Dürfen wir Kultur geniessen, wenn Krieg herrscht?

Publiziert am 27. Oktober 2023 von Matthias Zehnder

«Was soll ich hier über Kunst schreiben, wenn in Israel und Palästina grauenhafte Verbrechen an der Menschlichkeit verübt werden?» Das fragt Felix Schenker, Chefredaktor der Schweizer Kulturplattform «arttv.ch». Es ist eine Frage, die ich dieser Tage häufiger gehört habe und die auch im Gespräch mit Freunden und am Familientisch zu reden gegeben hat. In Israel herrscht Krieg. Die Terrororganisation Hamas hat 200 Geiseln in ihre Gewalt gebracht. Auf Gaza fallen Bomben. Auch in der Ukraine herrscht weiterhin Krieg. Russische und ukrainische Soldaten sterben in Schützengräben wie im Ersten Weltkrieg. Und wir beschäftigen uns hier mit Kunst und Kultur? Darf man Ausstellungen besuchen, ins Kino gehen, ein Konzert geniessen, tanzen und feiern, wenn in Israel und der Ukraine Krieg herrscht? Anders gefragt: Dürfen wir hier lachen, wenn im Nahen Osten und in der Ukraine Menschen sterben? Mein Wochenkommentar zur Frage, ob Kultur Platz haben darf, wenn Krieg herrscht.

«arttv.ch»ist eine Schweizer Kulturplattform mit Videobeiträgen aus den Bereichen Theater, Tanz, Kunst, Film, Literatur und Musik. Eines der Angebote sind die «Click»-Magazine über Kino, Kunst und Theater. Im Editorial des neusten «ClickArt»-Magazins fragt «arttv.ch»-Chefredaktor Felix Schenker, was es für einen Sinn habe, über Kunst und Kultur zu schreiben, «wenn anderswo die Welt in Flammen steht und unsagbares Leid sich in rasender Geschwindigkeit ausbreitet?» Es ist eine Frage, über die ich am Familientisch und mit Freunden in den letzten Tagen immer wieder diskutiert habe. Es ist eine Frage, die sich immer wieder stellt.

1990 marschierte der Irak in Kuwait ein und eroberte den Nachbarstaat. Anfang 1991 griff, angeführt von den USA, eine breite Kriegskoalition ein und setzte zur Befreiung von Kuwait an. Der zweite Golfkrieg bricht aus. In Deutschland ist Karnevalszeit. Darf man in einer solchen Situation feiern wie immer? In den rheinischen Karnevalshochburgen verneinen viele Menschen diese Frage. Am 21. Januar 1991 sagt das Festkomitee deshalb den Kölner Rosenmontagszug ab. Auch die offizielle Eröffnung des Strassenkarnevals auf dem Kölner Altermarkt fällt aus.

Was können wir Krieg und Terror entgegensetzen?

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden weltweit zahlreiche kulturelle Veranstaltungen und Vergnügungen abgesagt. Die Gründe dafür waren unterschiedlich, manchmal waren es Sicherheitsbedenken, oft stand aber auch die Trauer um die Opfer im Vordergrund. Und damit die Eingangsfrage: Darf man Ausstellungen besuchen, ins Kino gehen, ein Konzert geniessen, wenn gleichzeitig durch Krieg und Terror Menschen sterben?

Meine Frage wäre: Was können wir Krieg und Terror entgegensetzen? Mit «wir» meine ich jetzt nicht die Staaten und Länder, die Munition in die Ukraine liefern, damit sich das Land gegen den Überfall durch die russische Armee wehren kann. Oder das Spitalschiff, das Frankreich in den Nahen Osten schicken will. Ich meine Sie und mich: Was können wir der Unmenschlichkeit von Krieg und Terror entgegensetzen? Ich glaube, da gibt es nur eine Antwort: Menschlichkeit. Die Frage ist, was das heisst. Was ist Menschlichkeit? Oder anders gefragt: Was ist es, was uns zu Menschen macht?

Ist es Mitgefühl, das Menschen ausmacht?

Schwierige Frage. Umgekehrt ist es einfacher: Unmenschlich ist jemand, der grausam gegen Menschen oder Tiere ist und keinerlei Mitgefühl zeigt. Menschlichkeit zeichnet sich also durch Mitgefühl aus. Zeigen wir unser Mitgefühl mit der Ukraine und mit den Menschen in Nahen Osten, indem wir auf Kino, Konzerte und Theater verzichten? Müsste sich Mitgefühl nicht vor allem durch konkrete Hilfe und Unterstützung äussern? Aber wen soll man in einem Krieg unterstützen, wenn man zu keiner Partei gehört? Das Rote Kreuz. Klar. Dafür wurde es gegründet. Reicht das?

