Grenzenlose Bildung statt Grenzmauern

Publiziert am 4. Januar 2019 von Matthias Zehnder

Politiker kreisen um Migrationsthemen wie Motten um die tödliche Kerzenflamme. Besonders hoch im Kurs: Die bösen Ausländer, die rechtschaffenen Schweizerinnen und Schweizern die Stelle wegnehmen. Doch in den kommenden Monaten wird nicht die Migration die Schweiz umkrempeln, sondern die Digitalisierung. Wenn uns etwas Stellen kostet, dann die Robotisierung und die Computerisierung. Es gäbe Rezepte, die helfen, unsere Angestellten in Lohn und Brot zu halten. Doch sie werden der Rechten nicht schmecken.

Kein anderes Thema hat die Politik im vergangenen Jahr so heftig beschäftigt wie die Migration: In Italien waren es die Flüchtlinge, in England billige Arbeitskräfte aus dem Osten, in Deutschland waren es Asylbewerber und in der Schweiz abwechslungsweise geflüchtete Eritreer und ausländische Grenzgänger, die in der Schweiz ihre Arbeitskraft mutmasslich zu Dumpinglöhnen anbieten. Kurz: In ganz Europa waren die bösen Ausländer das Thema Nummer eins.

Das hat seine Logik. Kaum etwas eignet sich in der Politik so gut als Feindbild und Angstmacher wie Ausländer. Man kann die Welt bequem in die guten «Wir» und die bösen «Anderen» einteilen, mit allerlei Kulturbedrohungen hantieren und muss erst noch nicht befürchten, Wähler zu verlieren. Schliesslich können Ausländer nicht abstimmen. In der Schweiz gilt die Migration vor allem als Bedrohung auf dem Arbeitsmarkt, und zwar nicht nur bei der SVP. Auch die Gewerkschaften schüren in jüngster Zeit die Angst vor ausländischen Arbeitskräften. Doch es ist gar nicht die Migration, die unsere Arbeitsplätze bedroht. Es ist die Digitalisierung.

Jeder zweite Arbeitsplatz betroffen

Eine aktuelle Studie der OECD geht davon aus, dass in den 32 OECD-Ländern etwa jeder zweite Arbeitsplatz von Automation und Veränderungen durch die Computerisierung betroffen sein wird.[1] Dabei sind etwa 14% der Arbeitsplätze in Europa hochgradig automatisierbar. Laut den Forschern liegt bei diesen Arbeitsplätzen die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen durch Roboter ersetzt werden, bei über 70%. Das entspricht über 66 Millionen Arbeitnehmern in den 32 untersuchten Ländern!

Betroffen davon ist vor allem die produzierende Industrie und die Landwirtschaft, aber auch einige Dienstleistungsberufe etwa bei der Post oder bei Kurierdiensten. Darüber hinaus besteht bei weiteren 32% der Arbeitsplätze ein Risiko von 50 bis 70 %, dass sie wegfallen. Die Forscher können die Wahrscheinlichkeit nicht genauer angeben, weil sie davon ausgehen, dass diese Arbeitsplätze sich aufgrund der Automatisierung erheblich verändern werden. Nicht alle, aber ein grosser Teil der Aufgaben in diesen Berufen könnten automatisiert werden.

Schalterbeamte und Hamburgerbrater

Betroffen sind also nicht mehr nur die Arbeiter in der produzierenden Industrie wie Schweisser oder Lackierer. Längst bedroht die Automatisierung auch Angestellte und damit viele Berufe mit Kundenkontakt. Wann haben Sie zum letzten Mal ein Billett bei einem Menschen gekauft oder an einem Schalter mit einem Menschen dahinter für eine Flugreise eingecheckt? Ganz zu schweigen von Banken, Versicherungen und Supermärkten. Künftig werden auch Menschen durch Automaten ersetzt, die Hamburger braten oder Bohnen pflücken.

Mit anderen Worten: Die meisten Länder in Europa wehren sich derzeit mit zunehmend nationalistischen Tönen gegen die Migration, weil die Einheimischen fürchten, dass billige, ausländische Arbeitskräfte ihnen die Arbeit wegnehmen werden. Die Arbeitsplätze sind aber nicht durch Ausländer bedroht, sondern durch die Digitalisierung: Die Politiker haben den Elefanten im Raum übersehen.

Ausländer sind das bessere Feindbild

Natürlich ist das kein Zufall: Ausländer geben das bessere Feindbild ab als Computer. Gegen Ausländer kann man sich wehren – aber gegen den technischen Fortschritt? Also kämpfen die linken und die rechten Arbeiterpolitiker gegen Einwanderung und für geschlossene Grenzen. Sie leisten sich damit einen Bärendienst. Gerade die geringe Auswahl auf dem Arbeitsmarkt bringt viele Firmen dazu, rascher in die Automatisierung zu investieren. Das hohe Lohnniveau in der abgeschotteten Schweiz macht Investitionen in die Automatisierung attraktiv. Denn die Schweizer Grenze mag dicht sein für ausländische Arbeiter – für Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland einkaufen, bleibt die Grenze natürlich offen.

