Fake News in der Literatur von Böll bis Lewinsky

Publiziert am 8. März 2024 von Matthias Zehnder

Wenn ich an das Wort «Fake News» denke, dann höre ich die Stimme von Donald Trump. Doch Falschinformation ist viel älter als der Wüterich von Mara Lago. In der Literatur hat Fake News immer wieder eine zentrale Rolle gespielt, die Handlung von Romanen in Gang gesetzt oder für Irrungen und Wendungen gesorgt – nur nennen wir Fake News da meistens nicht so. Aber vielleicht können wir trotzdem daraus lernen? Ich bin deshalb vor mein Bücherregal gestanden und habe nach Geschichten gesucht, die um Fake News kreisen. Fünf Beispiele habe ich herausgegriffen. Ich glaube, dass uns diese fünf Geschichten dabei helfen, zu verstehen, welche Macht Fake News haben können – und warum es nicht bloss eine Frage der Wahrheit ist. Es spielen und spielten immer auch ganz andere Faktoren mit. Ich glaube mit anderen Worten, dass uns die literarischen Geschichten dabei helfen, besser zu verstehen, wie Fake News heute funktionieren und wirken können. Deshalb gibt es diese Woche meinen Streifzug durch die Literatur auf der Suche nach Fake News.

Was wir heute als «Fake News» bezeichnen, kennen die Menschen vermutlich seit, nun ja: seit Menschengedenken. Die griechische und die römische Mythologie ist gespickt von Lug und Trug. Ich denke da etwa an Prometheus, der versucht hat, Zeus mit einem gefälschten Opfer über den Tisch zu ziehen. Oder das Trojanische Pferd, mit dessen Hilfe die Griechen die bis dahin uneinnehmbare Stadt Troja eroberten. Triefend von Fake News waren auch die Anschuldigungen, die Cato im Römischen Senat gegen Karthago vorbrachte. Seine Reden beendete er immer mit dem Aufruf «Ceterum censeo Carthaginem esse delendam» – im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss. Er schaffte es so, die öffentliche Meinung gegen Karthago zu wenden. Das führte schliesslich zum Dritten (und letzten) Punischen Krieg.

Desinformation und Propaganda waren seit jeher mächtige Werkzeuge in Politik, Kriegsführung – und wohl auch in sozialen Beziehungen. Militärs reden davon, dass es um «Wahrnehmungsmanagement» geht: Wer es schafft, die Wahrnehmung zu seinen Gunsten zu verändern, stärkt seine eigene Macht und schwächt die der Feinde. So weit, so klar schon bei den Griechen und den Römern.

Es ist das eine, theoretisch von Desinformation und Propaganda in einem Geschichtsbuch zu lesen. Aber was heisst es, das zu erleben? Die Literatur ermöglicht es, in das Geschehen einzutauchen. Ich habe mich deshalb vor mein Bücherregal gestellt und nach Büchern gesucht, in denen Fake News eine zentrale Rolle spielen. Ich habe fünf Bücher gefunden. Das erste ist ein alter Lieblingsschmöker: «Der Graf von Monte Christo» von Alexandre Dumas. Es ist einer der längsten Romane der Literaturgeschichte, im Original ist er über 1200 Seiten lang. Ich habe ihn als Junge in einer gekürzten Fassung gelesen und verschlungen. Seither liebe ich die Geschichte. Der Roman wurde zum Prototypen  des Abenteuerromans. Mit modernen Augen gelesen, könnte man auch sagen: Es ist eine klassische Superhelden-Geschichte.

1844: «Der Graf von Monte Christo»

Der Batman in der Story ist der Graf von Monte Christo, das Superhelden-Alias von Edmond Dantes. Als junger Seemann ist er mit dem Frachtschiff «Pharao» unterwegs, als der Kapitän stirbt. Obwohl er erst 19 Jahre alt ist, gelingt es Dantes, das Schiff sicher nach Marseille zu führen. Der Reeder ist beeindruckt und befördert ihn zum Kapitän. Dantes ist glücklich und erst noch verliebt in die schöne Mercedes. Doch er hat Widersacher: Danglars, der Buchhalter des Schiffs, neidet ihm die Beförderung, Fernand Mondego die Braut und der Schneider Caderousse ganz generell das Glück. Die drei schmieden ein Komplott gegen Dantes und denunzieren ihn als Anhänger des verbannten Napoleon. Staatsanwalt Villefort lässt Edmond Dantes, ebenfalls aus persönlichen Motiven, ohne langes Federlesen ins Château d’If auf der Gefängnisinsel vor Marseille werfen.

