KI-Denkfehler 31: «KI macht Sprache präziser.»
Was sonst? Schliesslich kennt die KI so viele Worte… Stellt sich die Frage, was «Präzision» im Zusammenhang mit Sprache meint. Doch wohl: Die Sprache bildet genau das ab, was ich meine. Die Sprache erfasst also die Bedeutung, die ich im Kopf habe. Genau da beginnt aber das Problem: Die KI beherrscht die Zeichenebene der Sprache perfekt, aber sie hat keinen Zugang zur Bedeutung, weder zu der in meinem Kopf, noch zu der Welt da draussen. Als sprachliche Wahrscheinlichkeitsmaschine kann die KI perfekte Sätze generieren. Dabei neigt sie aber dazu, die Sprache zu glätten. Damit nimmt sie der Sprache ihre Nuancen.
Wenn wir aus tiefstem Herzen sprechen, reden wir so, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Dabei werden nicht nur regionale Färbungen oder Dialekte spürbar, sondern auch persönliche Vorlieben. Ich selbst höre die Sprache beim Schreiben. Mir ist der Klang der Wörter wichtig. Perfekt ist Sprache für mich dann, wenn sie einen Rhythmus hat. Andere Menschen schauen auf das Schriftbild und den Zeilenfall. Manche reagieren allergisch auf einzelne Wörter oder haben einen Hang zu bestimmten Ausdrücken. Es sind Nuancen, die eine Sprache zum persönlichen Ausdrucksmittel machen. Perfekt ist für mich Sprache dann, wenn es meine Sprache ist.
1. Aspekt: KI optimiert die Sprache auf Verständlichkeit
Im Kern ist die KI eine Kommunikationsmaschine: darauf trainiert, eine Botschaft von A nach B zu transportieren. Doch das will nicht jeder Text, schon gar nicht Texte, die einen künstlerischen Anspruch haben. Hollywood-Produzent Samuel Goldwyn soll einmal gesagt haben: «If you want to send a message, use Western Union.» Er meinte damit: Wer eine Botschaft übermitteln will, soll keinen Film drehen. Ausserhalb der Kommunikationsindustrie gilt das auch für die Sprache: Nicht jeder Text hat eine Message. Manchmal ist die Darstellung einer Rose schlicht die Darstellung einer Rose.
Das bedeutet auch: Wenn der Schreibende selbst nicht weiss, was er sagen will, bringt es nichts, wenn die KI seine Sprache auf Verständlichkeit optimiert. Sie behindert vielleicht im Gegenteil das allmähliche Verfertigen eines Gedankens beim Schreiben oder entfernt die Dornen am Stil der Rose, ohne zu bemerken, dass es die Dornen sind, die eine Rose ausmachen. Mit diesem Bild möchte ich Ihnen zeigen, dass man beim Schreiben manchmal mehr sagen kann, als man selbst weiss.
2. Aspekt: Präzision ist nicht Eindeutigkeit
Denn Sprache ist keine mathematische Operation. Ein präziser Ausdruck in der Mathematik ist genau und lässt keinen Interpretationsspielraum offen. Die Sprache ist anders: Sie lebt manchmal von Zweideutigkeit, von Hintergründigkeit, vom Doppelsinn und dem, was zwischen den Zeilen steht. Das bringt Sprache zum Schwingen und zaubert mir beim Lesen ein Lächeln auf die Stockzähne.
Mit Hintersinn und Bedeutung zwischen den Zeilen kann die KI überhaupt nicht umgehen. Dafür gibt es keine Regeln, das ist ja gerade der Witz der Zweideutigkeit. Es ist wie bei «Star Trek», wenn Commander Data mal wieder auf dem Schlauch steht, wenn Commander Riker einen Spruch klopft. Für Sigmund Freud ist der Witz ein Weg, verdrängte Wünsche oder Impulse ins Bewusstsein zu bringen. Kein Wunder, funktioniert das bei der KI nicht – sie ist ja nicht gerade mit Trieben gesegnet.
3. Aspekt: Gute Sprache ist lebendig und manchmal rau
Jeremias Gotthelf war (und ist) berüchtigt für seine zupackende, berndeutsch gefärbte Sprache. Da ist nichts glatt gehobelt. Manche Wörter sind so rau wie die schwieligen Hände der Bauern, über die der Berner Pfarrer geschrieben hat. Seine Berliner Verleger haben immer mal wieder die Hände verworfen, aber Gotthelfs Sprache war weiss Gott präzise, wenn er den Käse und Anken, die Züpfe und die Eierküchlein beschrieb. Und natürlich stand «heisse, dicke Nidel in schön geblümten Hafen zugedeckt auf dem Ofen», wie er es in der «Schwarzen Spinne» beschreibt.
Der grosse Bertolt Brecht schrieb Liebesgedichte, die so zotig sind, dass sie manch Poesie-Beflissenem bei der Lektüre Schamesröte ins Gesicht treiben. Was Brecht natürlich ganz genau wusste: «Fleischlich lieb ich mir die Seele / Und beseelt lieb ich das Fleisch» schrieb er im Gedicht «Liebesunterricht». Und weiter: «Keuschheit kann nicht Wollust mindern / Hungrig wär ich gerne satt. / Mag’s, wenn Tugend einen Hintern / Und ein Hintern Tugend hat.» Brecht liebte es, sein bürgerliches Publikum zu schockieren. Er schrieb dabei präzise, aber keineswegs glatt, sondern rau und mit Kanten. Das Resultat waren Texte mit Kanten dank Wörtern, die zwar perfekt eingepasst waren, aber wie Stolpersteine so manche Leserin, so manchen Leser zum Husten brachten.
Fazit:
Eine präzise Sprache ist nicht glatt und abgeschliffen, sondern fühlt sich an wie der mit Flusssteinen belegte Münsterplatz in Basel: Zwar passen die Steine perfekt zueinander, aber jeder hat seinen eigenen Charakter und wer nicht aufpasst, kommt ins Stolpern. Sprache ist für mich präzise, wenn sie bewegt, berührt, vielleicht sogar beseelt. Die KI findet (meistens) alle Rechtschreibfehler, hat aber oft Mühe mit dem träfen Ausdruck und weiss nicht recht, was sie mit dem Nidel im geblümten Hafen anfangen soll.
Praxistipp:
Lass Dir von der KI den Nidel nicht von der Milch nehmen: Schreib selbst. Die KI ist gut, wenn es um Planung, Argumentabgleich, Herausforderung durch andere Perspektiven oder um die Korrektur geht. Eine Seele hat sie nicht, die hast nur Du. Deshalb kannst nur Du in Deinen Texten für Ecken und für Kanten sorgen. Wie war das bei Brecht? Nur wir Menschen mögen es, wenn Sprache einen Hintern und ein Hintern Sprache hat. Rumms.
17.2.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
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Bild: adobe.com/ma
Ich verwende für die Serie bewusst kitschige KI-Papageien: Sie sind das visuelle Markenzeichen meiner Serie. Die Papageien illustrieren das Nachplapper-Problem der KI. Ich generiere die Papageien aber nicht selbst, sondern beziehe die Bilder der Rechte wegen bei Adobe.

