Lasst uns die Kultur stärken

Publiziert am 12. Februar 2021 von Matthias Zehnder

Wir brauchen Kultur. Letzte Woche habe ich an dieser Stelle dargelegt, dass die Schweiz Theater, Orchester und Museen nicht erhalten muss wie verfallende Heuschober im Bündnerland. Es ist umgekehrt: Theater, Orchester und Museen müssen arbeiten können, damit uns die Schweiz erhalten bleibt. Denn Kultur ist Nahrung für Herz und Seele und der Mensch lebt bekanntlich nicht von Pizza allein. Ich habe darauf viele Reaktionen erhalten (vielen Dank) und viele Fragen: Was heisst das konkret? Wie kann sich die Kultur in der Schweiz endlich Respekt verschaffen? Ich habe darüber nachgedacht und bin dabei auf ein grosses «aber» gestossen.

Kultur gilt in der Schweiz als Quantité négligeable, als verzichtbaren Luxus, dem man sich nach getaner Arbeit (und erledigter Hausarbeit) zuwenden kann. Wenn man nicht die «Tagesschau» und den «Samschtig-Jass» vorzieht. Ich habe letzte Woche zu zeigen versucht, dass dem nicht so ist. Dass das psychische Wohl der Bevölkerung genauso wichtig wäre wie das körperliche. Ganz kurz gesagt: Wir sollten uns nicht nur darüber Gedanken machen, wie Krankheiten entstehen und wie wir sie verhindern können, wir sollten uns (endlich) auch damit beschäftigen, wie Gesundheit entsteht. Das Fachwort dafür heisst «Salutogenese»: So, wie die Pathogenese die Entstehung und Entwicklung einer Krankheit mit allen Krankheitsursachen untersucht und beschreibt, untersucht die Salutogenese, wie Gesundheit entsteht. Und das ist keine rein körperliche Frage.

In der Covid-Krise stehen wir aber vor dem konkreten Problem, dass Kultureinrichtungen im ganzen Land geschlossen werden. Ein Museumsdirektor hat mir letzte Woche gesagt: «Die Politik behandelt uns gleich wie Hüpfburgen neben einem Ausflugsrestaurant.» Das trifft die Lage recht genau: Während sich Politiker*innen im ganzen Land Sorgen über Ausflugsrestaurants machen, nehmen sie den Kultur-Shutdown einfach hin. Ist halt so. Musik gibts ja auch bei Spotify. Und Drama bei Netflix. Nach meinem Kommentar von letzter Woche haben mich deshalb eine ganze Reihe von Kulturschaffenden kontaktiert. Viele von ihnen fragten, was man denn nun tun könnte. Ich glaube, wenn die Kultur in der Schweiz ernst genommen werden will, muss sie die Sprache derer wählen, die sie überzeugen will. Das bedeutet: Die Kultur muss sich erstens politisch einbringen und zweitens ihre ökonomische Bedeutung unterstreichen. Schauen wir uns das etwas genauer an.

Wie könnte sich die Kultur politisch einbringen?

Die Kultur in der Schweiz leidet politisch unter einem grossen Mangel: Kultur rentiert nicht. Deshalb ist Kultur ja auch auf staatliche Unterstützung, auf Stiftungen und Mäzene angewiesen. Viele Politiker finden: Kulturschaffende sollten deswegen dankbar sein – dankbar und anständig. Sie finden, Kunst, die von der öffentlichen Hand gefördert werde, müsse sich an gewisse Regeln halten.[1] Weil eine von Pro Helvetia geförderte Ausstellung des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn in Paris dem Parlament nicht passte, kürzte es 2004 das Budget von Pro Helvetia um eine Million Franken. Das passt ins Bild der Kultur in der Schweiz: Sie ist so etwas wie Kunst am Bau – im besten Fall hübsch, aber verzichtbar. Die Zimmerpflanze der Demokratie. Weil Kultur ja meistens nicht rentiert, nehmen viele Kulturschaffende diese Marginalisierung in einem Akt von Selbstzerknirschung hin. Stimmt ja. Sie sind auf Geld angewiesen.