Die Denunziation von Edmont Dantes ist die Falschmeldung: Sie bringt die ganze Handlung ins Rollen. Dantes ist kein Anhänger Napoleons. Er erfährt nicht einmal, warum er in den Kerker geworfen wird. Im Gefängnis lernt er Abbé Faria kennen, einen gebildeten Italiener. Der hilft ihm nicht nur, das Komplott zu rekonstruieren, das Danglars, Fernand, Caderousse und Villefort gesponnen haben. Kurz vor seinem Tod verrät der Abbé ihm das Versteck eines Schatzes auf der Insel Monte Christo. Dantes gelingt die Flucht und er kann den Schatz heben. Fortan nennt er sich Graf von Monte Christo. Er ist jetzt unermesslich reich und will sich an den Verschwörern rächen. In verschiedenen Schritten gelingt ihm das – indem er immer wieder gezielt Fake News einsetzt. Buchhalter Danglar zum Beispiel ist ein reicher Banker geworden. Dantes findet heraus, dass er an der Börse spekuliert und sich dafür Informationen von der Regierung durchstechen lässt. Also schickt Dantes der Regierung ein fingiertes Telegramm, in dem von einer Revolution in Spanien die Rede ist. Tatsächlich verkauft Danglar die spanischen Aktien und verliert Millionen. Es ist nur eine von vielen Täuschungen, die der Graf von Monte Christo vollbringt. Wobei die grösste Täuschung natürlich seine Verkleidung ist. Einzig Mercedes erkennt ihn, verrät ihn aber nicht. Am Ende gibt Dantes seinen Rachefeldzug auf und segelt mit der ehemaligen griechischen Sklavin Haydee davon. Alexandre Dumas lässt nur eine Wahrheit gelten in seinem opulenten Abenteuerroman – sie erraten es: die Liebe.

1882: «Ein Volksfeind»

«Der Graf von Monte Christo» ist ab 1844 zunächst als Fortsetzungsroman erschienen. Etwas später, 1882, hat Henrik Ibsen in Norwegen «Ein Volksfeind» geschrieben. Das Theaterstück spielt in einem norwegischen Kurort. Der Ort lebt vom Tourismus. Prunkstück ist das neue Bad. Doch Badearzt Dr. Thomas Stockmann hat festgestellt, dass das Wasser im Kurort Krankheitserreger enthält. Schuld ist die Wasserleitung. Der Badearzt informiert den Stadtvogt und die Badeverwaltung. Er nimmt an, dass sie froh sind, darüber informiert zu werden, in welch gefährlichem Zustand die Wasserleitung ist. Doch den Mächtigen im Kurort und den Bürgern ist das Geschäft wichtiger.

Stockmanns Hinweis auf die Wasserverschmutzung eskaliert zum Kampf gegen die Machthaber und die Bürgerschaft. Moral steht gegen wirtschaftliche Interessen – eine Opposition, wie wir sie heute nur zu gut kennen. Die Stadt fühlt sich durch die Entdeckung von Dr. Stockmann bedroht. Stockmann wird als «Volksfeind» abgestempelt. Ibsen zeigt in seinem Stück, wie leicht sich die öffentliche Meinung dabei manipulieren lässt. Alle Protagonisten interessieren sich nur für ihre eigenen Interessen, auch wenn das schädlich ist für die Gemeinschaft. Dadurch sind alle ausser Stockmann Volksfeinde. Aus moderner Sicht hinterfragt Ibsen mit seinem Stück auch das Mehrheitsprinzip der Demokratie: Experte Dr. Stockmann hat mit seiner Analyse recht, auch wenn er sich damit gegen die Mehrheit im Ort stellt und von den Medien mit Fake News fertig gemacht wird. Ibsen zeigt, wie die Mehrheit durch falsche Informationen beeinflusst werden kann und führt dem Theaterpublikum vor Augen, dass es nicht auf die Mehrheit, sondern auf die Wahrheit ankommt.

