Warum wir eine starke SRG im Internet brauchen

Keine drei Monate ist es her, dass die Schweizer Stimmbürger die NoBillag-Initiative äusserst deutlich bachab geschickt haben, schon sägen Politiker und Interessenvertreter wieder an der SRG herum. Diesmal geht es um die Konzession, also um die Sendeerlaubnis der SRG. Zankapfel ist die Frage, ob und wie stark die SRG im Internet aktiv sein darf. Verleger, Gewerbeverband und bürgerliche Parteien wollen die SRG auf herkömmliches Radio und Fernsehen beschränken. Doch das wäre ein fataler Fehler. Fünf Gründe, warum wir eine starke SRG im Internet brauchen.

Ganz Europa schaute am 4. März auf die Schweiz. Zum ersten Mal konnte sich die Bevölkerung eines Landes in einer Volksabstimmung über die Rundfunkgebühren äussern. Rechtsaussen-Parteien wie die deutsche AfD, die österreichische FPÖ oder der französische Front National hofften darauf, dass die Schweizer sich vom «Joch der Zwangsgebühren» befreien würden. Es kam anders. Deutlich anders: 71,6 % der Abstimmenden sprachen sich für die SRG und gegen die NoBillag-Initiative aus. In keinem einzigen Kanton erreichten die Initianten 38 % Zustimmung[1] – eine Ohrfeige, insbesondere für den Gewerbeverband, aber auch für einige rechtsbürgerliche Politiker.

Man könnte meinen, die heftige Abfuhr führe zur Einsicht, dass den Schweizern ihr Service Public und ihre SRG ebenso lieb wie teuer ist. Weit gefehlt. Die Kämpfer gegen die SRG legen sich schon wieder ins Zeug. Zankapfel ist diesmal die Konzession, also die Sendeerlaubnis für die SRG. Die derzeitige Konzession der SRG stammt aus dem Jahr 2007. Sie galt bis Ende 2017, wurde aber wegen der anstehenden NoBillag-Abstimmung um ein Jahr verlängert. Die laufende Konzession gilt also nur noch bis Ende Jahr. Das Bundesamt für Kommunikation hat deshalb den Entwurf für eine neue Konzession vorgelegt, die von 2019 bis 2022 gelten soll. Mittlerweile liegen die Antworten zur Vernehmlassung der Konzession vor[2] – und raten Sie mal, wer sich dagegen ausspricht.

Die neue, alte Front gegen die SRG

Richtig: Der Gewerbeverband, die SVP – und die Verleger. Der Gewerbeverband schreibt in seiner Antwort, die NoBillag-Abstimmung habe gezeigt, dass mindestens rund ein Drittel der Stimmbevölkerung unzufrieden mit der SRG ist. Jetzt ist die Zeit reif, den Umfang des Service public neu zu definieren und die Anzahl Radiosender zu reduzieren. Wie bitte? Die SVP stösst ins gleiche Horn und spricht unter anderem von einem Freipass zum Abwürgen jeglicher privaten Innovation in unserem Land. Insbesondere wehrt sich die SVP dagegen, dass die SRG über das Verbreiten von selber produzierten Radio- und TV-Inhalten hinaus im Internet präsent ist. Die SRG konkurrenziere offensichtlich und in zunehmendem Masse die zahlreichen privaten Internet-Zeitungen und News-Portale der Schweiz.

Diesen Ball greift der Verband Schweizer Medien VSM, also der Verlegerverband, in seiner Vernehmlassungsantwort gerne auf. Er schreibt vom Kampf um die Aufmerksamkeit der einzelnen Nutzer zwischen der SRG und den privaten Medienhäusern. Dieser Kampf sei unfair, weil die SRG Abgabegelder erhalte und ihre Inhalte gratis zugänglich machen könne, während die privaten Medienhäuser Bezahlschranken aufbauen müssten, um wirtschaftlich überleben zu können. Die Bestrebungen der privaten Medien, Leser zur Zahlung für digitale Inhalte zu bewegen, dürfte durch einen Ausbau der kostenlos abrufbaren Angebote der SRG weiter erschwert werden, schreibt der VSM Schon in einer Mediathek im Internet sieht der Verlegerverband eine Konkurrenz: Schliesslich sind die Nutzer nicht mehr an die Sendezeiten der News-Sendungen gebunden, sondern haben jederzeit Zugriff auf alle News-Sendungen der SRG. Wäre dies nicht der Fall, so würden sie stattdessen teilweise auf Online-Angebote der Zeitungen zugreifen.