Dabei macht die Landwirtschaft seit Jahren vor, wie man in der Schweiz stolz sein kann, auch wenn von Rendite keine Spur vorhanden ist. Der Bund lässt der Landwirtschaft rund 3,7 Milliarden Franken im Jahr zukommen. 2,8 Milliarden Franken oder rund 75 Prozent davon sind Direktzahlungen, also direkte Subventionen wie Kulturlandschaftsbeiträge, Versorgungsbeiträge und Biodiversitätsbeiträge. Darüber hinaus unterstützt der Bund die Produktion und den Absatz landwirtschaftlicher Produkte mit Finanzhilfen im Umfang von fast einer halben Milliarde Franken und unterstützt die Landwirtschaft mit Beiträgen zur Strukturverbesserung und für soziale Massnahmen.[2] Und das sind nur die direkten Kosten: Laut Avenir Suisse kosten uns die Schweizer Bauern nämlich viel mehr. Avenger Suisse spricht von 20 Milliarden Franken.[3] Der Grund: Weil die Schweiz den Markt für landwirtschaftliche Güter abschottet, bezahlen wir deutlich höhere Preise für landwirtschaftliche Güter. So oder so: Ohne massive Unterstützung durch Politik und Konsumenten gäbe es die stolzen Schweizer Bauern schon lange nicht mehr. Aber wie kommt es, dass die Bauern trotz massiver Subventionen ihren Stolz und ihr Ansehen behalten haben, Kulturschaffende in der Schweiz aber als staatliche Almosenempfänger behandelt werden?

Markus Ritter ist schuld

Jetzt sagen Sie mir nicht, die Schweiz sei halt ein Bauernland. Das ist allenfalls das Resultat einer Selbststilisierung. Die Eidgenossenschaft ist historisch ein Städtebund und in den Städten hatten die Kaufleute das Sagen. Die Schweiz hat Wirtschaft und Handel in der DNA, aber nicht die Landwirtschaft. Nein: Die Bedeutung der Landwirtschaft in der Schweiz ist das Resultat einer geschickten Mischung aus Werbung, Lobbying und Klientelpolitik. Volksinitiativen wie die Initiative für Ernährungssicherheit und die Initiative für Ernährungssouveränität haben, obwohl sie beide nicht angenommen wurden, das Image der Landwirtschaft in der Schweiz zementiert. In den letzten Jahren war es vor allem Markus Ritter, CVP-Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Bauernverbands, der clever und gescheit im Parlament für die Bauern politisiert.

Die Kultur müsste sich also zum Ziel nehmen, mit der Landwirtschaft gleich zu ziehen. Sie bräuchte dafür drei Dinge: Zunächst braucht es einen Markus Ritter im Parlament. Oder eine Marcia Ritterin. Dann braucht es clevere, politische Vorstösse. Auffallend war in den letzten Tagen, dass der Staat Kirchen offen lässt, Museen und Konzertsäle aber schliesst. Offenbar bewertet der Bund die Religionsfreiheit höher als die Kunstfreiheit. Vielleicht liegt es daran, dass Religionsfreiheit eher als Religionsausübungsfreiheit und Kunstfreiheit eher als Kunstausdrucksfreiheit interpretiert wird. Hier könnte die Kultur ansetzen und die Freiheit der Kulturausübung in der Verfassung besser verankern. Vermutlich würde aber ein Versorgungsartikel besser zur Schweiz passen, also ein Zusatz, der die umfassende Versorgung der Schweizerinnen und Schweizer mit Kultur in der Verfassung garantiert. Die beste Marcia Ritterin und der cleverste politische Vorstoss haben aber keine Wirkung, wenn die Kultur sich nicht einig dahinter stellt und es nicht versteht, die Schweizer Bevölkerung für sich einzunehmen. In dieser Beziehung sind die Bauern den Kulturschaffenden weit voraus.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Kultur

Die Bauern haben es geschafft, Politik und Gesellschaft die Bedeutung ihrer Leistung klar zu machen, obwohl sie vom Bund jedes Jahr mit rund 3,7 Milliarden Franken unterstützt werden müssen. Zum Vergleich: Für Kultur gibt der Bund nicht einmal ein Zehntel davon aus: 2018 waren es 319,5 Millionen Franken. Bei der Kultur sind Gemeinden und Kantone wichtiger: 2018 beliefen sich die öffentlichen Kulturausgaben in der Schweiz auf rund 2.94 Milliarden Franken. Davon entfiel fast die Hälfte, knapp 1.44 Milliarden Franken, auf die Gemeinden und 1.19 Milliarden oder 40 Prozent auf die Kantone. Die Beiträge des Bundes machen nur etwa zehn Prozent aus.[4] Die wirtschaftliche Bedeutung der Kultur übertrifft diese Unterstützungsbeiträge natürlich um ein Vielfaches. Dabei sind nicht nur die Menschen zu zählen, die direkt von (und für) Kultur leben, es gilt auch «Spillover»-Effekte zu berücksichtigen wie Umsätze im Tourismus, von lokalen Handwerkern, Taxibetreibern etc. Es gibt dazu Studien zum Beispiel von BAK Economics über die grosse Bedeutung der Schweizer Kreativwirtschaft (sie ist volkswirtschaftlich wichtiger als die Uhrenindustrie).