1974: «Die verlorene Ehre der Katharina Blum»

Diese Manipulation der Masse steht im Zentrum des nächsten Buchs in meiner Fake-News-Reihe: Heinrich Bölls Roman «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» aus dem Jahr 1974. Im Zentrum des Romans steht Katharina Blum, eine junge, lebenslustige Frau. Sie lernt auf einer Party Ludwig Götten kennen. Zwischen den beiden funkt es sofort. Sie tanzen, dann verlassen sie die Party, fahren zu Katharinas Wohnung und verbringen die Nacht miteinander. Katharina hat sich verliebt und ist glücklich. Am nächsten Morgen stürmen jedoch schwer bewaffnete Polizisten die Wohnung und wollen Götten verhaften. Er soll ein Bankräuber sein, vielleicht sogar ein Mörder. Die Polizisten nehmen Katharina zur Einvernahme mit.

Das Protokoll der Einvernahme bleibt nicht unter Verschluss. Die Boulevard-Zeitung, die Böll im Roman nur «Die Zeitung» nennt, mit der er aber gut erkennbar die «Bild»-Zeitung meint, druckt Details aus der Einvernahme ab und macht aus Katharina das «Räuberliebchen» und die «Mörderbraut». Boulevard-Journalist Werner Tötges spricht mit Menschen im Umfeld von Katharina und beschreibt sie als eiskalt und berechnend. Katharina hat jahrelang gespart und konnte sich deshalb eine Eigentumswohnung kaufen. Die Zeitung zitiert ihren Exmann, der behauptet, dass Katharina eine solche Wohnung nicht aus eigenen Mitteln gekauft haben könne. Also muss ein Verbrechen vorliegen. Katharinas Mutter stirbt an Krebs. Boulevard-Journalist Tötges hat sich kurz vor ihrem Tod als Handwerker verkleidet in die Wohnung geschlichen. In der Zeitung schreibt er danach, Katharina sei wegen ihres Lebenswandels schuld am Tod ihrer Mutter. Er beschreibt Katharina als herzlos und pervers. Die Diffamierungen und Falschmeldungen werden immer schlimmer, Katharina gerät in das, was wir heute einen «Shitstorm» nennen. Als Tötges sie zum Interview in ihrer Wohnung besucht und ihr vorschlägt, erst einmal zusammen ins Bett zu gehen, zieht sie eine Pistole und erschiesst ihn.

2020: Der Halbbart» von Charles Lewinsky

Böll führt mit seinem Roman in extremis vor, wie ein Boulevardjournalismus, der sich nicht für die Wahrheit, sondern nur für Sensationen interessiert, in kürzester Zeit ein Menschenleben zugrunde richten kann. Auf ganz andere Weise sagt Charles Lewinsky knapp 50 Jahre später etwas ganz ähnliches. Sein Roman «Der Halbbart» spielt in einem Dorf in der Talschaft Schwyz im Jahr 1313. Das ist die Zeit des Marchenstreits zwischen dem Kloster Einsiedeln und den Landleuten von Schwyz.

Oder anders gesagt: Zwischen den Habsburgern, der Schutzmacht des Klosters Einsiedeln, und den Eidgenossen. Der Streit führt 1315 zur Schlacht am Morgarten, einem Schlüsselmoment in der Entstehung der Eidgenossenschaft – also der Schweiz. Die Eidgenossen waren dem hochgerüsteten habsburgischen Ritterheer hoffnungslos unterlegen. Sie legten den Rittern deshalb am Morgarten einen Hinterhalt und überfielen sie mit Steinen, Baumstämmen und Pfeilen von den Höhen aus. So schafften sie es, die Habsburger in die Flucht zu treiben. Diese Schlacht gilt als Schlüsselmoment in der Entstehung der Eidgenossenschaft: Sie beweist, dass einfache Bauern mit List und Wille in der Lage sein können, eine schwer bewaffnete Ritterarmee zu besiegen. Die Schlacht am Morgarten ist deshalb bis heute ein Symbol des Kampfs der Schweizer gegen äussere Feinde – mögen sie noch so übermächtig sein. Bloss ist bis heute unsicher, was davon wahr ist. Es gibt weder Aufzeichnungen von Augenzeugen noch gesicherte Fundstücke.

