KI-Denkfehler #17: KI braucht keine Führung

Publiziert am 11. November 2025 von Matthias Zehnder

KI gilt als nimmermüde Wunderkraft: Sie arbeitet unermüdlich, ist Tag und Nacht verfügbar, verarbeitet klaglos jedes Dokument und analysiert ganze Berge von Daten. Sie wird nie müde, meckert nicht, kennt weder Rauchpausen noch Feierabend und ist auch am Montag um 7 Uhr morgens putzmunter. Einmal einschalten und die Sache läuft. Und läuft und läuft und läuft ins Leere. Denn die KI ist kein autonomer Akteur, sondern ein zwar sehr leistungsfähiges, aber blindes Werkzeug. KI kennt weder Kontext noch Konsequenzen, hat keinen Sinn für Sinn und schon gar nicht für Bedeutung und kann keine Verantwortung übernehmen. Was klug und eloquent wirkt, ist tatsächlich nur Statistik im TGV-Tempo. Wenn diesem Daten-TGV niemand sagt, wohin die Reise gehen soll, fährt die KI zwar im Eiltempo los, aber wahrscheinlich in die falsche Richtung.

Viele Anwender verstehen unter der KI einen Autopiloten für ihre Probleme. Einmal eingeführt, soll sie Prozesse optimieren, Kosten senken, Entscheidungen verbessern. Man setzt darauf, dass die Maschine sich zurechtfindet. Sie motzt ja nicht und begehrt nie auf. Doch ohne klare Ziele, Werte und Grenzen wird KI zum irrlichternden Papagei. Sie plappert Muster aus den Daten nach, verstärkt Zufälle und Vorurteile und verleiht ihnen den Anschein von Objektivität. Führung war bisher etwas, das man mit Menschen verband. Man führt Teams, Abteilungen, Organisationen. Maschinen musste man bedienen oder steuern. Die KI zwingt uns, diesen Unterschied zu überdenken. KI muss man bedienen wie eine Maschine und führen wie einen Menschen. Ja: KI braucht eher mehr Führung als ein Mensch, weil sie so schnell, so unermüdlich und so beflissen arbeitet. Das kann ganz schön anstrengend sein, weil es dabei nicht nur um das Drücken von ein paar Hebeln geht, sondern um inhaltliche, ethische und strategische Führung.

Ich sehe drei Denkfehler:

1. Denkfehler: KI steuert sich selbst

Weil KI Ergebnisse liefert, die sinnvoll aussehen, glauben viele, sie könne sich selbst steuern. Doch das ist eine Illusion. KI folgt keinen Absichten, sondern Wahrscheinlichkeiten. Sie weiss nicht, warum sie etwas tut. Sie prognostiziert aufgrund der Trainingsdaten das wahrscheinlichste Ergebnis.

Wie eine Wetterprognose kann das Ergebnis durchaus zutreffen; die KI kann aber auch völlig daneben liegen. Eine KI hat weder ein Gefühl für Angemessenheit, noch ein Gespür für Ziele und Absichten ihres Herrn oder ihrer Meisterin. Schon gar nicht kann sie die Konsequenzen ihrer Ergebnisse abschätzen.

Gerade weil sie so effizient ist, braucht sie klare Führung. Wer eine KI sich selbst überlässt, überlässt sich und seine Organisation der Beliebigkeit. Eine KI kann Prozesse beschleunigen, aber sie weiss nicht, ob sie in die richtige Richtung laufen. Ohne Führung wird aus Geschwindigkeit nur Beschleunigung. Und die scheinbare Effizienz verwandelt sich in Chaos.

2. Denkfehler: KI ist objektiv

Viele glauben, man müsse eine KI nicht führen, weil sie neutral sei. Nähmaschinen, Bandsägen und Buchhaltungsprogramme haben ja auch keine Vorurteile. Doch jede KI reproduziert die Daten mit denen sie trainiert wurde und damit auch alle Verzerrungen, Stereotypen und blinde Flecken, die darin stecken.

Wenn in den Daten Männer häufiger als Führungskräfte vorkommen, dann wird die KI Männer für die besseren Chefs halten. Wenn eine KI immer weisse Menschen zeigt, wenn sie das Bild einer glücklichen Familie generieren soll, dann ist das keine Bosheit, sondern ein reproduziertes Vorurteil aus dem Internet.

Deshalb reicht es nicht, KI zu prompten. Man muss sie anleiten. Man muss ihr beibringen, welche Werte gelten, welche Daten relevant sind, und welche Ergebnisse man anzielt. Wer das unterlässt, steuert sein Unternehmen über Rückspiegel: Er sieht nur das, was in den Daten von gestern war, und hält es für die Wahrheit von heute. Oder sogar von morgen. Objektivität ist kein Ergebnis von Technik, sondern eine Frage der Verantwortung.

3. Denkfehler: Führung bremst KI

Vielleicht. Aber ungebremst in die Wand ist auch kaputt. Viele Unternehmen scheuen sich, der KI Grenzen zu setzen, aus Angst, ihre Effizienz zu verringern oder Innovation zu bremsen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Erst sorgfältige Führung macht KI brauchbar.

Ohne ethischen und strategischen Rahmen wird Effizienz zum Selbstzweck. Die Maschine produziert zwar unermüdlich Ergebnisse, aber niemand weiss, ob sie richtig, sinnvoll oder verantwortbar sind. Geschwindigkeit kann Urteilskraft nicht ersetzen, sonst ist das Resultat nicht Fortschritt, sondern Kontrollverlust.

Gute Führung bremst nicht, sondern lenkt. Sie gibt der KI Richtung, Sinn und Kontext. Sie behandelt KI wie eine Mitarbeiterin, die man sorgfältig einführt, begleitet und überprüft und zugleich wie eine Maschine, deren Mechanik man regelmässig kontrolliert. Führung heisst auch: Verantwortung für die Ergebnisse zu übernehmen. Das kann die KI nämlich nicht. Ohne Führung wird KI zu einer führerlos trudelnden Maschine.

Wer weiss, wohin die Reise gehen soll, darf dagegen ruhig Gas geben.

Fazit: Führung ist keine Bremse, sondern eine Voraussetzung

KI braucht keine Freiheit und keine Motivation, sondern Orientierung und Guidelines. Sie mag schnell, präzise und unermüdlich arbeiten, aber eben auch blind für Bedeutung und taub für Werte. Ohne Führung wird sie zum Verstärker des Zufalls: Sie multipliziert, was sie vorfindet, und erzeugt daraus den Anschein von Wahrheit.

Wer glaubt, man könne KI sich selbst überlassen, überlässt sich selbst dem Zufall und handelt im wörtlichen Sinn verantwortungslos.

Deshalb gilt: KI muss man führen wie einen Menschen und kontrollieren wie eine Maschine. Sie braucht klare Ziele, verständliche Regeln und eine ständige Rückkopplung mit menschlichem Urteil. Nur so bleibt sie ein nützliches Werkzeug.

11.11.2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Ein Kommentar zu "KI-Denkfehler #17: KI braucht keine Führung"

  1. Es gefällt mir, dass Matthias Zehnders Beiträge zur KI sowohl eine aufklärende Analyse als auch konkrete Handlungsoptionen beinhalten. „KI muss man führen wie einen Menschen und kontrollieren wie eine Maschine.“ Leben wir nicht in einer Welt, wo oft Menschen wie Maschinen, und Maschinen wie Menschen behandelt werden?

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