KI-Denkfehler 30: KI ersetzt Journalisten

Publiziert am 10. Februar 2026 von Matthias Zehnder

So mancher Verleger meint das wohl wirklich. Etwas verkürzt gesagt: Was sich durch KI erledigen lässt, ist nicht Journalismus. Oder, in einer Sprache, die Verleger verstehen:  Leistungen, die eine KI übernimmt, sind pure Commodity. Dafür werden sie nie Geld verlangen können. Journalisten werden KI zunehmend als Werkzeug einsetzen. Den Unterschied macht dabei aber der Mensch: Auch künftig sitzt die Intelligenz nicht im, sondern am Computer.

1. Aspekt: Versprachlichen

Wir arbeiten alle so oft am Bildschirm, dass ganz vergessen geht: Die eigentliche Welt ist analog. Sie riecht (und stinkt), sie lärmt und klingt, sie ist riesig gross oder winzig klein, und man kann sie anfassen. Das ist die Domäne der menschlichen Journalistinnen und Journalisten: vom Albisgüetli bis in die Schützengräben von Saporischschja, vom Seifenkistenrennen bis zur Nobelpreisvergabe. Kann sein, dass eine KI heute eine Sitzung protokollieren kann. Sie hat aber keine Ahnung, wie sich eine Schussverletzung anfühlt oder ein Tor in der 96. Minute. Sie kann nicht schmecken und nicht riechen. Vor allem kann sie nicht vor Ort mit Menschen reden und Fragen stellen.

Genau das zeichnet Journalismus aus: stellvertretend für andere Zeuge sein im Krieg und in der Küche, im Konzert und in der Kita. Über die bekannten sechs «W» (Wer? Was? Wie? Wo? Warum? Weshalb?) hinaus kommt es dabei vor allem auf ein siebtes «W» an: die eigene Wahrnehmung. Sie macht den Unterschied: Etwas mit eigenen Augen gesehen zu haben, hartnäckig nachzufragen, weiter zu recherchieren und die Eindrücke, die Ergebnisse und Wahrnehmungen in Sprache, Bild und Ton umzusetzen. Das kann keine KI.

2. Aspekt: Verarbeitung

Liegt der Bericht, das Protokoll, der O-Ton, das Bild einmal vor, kann die KI als Werkzeug zum Einsatz kommen. Ich gehe davon aus, dass wir künftig häufig von «liquid content» sprechen werden: KI «verflüssigt» Inhalte und macht es möglich, dass sie maschinell in unterschiedlichste Formen, Medien und Sprachen gegossen werden. Dabei geht ein entscheidender Aspekt gerne vergessen: die gestalterische Absicht. Auf Englisch gibt es dafür das Wort «intent» – auf Deutsch etwas sperriger die «Intention».

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Wir müssen also unterscheiden zwischen der technischen Transformation (gleicher Inhalt, verschiedene Formate – das ist künftig tatsächlich KI-Terrain) und der gestalterischen Intention: Das ist und bleibt der menschliche Anteil der Arbeit. Natürlich sind die Werkzeuge heute extrem mächtig. Aber auch mächtige Werkzeuge brauchen Befehle. Anders formuliert: Journalismus beginnt damit, die richtige Frage zu stellen. Gute Medienprodukte entstehen, wenn ein Mensch mit einer gestalterischen Intention am Bildschirm sitzt. Nur Menschen können die einebnende Macht der statistischen Berechnung aushebeln, auf der die KI beruht. Journalismus ist das Gegenteil des Wahrscheinlichen. Er handelt vom Neuen, vom Unerwarteten und sollte es uns neu und unerwartet präsentieren. Journalismus muss gegen den Strom schwimmen, unbequeme Wahrheiten aussprechen, gegen das, was wahrscheinlich ist oder gefallen könnte. Das schafft keine KI.

3. Aspekt: Verantwortung

Verleger, die auf KI setzen, säbeln am Baum, den sie gepflanzt haben. In einer Welt voller KI-Inhalte wird Vertrauen zur knappen Ressource. Journalistische Marken und die Namen vertrauenswürdiger Journalistinnen und Journalisten werden wertvoller, weil nur sie jene Verantwortung übernehmen können, die das Vertrauen rechtfertigt. In einer KI-Welt wird deshalb (menschliche) Verantwortung zur zentralen USP eines Medienangebots. Das Publikum will sich auf Köpfe verlassen können.