In seinem Roman erzählt Charles Lewinsky, wie es, vielleicht, wirklich war und wie aus einem gemeinen Überfall eine heroische Schlacht werden konnte. Es ist eine ausufernde Geschichte, ein historischer Coming-of-Age-Roman. Im Zentrum steht Sebi, ein Junge, der weder die Arbeit auf dem Feld noch das Soldatenleben mag. Dafür liebt er Geschichten. 1313 ist das Dorf voll davon. Die Menschen glauben an Engel und den Teufel und malen sich ihre Welt selber aus. Der Halbbart ist ein etwas unheimlicher Mann, der im Dorf auftaucht. Er ist halbseitig verbrannt. In seinem Heimatort wurde er von einem Vikar denunziert, er habe eine heilige Hostie entweiht. Eine aufgebrachte Menge wollte ihn auf dem Scheiterhaufen verbrennen, das gelang aber nur halb. Halbbart wird für Sebi zum Lehrmeister. Der weiss nicht, was er werden soll. Er beschliesst, Geschichtenerzähler zu werden. Dafür geht er beim Teufels-Anneli in die Lehre. Die Frau zieht von Dorf zu Dorf und erzählt Geschichten, die immer vom Teufel handeln. Über die Schlacht am Morgarten, die eigentlich nur ein feiger Hinterhalt war, erzählt Sebi eine phantastisch ausgeschmückte Geschichte. Er selbst schämt sich dafür, dass er seine Story so ausgeschmückt hat, zumal er die Geschichte vor all denen erzählt, die dabei gewesen sind und es doch besser wissen. Doch statt ihn auszulachen, glauben sie der Geschichte.

Das war alles so erfunden und erlogen, dass ich gedacht hatte, die Leute würden mich auslachen. Aber sie haben gejubelt, und der Onkel Alisi hat sich zu mir gebeugt, mir die Hand geschüttelt und gesagt: «Genau so ist es gewesen, genau so.»

Später, als alle nur noch betrunken waren, hat mich das Teufels-Anneli auf die Seite genommen und gemeint: «Das war eine sehr schöne Geschichte, Eusebius. Man wird sie bestimmt noch lange erzählen, und irgendwann wird sie die Wahrheit sein.» (S. 677)

Das ist der springende Punkt im Roman von Charles Lewinsky: Bei einer Geschichte kommt es nicht darauf an, wie wahr sie ist, sondern wie gut sie erzählt ist.

2023: Zadie Smith: Betrug

Das gilt auch ein bisschen für die zentrale Fake News, die in «Betrug» steckt, dem neuen Roman von Zadie Smith. Hauptfigur der Geschichte ist Eliza Touchet, angeheiratete Cousine, zeitweilige Geliebte und Haushälterin des etwas abgehalfterten Schriftstellers William Ainsworth. Der Roman dreht sich um einen Gerichtsfall rund um einen Betrug, der 1871 die Öffentlichkeit in ihren Bann zieht, den «Tichborne-Case». Der Fall ist real. Roger Charles Tichborne, geboren 1829, war der älteste Sohn und damit der Erbe eines reichen, britischen Adligen. Im April 1854 reiste er auf einem Schiff nach Jamaika. Allerdings kam das Schiff nie an. Weder vom Schiff noch von seinen Passagieren blieb die geringste Spur – vermutlich ist es gesunken. Lady Tichborne weigerte sich deshalb, den Tod ihres Sohnes zu akzeptieren. Sie war überzeugt, dass ein anderes Schiff die Passagiere an Bord genommen und nach Australien gebracht habe.

