KI-Denkfehler 28: KI ersetzt den Lehrer
Eine verbreitete Fehlannahme. Sicher ist: Die KI verändert das Lernen und damit auch das Lehren. Unterricht kann 2026 nicht mehr gleich aussehen wie 2006. Das heisst aber nicht, dass die Lehrperson überflüssig wäre. Ich vermute eher das Gegenteil. Was stimmt: Die Lehrerin, der Lehrer ist nicht mehr die einzige Wissensquelle. Aber Unterricht war noch nie blosse Informationsvermittlung. Deshalb: Nein, die KI ersetzt die Lehrperson nicht. Aber sie verändert den Beruf. Die KI kann zwar informieren und instruieren, aber nicht begleiten. In höheren Schulstufen wird die Lehrerin, der Lehrer auch zum KI-Coach. Die grösste Herausforderung für Lehrpersonen: Die Veränderung vollzieht sich rasend schnell.
1. Aspekt: Unterrichten ist auch eine Beziehungsfrage
Wenn ich an meine eigene Schulzeit denke, fallen mir eine Handvoll Lehrer ein, die mich gefordert, gefördert und inspiriert haben. Entscheidend war dabei gar nicht mal das Fach, sondern ihre Leidenschaft dafür – und ihre Bereitschaft, sich mit mir schnöseligem Teenager auseinanderzusetzen. Diese Lehrer haben mich geprägt, ja sie haben vermutlich meine Schulkarriere gerettet. Eine KI hätte das nie geschafft.
Denn diese Lehrer haben mich als Menschen ernst genommen, obwohl ich damals selbst noch keine Ahnung hatte, wer ich war und werden wollte. Das war nicht bequem, überhaupt nicht. Sie haben mich aus der Komfortzone herausgeholt und mich herausgefordert. Genau das kann eine KI nicht. Die Lehrer haben nicht nur auf der Informationsebene unterrichtet, sondern auch auf der Beziehungsebene. Etwas pathetisch gesagt: Ein guter Lehrer formt nicht bloss Wissen, sondern Menschen.
Eine KI kann Aufgaben stellen, Feedback geben, Lösungswege vorschlagen. Aber sie kann nicht sehen, ob jemand wirklich verstanden hat oder nur nickt (oder schon eingenickt ist, wie das bei mir der Fall war). Sie kann nicht spüren, wann Druck nötig ist und wann Ermutigung. Sie ist auf Gefallen programmiert. Gerade das macht sie blind für den Moment, in dem Lernen weh tun muss.
2. Aspekt: Unterrichten ist mehr als Wissensvermittlung
Nehmen wir einmal an, eine KI ersetzt Lehrer. Was ist mit dem Skilehrer oder dem Schwimmlehrer? «Das ist etwas anderes», sagen Sie jetzt vielleicht. Beim Skifahren und beim Schwimmen geht es nicht nur um Wissen, sondern um eine Tätigkeit. Doch in den allermeisten Fächern geht es nicht um blosses (und deshalb oft blasses) Wissen. Schreiben und Rechnen, Triangulieren und Interpretieren sind dem Schwimmen ähnlicher, als Sie vielleicht denken.
Lehrerinnen und Lehrer sind dabei nicht bloss Vorturner (oder Vorschwimmer). Sie müssen auch die Gruppe leiten. Denken Sie an den Kindergarten: Da ordnet die Lehrperson eine wuselnde Kinderschar zu einer Gruppe. Es geht also auch um das Verhalten der Kinder. Ab welcher Klasse geht es im Unterricht nur noch um Wissen und nicht mehr um Verhalten, Motivation und (das auch) um Disziplin? Ich glaube, selbst an der Uni hat das Unterrichten so gesehen zuweilen Kindergartenqualiät.
3. Aspekt: Unterrichten ist auch ein sozialer Prozess
Das bringt uns zum dritten Aspekt: Unterricht findet in der Schule und an der Universität immer in Gruppen statt. Lernen ist auch ein sozialer Prozess. Ich denke etwa an Diskussionen, an Vorträge, an das gemeinsame Ringen um das Verstehen des Stoffs. Und natürlich das gemeinsame Büffeln. Wenn man sich gegenseitig abfragt, sorgt die soziale Komponente dabei für eine ganz andere Ernsthaftigkeit des Tuns als wenn ich alleine vor einem Bildschirm sitze.
