KI-Denkfehler #34: «Die KI versteht Ironie.»

Publiziert am 10. März 2026 von Matthias Zehnder

Ja, klar! Das wäre eine ironische Antwort auf die Behauptung, dass die KI Ironie versteht. Ironie ist eine spielerische Verwendung von Sprache. Die beabsichtigte Bedeutung ist oft das Gegenteil der wörtlichen Aussage. Wenn mein Fussballclub hochkant verliert und ich danach sage, das sei ja mal wieder ein besonders schönes Spiel gewesen, dann ist das ironisch gemeint. Die Schwierigkeit für die Sprachmodelle liegt darin, dass sich die Bedeutung der Aussage nicht aus der Bedeutung der Worte ableiten lässt. Das Erkennen und Entschlüsseln von Ironie erfordert Kontextwissen und gesunden Menschenverstand. Das ist zuweilen schon für Menschen schwierig, ganz zu schweigen für KI-Modelle.

Dazu kommt noch, dass es ganz unterschiedliche Formen von Ironie gibt. Am einfachsten ist die verbale Ironie: Eine Person sagt etwas, meint aber das Gegenteil. In diese Kategorie gehört das Beispiel mit dem Wetter. Ähnlich funktionieren die starke Übersteigerung oder Untertreibung. Schwieriger zu erfassen ist die situative Ironie, wie sie in Situationskomik zum Ausdruck kommt. Beispiele dafür sind ein Taschendieb, der beklaut wird, oder ein Social-Media-Nutzer, der die Zeitverschwendung durch Social Media beklagt. Die Situation (der Kontext) ist der KI zuweilen schlicht nicht zugänglich.

1. Apekt Ironie versteht nur, wer weiss, was eigentlich gemeint ist.

Wenn ich bei starkem Regen sage, das Wetter sei heute wieder besonders schön, dann ist meine Äusserung auf den ersten Blick schlicht falsch. Damit mein Gegenüber meine Äusserung ironisch versteht, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens muss mein Gegenüber wissen, dass es regnet. Sprachphilosoph Paul Grice nennt das den gemeinsamen Wissenshintergrund. Zweitens muss mein Gegenüber meine Äusserung wohlwollend aufnehmen. Paul Grice spricht vom «Kooperationsprinzip»: Mein Gegenüber muss bereit sein, meine Äusserung als sinnvollen Beitrag zu akzeptieren, auch wenn das, was ich sage, oberflächlich gesehen falsch ist.

Mein Gegenüber versteht also, was ich meine, obwohl ich das Gegenteil sage. Das ist nur möglich, weil wir gemeinsames Weltwissen haben (es regnet), weil mein Gegenüber bereit ist, meine Aussage wohlwollend zu interpretieren (Kooperationsprinzip) und weil wir die Situation teilen. All diese Informationen stehen der KI meistens nicht zur Verfügung, deshalb ist sie nicht in der Lage, eine ironische Äusserung zu verstehen. Sie gleicht stattdessen Muster ab: «Schönes Wetter» + Minuszeichen im Sentiment-Kontext = Ironie-Flag. Sie kann also unter gewissen Umständen Ironie detektieren, aber eben nicht verstehen. Genau das ist der Denkfehler.

2. Apekt Ironie setzt Komplizenschaft voraus

Ironie ist so etwas wie eine Geheimsprache: Ironie funktioniert, wenn Menschen sich in der Kommunikation wie Komplizen verhalten. In einer ironischen Konversation teilen zwei Menschen nicht eine simple Information, sondern eine Haltung zur Welt. Einer ironischen Äusserung folgt ein wissendes Lächeln, weil beide sich auf dieselbe Haltung beziehen. Ironie funktioniert deshalb wie ein soziales Band.

Für die Entschlüsselung einer ironischen Äusserung verlassen sich Menschen auf Tonfall, Mimik oder gemeinsames Vorwissen, also all jene Aspekte, die sie zu Komplizen in der Situation machen. Genau diese Elemente sind einer KI meistens nicht zugänglich. KI-Modelle müssen Absicht und Bedeutung einer Äusserung allein aus dem Text erschliessen. Das macht die sonst so eloquente KI zum verständnislosen Papagei.

3. Apekt Ironie ist immer ein Risiko

Wer sich ironisch äussert, geht immer das Risiko ein, missverstanden zu werden. Ganz besonders gilt das für die schriftliche Kommunikation: Wenn nicht mehr klar ist, auf welche Weltsituation sich die Äusserung bezieht, ist die Gefahr gross, dass die Äusserung wörtlich statt ironisch verstanden wird. Deshalb ist es keine gute Idee, sich in E-Mails ironisch zu äussern.

Aber auch in der mündlichen Kommunikation ist Ironie ein Risiko. Ironie ist kein neutrales Stilmittel, sondern eine soziale Wette: «Ich vertraue darauf, dass du weisst, wie ich das meine.» Wer sich ironisch äussert, lehnt sich zum Fenster hinaus. Genau das kann die KI nicht. KI riskiert nie etwas, sie ist optimiert auf Verständlichkeit. Das schliesst kommunikatives Risiko und damit echte Ironie strukturell aus.

Fazit

In «Star Trek: The Next Generation» war Commander Data immer überfordert, wenn sich Kollege Riker ironisch äusserte. Data konnte Riker nur wörtlich verstehen. Heutigen KI-Modellen geht es genauso: Wie Commander Data nehmen sie uns beim Wort. Sie sind deshalb zu echter Ironie nicht fähig, weil man in der ironischen Kommunikation eine Äusserung nicht aufgrund der Worte, sondern anhand der kommunikativen Absicht interpretiert. Für Menschen ist Ironie ein Risiko, das sie eingehen, weil sie auf eine kommunikative Komplizenschaft bauen. Wer Ironie versteht, gibt sich als Komplize zu erkennen. Der KI ist das nicht möglich. Sie versteht alles, bloss nicht richtig.

Praxistipp

Testen Sie, ob die KI Ironie erkennt: Schreiben Sie einen ironischen Satz und fragen Sie dann explizit, wie er gemeint ist. Sie werden feststellen, dass die KI ihn meistens wörtlich interpretiert oder Ironie nur dann detektiert, wenn sie explizit darauf hingewiesen wird. Das ist aber kein Verstehen, sondern Mustererkennung. Übrigens geht es immer mehr Menschen genauso: Sie sind nicht mehr in der Lage, Sprache wohlwollend hintersinnig zu beurteilen, sondern nehmen alles ernst und wörtlich. Wenn die Unterschiede zwischen KI und Menschen kleiner werden, heisst das also nicht, dass die KI zum Menschen aufschliesst.

Basel, 10.03.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Nur dank Ihrer Unterstützung sind solche Texte möglich. Herzlichen Dank dafür!


Quellen:

Grice, H. Paul (1991): Studies in the way of words, Cambridge (Mass.) London 1991.
Wilson, Deirdre; Sperber, Dan (1992): On verbal irony, in: Lingua, 87,1–2, 1992, S. 53–76, https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/002438419290025E [10.03.2026].
Yi, Peiling; Xia, Yuhan; Long, Yunfei (2025): Irony Detection, Reasoning and Understanding in Zero-shot Learning, 2025, http://arxiv.org/abs/2501.16884 [10.03.2026].

Steuern Sie selbst, statt sich treiben zu lassen. KI-Vorträge für Menschen, die ihre Zukunft selber gestalten wollen.

Ein Kommentar zu "KI-Denkfehler #34: «Die KI versteht Ironie.»"

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.