Als 1862 ihr Mann starb, begann Lady Tichborne, intensiv nach ihrem Sohn zu suchen. Tatsächlich meldete sich ein Mann aus dem Südosten Australiens, er sei Roger Tichborne. Dieser Mann, ein grobschlächtiger, ungebildeter Metzger, hatte rein gar nichts mit Roger Tichborne zu tun und er sah ihm auch in keiner Weise ähnlich. Aber es ging um eine jährliche Rente von 20’000 Pfund. 1866 reiste dieser Metzger nach Paris. Er traf Lady Tichborne und sie anerkannte ihn als ihren Sohn. Kurz darauf starb sie. Das löst eine epische, gerichtliche Auseinandersetzung zwischen den Erben der Tichbornes und dem australischen Metzger aus. Die Medien berichten breit über den Fall. Vor allem die englische Unterschicht nimmt dabei stark Partei für den Metzger. Die einfachen Leute wollen in ihm den verschollenen Sohn sehen und schlagen alle anderslautenden Beweise in den Wind. Auch wenn sie wissen, dass der wiedergefundene Sohn ein Fake ist, wollen sie es glauben. Sie täuschen sich also selbst.

Es ist nicht die einzige Selbsttäuschung im Roman von Zadie Smith. Schriftsteller William Ainsworth, der seine besten Tage längst hinter sich hat, täuscht sich über sich selbst. Er zieht sich immer mehr in die imaginäre Vergangenheit seiner historischen Romane zurück, einer Vergangenheit an Orten, die er selbst auch nur aus Büchern kennt. Es stellt sich die Frage: Ist es nicht ein Fake, wenn Ainsworth einen historischen Roman schreibt, der auf Jamaika spielt, die Insel aber nur aus Büchern kennt? Auch die englische Gesellschaft als Ganzes täuscht sich im grossen Stil selbst, wenn es um jene Menschen geht, die dafür sorgen, dass die Briten ihren geliebten Tee mit Zucker von ihren Plantagen auf Jamaika süssen können. Die Rede ist von den ehemaligen Sklaven auf Jamaika.

Mir scheint, wir können aus diesen Geschichten viel über Betrug und Selbstbetrug, über Wahrheit und den Umgang mit Fake News lernen. Alexandre Dumas hat Fake News eingesetzt, um seine Geschichte in Gang zu bringen. Lug und Trug sind in der französischen Gesellschaft Gang und Gäbe – der Graf von Monte Christo schafft es bei seinem Rachefeldzug geschickt, die Gier seiner Kontrahenten gegen sie selbst zu wenden.

Auch bei Henrik Ibsen spielt Gier eine grosse Rolle: Er zeigt im «Volksfeind», dass die Mächtigen und die Bürger nur zu gern Fake News glauben, wenn es ihnen wirtschaftlich nützt.

Heinrich Böll bringt mit den Boulevardmedien eine neue Qualität von Gier und Fake News ins Spiel: Er führt vor Augen, wie eine kompromisslos auf Sensation gestrickte Zeitung sich nicht im Geringsten um die Wahrheit kümmert.

Charles Lewinsky bringt das Verhältnis von Fake News und Wahrheit zynisch auf den Punkt: Entscheidend ist, dass eine Geschichte gut erzählt ist. Dann wird sie auch wahr.

Und Zadie Smith zeigt, dass das nicht nur am Erzähler liegt. In ihrem Buch täuschen sich die Menschen vor allem selbst. Weil sie es so wollen.

Vielleicht ist das auch heute so: Wenn es um Fake News geht, sollten wir uns vor allem selber an der Nase nehmen.

Und wo haben Sie in der Literatur Fake News gefunden? Erinnern Sie sich an eine spannende Geschichte, die auf Fake News beruht? Ich bin gespannt auf Ihre Rückmeldungen.

Basel, 8. März 2024, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen

Bild: (KEYSTONE/SUEDDEUTSCHE ZEITUNG PHOTO/Friedrich, Brigitte)

Heinrich Böll, 1917 in Köln geboren, erhielt 1972 den Nobelpreis für Literatur.

8 Kommentare zu "Fake News in der Literatur von Böll bis Lewinsky"

  1. Diese Beispiele aus der Literatur finde ich zutreffend für eine Welt, von der ich real existierend erfahre oder wie ich sie gar selber erlebe. Manchmal und immer öfter habe ich das Gefühl, in einer Welt voller Geldgier, Herrschaftssucht und Zerstörungswut zu leben. Und dies nicht nur offensichtlich, was menschlich extrem grauenhafte Kriege betrifft. Sondern auch alltäglich und oft unterschwellig. Zu dieser kranken und krank machenden Welt gehören auch Machenschaften wie beispielsweise Täuschungsmanöver und Vertuschungen, die beispielsweise Medien mit inszenieren, wenn es darum geht, herrschsüchtig Grossmächtigen und hemmungslos Schwerreichen die Stange zu halten. Um selber nicht von der Stange zu fallen. In einer Welt, die sich immer erdrückender in einem grandios wohlstandsverwahrlosten Zustand zeigt: eine Welt, wo das Verhalten von verstörten Menschen zur aktiven oder passiven Norm zu werden droht. Es herrscht eine innere Trostlosigkeit. Sie spiegelt die äussere wider.