Eine KI kann Inhalte beliebig reproduzieren, aber sie kann die Inhalte nicht einordnen und entscheiden, was relevant ist und warum. Die journalistische Leistung auf den Redaktionen verschiebt sich deshalb von «Information beschaffen» zu «Bedeutung schaffen». Das setzt ein ganz anderes Level an Verantwortung voraus, weil es Auswahlentscheidungen voraussetzt. Deshalb wird es künftig erst recht auf die Menschen auf den Redaktionen ankommen.

Fazit:

Wer Journalisten durch KI ersetzen will, macht einen kapitalen Denkfehler: Er reduziert Journalismus auf einen Output in Text und Bild. Journalismus ist aber ein Prozess, der Zeuge, Gestalter und Verantwortungsträger braucht. Genau diese drei Rollen kann keine KI übernehmen. KI-Dienste bieten spannende Werkzeuge. Aber ohne Fachleute, die sie bewusst und verantwortungsvoll anwenden, führen sie lediglich zu einer Simulation von Journalismus.

Praxistipp

Die zentrale Währung im Journalismus wird künftig Vertrauen sein. Die Basis dafür bildet der journalistische Arbeitsprozess von der Wahrnehmung über die Gestaltung zur Verantwortung. Medienschaffende sind gut beraten, die KI als Werkzeug in der Mitte dieses Prozesses einzusetzen, etwa für die Transkription, eine Übersetzung oder den Entwurf der Darstellung. Es wird künftig aber noch mehr darauf ankommen, die beiden Enden des Prozesses abzusichern: Die ursprüngliche Wahrnehmung am Anfang, also die Quellen, und die persönliche Verantwortung am Ende. Sie lassen sich nicht delegieren. Es wird deshalb künftig entscheidend sein, wie du deinen Beitrag als Mensch in diesem Prozess dokumentierst und sichtbar machst. Frag dich bei jedem Beitrag: Wo war ich als Mensch unersetzbar? Die Antwort darauf ist dein journalistischer Wert.


Planungs-Prompt für journalistische Arbeit mit KI

Der folgende Prompt hilft dir dabei, den menschlichen Beitrag in deiner journalistischen Arbeit schon in der Planung zu dokumentieren. Probier es aus.

Version für Claude (Anthropic)


# Planungs-Prompt für journalistische Arbeit mit KI

Ich plane einen journalistischen Beitrag und möchte dabei bewusst entscheiden, wo ich KI als Werkzeug einsetze und wo ich als Mensch unersetzbar bin.

MEIN THEMA/AUFTRAG:
[Beschreibe hier in 2-5 Sätzen: Was ist dein Thema? Was ist der Anlass? Welche Form soll der Beitrag haben (Reportage, Interview, Analyse, etc.)?]

MEINE BISHERIGE RECHERCHE:
[Was hast du bisher gemacht? Wen hast du getroffen? Was hast du gesehen/erlebt? Welche Quellen hast du? Welche Materialien liegen vor (Interviews, Protokolle, Daten, O-Töne)?]

GEPLANTER KI-EINSATZ:
[Wofür möchtest du KI einsetzen? (z.B. Transkription, Übersetzung, Strukturierung, Recherche-Unterstützung, Darstellungsformen)]

Analysiere meinen Plan kritisch anhand des journalistischen Prozesses: Wahrnehmung → Gestaltung → Verantwortung.

PRÜFE DABEI FOLGENDES:

1. WAHRNEHMUNG (Anfang des Prozesses):
– Wo habe ich als Mensch originäre Wahrnehmung eingebracht? (Was habe ich selbst gesehen, gehört, gerochen, gefühlt?)
– Welche Fragen habe ich gestellt, die nur ich in dieser Situation stellen konnte?
– Wo droht KI meine eigene Wahrnehmung zu ersetzen statt zu unterstützen?
– KRITISCHE FRAGE: Ist meine Rolle als Zeuge stark genug, oder verlasse ich mich zu sehr auf vorhandenes Material?

2. GESTALTUNG (Mitte des Prozesses):
– Was ist meine gestalterische Intention? Was will ich erreichen?
– Welche Frage stelle ich mit diesem Beitrag?
– Wo setze ich KI ein, um technische Transformation zu beschleunigen (gleicher Inhalt, andere Formate)?
– Wo behalte ich die gestalterische Kontrolle (Perspektive, Zuspitzung, Überraschung)?
– KRITISCHE FRAGE: Überlasse ich der KI Entscheidungen, die meine journalistische Handschrift ausmachen?

