KI-Denkfehler 27: KI kann schreiben.

Publiziert am 20. Januar 2026 von Matthias Zehnder

Sind Sie sicher? Es scheint trivial: Wenn generative KI etwas gut und schnell kann, dann ist es doch genau das, oder? Doch genau da liegt der Denkfehler: Textproduktion ist nicht gleich Schreiben. Wenn Menschen schreiben, setzen sie Gedanken, Gefühle und Erlebnisse in Sprache um. Da ist also etwas im Kopf, das wir in Sprache ausdrücken. Die KI dagegen verarbeitet nur bereits existierende Sprachmuster. Sie produziert Texte, ohne zu schreiben.

Auch wenn das Ergebnis in beiden Fällen ähnlich aussieht – auf dem Bildschirm steht ein Text – unterscheiden sich das menschliche Schreiben und die Textproduktion durch die KI fundamental voneinander. Der wichtigste Punkt: Die KI weiss nicht, was sie schreibt. Sie hat keinen Zugang zur Bedeutungsebene der Sprache. Sie kann zwar Millionen von Rezepten generieren, hat aber keine Ahnung, ob das schmeckt, was sie da vorschlägt.

1. Aspekt: Schreiben heisst denken – das kann die KI nicht.

Heinrich von Kleist beschrieb es als «allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden». Beim Schreiben passiert genau das: Gedanken entstehen oft erst im Schreibprozess. Mir passiert das immer wieder, dass ich mir beim Schreiben gespannt zuhöre. Ich könnte vorab nicht sagen, was ich denke, der Gedanke formt sich erst beim Schreiben. Das Ringen um das richtige Wort ist deshalb kein blosses Ausdrucksproblem, sondern der Kern des Denkens selbst.

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Die KI kennt dieses Ringen nicht. Sie arrangiert Sprachmuster nach statistischen Wahrscheinlichkeiten, ohne dass dabei ein Gedanke «verfertigt» würde. Das bedeutet: Sie produziert Sprache, ohne dabei zu denken. Unser Problem ist: Wir können diese Texte nicht lesen, ohne einen sprechenden (und denkenden) Menschen hineinzuinterpretieren. Deshalb überschätzen wir die Bedeutung von KI-Texten.

2. Aspekt: Schreiben heisst etwas in Sprache setzen

Schreiben bedeutet, etwas in Sprache zu übersetzen: Erfahrungen, Beobachtungen, innere Zustände. Wörter sind Symbole, die auf eine aussersprachliche Wirklichkeit verweisen. Wer schreibt, vollzieht ständig diese Übersetzungsleistung: von der Bedeutungsebene zur Symbolebene der Sprache. Wenn wir von der beissenden Schärfe eines Peperoncino oder der mild schmeichelnden Süsse einer Banane schreiben, dann wissen wir genau, wie das schmeckt.

Die KI operiert ausschliesslich auf der symbolischen Ebene der Sprache. Sie kombiniert Zeichen mit Zeichen, ohne Zugang zur Bedeutungsebene der Zeichen zu haben. Deshalb kann eine KI zwar einen Text über Erfahrungen generieren, aber nie aus Erfahrung schreiben. Sie kann viele Wörter machen um Bananen und Peperoncino, hat aber Schärfe und Süsse nie empfunden – und ist deshalb so glaubwürdig, wie wenn eine Landratte über das Segeln schreibt.

3. Aspekt: Schreiben heisst, Verantwortung zu übernehmen

Wer schreibt, trägt als Autorin, als Autor die Verantwortung für das Geschriebene. Da ist jemand, der spricht und für das Geschriebene einsteht. Und zwar im wörtlichen Sinn: Ich stehe mit meinem Namen dazu, trage die Verantwortung und bin auch haftbar.

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Bei der KI ist das nicht der Fall: Nicht nur spricht da niemand, die KI übernimmt auch keine Verantwortung für den Text. KI-Texte sind Texte ohne Autorschaft und damit auch ohne Haftung für Wahrheit, Angemessenheit oder Wirkung.

Fazit:

Schreiben ist viel mehr als Textproduktion. Der Text ist nur das Resultat eines komplizierten, inneren Prozesses. Diesen Prozess wegzulassen und der KI die Tastatur zu überlassen, hat nichts mit Schreiben zu tun. Kurz: Es ist Textverwaltung, nicht Textschöpfung.

Praxistipp:

Nutzen Sie KI als Werkzeug für die Textverarbeitung. Also zum Kürzen, Umformulieren, Strukturieren, Korrigieren. Aber überlassen Sie der KI nicht das Steuer im Schreibprozess. Beginnen Sie immer mit eigenen Gedanken, eigenen Worten, eigenen Entwürfen. So bleibt das Schreiben das, was es sein sollte: ein Ausdruck Ihres Denkens.

20.1.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Ein Kommentar zu "KI-Denkfehler 27: KI kann schreiben."

  1. Was für eine gute Gelegenheit dem vorangehendem „Praxistipp“ zur KI zu folgen:

    „OPA, erzähl mal“,

    heisst der Titel des Buchs zum Ausfüllen, in dem du für mich, deine Geschichte erzählst.
    Fühle dich frei, es so auszufüllen, wie du möchtest.
    Wie oft und wie viel du hineinschreibst, bestimmst du allein.
    Du kannst Fragen verändern, die du lieber anders beantworten möchtest
    Füge Fotos hinzu, die dir etwas bedeuten.
    Tu, was sich für dich gut und richtig anfühlt.
    Wenn du fertig bist, gibst du mir das Buch zurück.
    Auf diese Weise reichst du die Geschichte deines Lebens an jemanden weiter, der dich so ganz fest umarmt und so gern hat.

    Deine Enkelin
    Eveline

    (Begleittext in Anlehnung an die Autorin von Elma van Vliet)

    Wäre doch ein Beispiel unter 100derten, frei ohne jegliche KI.

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