    1. …und wer bestimmt, was „Fake News“ sind? Die NZZ, ARD oder ZDF? Was ist falsch und was wahr? Die Wahrheit, „Fair“, „Gemein“, die Gerechtigkeit. Schwurbler liegen falsch, Wissenschaftlier richtig?
      Wer hat was „gepachtet“? Früher glaubte ich noch an Schwarz und Weiss. Und heut? Apropos Glauben: Die Kirchen und ihr Personal? Heilig oder unheilig…
      Die Justiz – eine menschengemachte „Höhere Macht“. Mich schüttelt es. Denn wenn unsere Juristensöhnchen und Töchterchen (aus gutem Haus) in den altehrwürdigen Rechtsgelehtentempel immer noch nach diesem miesen, schon alten Leitspruch handeln, der neu als Running-Gag unter den Jus-Studis z.Z. „in“ ist, geteilt und verbreitet wird:
      «Das Leben ist ungerecht,
      aber denke daran:
      nicht immer zu deinen Ungunsten.»
      ( von John F. Kennedy (1917–1963), „Führer“ der „freien“, „liberalen“ westlichen Welt – als Gegenstück zum „finsteren“ + „bösen“ Osten – Ironie aus)
      dann können wir getrost zurücklehen, denn solche Vorbilder (von früher) passen auch „ins Heute“, solche Juristen passen in die „Trostlosigkeit“ (U. Keller) und solche Leitsätze halten herrschsüchtigen Grossmächtigen und hemmungslos Schwerreichen die Stange. (U. Keller). Was früher angewandt wird, wird heute immer noch angewandt. Gesetzeslücken aufstöbern und anwenden, tricksen und mit grosser Klappe, pardon rethorischem Können im Gerichtssal die Schuld in Unschuld biegen. Wissen was „richtig“ ist? Existenzen entziehen, anderen zuschanzen. Geben (bei reich) und Nehmen (bei Arm); Juristisches Aufgeben aufgrund von nicht mehr finanzieren können, David gegen Goliath – chancenlos – und alles schon selbst erlebt. Lumpenpack treibt ruinöser Schabernack. Heut allüberall beobachtbar. Grandios, wie weit wir es mit unserer Zuvielisation brachten, und es geht immer weiter so….

      1. Hallo Herr Zweidler, wieder ganz schön verschwörerisch unterwegs, was? Juristen, Reiche und die Medien sind böse…
        Es geht nicht darum, wer BESTIMMT, was Fake News ist. Wie Sie im Kommentar hätten lesen können, geht es um Lug, Trug und Falschnachrchten, die bewusst in Umlauf gesetzt werden. Im ersten Beispiel rächt sich Edmond Dantes an seinen Feinden, indem er dem Bankier Danglars eine falsche Nachricht zuspielt, worauf der fälschlicherweise Aktien verkauft und viel Geld an der Börse verliert. Das englische Wort dafür heisst Deception.
        Natürlich gibt es so etwas wie Wahrheit. Es gibt Tatsachen, die sich überprüfen lassen. Die Erde ist eine Kugel, die Lichtgeschwindigkeit soundsogross, Alkohol ist ungesund. Das Problem ist, und das zeigen die Beispiele, die ich aus der Literatur zitiert habe, dass es oft gar keine Rolle spielt, was wahr ist, sondern was die Menschen glauben wollen. Wie die Bedeutung der Schlacht am Morgarten. Dass die Erde doch eine Scheibe sei. Dass Rotwein gesund sei.