Die Sache hat nur einen Haken: Kultur lässt sich nicht mit ökonomischen Ellen messen. Wie wichtig ein Theaterstück, ein Roman oder ein Film ist, das lässt sich nicht einfach an Eintritts- oder Verkaufszahlen messen. Es ist eine inhaltliche Frage. Viele Kulturschaffende drehen diesen Spiess gleich ganz um und sagen: Was kommerziell funktioniert, kann keine Kultur sein. Hierzulande wird deshalb nach wie vor strikt zwischen «E-» und «U-Kultur» unterschieden – und über letztere die Nase gerümpft. Kultur ist, wenn man es nicht versteht und es sich nicht lohnt. Im englischen Sprachraum ist das anders. Mindestens argumentativ sollten Kulturschaffende auch bei uns die Zurückhaltung ablegen und klar machen, dass Kultur nicht einfach das Blumensträusschen auf dem Armaturenbrett ist, sondern ganz schön viel zum Tiger im Tank beitragen kann.

Homo consumens

Kurz: Kultur ist ökonomisch wichtig, sie kann deshalb politisch selbstbewusst auf den Tisch hauen. Als ich diese Woche beim Nachdenken so weit war, bin ich über einen Vortrag von Erich Fomm gestolpert: «Die psychologischen und geistigen Probleme des Überflusses». Fromm hat den Vortrag am 30. Dezember 1966 im Studio Salzburg des ORF gehalten.[5] Fromm sagt, es erobere ein neues Menschenbild die Welt: der homo consumens. Das Idealbild sei der konsumierende Mensch. Vom handwerkenden Menschen, dem homo faber, habe sich die Welt verabschiedet und «ob es den homo sapiens überhaupt noch gibt, mag bezweifelt werden, denn der homo sapiens gebraucht seine Vernunft als Mittel zum Überleben.» Für den homo consumens wird alles zum Konsumartikel. Zigaretten und Bier, Liebe und Sexualität, Bücher und Bildergalerien. Fromm sagt, der homo consumens zeichne sich durch eine innere Leere und innere Angst aus, die er durch zwanghaftes Konsumieren zu heilen versuche. Das Problem dabei ist, dass sich der Mensch damit in einen Teufelskreis begibt: Der Mensch ist innerlich leer und ängstlich, deshalb konsumiert er. «Der Mensch, der zum Konsum verführt wird, wird ängstlich, weil er ein passiver Mensch wird, weil er immer nur aufnimmt, weil er nichts in der Welt aktiv erlebt. Je ängstlicher er wird, desto mehr muss er konsumieren, und je mehr er konsumiert, desto ängstlicher wird er.» Im Konsum erlebt der homo consumens eine Pseudofreiheit, weil er zwischen verschiedenen Markenartikeln wählen kann. Im Akt des Wählens zwischen Produkten erlebt er seine Macht, während er in Wirklichkeit unbewusst seine Ohnmacht erlebt, weil sein Wählen nur das Resultat von Beeinflussungen durch Marketing und Werbung ist. «Das geht so weit, dass heute die Menschen vielfach glauben, man könne überhaupt nichts geniessen, was man nicht kaufen muss», sagte Fromm 1966.

Und ich glaube, er hat recht.

Das Mass aller Dinge für den homo consumens ist der Kassenzettel – Geiz gilt als geil. Wenn sich die Kultur diesen Massstäben unterwirft, prostituiert sie sich. Wir dürfen deshalb Kultur nicht der Logik der Konsumgesellschaft unterziehen. Die Frage ist, ob unsere Politiker*innen eine andere Sprache als die Sprache von Konsum, Umsatz, Ertrag und Wertschöpfung verstehen. Ob sich etwas, das sich nicht in Franken und Rappen bemisst, politisch durchsetzbar ist. Ob es überhaupt sinnvoll ist, Kultur ins politisch Korsett zu zwängen und damit ins Korsett der Konsumgesellschaft.

Was tun? Wie können wir Kultur in der Schweiz trotzdem stärken?

