Wie moderne Zeitdiebe Sie beklauen

Was ist das Wertvollste, was Sie haben? Es ist Ihre Zeit. Jede Sekunde ist einzigartig. Warum verwenden wir dann so viel Zeit damit, uns über Donald Trump, unnötige Pushmeldungen auf dem Handy und störende Werbung zu ärgern? Die modernen Zeitdiebe sind nicht mehr heimliche, graue Männer. Sie sind bunt und laut und klauen unsere Zeit ganz offen. Noch schlimmer: Wir geben sie ihnen freiwillig ab. Aber es gibt einen Ausweg.

Was macht dr Blick hüt Cheibs? Das war der Slogan an der Redaktionswand des «Blick». So beschreibt es jedenfalls der legendäre «Blick»-Chefredaktor Peter Uebersax in seinen Erinnerungen «Blick zurück». Ziel der Boulevard-Zeitung war (und ist) es, möglichst viel Staub aufzuwirbeln, wie Uebersax schreibt. Es gehe um möglichst viel Radau und Unterhaltung. Ziel sei es, amüsanter, respektloser und emotionaler zu sein als alle anderen. Wenn der «Blick» bei diesem Rezept bleibe, habe er ein langes Leben.

Heute kümmert sich kein Mensch mehr darum, was der «Blick» macht. Heute heisst die Frage: Was macht dr Trump hüt Cheibs? Jeden Morgen warten auf meinem Handy eine Handvoll Push-Nachrichten von amerikanischen Medien wie der «New York Times», der «Washington Post» oder von CNN. Ich ertappe mich dabei, dass ich die Nachrichten über Trump mit einer ähnlichen Mischung von Faszination und Erschrecken lese wie früher die Schlagzeilen der Boulevard-Presse. Der Boulevard-Politiker hat die Boulevard-Presse abgelöst.

Warum tun wir uns das an?

So wie mir geht es vielen Menschen in Amerika und in Europa. Was macht dr Trump hüt Cheibs? ist für viele zur wichtigsten (oder wenigstens zur interessantesten) Frage geworden. Amerikanische Talk-Shows wie Late Night mit Stephen Colbert oder Last Week Tonight mit John Oliver sind dank ihrer Kritik an Trump auch in Europa beliebt geworden. Wir ärgern uns, lachen über die bissigen Trump-Witze, erschrecken über die Tölpelhaftigkeit der Trump-Administration und diskutieren die letzten Trump-Tweets.

Wozu eigentlich? Wir sind in der Schweiz kaum je direkt von den Entwicklungen in Washington betroffen und ändern können wir sie schon gar nicht. Was soll ich mich also über Trump ärgern? Warum schafft es der Immobilienmogul im Oval Office, der Tweets im Wortschatz eines Viertklässlers absetzt, meine Gedanken zu besetzen? Die erste Antwort ist simpel: Weil kein Tag ohne Trump-Bericht in den Tageszeitungen und den wichtigen Nachrichtenmagazinen im Fernsehen vergeht. Aber warum tun wir uns das als Medienkonsumenten an?

Hirnzuckerl für Intellektuelle

Irgendwie hat es Trump geschafft, unsere Aufmerksamkeit in Geiselhaft zu nehmen. Sind wir vielleicht sogar froh darüber, dass Trump eine so dankbare Zielscheibe abgibt für Witze und Ärger? Froh darüber, dass wir uns über etwas ärgern können, das weit weg ist und sich definitiv ausserhalb unseres Zuständigkeitsbereichs befindet? Ist Trump also – nicht gerade Opium fürs Volk aber doch – willkommenes Hirnzuckerl?

Zumal Trump ja nicht das Einzige ist, was uns ablenkt. In seinem Buch Wiedergewinnung der Wirklichkeit beschreibt der amerikanische Philosoph Matthew B. Crawford, wie unsere Aufmerksamkeit im Alltag ständig entführt wird von blinkenden Werbeschildern, von Aufschriften, Werbebotschaften und plärrenden Durchsagen. Selbst der Boden der grauen Wannen, in die Flugpassagiere beim Sicherheitscheck ihr Handgepäck legen müssen, oder die Rückseiten von Zeugnissen und Hausaufgabenblättern in den Schulen seien mit Werbebotschaften verkleistert.

