KI-Denkfehler 25: KI befreit uns von Routine
Klingt gut. Aber ist es das wirklich? Klar: Routinearbeiten sind lästig. Aber sie haben zu Unrecht einen so schlechten Ruf. Manchmal ist es geradezu erholsam, aufzuräumen, Mails zu sortieren oder sich mit alltäglichem Kram zu beschäftigen. Wenn die KI tatsächlich alle Routinearbeiten übernimmt, wird unsere Arbeit nicht einfacher, sondern deutlich anstrengender. Dazu kommt: Der Weg zum Experten führt über Routinearbeiten. Die KI übernimmt schon heute genau jene Arbeiten, die bisher Einsteiger und Berufsanfänger ausgeführt haben. Wir haben deshalb auch zu verlieren, wenn die KI einfache Arbeiten übernimmt.
1. Aspekt: Routine schafft Raum für Reflexion.
Wenn wir aktiv über ein konkretes Problem nachdenken und uns geradezu darin verbeissen, rennen wir oft gegen eine Wand: Der präfrontale Cortex ist dabei als Filter aktiv und sortiert unlogische oder zu gewagte Ideen sofort aus. Wenn wir uns einer Tätigkeit mit geringer kognitiver Last widmen, kommt es dagegen zu einer Inkubationsphase: Das Bewusstsein ist durch die Routinearbeit abgelenkt, aber das Unterbewusstsein arbeitet weiter an dem Problem. Das aber ohne den Stress und den Druck, sofort eine Lösung finden zu müssen.
Wir lassen während Routinearbeiten Gedanken zu, die wir am Schreibtisch sofort als «dumm» oder «abwegig» verworfen hätten. Oft sind genau das die innovativen Lösungen. Der Effekt: Ein entspannter, leicht positiv gestimmter Geist ist kreativer als ein gestresster, der vor einem leeren Blatt Papier sitzt. Deshalb kommen wir oft auf die besten Ideen, wenn das Denken schweifen kann, wie das während Routinearbeiten möglich ist.
2. Aspekt: KI macht die Arbeit anspruchsvoller.
Diesen Effekt kennen wir aus dem Krankenhaus: In den letzten Jahren hat sich die Aufenthaltsdauer der Patientinnen und Patienten stark verkürzt. Heute liegen sie nur noch während der akuten Phase im Krankenhausbett. Für das Pflegepersonal bedeutet das: Die Arbeit ist deutlich anspruchsvoller und anstrengender geworden, weil alle Patienten stark pflegebedürftig sind.
Genau das wird passieren, wenn die KI uns von den einfachen Routinearbeiten entlastet. Das Resultat wird keine Entlastung, sondern eine Belastung sein: Uns Menschen bleiben dann nämlich nur noch jene Aufgaben, die uns als Expertinnen und Experten voll und ganz fordern. Das bedeutet: Unsere Arbeit wird dichter, anspruchsvoller und deutlich anstrengender.
3. Aspekt: Routine macht Experten aus
Dieser Effekt ist bereits eingetreten: Die KI übernimmt in Anwaltskanzleien, Werbeagenturen und auf Redaktionen jene Arbeiten, die bis anhin die Azubis ausgeführt haben. Die KI arbeitet schneller und mault erst noch rum. Die grosse Frage ist: Wass sollen die Azubis tun? Wie können sie sich jetzt jene Erfahrungen erarbeiten, die sie später zu Expertinnen und Experten macht?
Denn auch künftig wird der Weg zur Expertise über einfache Aufgaben führen. Dabei geht es nicht nur um Wissen, das sich abfragen lässt, sondern um eine Routine im Handeln, die man sich nur durch jahrelange Übung aneignet. Kein Fussballer, keine Sängerin, kein Tänzer, keine Ärztin kommt ohne die berühmten zehntausend Stunden Übung aus. Die Frage ist, wie wir trotz KI weiterhin Expertinnen und Experten ausbilden können. Nicht nur auf dem Fussballplatz, sondern auch in Agenturen, Kanzleien und im Schulzimmer. Denn auch im KI-Zeitalter macht nur Übung den Meister. Und die Meisterin.
Fazit:
Routineaufgaben haben zu Unrecht einen schlechten Ruf. Sie können den Alltag auch bereichern, indem sie uns kognitive Freiräume verschaffen und uns Zeit geben, aufzuatmen. Vor allem aber führt der Weg zur Expertise nur über das Erlangen von Routine. Darum überlege gut, was Du an die KI delegierst – und was Du auch künftig besser selber machst.
6.1.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
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