn haben Verständnis. Das Haus ist zwar etwas heruntergekommen, aber er kann sich die Miete leisten. Da stirbt der Besitzer, eine Immobilienfirma übernimmt. Die Mieter werden vor die Wahl gestellt: Sie können ihre Wohnung kaufen, oder sie müssen ausziehen. Für Luca ist das eine Katastrophe.

Doch da springen seine Freunde ein: Christoph und Evelyn sind gut situiert und haben mehr Geld geerbt, als sie selbst brauchen. Sie kaufen die Wohnung und schenken sie Luca. Sie überlegen sich das genau und kommen zur Überzeugung, dass das der beste Weg ist, weil es Luca am wenigsten belastet. Sie wollen Luca auf diese Weise die Freiheit schenken. Doch Luca kommt damit nicht klar. Er formuliert genau die Unterscheidung der Freiheit, wie sie Peter Bieri theoretisch begründet hat, wenn er sagt:

In der ersten Zeit dachte ich und wachte mit dem Gefühl auf: Das ist die Freiheit. Ich ging in der Wohnung herum und pfiff. Doch in den letzten Wochen habe ich verstanden: Es ist nicht die richtige Art von Freiheit. Ich lege es mir so zurecht: Es gibt hier die Freiheit von außen: Die Wohnung gehört mir, niemand kann mich verjagen. Und es gibt die Freiheit von innen: Ich muss niemandem dankbar sein. Ich will die innere Freiheit zurück. (Seite 41)

Er unterscheidet also zwischen der äusseren Freiheit, die ihm Besitz und Sicherheit verschafft, und der inneren Freiheit, wie sie Selbstbestimmung ermöglicht. Für Luca wird die Dankbarkeit als Verpflichtung zu einer Form der Unfreiheit, weil sie den Beschenkten permanent an die Schenkenden bindet. Peter Bieri würde sagen: Unfreiheit entsteht, wenn äussere Bedingungen das Denken so überlagern, dass man seinen Willen nicht mehr als den eigenen empfindet. Pascal Mercier zeigt, dass die geschenkte Wohnung nicht zu Freiheit führt, sondern in die Abhängigkeit. Als Christoph Luca fragt, ob es etwas anderes wäre, wenn er ihm die Wohnung vererbt hätte, sagt Luca: «Das wäre etwas anderes, etwas ganz anderes.» Der Grund: Es wäre niemand mehr da, dem er dankbar sein müsste. Seine innere Freiheit wäre nicht bedroht.

In der dritten Erzählung «Warten auf den Befund» geht es um das Erfahren von Zeit. In «Handwerk der Freiheit» widmet Peter Bieri ein ganzes Kapitel der «Zeiterfahrung als Maß der Unfreiheit». Jan Winter erlebt das am eigenen Leib. Weil er unter einem hartnäckigen Husten leidet, geht er zum Arzt. Der beruhigt ihn, nimmt aber zur Sicherheit eine Bronchoskopie vor. Weil Ostern bevorsteht, wird es einige Tage dauern, bis das Resultat vorliegt. Jan Winter muss also warten und steigert sich immer mehr in die Angst vor dem Befund. Er kann die Zeit nicht mehr als seine eigene Zeit erleben, sie wird zum blossen Warten. Er versucht verzweifelt, die Angst zu vergessen, die eigene Gegenwart zurückzugewinnen und damit die Freiheit als lebendige Zeiterfahrung wiederherzustellen.

In der vierten Erzählung «Tödlicher Lärm» spielt Pascal Mercier seine Freiheitsphilosophie radikal durch: Ein Mann leidet immer stärker unter dem Lärm in seiner Umgebung. Schon kleine Geräusche in der Wohnung regen ihn extrem auf, er kann sich kaum mehr beherrschen. Sein Sohn entdeckt sogar den Lärm als Waffe gegen den eigenen Vater. DEr erlebt dabei eine fortschreitende Einengung seines Willens: Der Lärm greift ihn immer stärker an. In einem letzten Akt der Selbstbestimmung stürzt er sich vom Balkon seiner Ferienwohnung, weil er fürchtet, dass sich sein Zorn verselbständigt.

Die letzte Erzählung «Noch einmal die Mansarde» greift das Motiv von «Nachtzug nach Lissabon» auf: Clemens versucht, seine Vergangenheit wiederzuerleben, und scheitert. Selbst ein Buch von Raymond Chandler, den er in seinem Mansardenzimmer vor vierzig Jahren so gerne las, liest sich heute anders.

Ich machte Licht und griff zu Raymond Chandler. Philip Marlowe stolperte durch Los Angeles. Wie früher interessierten mich die Sätze mehr als die Handlung. Aber sie nahmen mich nicht mehr so gefangen wie früher. Ich erschrak. Was war geschehen? Daran, dass Chandlers Worte ihren Zauber verloren hatten, spürte ich, wie viel Zeit seither verflossen war. Ich hatte den Eindruck, es an dieser besonderen Veränderung deutlicher zu spüren als an jeder anderen. Und nicht nur den zeitlichen Abstand spürte ich, sondern auch, dass das Verfließen der Zeit unumkehrbar war. Dass der damalige Zauber der Worte nicht wiederkommen würde. Es war eine Selbstverständlichkeit, es gab nicht den geringsten Grund, etwas anderes zu erwarten, aber ich erschrak. Ich legte das Buch weg. (Seite 99)

Pascal Mercier zeigt in dieser Geschichte, dass Freiheit immer nur gegenwärtige Freiheit ist. Clemens sagt in der Erzählung: Die Mansarde sei ein «Ort voller Gegenwart» gewesen, ein Ort «wo ich wirklich dabei war. Bei meinem Leben, meine ich.» Man kann dieses Dabeisein und die damit verbundene Freiheitserfahrung der Vergangenheit nicht wiederholen, weil man ein anderer geworden ist.

Fürchten Sie nicht, dass ich Ihnen zu viel verraten habe. Es ist nicht der Plot, der die Geschichten lesenswert macht, es sind die kleinen Details wie diese herrische Geste des alten Mannes, als er die Schlüssel zusammennimmt. Pascal Mercier zeigt in seinen Geschichten die Aspekte der Freiheit, die ihm so wichtig sind. Und das heisst: Er zeigt, wie es sich anfühlt. Die philosophischen Texte von Peter Bieri helfen, dieses Erleben zu verstehen. Aber nur seine Erzählungen machen es möglich, das wir Leserinnen und Leser die Gefühle erleben können. Die fünf kurzen Geschichten stehen also für 400 Seiten Philosophie. Was will man mehr.

Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit. Hanser, 112 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-446-28577-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446285774

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 12.02.2026, Matthias Zehnder

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