Indem wir sie als Tätigkeit begreifen. Kultur darf nicht als Konsumartikel verstanden werden, der neben Ariel und Meister Proper im Supermarktregal steht. Kultur heisst kulturell aktiv zu sein. Aktiv bin ich, wenn ich singe, male, schreibe oder tanze, aber auch, wenn ich ein Theater, ein Konzert oder ein Museum besuche. Die Politik sollte Kultur also nicht fördern wie die Milchwirtschaft oder die Uhrenbranche, sondern eher wie die Volksgesundheit, die Fitness oder die Bildung. Wir sollten in der Schweiz nicht die Kulturverkäufer fördern, sondern die Kulturmacher – von der Schriftstellerin bis zum Leser, vom Musiker bis zur Musikhörerin. Das beginnt in der Schule und endet nicht im Altersheim. Es geht darum, die Menschen zu Kultur zu befähigen – mit Bildung, und mit Kulturgutscheinen. Es geht um die kulturelle Gesundheit und Fitness der Schweiz. Damit wir unsere innere Leere nicht im Supermarkt füllen müssen, sondern ein kulturell erfülltes Leben führen dürfen.

Damit aus dem homo consumens ein homo culturalis wird.

Basel, 12. Februar 2021, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

PS: Nicht vergessen – Wochenkommentar abonnieren. Kostet nichts, bringt jede Woche ein Mail mit dem Hinweis auf den neuen Kommentar und einen Buchtipp. Einfach hier klicken. Und wenn Sie den Wochenkommentar unterstützen möchten, finden Sie hier ein Formular, über das Sie spenden können.


Quellen

Bild: ©pongsakorn_jun26 – stock.adobe.com

[1] Vgl. «Pro Helvetia und die Affäre Hirschhorn. Ständerätliche Kulturkommission kittet Scherben», 28. April 2005: https://www.parlament.ch/de/services/news/Seiten/2005/mm_2005-04-28_999_01.aspx

[2] Economie Suisse: «Agrarpolitik: Wie wird die Landwirtschaft in der Schweiz subventioniert?», https://www.economiesuisse.ch/de/dossier-politik/wie-wird-die-landwirtschaft-der-schweiz-subventioniert

[3] «NZZ», 7.9.2018: «Die Agrarwirtschaft kostet die Schweiz 20 Milliarden Franken pro Jahr»; https://www.nzz.ch/wirtschaft/die-agrarwirtschaft-kostet-die-schweiz-20-milliarden-franken-pro-jahr-ld.1417458

[4] Vgl. Bundesamt für Statistik: Öffentliche Kulturfinanzierung. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kultur-medien-informationsgesellschaft-sport/kultur/kulturfinanzierung/oeffentliche.html

[5] Eine Aufnahme des Vortrags gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=Z83Cf9DZAUg