3. VERANTWORTUNG (Ende des Prozesses):
– Wofür übernehme ich persönlich Verantwortung? (Fakten, Auswahl, Bewertung, Einordnung)
– Was bedeutet dieser Beitrag? Warum ist er relevant?
– Wie dokumentiere ich meinen Beitrag als Mensch transparent?
– KRITISCHE FRAGE: Würde ich für jeden Satz in diesem Beitrag mit meinem Namen geradestehen?

4. COMMODITY-CHECK:
Stelle dir vor, tausend andere könnten mit denselben KI-Tools denselben Beitrag produzieren:
– Was macht meinen Beitrag einzigartig?
– Wo war ich unersetzbar?
– Was biete ich, das Commodity übersteigt?

DEIN OUTPUT:
1. Eine ehrliche Einschätzung: Wo ist mein Plan stark, wo schwach?
2. Konkrete Empfehlungen: Was sollte ich ändern, bevor ich loslege?
3. Warnhinweise: Wo drohe ich, Commodity statt Journalismus zu produzieren?
4. Eine Kernfrage für meine Arbeit: Die eine Frage, die ich mir während der Arbeit immer wieder stellen sollte.

Sei kritisch. Sei konkret. Halte dich strikt an diese vier Punkte und schließe mit der Kernfrage ab.

Version für ChatGPT (OpenAI)


# Planungs-Prompt für journalistische Arbeit mit KI

Ich plane einen journalistischen Beitrag und möchte dabei bewusst entscheiden, wo ich KI als Werkzeug einsetze und wo ich als Mensch unersetzbar bin.

MEIN THEMA/AUFTRAG:
[Beschreibe hier in 2-5 Sätzen: Was ist dein Thema? Was ist der Anlass? Welche Form soll der Beitrag haben (Reportage, Interview, Analyse, etc.)?]

MEINE BISHERIGE RECHERCHE:
[Was hast du bisher gemacht? Wen hast du getroffen? Was hast du gesehen/erlebt? Welche Quellen hast du? Welche Materialien liegen vor (Interviews, Protokolle, Daten, O-Töne)?]

GEPLANTER KI-EINSATZ:
[Wofür möchtest du KI einsetzen? (z.B. Transkription, Übersetzung, Strukturierung, Recherche-Unterstützung, Darstellungsformen)]

Analysiere meinen Plan kritisch anhand des journalistischen Prozesses: Wahrnehmung → Gestaltung → Verantwortung.

PRÜFE DABEI FOLGENDES:

1. WAHRNEHMUNG (Anfang des Prozesses):
– Wo habe ich als Mensch originäre Wahrnehmung eingebracht? (Was habe ich selbst gesehen, gehört, gerochen, gefühlt?)
– Welche Fragen habe ich gestellt, die nur ich in dieser Situation stellen konnte?
– Wo droht KI meine eigene Wahrnehmung zu ersetzen statt zu unterstützen?
– KRITISCHE FRAGE: Ist meine Rolle als Zeuge stark genug, oder verlasse ich mich zu sehr auf vorhandenes Material?

2. GESTALTUNG (Mitte des Prozesses):
– Was ist meine gestalterische Intention? Was will ich erreichen?
– Welche Frage stelle ich mit diesem Beitrag?
– Wo setze ich KI ein, um technische Transformation zu beschleunigen (gleicher Inhalt, andere Formate)?
– Wo behalte ich die gestalterische Kontrolle (Perspektive, Zuspitzung, Überraschung)?
– KRITISCHE FRAGE: Überlasse ich der KI Entscheidungen, die meine journalistische Handschrift ausmachen?

3. VERANTWORTUNG (Ende des Prozesses):
– Wofür übernehme ich persönlich Verantwortung? (Fakten, Auswahl, Bewertung, Einordnung)
– Was bedeutet dieser Beitrag? Warum ist er relevant?
– Wie dokumentiere ich meinen Beitrag als Mensch transparent?
– KRITISCHE FRAGE: Würde ich für jeden Satz in diesem Beitrag mit meinem Namen geradestehen?

4. COMMODITY-CHECK:
Stelle dir vor, tausend andere könnten mit denselben KI-Tools denselben Beitrag produzieren:
– Was macht meinen Beitrag einzigartig?
– Wo war ich unersetzbar?
– Was biete ich, das Commodity übersteigt?