Die Boulevardmarken dominieren das Web

Die armen Medienhäuser. Versauern hinter ihren Bezahlschranken, während die SRG die Internetbenutzer auf ihre kostenlosen Angebote lockt. Was für ein Blödsinn. Schauen Sie sich mal hier https://netreport.net-metrix.ch/traffic/ die Zugriffszahlen des Schweizer Internets an. Klicken Sie bei «Visits» auf den Pfeil nach unten, damit die Tabelle nach dieser Spalte sortiert wird. Was sehen Sie? Auf Platz eins stand im März mit grossem Abstand «20min.ch», auf Platz zwei und drei folgten «Blick online» und die App von «20 Minuten». Erst dann, auf Platz vier, folgt das Web-Angebot von SRF. Die Abstände sind riesig: «20min.ch» hatte mehr als doppelt so viele Visits wie SRF, der «Blick» kommt auf etwa eineinhalb mal so viele Besuche. Von Dominanz der SRG kann keine Rede sein – es sind die grossen Boulevardmarken, die das Web in der Schweiz im Griff haben. Und selbstverständlich sind die Angebote alle gratis.

Die fünf meistbesuchten Schweizer Websites im März 2018 nach NetMetrix.

Würden die Schweizer Internetbenutzer mehr Onlinezeitungen lesen, wenn SRF keine Onlinemediathek hätte? Sicher nicht. Wenn ich «Echo der Zeit» nicht online hören kann, dann rufe ich als Alternative nicht das «Bieler Tagblatt» auf und wenn ich mir die «Arena» nicht im Web noch einmal ansehen kann, dann tröste ich mich nicht mit der «NZZ». Kommt noch dazu: Die Zugriffstatistik von NetMetrix gibt nur Auskunft über Schweizer Internetangebote. Das heisst: Alle ausländischen Anbieter fehlen – und damit auch die wirklichen Internetkönige Google und Facebook – und die wirklichen Videokönige Youtube und Netflix. Google dürfte die mit Abstand am häufigsten aufgerufene Website der Schweiz sein – und Facebook die mit Abstand am meisten genutzte. Und nirgendwo schauen sich die Schweizer im Web mehr Videos an als auf Youtube.

Fünf Gründe für eine starke SRG im Internet

Nein: Dass die Verleger auf die SRG einprügeln, macht keinen Sinn. Sie verhalten sich wie ein Kind, das einen Teil seines Sirups ausgeschüttet hat und jetzt verlangt, dass die anderen Kinder ihre Gläser auch nur halb füllen dürfen: Es geht den Schweizer Zeitungsverlagen nicht gut, also soll es auch der SRG nicht gut gehen. Leider sind mit Google und Facebook die wichtigsten Konkurrenten ausser Reichweite – also wollen die Verleger ihr Mütchen an der SRG kühlen und ihr das Internet möglichst weitgehend verbieten. Das wäre aber nicht nur schlecht für die SRG, es wäre schlecht für die ganze, mediale Schweiz.