7 Kommentare zu "Lasst uns die Kultur stärken"

  1. Nach dem Lesen des dieswöchigen Wochenkommentars wurde ich traurig.
    Kultur geht HIER wieder einmal mit Snobismus, mit Elitär, mit Herablassen des Banalen einher.
    Ich erschrak, als ich an prominenter erster Stelle dieses Wochenkommentars nach Huldigung der Elitärkultur da las: „……Wenn man nicht die «Tagesschau» und den «Samschtig-Jass» vorzieht.“
    Ich muss es nochmals lesen: „……Wenn man nicht die «Tagesschau» und den «Samschtig-Jass» vorzieht.“ Und nochmals: „……Wenn man nicht die «Tagesschau» und den «Samschtig-Jass» vorzieht.“
    W a s s o l l d a s ? ? ?
    Welch ein Affront gegenüber der „Samstags-Jass-Sendung“ des Schweizer Fernsehens. Wobei das noch gehen würde; aber welche Schmähung des Schweizerischen Kulturgutes Jassen. Und gegenüber den vielen Mannen und Frauen – pardon Damen und Herren Jasser selbst.
    Was bei unseren medial hochgelobten nördlichen Nachbarn, in Deutschland, „Skat“ heisst, ist bei uns das Jassen. Jassen ist nicht Konsumieren, Jassen ist nicht Einsamkeit, Jassen ist nicht Elektronisch, Jassen braucht keinen Strom, Jassen ist nicht stupid.
    Jassen ist all das Gegenteil! – Jassen ist, ja Jassen ist Kultur – und dies mit einer langen Geschichte. Rechtfertigen braucht sich deswegen da gar niemand gar nicht – doch trotzdem interessant: Der legendäre Jakob Peyer war‘s, der in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts beim Kartenhersteller A. Bühlmann eingetreten war, mit grosser Wahrscheinlichkeit der Schöpfer des heutigen, wunderschönen Kartenbildes, eine künstlerischen wie grafische (Lesbarkeit, Unterscheidbarkeit) Höchstleistung war.
    Die Details der Kleider als auch die Gesichter der Figuren wurden von ihm entworfen und dazumal in Hasle im Emmental aufwendig gedruckt. Später übernahm der „heilige Schweizerische Kulturauftrag“ die Spielkartenfabrik J. Müller im ostschweizerischen Schaffhausen. Doch auch hier gab es (kulturelle) Entwicklungen und Veränderungen. Nach den einköpfigen Spielkarten wurden in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts als wie mehr die Peyer-Karten als Vorlagen für das doppelköpfige Bild verwendet. Von Vorgestern sind Jasserinnen und Jasser also beim Eid nicht – und auch nicht ihre schönen Karten.
    Das dieses hochbeliebte Spiel immer weiter geht, zeigt, dass erst im Jahr 2017 der Schweizer Grafiker Jens Riedweg eine Überarbeitung des Kartenbildes von Jacob Peyer vornahm und in die heutige Zeit und vor allem für zukünftige Spielliebhaber, sprich der wartende Nachwuchs in den Startlöchern, adaptierte.
    Dies das eine. Doch noch nicht genug. Es geht frivol weiter.
    Der Stand der Schweizer Landwirte, der Agraragronomen, der ganze Bauernstand gegen die „Kulturellen“ mit Zahlenmaterial (=Subventionen) gegeneinander auszuspielen, ist der nächste Affront in diesem Wochenkommentar. Es bringt beiden nichts!
    Den Bauern, welche in der Schweiz immer wie mehr zu Buhmännern/frauen des Landes mutieren (und denen von den überstimmenden Städtern via Volksabstimmung gesagt wird, wie sie zu hantieren haben, also das Wölfe ihre Schafe weiter reissen dürfen, wieviel Grünstreifen zwischen sie zwischen ihre Felder zu legen haben und ob sie nun mit diesem oder jenem Kalium ihre Böden verbessern dürfen), welche aber immer noch einen grossen Teil unserer Landesversorgung sicherstellen – und den Kulturellen, welche mit solchem Aussagen-Wirrwwarr sich sicher nicht in ihr geliebtes (Bühnenscheinwerfer-) Licht stellen.
    Es gibt in unserem Land nicht nur intellektuelle Männer (und Frauen), welche sich ärgern, das beim ersten Lockdown die Buchläden zu waren.
    Es gibt in unserem Land auch Frauen und Männer, die sich ärgerten, dass alle Baumärkte zu waren. Weil eine Wand nachliess, Wasser sie durchdrängte. Weil eine Duschbrause ersetzt werden musste. Weil im Auto das Scheibenwischwasser ausging. Oder weil ein Tonstudio (…Kultur, Kultur….) umgebaut, eingerichtet oder mit Dämmplatten versehen werden wollte.
    Die wochenkommentar‘sche Einseitigkeit ist schon lange schwelend spürbar, doch heute gipfelt sie in Ausspielen (Bauern/Kultur), in Spaltpilzen (Arbeiterschaft/Intellektualität) und in Beleidigung (Samschtig-Jass + deren sympathischen SRF-Moderatorin Fabienne Bamert, ehemalige Tele1-Jornalistin, und der ganzen Schweizerischen Jassgemeinschaft).