Lästige Push-Meldungen

Ganz zu schweigen von Handy und Internet. Besonders störend sind die vielen Push-Meldungen. Eine Pushmeldung erscheint auf dem Sperrbildschirm des Handys, begleitet von einem Signalton. So eine Meldung hat also dieselbe Dringlichkeit wie eine SMS-Nachricht. In der Anfangszeit nutzten die Medien diese Meldungen vielleicht zurückhaltend, also für Meldungen der absolut höchsten Priorität. Heute verschickt jedes Medium zig Meldungen am Tag.

Neben seriösen Meldungen wie Europa-League-Zwischenrunde: Gladbach verliert gegen Florenz (Spiegel) oder Pascal Kramer erhält den Grand Prix Literatur (NZZ) gibt es Pushmeldungen wie Romance-Scam: Ein Blick hinter die Kulissen von Liebesbetrügern und das Gefülschaos ihrer Opfer (SRF) oder Autsch: So bewerten wütende Kunden Basel (Barfi.ch) oder auch Grosse Melonen und squirty Loch? – die absurdesten Freundschaftsanfragen auf Facebook (watson). Im Jargon werden solche Schlagzeilen gerne als Clickbaiting bezeichnet: Sie sind so getextet, dass man aus Neugier klickt. Das plumpste Muster: Vier offene Fragen zum Rücktritt Mike Flynns – die dritte könnte Trumps Ende bedeuten (watson).

Das Wertvollste, was wir haben

Die Folge: Unsere Handys werden mit Nichtigkeiten vollgestopft, über die wir uns ärgern, die uns stören und ablenken – und trotzdem stellen wir die Meldungen nicht ab, weil wir Angst haben, etwas zu verpassen. Der «Schaden», den die vielen Handymeldungen anrichten, ist aber wohl grösser, als der Nutzen, den sie uns bieten: Wir werden ständig aufgeschreckt, unsere Aufmerksamkeit wird ständig von dem, was wir gerade machen, abgelenkt aufs Handy.

Doch, wie Matthew B. Crawford schreibt: Aufmerksamkeit ist eine Ressource, von der wir nur eine begrenzte Menge besitzen. Bei Lichte besehen ist unsere Aufmerksamkeit sogar das Wertvollste, was wir haben: Zeit. Wir haben die Wahl, ob wir sie bewusst nutzen, oder uns leichtfertig wegschnappen lassen von nichtigen Schlagzeilen, leeren Werbebotschaften und der Seifenoper, die sich gerade im Weissen Haus abspielt. Crawford schreibt: In einer derart erbarmungslos monetarisierten Aufmerksamkeitsumgebung kann nichts Subtiles entstehen – kein Gefühl, dessen Eindringlichkeit nicht industriell gefertigt und dessen Reiz nicht genormt wäre.

Warum tun wir uns das an?

In Michael Endes Roman Momo waren die Zeitdiebe graue Männer. Sie klauten den Menschen Zeit, indem sie sie dazu verführten, Zeit zu sparen. Mittlerweile haben die grauen Männer eine neue Taktik. Sie sind nicht mehr grau und unauffällig, sondern bunt und laut und sie klauen den Menschen die Zeit ganz offen. Der Effekt ist derselbe: Wir sind nicht mehr wir selbst. Crawford hat das in seinem letzten Buch Ich schraube, also bin ich ausführlicher beschrieben: Indem ich konzentriert etwas Konkretes tue, gestalte ich meine Welt und damit mich selbst. Die ständige Ablenkung führt dazu, dass meine Zeit wirkungslos verpufft.

Warum tun wir uns das an? Die Pushmeldungen, das Theater, was Cheibs Donald Trump gerade macht, die Werbungen, die Ablenkung? Ich vermute: weil es einfacher ist. Es ist einfacher, sich von ein paar bunten Meldungen ablenken zu lassen, also etwas konkretes zu tun. Es ist einfacher, über Trump zu schimpfen, als selbst, hier und jetzt, zu handeln. Es ist einfacher, sich als Opfer der bunten Medienwelt zu sehen, denn als Herrin oder Herr über die eigene Zeit.