Am Familientisch diskutieren wir weiter. Ist es wirklich Mitgefühl, das den Menschen ausmacht? Ich glaube nicht, dass es ihn von Tieren unterscheidet. Affen können sehr emphatisch sein. Untereinander, aber auch mit Menschen und anderen Tierarten. Auch Hunde kennen ganz sicher Mitgefühl. Sie spüren die Stimmung der Menschen um sie herum und sind in der Lage, sie zu trösten. Aber was ist es denn dann, das die Menschen zu Menschen macht?

Sind die Menschen schlicht die klügsten?

Genetisch ist der Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen winzig: 98,7 Prozent des Erbguts stimmen überein. Trotzdem haben die Schimpansen weder das Rad noch das Schiesspulver erfunden. Sind die Menschen also schlicht die klügsten Wesen auf dem Planeten, auch wenn es bei all den Kriegen und der Gewalt grad gar nicht danach aussieht? Nein, sagen die Evolutionsbiologen Alba Motes-Rodrigo und Claudio Tennie, die sich mit der Evolution der menschlichen Kognition beschäftigen. Die Menschen seien nicht schlauer als Menschenaffen. Wir Menschen wirken nur schlauer, weil wir unsere Intelligenz kulturell weitergeben. In ihrer Studie zeigen sie, dass Affen nicht in der Lage sind, Wissen und Fertigkeiten über Generationen hinweg weiterzugeben und so anzuhäufen. Jeder Affe denke quasi nur für sich selbst. Für sich genommen sei auch der Mensch kaum klüger als die Affen, Menschen hätten aber gelernt, ihre Intelligenz zu kumulieren.

Kumulieren von Intelligenz, das tönt auf den ersten Blick etwas seltsam. Es gibt aber ein anderes Wort dafür: Kultur. Anthropologen haben einen sehr breiten Kulturbegriff: Sie bezeichnen damit die Traditionen, Praktiken, Fertigkeiten und den Glauben einer Gesellschaft ganz allgemein. Dazu gehört im Kern aber auch das, was wir als Kultur im engeren Sinn bezeichnen: Musik, Kunst, Literatur und das intellektuelle Leben einer Gesellschaft. Vor dem Hintergrund der Studie der beiden Evolutionsbiologen rückt aber genau dieser Kulturbegriff ins Zentrum: Genau diese Kultur ist wesentlich, wenn es um das «Kumulieren von Intelligenz» geht. Es ist also die Kultur, die den Menschen am deutlichsten von allen anderen Tieren unterscheidet. Kultur ist das, was uns zu Menschen macht.

Welche Konsequenzen sollte das für die Medien haben?

Krieg und Terror sind unmenschlich. Wenn wir Menschlichkeit dagegensetzen wollen, müssen wir unsere Kultur dagegensetzen. Im Kern sind das Literatur, Musik, Tanz und Film, aber eben auch Kochen und Sticken, Brauen und Stricken, Flaschenschiffe bauen und vor allem Geschichten erzählen.

Nun ist mein Thema die Medien und die Digitalisierung. Ich frage mich deshalb: Welche Konsequenzen sollte diese Sicht für die Medien haben? Ich glaube, wir lassen uns die Welt zu sehr von der Politik definieren. In den Medien dominiert zu sehr die politische Berichterstattung, in der Schule ist es der Geschichtsunterricht, der Geschichte oft als Folge von Schlachten und kriegerischen Auseinandersetzungen präsentiert. Wenn es so ist, dass es die Kultur ist, die den Menschen ausmacht, sollten wir das in unseren Medien und in unseren Geschichtsstunden spiegeln. Wir sollten unsere Geschichte also stärker als Kulturgeschichte erzählen – und der Kultur in all ihren Ausprägungen in unseren Medien viel mehr Raum geben.

In den Medien gehört die Kultur zu jenen Bereichen, die seit Jahren zusammengespart wurden. Die meisten Zeitungen haben heute keine eigentlichen Kulturteile mehr. Eine oder zwei Seiten «Kultur und Leben» bieten mehr Glanz und Gloria als Kunst und Kultur. Ich biete Ihnen deshalb einige Buchtipps für die Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte.

1) Egon Friedell: «Kulturgeschichte der Neuzeit»

In meinem Büchergestell hat die «Kulturgeschichte der Menschheit» von Will Durant einen Ehrenplatz. Allerdings ist das mit 32 Bänden ein ausuferndes Werk und heute kaum mehr erhältlich. Ich empfehle Ihnen deshalb die «Kulturgeschichte der Neuzeit» von Egon Friedell. Friedell erzählt kenntnisreich und spannend die Geschichte der abendländischen Kultur vom Ausgang des Mittelalters bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

2) Florian Illies «1913: Der Sommer des Jahrhunderts»

Egon Friedell bietet mit seiner Kulturgeschichte einen Längsschnitt. Florian Illies setzt da zu einer Tiefbohrung ein, wo Friedell aufhört: Sein Buch widmet sich ganz dem letzten Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In kleinen Miniaturen berichtet er über das Leben und Schaffen von Schriftstellern und Kunstmalern, darunter etwa Oskar Kokoschka, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke und Else Lasker-Schüler, aber auch C.G. Jung, Karl Kraus und Thomas Mann.