    Das dies alles nicht der Weg ist – ich mit meinem Gespür über die feinen Nadelstiche der „Gehobenen Gesellschaft“ aus dem „Wohlstandsquartier“ hinablassend zu den einfachen Leuten in den „Scherbenviertel“ dieser Stadt – nicht alleine bin, kristallisiert sich immer wie mehr heraus.
    Ja, es ist sogar URSACHE unserer Kluften in unserer Gesellschaft. Sandro Benini bemerkt im Kulturteil der „BaZ“ und des „Tagesanzeigers“ vom 11. Februar das Herablassen über die einfache, holzhackerische Schweizerische Aussprache von gewissen Kreisen, welche als ungebildet, unkulturell, simpel herhalten muss… Er schreibt (auszugsweise):
    „Natürlich spricht der Filmwissenschaftler, welcher vor Corona übers Wochenende stets in London einkaufen ging, nicht von London, sondern „in Lannden, you konw“. Das u fast als ü ausgesprochen, klar. (…)
    Oder der Elitestudent aus kulturell-reichem Edelviertel, welche seine Nobelsuiten-Austauschjahre in Südamerika verbrachte. Er erzählt heute noch davon, wie aufregend es in „Venessuela“ war.“
    Dagegen die Unkulturellen, die Doofen, die unförderungwürdigen Einfachen, welche sich nichts aus Kultur machen – mit ihrem Benehmen, ihrer Art und ihrer Holzacker-Aussprache.“ (…)
    Doch dann nimmt Benini ebengenau Stellung für diese Underdogs. Sie haben Mut zur Lächerlichkeit. Dies sei irgendwie sympathischer als das penetrante Zelebrieren von Weltläufigkeit, Kulturismus und Polyglottismus, was ja alles einher gehe.
    Er geht noch weiter: „Aussprache-Strebertum (ich ergänze mit Kultur-Strebertum) ist ein Mosaiksteinchen jener Arroganz, mit der die neue, urban-digitalisierte Elite gemäss Soziologen und Politologen die Globalisierungsverlierer drangsaliert.“ (…)
    „Beim Italiener „zwei Espressi“ bestellen, das ist unfreiwillige Schützenhilfe für Donald Trump. Okay, das ist jetzt vielleicht etwas übertrieben. Aber „zwei Espresso“ tun es auch.“ (…) schreibt er.
    BEGEISTERT – von diesem Text.
    Begeistert. Wer jetzt nicht versteht, was das avant¬gar¬dis¬tischPro-Kultur-Gehabe mit der Wahl von Donald Trump zu tun hat – die Sehnsucht nach der einfachen Rede, dem sich-einfach-geben der Massen ist es!
    Das selbe gilt im Osten bei Orban und den Triumpfen der Rechtsnationalen Parteien in Polen.
    Einseitig Kulturforderungen stellen, und das im wöchentlichen Wochenkommentar-Takt und die Gärtner, die Trämler, die Trucker-Liebhaber, die Fussballfans links liegen lassen, nicht mitnehmen in unserer Gesellschafts-Gemeinschaft (die wir immer wie weniger sind) ist eben DAS Gift unserer Zeit. Wer mitmacht, ist „in“, „trend“ und „dabei“ – wer sich sträubt und kritisiert wie ich ist, ja ist sagen wir es doch ganz direkt – „stupid“.
    Doch ich kann genau zu diesem zentralen Thema noch nicht schliessen. Vielleicht ist es gar nicht so „stupid“. Vielleicht stehen wir vor einer Zeitenwende. Ausserhalb der „Salons“ mit den knisternden Kaminfeuern, in den „Logen“ der Elite, ausserhalb der Sommergarten-VillenPavillons in den grossen Villenpärken im Speckgürtel unsere Stadt brodelt es. Und wenn ich schon letzhin Schützenhilfe von einem bekennenden Linken bekam, der genau in diese Kerbe schlug, von Frank A. Meyer*; in seiner Kolumne „Frank und Frei“ vom Feburar 2021, welcher sich über die Spaltung der Gesellschaft in die Gebildeten und die Ungebildeten Gedanken macht, ist schon was dran. Die Gebildeten wollen stets die Ungebildeten zu Gebildeten machen; dabei wollen die Ungebildeten vielleicht gar keine Gebildeten werden/sein – Originell – nicht?
    Und was dies alles wiederum mit Trump, der für genau diese von der weltweiten Kultur-Elite-Oberschicht entfachten Spaltung zu tun hat. Man schaue sich nur einmal laserscharf ganz genau wie Frank A. Meyer die Inaugurations-Feier des „Moses Biden“ an, die viel darüber aussagt.
    Auszugsweise (…..): „Die Inaugurations-Feier symbolisiert eingentliche das Problem der USA (des Westens allgemein). Denn es war die Feier einer absolut Reichen, etablierten Elite. (…)