Ich sehe konkret fünf Gründe, die dafür sprechen, die SRG im Internet zu stärken:

  • Das Internet ist die Zukunft: Wenn wir den Service Public vom Internet abschneiden, schneiden wir ihn von seinem Publikum ab. Radio und Fernsehen sind längst mit dem Internet verschmolzen. Der SRG das Internet zu verbieten, das ist, wie wenn man damals der SBB die Elektrifizierung verboten hätte.
  • Die Zuschauer sind im Internet: Ich als Gebührenzahler habe für die Inhalte der SRG bezahlt. Also will ich sie auch da sehen können, wo ich Medien nutze: im Internet.
  • Wenn die Verleger schwach sind und die SRG stark, sollte sich die politische Schweiz nicht überlegen, wie sie die SRG schwächen, sondern wie sie die Verleger stärken kann. Ein Ansatz dazu bieten Überlegungen, das Internet und Teile der Softwareausstattung einer Webpräsenz als Infrastruktur zu begreifen, die zum Beispiel von einer staatlich alimentierten Stiftung als Gemeingut zur Verfügung gestellt wird.
  • Das grosse Problem für alle, die im Internet aktiv sind, ist nicht die SRG oder ein anderer, nationaler Anbieter, sondern die Übermacht von Google, Facebook und Co. Also müssen wir gemeinsam überlegen, wie wir als kleines, mehrsprachiges Land gegen die Giganten aus dem Silicon Valley bestehen können, statt uns gegenseitig zu schwächen.
  • Das Internet ist nicht einfach ein Verbreitungskanal, es ermöglicht und erfordert eine neue Art von Inhalten. Wenn die SRG als wichtigstes Multimediahaus der Schweiz diese Inhalte nicht ausprobieren kann, schadet das nicht nur der SRG, sondern einer ganzen Generation von Mediakreativen. Auch das wäre schlicht schlecht für die Schweiz.

Kurz: Statt sich gegenseitig schwach zu machen, sollten die SRG und die Verlage sich gegenseitig stärken. Dann hätte ganz Europa erneut einen Grund, auf die Schweiz zu schauen.

Basel, 11. Mai 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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[1] Vgl. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/politik/abstimmungen/jahr-2018/2018-03-04/abschaffung-billag-gebuehren.assetdetail.4602702.html

[2] Vgl. https://www.bakom.admin.ch/bakom/de/home/das-bakom/organisation/rechtliche-grundlagen/vernehmlassungen/vernehmlassung-srg-konzession.html

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand: «Wir brauchen wieder mehr ‹Idée Suisse› bei der SRG»

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4 Kommentare zu Warum wir eine starke SRG im Internet brauchen

  1. Thomas Zweidler sagt:

    Die SRG hat bei der „No-Billag“-Abstimmung einen grossen Erfolg gefeiert. U.a. auch weil es eine „Pro-No-Billag“-Kampagne nicht gab. Im ganzen Land kein einziges Plakat, weder „wild“ noch „offiziell“ plakatiert. Die Initianten hatten eine Idee, aber keinen Rappen Unterstützung. Und u.a. auch, weil die SRG Bescheidenheit versprach, Kosteneffizienz, „schlank sein“ usw. usw…
    Natürlich waren diese Versprechen nur warme Luft. Wenn man das Radiostudio Bern (nicht die ganze Berner Mannschaft) nach Zürich verlegen will, um Synergien zu erzielen, ging ein Aufschrei durch die Presse. „Das geht nicht“, „längere, unzumutbare Arbeitswege“ usw… waren die Argumente. Was in der (Privat-)Wirtschaft schon lange Realität ist, soll wiederum bei den (geschützten und zwangsfinanzierten) SRG-Arbeitsplätzen nicht gelten. Auch hört man verdächtig wenig vom neuen SRF-Campus in Zürich-Leutschenbach, dessen Pläne von (Star-)Architekten schon geschmiedet sind, u.a. mit Campus-Park, mindestens 4 Untergeschossen, Sonnenterrasse usw. usw… nur vom feinsten. Jetzt kann man ja wieder aus dem vollen schöpfen, hat man das tumbe Stimmvolk mit Helfershelfern wie der CVP, SP usw. erfolgreich am Gängelband herumgeführt. (Die hehren Christen, genannt „C“VP sind bei den SRG-Ämtli die am stärksten Vertretene Partei – sprich Einfluss, Schleimspur und schlussendlich Macht inklusive…) Früher waren es die Halbgötter auf der Kirchenkanzel, heute sind es die Ganzgötter am Glozophon sowie Radiophon.
    Und nun also auch noch das Internet.
    Lasst das Internet frei sein, lasst es den Privaten, den Engagierten, den Individualisten, lasst es den Bloggern und den Jungen. Aber bitte nicht auch noch massenweise staatliche Zeilen, Bilder, Facebook-Seiten von SRF-Leutschenbach und Co. Was tippe ich mir hier die Finger wund, Zahlen lügen nie: Sind denn
    56 Mio Franken von der SRG für ihre Webseiten, Facebook, Twitter, Instagram und Youtube-Seiten/Kanäle usw. nicht GENUG ??? (Quelle: „Mediabeobachter“-Fachtitel) . Die SRG verfügt über 108 Facebook-, 54 Twitter-, 32 Instagram-Accounts sowie über 42 Youtube Channels in über 10 Sprachen und betreibt 8 publizistische und 5 Service-Werbseiten. Die Kosten dafür belaufen sich auf 56 Millionen Franken….
    IRGENDWANN IST GENUG. Es gibt auch noch anderes, dass man mit (Zwangs-Gebühr)-Steuern finanzieren könnte. Mir fällt da auch in der (reichen) Schweiz ganz ganz viel ein.
    Auch wenn man ein „Faible“ für die SRG, das SRF hat, wenn man dort viele nette Menschen kennt, wenn man Journalist ist… alles schön und recht, aber irgendwann darf man dazu mit Recht sagen: Genug ist Genug! Denn auch der SRG-Kruge geht zum Brunnen, bis er…