3) Marcel Reich-Ranicki: «Mein Leben»

Friedell und Illies berichten aus historischer Perspektive über die Kulturgeschichte. Wenn Ihnen eine menschliche Perspektive lieber ist, greifen Sie zu einer guten Biografie. Eine Autobiografie, die Lebensbeschreibung, Kulturgeschichte und Literatur auf das trefflichste miteinander verbindet, ist «Mein Leben» von Marcel Reich-Ranicki. Wenn Sie es schon gelesen haben, nehmen Sie es wieder einmal zur Hand, wenn Sie es noch nie gelesen haben, lesen Sie es. Reich-Ranicki erzählt darin, unter anderem, welche Rolle für ihn die Kultur, Gedichte, Literatur und Konzerte, im Warschauer Ghetto gespielt haben. Er zeigt damit auf eindrückliche Art, wie wir mit Kultur auch unter unmenschlichsten Bedingungen ein Licht der Menschlichkeit entzünden können.

Neuere Buchtipps zu Geschichte und Kultur finden Sie jede Woche auf meiner Website. Ich bin überzeugt, dass wir auf die Unmenschlichkeit von Krieg und Terror nur mit Menschlichkeit reagieren können. Mit dem, was uns Menschen ausmacht: mit Kultur.

Basel, 27. Oktober 2023, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen

KEYSTONE/AP/Ariel Schalit

Trauernde versammeln sich um die Gräber der Britin Lianne Sharabi und ihrer beiden Töchter Noiya, 16, und Yahel, 13, während ihrer Beerdigung in Kfar Harif, Israel, Mittwoch, 25. Oktober 2023. Lianne Sharabi und ihre beiden Töchter wurden am 7. Oktober im Kibbuz Be’eri nahe der Grenze zum Gazastreifen von Hamas-Kämpfern getötet.

Defranoux, Laurence (2023): Israël-Gaza : Le Porte-hélicoptères Amphibie «Tonnerre», Un Immense Bateau Polyvalent. In: Libération. [https://www.liberation.fr/international/moyen-orient/israel-gaza-le-porte-helicopteres-amphibie-tonnerre-un-immense-bateau-polyvalent-20231026_ZNKCFVOIFBETTLNVRJYUFO3J5Q/; 26.10.2023].

Motes‐Rodrigo, Alba und Tennie, Claudio (2021): The Method of Local Restriction: in search of potential great ape culture‐dependent forms. In: Biological Reviews 96/4. S. 1441–1461. doi:10.1111/brv.12710. [10.1111/brv.12710; 26.10.2023].

Schenker, Felix (2023): Editorial. In: ClickArt. [http://click.arttv.ch/2023/art/06/#0; 26.10.2023]

Voss, Jens (2021): Neue Studie: Menschenaffen fehlt eine entscheidende Fähigkeit. In: National Geographic. [https://www.nationalgeographic.de/tiere/2021/01/neue-studie-menschenaffen-fehlt-eine-entscheidende-faehigkeit; 26.10.2023].

3 Kommentare zu "Dürfen wir Kultur geniessen, wenn Krieg herrscht?"

  1. Ob wir Kultur dürfen, ist für mich nie und nimmer eine mehr als akademische Frage. Konkret: Die Welt brennt. Und was beispielsweise tun die Schweizer Medien aller Art: sich abstrus und konfus sowie end- und perspektivenlos mit der Frage auseinandersetzen, ob nun die Linken, die Mitte oder die Rechten mit 0.2 Prozent mehr oder weniger Wähleranteil die Wahlgewinner sind. Wann endlich ist mit einer solchen Politik und ihren Medien genug genug?”

  2. Man muss Kultur geniessen. Sonst gehen wir ein.
    Ob kultiviert und intellektuell Bücher lesen oder sich theatralisch updaten, ob Oktoberfest, Technoparty oder Karneval in Rio, oder ob Kochen, Gartenarbeit, laufen, Hund gassi führen, ob (kreativ) renovieren oder am Auto schrauben…
    Unter Kultur segelt heute ja vieles. Deshalb Richtigstellung:
    Man muss das Leben leben. Sonst gehen wir ein.
    Wenns geographisch umgekehrt wäre, würde es bekanntermassen auch so gemacht.

  3. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Gerade wenn die Welt brennt, sollten wir uns der Kultur hingeben, sie pflegen. Was verbindet unterschiedlichste Menschen mehr als Musik? Als Sprachkunst? Als Malerei?
    Dort können wir uns treffen und begegnen.

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