DEIN OUTPUT:
1. Eine ehrliche Einschätzung: Wo ist mein Plan stark, wo schwach?
2. Konkrete Empfehlungen: Was sollte ich ändern, bevor ich loslege?
3. Warnhinweise: Wo drohe ich, Commodity statt Journalismus zu produzieren?
4. Eine Kernfrage für meine Arbeit: Die eine Frage, die ich mir während der Arbeit immer wieder stellen sollte.

Sei kritisch. Sei konkret. Halte dich ausschließlich an diese vier Punkte. Schließe mit der Kernfrage ab. Biete keine weiteren Optionen, Fragen oder Unterstützung an.

Version für Gemini (Google)


# Planungs-Prompt für journalistische Arbeit mit KI

Ich plane einen journalistischen Beitrag und möchte dabei bewusst entscheiden, wo ich KI als Werkzeug einsetze und wo ich als Mensch unersetzbar bin.

MEIN THEMA/AUFTRAG:
[Beschreibe hier in 2-5 Sätzen: Was ist dein Thema? Was ist der Anlass? Welche Form soll der Beitrag haben (Reportage, Interview, Analyse, etc.)?]

MEINE BISHERIGE RECHERCHE:
[Was hast du bisher gemacht? Wen hast du getroffen? Was hast du gesehen/erlebt? Welche Quellen hast du? Welche Materialien liegen vor (Interviews, Protokolle, Daten, O-Töne)?]

GEPLANTER KI-EINSATZ:
[Wofür möchtest du KI einsetzen? (z.B. Transkription, Übersetzung, Strukturierung, Recherche-Unterstützung, Darstellungsformen)]

Analysiere meinen Plan kritisch anhand des journalistischen Prozesses: Wahrnehmung → Gestaltung → Verantwortung.

PRÜFE DABEI FOLGENDES:

1. WAHRNEHMUNG (Anfang des Prozesses):
– Wo habe ich als Mensch originäre Wahrnehmung eingebracht? (Was habe ich selbst gesehen, gehört, gerochen, gefühlt?)
– Welche Fragen habe ich gestellt, die nur ich in dieser Situation stellen konnte?
– Wo droht KI meine eigene Wahrnehmung zu ersetzen statt zu unterstützen?
– KRITISCHE FRAGE: Ist meine Rolle als Zeuge stark genug, oder verlasse ich mich zu sehr auf vorhandenes Material?

2. GESTALTUNG (Mitte des Prozesses):
– Was ist meine gestalterische Intention? Was will ich erreichen?
– Welche Frage stelle ich mit diesem Beitrag?
– Wo setze ich KI ein, um technische Transformation zu beschleunigen (gleicher Inhalt, andere Formate)?
– Wo behalte ich die gestalterische Kontrolle (Perspektive, Zuspitzung, Überraschung)?
– KRITISCHE FRAGE: Überlasse ich der KI Entscheidungen, die meine journalistische Handschrift ausmachen?

3. VERANTWORTUNG (Ende des Prozesses):
– Wofür übernehme ich persönlich Verantwortung? (Fakten, Auswahl, Bewertung, Einordnung)
– Was bedeutet dieser Beitrag? Warum ist er relevant?
– Wie dokumentiere ich meinen Beitrag als Mensch transparent?
– KRITISCHE FRAGE: Würde ich für jeden Satz in diesem Beitrag mit meinem Namen geradestehen?

4. COMMODITY-CHECK:
Stelle dir vor, tausend andere könnten mit denselben KI-Tools denselben Beitrag produzieren:
– Was macht meinen Beitrag einzigartig?
– Wo war ich unersetzbar?
– Was biete ich, das Commodity übersteigt?

DEIN OUTPUT:
1. Eine ehrliche Einschätzung: Wo ist mein Plan stark, wo schwach?
2. Konkrete Empfehlungen: Was sollte ich ändern, bevor ich loslege?
3. Warnhinweise: Wo drohe ich, Commodity statt Journalismus zu produzieren?
4. Eine Kernfrage für meine Arbeit: Die eine Frage, die ich mir während der Arbeit immer wieder stellen sollte.

Sei kritisch. Sei konkret. Halte dich ausschließlich an diese vier Punkte. Schließe mit der Kernfrage ab. Biete keine weiteren Optionen, Fragen oder Unterstützung an.


10.2.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: adobe.com/sawitri 
Ich verwende für die Serie bewusst kitschige KI-Papageien: Sie sind das visuelle Markenzeichen meiner Serie. Die Papageien illustrieren das Nachplapper-Problem der KI. Ich generiere die Papageien aber nicht selbst, sondern beziehe die Bilder der Rechte wegen bei Adobe.

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