Anders gesagt: Die Automatisierung vernichtet Jobs – die Schuld wird aber den Ausländern in die Schuhe geschoben. Wenn diese These stimmt, müsste es eine Korrelation geben zwischen Ausländerfeindlichkeit und Automatisierung. Nach genau dieser Korrelation haben in den USA zwei Forscher gesucht – und sie gefunden. Daron Acemoglu vom M.I.T. und Pascual Restrepo von der Boston University haben eine demographische Karte der Roboter in den USA erstellt und die Karte mit dem Wähleranteil von Donald Trump verglichen.[2] Mit verblüffendem Resultat: Die Karten sehen sich erstaunlich ähnlich.

Roboter führten zur Wahl von Donald Trump

Die Forscher können zeigen, dass in jenen Counties, in denen die Automatisierung zwischen 2008 und 2016 besonders stark ausgefallen ist, ein besonders ausgeprägter Rechtsrutsch stattgefunden hat. Donald Trump hat den verdrängten Arbeitern in diesen Counties eine Stimme gegeben, bloss hat er damit auf die falschen Gegner eingedroschen. Schuld am Jobverlust vieler weisser Arbeiter sind nicht böse Mexikaner oder hinterlistige Chinesen, sondern – Roboter.

Donald Trump hat einige Anreize dafür geschaffen, dass amerikanische Firmen ihre Produkte künftig wieder in den USA fertigen. Das heisst aber nicht, dass sie dafür auch Menschen anstellen. Die Tesla-Fabrik von Elon Musik in Fremont, Kalifornien, etwa weist einen Automatisierungsgrad von 95% auf: Die Tesla Series 3-Modelle werden fast komplett von Robotern hergestellt. Tesla hatte zu Beginn damit Probleme. Mittlerweile arbeitet das Werk – weitgehend ohne Menschen.[3]

Kreativität und Neugierde

Bisher waren sich Experten sicher, dass die Technisierung zu mehr Jobs führt. Für die Handweber, die im 19. Jahrundert ihre Arbeit an Webmaschinen verloren, war das ein schlechter Trost – insgesamt aber arbeiten heute mehr Menschen und sie verdienen mehr, weil die Automatisierung die Produktivität gesteigert hat. Mittlerweile ist aber selbst die Weltbank nicht mehr sicher, ob sich diese Erfolgsgeschichte einfach so in die Zukunft schreiben lässt. Denn die neuen Automaten sind nicht einfach stumpfe Maschinen. Sie sind künstlich intelligent und den Menschen mindestens in Bezug auf eine spezifische Arbeit oft weit überlegen.

In ihrem neusten Entwicklungsbericht über die sich verändernde Natur der Arbeit[4] kommt die Weltbank deshalb zum Schluss, dass es nur ein Rezept gibt, mit dem die Länder der Welt dafür sorgen können, dass ihre Bürgerinnen und Bürger auch künftig Lohn und Brot finden werden: Bildung. Anders als bisher singt die Weltbank nicht mehr nur das Hohelied der Mint-Fächer, also der Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Laut dem Weltbank-Report haben vor allem jene Menschen gute Chancen, die über cognitive skills und über sociobehavioral skills verfügen. Entscheidend sei die Fähigkeit zu kritischem Denken und sozialem Verhalten, gepaart mit Kreativität und Neugierde.[5]

Bildung, kritisches Denken, soziales Verhalten

Sie haben richtig gelesen: Das steht nicht im Schulprospekt einer Rudolf Steiner-Schule, das sagt die Weltbank. Die Konsequenzen sind glasklar: Wenn die Politik etwas für die so genannte Arbeitsmarktfähigkeit der jungen Menschen tun will, dann muss sie in Schulen und in Universitäten investieren. Auf die Bildung kommt es an – und zwar nicht nur auf Mathematik und Informatik, sondern auch auf so genannt «weiche» Fächer, welche Kreativität und empathisches, soziales Verhalten fördern. Das sagt die Weltbank – eine Institution, die nicht gerade im Verdacht steht, links und nett zu sein.

Also, liebe Politikerinnen und Politiker: Wenn Sie wirklich etwas dafür tun möchten, dass in unserem Land auch weiterhin Menschen Arbeit finden, dann investieren Sie in Bildung. In die Volksschule, in Tagesbetreuung, in weiterführende Schulen, in Fachhochschulen, in die Universitäten, in die Volkshochschule. Wir brauchen keine Grenzmauern, wir brauchen grenzenlose Bildung. Das ganze Leben lang.