    Auch einer schönen, unmissverständlich. Die Frauen waren alle schön. Die schöne „Lady Gaga“, rein ihr Kopfputz kostete mehr als ein Trump-Wähler irgendwo in Texas verdient, wenn er überhaupt noch etwas verdient. Dann hatten wir diese Amanda Gorman, diese 22-jährige Dichterin, die das Gedicht „Die Morgendämmerung gehört uns“ – uns? –was ist eigentlich mit diesem „uns“ gemeint, was meint die 22-jährige Schwarze damit? (…) welche ja auch inszeniert wurde; auch mit einem wunderbaren Kopfputz, also eigentlich nicht wie junge Menschen sind, die vielleicht junge Dichter sind, sonst daherkommen, sondern richtig inszeniert. (…)
    Dann Kamala Harris, auch eine ganz tolle, schöne Frau – auch in Szene gesetzt, und bereits selbstverständlich Covergirl von „Vogue“. Ann Winter, das ist die grosse Modegöttin in Amerika, hat sie auserwählt, die Vizepräsidentin kam bei „Vogue“ auf den Titel. Allerdings etwas bescheidener als an der Inaugurations-Feier, nämlich mit den neusten, angesagten Turnschuhen; welche auch sehr teuer sind; vermag auch keiner zu kaufen, der als Trump-Wähler gerade arbeitslos ist. (…) Alexandria Ocasio-Cortez, AOC genannt, welches die jüngste Abgeordnete ist, die war schon bei „Vanity Fair“ auf dem Cover! Also hier skizziere ich nur anhand der Bilder eine Elite, die nichts zu tun hat mit den Menschen, den zig-Millionen Menschen, die in den USA existenzielle Probleme haben. (…)
    Man muss sagen, Biden war eigentlich der einzig bescheiden auftretende Mann – mit seiner Frau. Eigentlich hat das Licht all dieser grossen Figuren, die ich aufgezählt habe, fast überblendet, dass da noch der Präsident mit seiner Frau war – einer Schullehrerin, die das auch bleiben will. (…)
    Nein – die zwei, die zwei passten zu dem, was Amerika tun muss, nämlich die –zig Millionen Trump Wähler wieder in eine Situation zu bringen, in der sie wieder hoffen können auf eine Zukunft, vor allem auf eine Zukunft für ihre Kinder. Biden – die beiden Biden – entsprechen dem. (…)
    Welch ein Unterschied zu der – ich brauche jetzt einen veralteten Begriff – „Schickimicki-Meute“, die sich da sonst eingefunden hat. Es ist eigentlich wie wenn das Ganze ein Regisseur inszeniert hat um sehr kritisch zu sein mit den Demokraten, mit dieser herrschenden Schicht. (…)
    Diese Elite ist auch nicht das Problem seit Trump. Das ist schon lange das Problem, dass sich unter Obama akzentuiert hat: Ein wunderbares Paar, Obama und seine Michelle, so was von schön und glänzend und erfolgreich. Und jetzt haben wir es wieder mit den Schönen und Erfolgreichen zu tun. Diese Amanda Gorman, diese junge Dichterin, die hat ja schon erklärt 2036 will sie Präsidentin werden !!! Sie steht für das.
    Es mag für SIE zutreffen, durchaus möglich, aber für –zig Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner trifft es nicht mehr zu (Tellerwäscher-Karriere war ja signifikant für die USA), und DAS ist das entscheidende Problem. (….)
    Man hätte ja zu dieser Feier Leute zum Reden einladen können, ca. 3 Minuten oder 10 Sätze, die über ihr armseliges Schicksal berichten. Vielleicht 5 Menschen darüber, vielleicht aber auch 10 – die ihre Situation unter Trump erzählten. Man hätte die reden lassen können, um ganz einfach so denen mal zuzuhören. (…)
    Doch dieses Problem ist nicht allein ein rein amerikanisches. Es ist natürlich akzentuiert amerikanisch, weil die USA nicht ein solches soziales Netz kennen wie wir. (…)2
    UND JETZT SETZT MEYER ZUR ABRECHNUNG MIT UNSERER (kulturellen und allgemeinen) ELITE AN:
    „Aber wir haben das ähnliche Problem in Europa mit einer ELITE, die eigentlich unter sich bleibt. Einer kulturellen, medialen Elite von den Universitäten, alle fast im Staatsdienst. Die haben auch etwas zu verteidigen, zu vertreten in der Kulturszene; eigentlich gute, gescheite Leute – aber mehr und mehr isoliert wie in einer Blase. (….)
    Und das merken die andern. Das merken die, die das nicht haben. Das merken die wie „die sind nicht mehr für uns da“ – es war ja lange Zeit so, dass die Intellektuellen, die „Gelehrten“, die Künstler – die waren da, verbunden mit ganz normalen, mit ganz einfachen Leuten. (…)
    Die linken Parteien vertraten ja die!
    Heute vertreten die das noch so, als dass sie sagen: „Die brauchen mehr Harz IV, oder die brauchen mehr Mindestlohn….“
    Aber es ist wie eine Geste des Abfertigen mit Geldes!!! Es hat etwas ganz paternalistisches! (…)
    Dabei ist der Kampf heute nicht mehr einfach der wie früher der materielle Klassenkampf – es ist ein kultureller, elitärer, hässlicher Klassenkampf – auch – und insbesondere bei uns in der Schweiz!“

