KI-Denkfehler #35: «KI entlastet uns.»
Klingt plausibel. Ist es aber nur halb. KI verspricht Entlastung und hält dieses Versprechen tatsächlich, wenn es um echte Routinearbeit geht. Allerdings führt das nicht dazu, dass die KI insgesamt zu weniger Arbeit führt – und schon gar nicht zu einem leichteren Leben. Eine aktuelle Studie von Boston Consulting Group zeigt im Gegenteil: Intensive KI-Nutzung führt zu starker, kognitiver Belastung. Das kann zu einer neuen Form kognitiver Erschöpfung führen. Dabei handelt es sich nicht um ein klassisches Burnout und es lässt sich auch mit den üblichen Werkzeugen kaum messen. Die Studie spricht von «AI Brain Fry», also zu einer «Gehirnschmelze». Das äussert sich in einem mentalen Nebel aus Informationsüberflutung, verlangsamtem Denken und dem Gefühl, mehr mit der Verwaltung der Werkzeuge beschäftigt zu sein als mit der eigentlichen Arbeit.
KI kann also auch bei effizientem Einsatz dazu führen, dass die Arbeit nicht leichter, sondern im Gegenteil anspruchsvoller und fordernder wird.
1. Apekt Wer KI beaufsichtigt, arbeitet nicht weniger, sondern mehr
KI-Agenten sind der Traum jedes Arbeitgebers: Sie schlafen nicht, sie meckern nicht, sie brauchen keine Rauchpausen, ja: sie machen gar nie Pause. Sie arbeiten unermüdlich. Im Gegensatz zum Menschen, der sie überwacht, schon. Genau darin liegt das Problem.
Die BCG-Studie zeigt: Wer KI-Tools mit hoher Überwachungsintensität einsetzt, verbraucht 14 % mehr mentale Energie und berichtet 19 % häufiger über Informationsüberlastung als Vergleichspersonen. Der KI-Einsatz führt nicht dazu, dass die Arbeit verschwindet: sie verlagert sich. Statt Texte zu schreiben, prüft man KI-Texte. Statt zu recherchieren, verifiziert man KI-Resultate. Statt zu entscheiden, bewertet man KI-Vorschläge. Und das kann ganz schön anstrengend sein.
Ein leitender Ingenieur beschreibt es in der Studie so: «Mein Denken war nicht kaputt, nur laut. Wie mentales Rauschen. Ich merkte, dass ich härter daran arbeitete, die Werkzeuge zu managen, als das eigentliche Problem zu lösen.»
Das heisst nicht, dass die KI versagt, im Gegenteil: Es ist eine logische Folge intensiver KI-Nutzung. Der Mensch wird zum Manager von Maschinen, die nie müde werden. Das geht ganz schön an die Substanz.
2. Apekt Mehr KI-Tools bedeuten nicht mehr Produktivität
Die Studie untersucht auch, was passiert, wenn Menschen mehrere KI-Tools gleichzeitig nutzen. Das Ergebnis ist aufschlussreich: Der Wechsel von einem auf zwei Tools steigert die wahrgenommene Produktivität deutlich. Ein drittes Tool bringt noch etwas. Ab vier Tools sinkt die Produktivität wieder, obwohl der Aufwand weiter steigt.
Der Grund ist hinlänglich bekannt: Menschen beherrschen kein Multitasking. Wir meinen zwar, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Tatsächlich wechseln wir nur schnell zwischen den Aufgaben hin und her. Das führt bei jedem Wechsel zu neuem kognitivem Aufwand und ist deshalb anstrengend. KI-Tools multiplizieren dieses Problem, weil sie parallel Output produzieren, der parallel bewertet werden muss.
Wer drei KI-Agenten gleichzeitig beaufsichtigt, hat deshalb nicht eine dreimal höhere Arbeitsleistung, sondern fordert sein Gehirn dreifach durch den ständigen Wechsel zwischen den Tasks.
3. Apekt Die wichtige Ausnahme und was sie über den Denkfehler verrät
Die Studie zeigt aber auch: KI kann die Gefahr für Burnout messbar senken. Diese Wirkung hat die KI dann, wenn sie echte Routinearbeit übernimmt. Die Autorinnen nennen das «Toil», also lästige, repetitive, unkreative Pflichten. Wer KI gezielt einsetzt, um sich von solchen Aufgaben zu befreien, berichtet über höhere Arbeitsmotivation, von mehr sozialen Kontakten mit Kolleginnen und Kollegen und von positiveren Gefühlen gegenüber der Technologie.
Das ist die entscheidende Unterscheidung: Es ist nicht die KI als solche, die belastet oder entlastet. Es kommt darauf an, welche Arbeit die KI übernimmt und wie viel Aufmerksamkeit und Kontrolle der KI Einsatz vom Menschen erfordert.
KI, die Routineaufgaben übernimmt, schafft Raum im Kopf. KI, die überwacht werden muss, belastet den Kopf mit einer anderen, anspruchsvolleren Art von Arbeit. Der Mensch setzt sich dabei einer neuen Gefahr aus: «AI Brain Fry», also der «KI-Gehirnschmelze».
Fazit
KI kann entlasten, macht das aber nicht automatisch und nicht immer. Das Versprechen der Erleichterung gilt nur dort, wo KI echte Routine übernimmt und der Mensch die gewonnene Zeit tatsächlich für etwas Sinnvolleres nutzen kann. Wer KI hingegen intensiv beaufsichtigt, viele Tools gleichzeitig koordiniert oder unter dem Druck steht, durch KI-Einsatz mehr zu leisten, riskiert eine neue Form kognitiver Erschöpfung. Messbar ist das an mehr Entscheidungsfehlern, langsamerer Urteilskraft und, laut Studie, einer um 39% erhöhten Absicht, den Job zu verlassen.
Die KI wird nicht müde. Das ist ihr Vorteil – und unser Problem.
Praxistipp
Bevor du eine KI-Aufgabe beginnst, stelle dir zwei Fragen:
– Was schaffe ich mir damit vom Hals?
– Aber auch: Was lade ich mir damit auf?
Wenn die KI echte Routine übernimmt, etwa Texte formatieren, Daten sortieren, Standardmails verfassen, und du die gewonnene Zeit für konzentrierte, kreative oder soziale Arbeit nutzt: gut. Wenn die KI dagegen Output produziert, den du anschliessend Zeile für Zeile prüfen, korrigieren und verantworten musst, dann bist du vielleicht schneller als früher, brauchst aber mehr kognitive Kraft als ohne KI.
Eine einfache Faustregel: Nutze KI nur dort, wo du das Ergebnis beurteilen kannst, ohne dafür genauso viel nachzudenken wie bei der Originalarbeit. Alles andere ist kein sinnvoller Einsatz von KI, sondern Delegation mit Rückgaberecht.
Basel, 17.03.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
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Quellen:
Bedard, Julie; Kropp, Matthew; Hsu, Megan; Karaman, Olivia T.; Hawes, Jason; Kellerman, Gabriella Rosen (2026): When Using AI Leads to “Brain Fry”, in: Harvard Business Review, 2026, https://hbr.org/2026/03/when-using-ai-leads-to-brain-fry [14.03.2026].