Basel, 4. Januar 2019, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

[1] Ljubica Nedelkoska, Glenda Quintini, Automation, skills use and training. OECD Social, Employment and Migration Working Papers, No. 202, Paris: OECD Publishing 2018. http://dx.doi.org/10.1787/2e2f4eea-en

[2] Acemoglu, Restrepo 2018: Daron Acemoglu, Pascual Restrepo, Demographics and Automation. Massachusetts: MIT Department of Economics Working Paper No. 18-05. https://ssrn.com/abstract=3138621

[3] Vgl. https://electrek.co/2018/06/08/tesla-model-3-body-line/

[4] Vgl. World Bank Group 2018: World Bank Group, World Development Report 2019: The Changing Nature of Work. Washington D.C.: International Bank for Reconstruction and Development/The World Bank 2018 http://documents.worldbank.org/curated/en/816281518818814423/2019-WDR-Report.pdf

[5] Ebenda S. 70

Titelbild: Tesla Motors, Fremont

4 Kommentare zu "Grenzenlose Bildung statt Grenzmauern"

  1. Und dazu kommt noch die Disruption in der Mobilität. Dauer in den nächsten 2-10 Jahren. Elektroautos ersetzen die Autos mit Verbrennungsmotoren und werden zu einem viel niedrigeren Preis verkauft. Die kommen aus China. Die europäische Autoindustrie wird sich in den nächsten Jahren halbieren. Das gibt richtig Arbeitslose, auch hier. Danach oder parallel kommt das autonome Fahren. Eine weitere Welle an Arbeitslosen, denn Chauffeure und Taxler werden auch nicht mehr gefragt sein. Dann kommt die Welle der Shared Mobility oder Neudeutsch „Ride Hailing“. Man mietet ein autonom fahrendes Fahrzeug oder teilt es sich um von A nach B zu kommen. Über die App, individuell von wo man will nach wo man will. Da wird kaum noch einer ein eigenes Auto kaufen. Also noch mehr Arbeitslose. All das wissen Politiker, aber man möchte nicht der Überbringer der negativen Botschaft sein. Da ist es einfacher sich einen Schuldigen zu suchen, der sich nicht wehren kann.

  2. B e i d e s killt Jobs.
    Ab dem 1. Januar macht in Pratteln ein Automat den Job, der bisher der Kundenberater im Bahnhof versah. In verschiedenen Poststellen der Region können ab 1. Januar keine Abfallgebühren-Marken mehr verauft werden. Vielerorts wurden Automaten aufgestellt oder man muss sie in den Gemeindeverwaltungen (mit den kundenfreundlichen) Öffnungszeiten beziehen. Der TWN-Fahrplan gibt es nur noch als App. Im feuchten Kaltbrunnental ist ein Papierplan praktischer als „kein Netz“. Alles (Ab-)Arten der Computerisierung.
    Nicht die bösen Ausländer, aber die Ausländer. Wenn im RAV eine Französin aus „Grand Est“ die Arbeitslosen Inländersekretärinnen begrüsst, ist das ein Schlag ins Gesicht. Viele der Arbeitslosen würden gerne an ihrem schönen Arbeitsplatz sitzen. Wenn in einer Klinik der Region die Hauswirtschaft fest in spanischer Hand ist. Ausser der Hauswirtschaftslehrling. In dieser Lehrstelle sind Spanischkentnisse erwünscht/Bedingung/zwingend….
    Wenn der Deutsche Lebensmittelhändler mir in Deutschland klagt, dass es in der Schweiz nicht schön zum Arbeiten war. Die „Elsässer“, also alle in dieser Filiale in Basel, mobbten ihn raus. Weshalb? Weil jetzt ein Elsässer seinen Arbeitsplatz inne hat. Ziel erreicht….
    Der Verdrängungskampf (gerade in unteren Stellen) ist also voll im Gang.

  3. Mit der Bildung ist es so eine Sache. Landauf und landab sowie auf allen Stufen vom Kindergarten bis zur Uni ist das staatliche Schulwesen zur Zeit dran, als nächste und neue Dringlichkeit das Umsatteln auf „digital“ zu propagieren. Und tut dabei zuerst einmal das, was es immer tut: Dafür noch mehr Geld verlangen. Dabei sind die Herausforderungen, die mit der digitalen Transformation verbunden sind, nicht mit beispielsweise noch mehr Mathematik und Technik zu meistern. Das können Roboter viel besser. Eine Bildung für die Zukunft setzt auf die Entfaltung der ganzen Vielfalt von Talenten und vor allem auf die Stärkung sozialer Kompetenzen – im Interesse von eigenständigen, kritischen und kreativen Lösungsfinder*innen: Teamfähige Menschen, die erfahrungs- und ergebnisreich kooperieren können.

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