    UNGLAUBLICH STARKE WORTE – PASSEND ZU DIESEM WOCHENKOMMENTAR, ZUM LÖSCHEN UND ABKÜHLEN DER ZELEBRIERTEN KULUTREINSEITIGEKT.

    Alle wir sind gleich. Es gibt keine Besseren und Schlechteren. Und es gibt auch keine Förderungswürdigeren und nicht Förderungswürdigeren.
    Wir haben alle gleich viel verdient!
    Vom Leben.
    Von Gerechtigkeit.
    Von Licht.
    Von Liebe.
    Und von den Wochenkommentaren.
    ……………………………………………………………
    * =Nebenbei Facts über den glanzvollen Zeitgenossen Frank A. Meyer. Er begann 1972 seine journalistische Tätigkeit für das Medienhaus Ringier, zunächst als Bundeshauskorrespondent für die Schweizer Illustrierte. 1978 war er Mitbegründer der zweisprachigen Wochenzeitung Biel Bienne. 1981 wurde er Mitglied der Chefredaktion, später Chefredaktor der Berner Redaktion der neu gegründeten Woche. Danach startete seine Tätigkeit als Kolumnist des SonntagsBlicks. Später wurde er publizistischer Berater der Riniger-Direktors und Inhabers, also des Verlegers Michael Ringier.
    Seit 1985 ist er Mitglied der Konzernleitung der Ringier AG und seit 1989 Lehrbeauftragter für Medienwirtschaft an der Universität St. Gallen (HSG). Meyer war zudem Präsentator der Sendung Vis-à-vis bei 3sat (bis Ende 2016) und schreibt bzw. schrieb für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für die Zürcher Woche und das Ringier- Magazin Cicero. Er gilt als Inspirator des linksliberalen Kurses des Blicks und ist «Chefkolumnist» von SonntagsBlick und (früher) Schweizer Illustrierte.
    2014 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Am 17. September 2018 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
    Frank A. Meyer lebt zusammen mit seiner Frau, der deutschen Kulturjournalistin Lilith Frey, seit 15 Jahren in Berlin.
    FREUDIG BEGEISTERT!

  2. Als ‚homo agens‘ lebe ich (sozio)kulturell und politisch wie in zwei Welten. In der einen bestehen konkrete Herausforderungen. Im Zusammenhang beispielsweise mit dem Immer-noch-mehr-Bauen, oder mit dem Verkehr am Boden und in der Luft, oder mit dem Klimawandel bzw. der Klimazerstörung. In einer andern Welt steht die Frage im Raum, ob Corona natürlichen Ursprungs ist , oder einem teuflischen Plan – einer ‚Plandemie‘ – entspricht? Unglaublich: hoffentlich ist es nicht wahr! Den folgenden Link zu einem 3-Minuten-Beitrag hat mir gestern unser Nachbar gemailt: https://fb.watch/3AWa8rfsza/. Stimmt die These, dass gross Mächtige und super Reiche dran sind, eine Welt für und mit Übermenschen zu schaffen? Sie sollen – total digitalisiert, hoch intelligent und Robotern ähnlich – nur tun wollen, was sie sollen, und dabei keine Fehler machen. Eine stupide Verschwörungstheorie oder ein gigantischer Masterplan: Weil die bestehenden, grossen Herausforderungen mit gewöhnlichen Menschen nicht mehr zu schaffen sind?

    1. Lieber Ueli Keller
      Der verlinkter Film stammt von Kla.TV, einer religiös verbrämten, rechtsgerichteten und judenfeindlichen Verschwörungsgeschichten-Fabrik.
      Hier gibt’s genaueres: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-01/rechte-esoterik-kla-tv-verschwoerungstheorien-verfassungsschutz
      und hier auch:
      https://www.srf.ch/news/schweiz/verschwoerungstheorien-corona-skeptiker-die-verschwoerer-unter-uns
      Wer solche Dinge verbreitet -auch (Daniele Ganser verwendet diese Strategie!) verbrämt mit der „selbstkritischen Frage, wer nun wohl recht liegt- macht sich zum Mittäter…
      „Trau, schau wem“, Quellenkritik…

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.