  2. Rudolf Mohler sagt:

    „Wenn die Verleger schwach sind und die SRG stark, sollte sich die politische Schweiz nicht überlegen, wie sie die SRG schwächen, sondern wie sie die Verleger stärken kann. Ein Ansatz dazu bieten Überlegungen, das Internet und Teile der Softwareausstattung einer Webpräsenz als Infrastruktur zu begreifen, die zum Beispiel von einer staatlich alimentierten Stiftung als Gemeingut zur Verfügung gestellt wird.“

    Tolle Idee. Es ist immer die ganz einfache Lösung, man ruft nach Geld vom Staat.
    Tolle Idee. Wer definiert, was „Teile der Softwareausstattung“ sein sollen, die „als Gemeingut zur Verfügung gestellt“ werden sollen? Müssen dann noch alle Verleger – dann hoffentlich aber auch inklusive SRG – alle die gleiche Software anwenden, die von der „staatlich alimentierten Stiftung“ zur Verfügung gestellt werden.
    Tolle Idee. Sollen jetzt auf diesem (Um-)Weg auch noch die privaten Verleger ins „Staatsfernsehen“ hineingezwungen werden?

    Da schließe ich mich Thomas Zweidler an: „Genug ist genug.“ Selbst höchste Exponenten der SRG haben unmittelbar nach der Abstimmung klargemacht, daß es auch in der SRG-Spitze verstanden wurde, daß der Quasi-Monopolist sich nicht noch weitere Medienteile unter den Nagel reißen darf.

  3. Ueli Keller sagt:

    Stark und stärken: Eine Eigenschaft und eine Tätigkeit, die mir aktuell und tagtäglich gleichsam inflationär begegnen. Beispielsweise: starker Erdogan, starker Orban, starker Putin, starke Schule Baselland, starker Trump … und jetzt auch noch eine starke SRG? Sowie beispielsweise: Energieversorgung, Demokratie, Homburgertal, ÖV, Werte … und jetzt auch noch die Internetpräsenz der SRG stärken?

  4. Ueli Custer sagt:

    Die SRG muss ihre Angebote dort anbieten, wo die Leute sind. Eine SRG ohne Internetpräsenz ist schlicht und einfach eine völlig idiotische Forderung. Der Vergleich mit den SBB ohne Elektrifizierung trifft den Nagel auf den Kopf.

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