  2. Ein heute wieder durchaus aktuelles Beispiel von Fakes News als Quelle von Verschwörungstheorien und -fantasien findet sich im Roman «Der Mann ohne Eigenschaften» von Robert Musil. Im Schwange der geplanten «Parallelaktion» wird grandios allerlei Noch-nicht-Mögliches imaginisiert und treibt die karikierend geschilderte bessere Gesellschaft immer weiter voran … bis sie im 1. Weltkrieg auf den Boden der Realität geholt wird.
    Ganz am Ende des Romans schreibt Musil selber, man sollte dieses Buch zweimal lesen – warum nicht!?

  3. Ein andres Medium,- das Hörspiel von Orson Welles das 1938 eine Massenpanik auslöste.

    Nur noch so nebenbei an die Herren Keller und Zweidler. Kann es sein, dass bei der immerwährenden Suche nach dem Schlechten in dieser Welt die Lebensfreude abhanden kommt?

    1. Sie täuschen sich, Herr Ehrsam, wenn sie meinen, ich sei auf nur der Suche nach dem Schlechten. Einerseits schaue ich dem Taifun der Wahrheit ins Auge. Und anderseits wohne ich in meinem Herzen. Aus dem Herzen zu denken und zu handeln gibt mir die Kraft, gemeinsam mit anderen auf dem Weg für den Frieden und das Gute zu bleiben. Ankämpfen gegen einen von einem falschen oder schwachen Bewusstsein geprägten Nonsens ist für mich keine Option. Ideologisch wird sich der Nonsens der Grossmächtigen und Schwerreichen in Luft auflösen. Bleiben wird aber materiell der Mega-Giga-Tonnen-Schrott, den sie damit überall auf unserer Erde produziert haben. Es gilt, die Erde und alles was auf und von ihr lebt, aus ihrem Zustand der Erschöpfung wieder zu beleben. Die dafür fundamental notwendigen Veränderungen bedingen einen Mut und eine Opferbereitschaft, die nur aus und in Liebe möglich ist. Sie ist weder durch Bestechung noch mit Zwang möglich.

  4. Fake News gab’s schon lange bevor die Vorfahren von Homo sapiens sprechen lernten. Affen können auch ohne Worte ihre Artgenossen hinters Licht führen. Offenbar lohnt es dies, denn die Evolution hat Lügner, Falschmelder und Manipulierer nicht ausgemerzt. Inzwischen haben wir, dank Internet und künstlicher Intelligenz, Falschmeldungen, sorry, Fake News, zeitgemäss perfektioniert. So perfekt, dass ich ein Foto, einen Videoclip, eine auf mich zugeschnittene Nachricht nur noch aufgrund der Quelle als eher verdächtig oder eher vertrauenswürdig einstufen kann.

    Fast wie eine Karikatur führt uns die US-Politik vor Augen, wie potent und perfide die Fake News ‘Industrie’ ist, und wie anfällig dafür viele Menschen sind. Ein fast genialer Demagoge, der wieder ins Weisse Haus einziehen möchte, hat Fake News geradezu zu seinem Markenzeichen gemacht. Er und Genossen haben ihre Anhänger dazu gebracht, Realität nicht mehr mit Fakten zu verbinden, sondern mit dem, was emotional ‘stimmt’. Und wenn Fakten das Phantasiegebäude gefährden, werden diese kurzerhand als Fake News diskreditiert. Russland versucht mit Fake News die US-Wahlen zu beeinflussen und seine eigene Bevölkerung in einer Potemkin’schen Scheinwelt ruhigzustellen.

    Die Grenzen zwischen bewusst gestreuten Fake News, Lügen, tendenziöser Berichterstattung und schludrigem Journalismus sind fliessend. Interessant, aber nicht überraschend: Laute Kritiker der Fake ‘Mainstream Medien’ landen oft selber in einer Blase von Verschwörungstheorien und Fake-informationen. Eine Blase, in der die differenzierte, vielschichtige und ungewisse Wirklichkeit in überschaubare ‘alternative’ Gewissheiten gepackt werden kann. Fake News sind nicht neu, aber jetzt mehr den je hängt unsere menschenwürdige und demokratische Zukunft davon ab, dass wir als Newsmacher und Konsumenten vehement die Spreu vom Weizen trennen. Eine freiheitliche Gesellschaft muss Fake News bis zu einem gewissen Grad zulassen, läuft dabei aber Gefahr, dadurch eben diese Freiheit zu verlieren.

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