Stellen Sie sich vor, die Medien, die Politiker, wir alle würden die Zeit, die wir mit Ärger und Aufregung über Donald Trump verbringen, in etwas Konkretes investieren. Etwas Wichtiges. Auswege aus dem Klimawandel zum Beispiel. Oder Massnahmen gegen explodierende Gesundheitskosten. Den Kindern eine gute Geschichte erzählen. Sachen suchen, träumen, schlafen. Stellen Sie sich das mal vor – aber lassen Sie sich nicht ablenken dabei…

Fünf Tipps für mehr bewusste Aufmerksamkeit

  • Überlegen Sie sich genau, welche App Sie stören darf. Auf dem iPhone können Sie das unter Einstellungen, Mitteilungen für jede App einzeln einstellen.
  • Verordnen Sie sich störungsfreie Zeiten, in denen Sie sich voll auf etwas konzentrieren. Wie lange halte Sie das aus?
  • Am Computer können Sie sich damit helfen, dass Sie den Computer auf stumm stellen und das Programm, indem Sie arbeiten, auf bildschirmfüllend (auf dem Mac ist das der grüne Knopf oben links).
  • Lesen Sie Bücher und Wochenzeitungen (oder Wochenkommentare 😉  ) statt Liveticker und atemlose Onlineberichterstattungen.
  • Führen Sie Trump-abstinente Tage ein. Sie werden es schon erfahren, wenn er etwas wirklich Wichtiges tut oder sagt (oder wenn er geht). Nehmen Sie sich stattdessen jede Woche etwas Konkretes vor. Einen Kuchen backen. Einen Baum pflanzen. Ein Gedicht lesen.

Weitere Wochenkommentare zu Donald Trump finden Sie hier: Donald Trump

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4 Kommentare zu Wie moderne Zeitdiebe Sie beklauen

  1. Felix Rudolf von Rohr sagt:

    Planet der App-en, oder wie hiess dieser Film jetzt schon wieder?

  2. Thomas Zweidler sagt:

    Bitte bedenkt ….Vor lauter Apps und Internet tun die Augen noch www.

    • Marcel Egloff sagt:

      Wow, In der Kürze liegt die Würze. So hätten ich es gerne. Im Ernst, es können auch ein paar Sätze mehr sein. Es wäre für mich anregend, eine Meinung zu lesen, die sich meist diametral von der meinen unterscheidet. Das tut gut, denn wir befinden uns oft in einer Glocke, in der wir nur noch gleichlautende Meinungen konsumieren. Das tut auf die Dauer nicht gut, denn man verwechselt damit mit der Zeit seine eigene Meinung mit der Wahrheit. Schreiben sie also weiter ihre Kommentare, auch wenn sie mich damit oft ärgern. Aber eine Bitte hätte ich, tun sie es bitte bitte bittte jeweils etwas kürzer. Vieleicht entsteht dann sogar ein Dialog in dem wir gemeinsam herausfinden können, was uns trennt und wo wir uns finden können. Versuchen sie so einen Dialog doch einmal beim nächsten Beitrag Zehnders, indem sie nicht einfach zwanghaft gegen ihn anschreiben, sondern sich mit seinen Aussagen echt auseinandersetzten. Das wäre weit konstruktiver als langatmige Monologe.

  3. Ueli Keller sagt:

    Die sogenannten sozialen Medien sehe ich in ihrer Wirkung eher als asozial. Wenn im Bus, Tram oder Zug die meisten mit ihren Apparaten reden, statt sich mit leibhaftig anwesenden Nachbarinnen und Nachnbarn auszutauschen, komme ich mir manchmal wie in einer Welt von Robotern vor. Ich habe für mich die elektronischen Zeitfresser auf den Computer und das Internet beschränkt. Weder bin ich ein Autopilot-, noch ein iPhone- und kein Händy-Män. Ich äpple, faceböckle, trümple und twitterle nicht. Und es geht mir gut so. Auch wenn ich mit dieser Lebensart und -weise manchmal andere mit ihren Kommunikationsgewohnheiten unabsichtlich in Nöte bringe. Es kommt vor, dass ich mir von andern mit ihren Apparaten helfen lasse.

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