Das hat mit dem menschlichen Gegenüber zu tun: Der KI ist es egal, wie oft ich beim Lernen scheitere. Sie ist unendlich geduldig und erklärt den Satz des Pythagoras auch zum Hundertsten Mal. Das macht die KI zu einem guten Tutor – entschärft aber die Lernsituation. Menschen gegenüber ist Scheitern immer auch mit Scham verbunden. Das macht einen Vortrag vor der Klasse zur Prüfung und verleiht dem gemeinsamen Lernen jene Dosis Ernsthaftigkeit, die wir alle brauchen, um unseren Bequemlichkeitsschatten zu überspringen. Die Lehrperson spielt dabei eine wichtige Rolle, indem sie diese sozialen Prozesse initiiert und anleitet. Sie kann dafür sorgen, dass es dabei allen wohl ist, aber niemandem zu bequem.
Fazit
Die KI wird Lehrerinnen und Lehrer nicht ersetzen. Unterricht findet auch auf der Beziehungsebene, im Tun und im Sozialen statt. Dafür braucht es Lehrpersonen als Leiterinnen und Leiter der Schülergruppe. Sie werden auf diese Weise zum Vorbild, an dem sich Kinder und Jugendliche orientieren und reiben. So entstehen Beziehungen, die ein Leben prägen können. Sicher: Die KI kann als Tutor wichtige Funktionen übernehmen und im Lernprozess eine spannende Rolle spielen. Sie ersetzt dabei aber ganz sicher nicht den Lehrer, sondern verändert die Art des Lernens. Dafür brauchen Schülerinnen und Schüler einen Coach, der sie begleitet. Das wird eine neue Aufgabe sein, in die Lehrerinnen und Lehrer rasch hineinwachsen müssen.
Tipp: KI als Tutor
Statt die KI als Antwortmaschine zu nutzen, lassen Sie sich von der KI abfragen. Versuchen Sie diesen Prompt:
«Ich möchte [Thema] lernen. Stelle mir Fragen dazu und gib mir erst Feedback, nachdem ich geantwortet habe. Beginne mit einfachen Fragen und steigere die Schwierigkeit basierend auf meinen Antworten. Gib Feedback nicht nur richtig/falsch, sondern bewerte die Antworten auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 6 (ausgezeichnet).»
So wird die KI vom Antwortgeber zum Tutor – und Sie bleiben aktiv.
29.1.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
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2 Kommentare zu "KI-Denkfehler 28: KI ersetzt den Lehrer"


Gefällt mir sehr!
KI ist betreffend Bildung weder wirklich das Problem, noch die wahrhaftig wirksame Lösung. Was gemäss meiner langjährigen Erfahrung alltäglich und leider realpolitisch scheusslich zutrifft. Hier gehe ich davon aus, dass meist einzig im Kleinen etwas Grosses möglich ist. Also engagiere ich mich für kleine Änderungen im Grossen und freue mich, wenn es gelingt: denn mit grundsätzlich gut durchdachten sowie wissenschaftlich fundierten Plänen lief ich oft nicht nur ins Leere, sondern generierte manchmal diverse Formen von Widerstand: beispielsweise indem Pläne passiv nicht beachtet, oder aktiv abgelehnt wurden.
Sollte ich wütend werden über die Dummen, die es nicht wissen wollen? Oder sollte ich es fürchterlich finden und Angst haben, weil ich nicht weiter wusste? Oder sollte ich mich mit der Illusion erschöpfen, es wäre schon noch zu schaffen: ich und/oder die anderen müsste/n es nur richtig machen? Oder sollte ich den Fehler bei mir suchen und mich schämen, weil ich falsch lag?
Dabei ist es schlicht und einfach so, weil die Welt nicht so ist, wie ich sie mir denke und haben möchte. Dies bewusst zu akzeptieren, kann mit Trauer und Loslassen verbunden sein. Die Schattenkraft von Trauer ist Resignation: wo Trauer ist, möge Liebe werden. Trauer ist eine Gefühlskraft von grosser Tiefe, Weite und Weisheit. In ihr können wir schwimmen und uns treiben lassen, wenn wir es uns gestatten.
Ob es wohl sein mag, dass wir weise geboren sind und dann dumm werden: unter anderem, weil wir es nicht verstehen, mit der Kraft unserer Gefühle zu leben?
Unterwegs vom Gefangensein in Dummheit zum Freisein in Weisheit hier mein aktuell letzter Schluss: Mögen wir von ganzem Herzen und aus Liebe mit uns und allem im Frieden leben und glücklich sein. In der Welt, wie sie ist und wie sie sein wird. Mögen wir dafür tun, was uns möglich ist, und lassen, was zu lassen ist.
Mehr dazu siehe: https://zeitpunkt.ch/dummheit-ist-verlernbar.