KI-Denkfehler 32: «KI macht uns dumm.»

Publiziert am 24. Februar 2026 von Matthias Zehnder

Man könnte es meinen. Schuld daran ist aber nicht die KI, wir selbst tragen die Verantwortung. Das ist nichts Neues: Etwa dieselbe Technik lässt sich als Laufband im Fitnesscenter oder als Rolltreppe einsetzen. Das Resultat sind entweder starke Beine oder ein dicker Bauch. Wer immer nur die Rolltreppe benutzt, muss sich nicht wundern, wenn er kaum mehr ein Bein vor das andere kriegt. Bei der KI ist es genauso: Wir können uns von der KI herausfordern lassen, sie als Assistenzsystem für kritisches Denken nutzen und daran wachsen – oder als Rolltreppe fürs Gehirn einsetzen. Das macht dumm – aber schuld daran sind wir selbst.

1. Aspekt: Werkzeuge verändern den Menschen

Werkzeuge und Maschinen haben den Menschen immer wieder verändert. Die Dampfmaschine ersetzte die Arbeitskraft von Mensch und Tier. Die Muskeln schrumpften, dafür hatten die Menschen mehr Kapazität für geistige Arbeit. Die Schreibmaschine ersetzte den Füllfederhalter. Das schmälerte die Bedeutung der Handschrift, dafür machte es das Schreiben schnell. Dank GPS finden auch Touristen in London jede Adresse. Einzelne Hirnareale der Londoner Taxifahrer schrumpften, dafür finden wir uns jetzt alle zurecht.

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Die KI ist komplizierter. Am ehesten lässt sie sich mit der Auswirkung des Taschenrechners auf den Mathematikunterricht vergleichen. Schülerinnen und Schüler dürfen in der Schule mit dem Taschenrechner arbeiten. Trotzdem müssen sie weiterhin Kopfrechen, Sinus und Cosinus beherrschen und eine Funktion ableiten können. Ohne diese grundlegenden Fähigkeiten hätten sie nicht das Verständnis für den Umgang mit dem Taschenrechner. Das gilt auch für die KI: Sie macht Denken, Schreiben, Argumentieren einfacher. Es liegt an uns, weiterhin den Geist so in Schuss zu halten, dass wir verstehen, was wir da tun.

2. Aspekt: Verantwortung setzt Kompetenz voraus

Wenn wir nicht mehr verstehen, was die KI tut, können wir die Verantwortung für unsere Arbeit mit der KI nicht übernehmen. Verantwortung setzt Kompetenz voraus: Wer nicht mehr beurteilen kann, ob eine KI-Antwort gut ist, kann auch nicht mehr verantwortlich mit ihr umgehen.

Mein Mantra für den Umgang mit KI lautet deshalb: Setz KI nur dann ein, wenn Du sie nicht brauchst. Will heissen: wenn Du die Aufgabe (mit etwas mehr Zeit) auch ohne KI erledigen könntest. Es ist wie beim Taschenrechner: Wenn ich in der Lage bin, Sinus oder Cosinus zu berechnen, kann ich auch auf den entsprechenden Knopf auf dem Taschenrechner drücken. Ohne Cosinus-Kompetenz wird der Knopf zum Mysterium und ich kann die Verantwortung für die Berechnung nicht übernehmen.

3. Aspekt: KI verändert die Anforderungen

KI wird, wie das Feuer, die Dampfmaschine und der Taschenrechner, unsere Arbeit und unseren Alltag verändern. Wer KI klug einsetzen will, benötigt neue Kompetenzen. Etwa Kenntnisse ihrer Funktionsweise, die Bereitschaft zum Dialog mit der Maschine, so etwas wie Führungskompetenzen im Umgang mit digitalen Assistenten.

Das sind keine kleinen Anforderungen. Zumal sie viele lieb gewordene Gewohnheiten infrage stellen und in so manchem Unternehmen das Machtgefälle verändern. Denn KI ersetzt keine Kompetenzen, aber möglicherweise Erfahrung und Routine. Das führt zu Veränderungen im Berufsalltag und im Organigramm. Keine Frage: Das wird anstrengend.

Fazit

Dem einen oder der anderen dürfte das zu anstrengend sein. Es ist doch viel einfacher, mit der KI schnell die Abkürzung zu nehmen und sich bedienen zu lassen. Ausnahmsweise die Rolltreppe zu nehmen, ist ok. Wer nur noch Rolltreppe fährt, muss sich nicht wundern, wenn er dick und schlapp wird. Es liegt deshalb an uns, ob die KI uns dumm macht, oder ob wir uns von den maschinellen Dienern im Gegenteil zu neuer Klugheit anspornen lassen. Kurz: Die KI macht uns weder dumm noch klüger. Entscheidend ist, wie wir sie einsetzen.

Praxis-Tipp:

Setz die KI nicht nur als «Rolltreppe», also als plumpe Antwortmaschine ein, sondern nutze die KI als «geistiges Laufband»: Lass Dich von der KI trainieren, herausfordern und befragen. Fordere die KI auf: Sei mein politischer Gegner in einer Podiumsdiskussion und zerpflücke meine Argumente. Oder: Ich bin Literaturstudent, Du bist mein Prüfer. Das Thema: «Stiller» von Max Frisch. Das Ziel: Halte mit mir eine mündliche Prüfung am Bildschirm ab und befrage mich, wie es ein Professor für neuere deutsche Literatur machen würde. 15 Minuten geistiges Laufband pro Tag und Dein Hirn ist wieder fit.

24.2.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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