Der Gulliver-Komplex: Warum die Schweiz sich schwer tut mit Grösse

Politiker und Medien sind sich einig: Die SRG ist zu gross. Warum das so ist, kann keiner genau erklären. Aber es passt ins Bild: Die Schweizer haben ein Problem mit Grösse. Zumindest mit dem, was in der Schweiz unter Grösse verstanden wird. Es gibt drei Wege, wie man in der Schweiz trotzdem gross sein kann. Für die SRG kommt keiner davon in Frage. Oder doch?

72% der Stimmbevölkerung schickten die NoBillag-Initiative bachab – so deutlich ist eine Volksinitiative selten abgelehnt worden. Trotzdem sagt Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler im «Tages-Anzeiger»:[1] Das ist keine Niederlage, sondern ein Schuss vor den Bug für Medienministerin Doris Leuthard. Jetzt müsse die SRG endlich abspecken. Auch die SVP-Nationalräte Natalie Rickli und Gregor Rutz haben bereits zwei Vorstösse eingereicht, welche die SRG zum «Abspecken» zwingen wollen.[2] Die SRG sei zu gross und zu mächtig.

Die SRG teilt damit das Schicksal vieler grosser Schweizer Unternehmen und Institutionen: Ab einer gewissen Grösse machen die Schweizer auf David und attackieren den vermeintlichen Goliath. Warum ist das so? Warum können die Schweizer nicht stolz sein auf ihre Grossen, auf Roche und Novartis, Nestlé, die UBS – oder den FCB? Warum ist Grösse den Menschen hierzulande unheimlich und erfüllt sie nicht mit Stolz (es sei denn, es handle sich um Roger Federer)? Und was heisst das für die SRG?

Gullivers Reisen – mal Riese, mal Zwerg

Illustration von Grandville aus Jonathan Swift: «Gullivers Reisen in unbekannte Länder», Verlag Adolph Krabbe, Stuttgart 1843

Sie kennen sicher die Geschichte von Lemuel Gulliver, wie sie Jonathan Swift in «Gullivers Reisen» erzählt hat. Gulliver arbeitet als Arzt auf einem Schiff, als dieses in einen Sturm gerät. Gulliver kann sich an einen Strand retten und schläft da ein. Als er aufwacht, ist er mit feinen Schnüren an den Boden gefesselt. Sechs Zoll kleine Winzlinge klettern auf seinem Körper herum. Die Winzlinge bringen ihm zu Essen und zu Trinken, mit der Zeit arrangiert sich Gulliver mit dem Kaiser von Lilliput und hilft ihm. Am Schluss muss er jedoch von der Insel flüchten.

Auf seiner zweiten Reise gerät Gulliver wieder in einen Sturm. Diesmal landet er im Land Brobdingnag: Es ist das Land der Riesen. Die Gerste ist zwölf Meter hoch, Gulliver sieht sich in der Rolle des Däumlings. Am Hof des Königs unterrichtet Gulliver den Herrscher über Sitten und Gebräuche in England. Ein Zwerg, der bisher der Kleinste am Hof war, wird eifersüchtig und wirft Gulliver in eine Schüssel mit Rahm. Nur mit Mühe kann sich Gulliver retten. Er entkommt aus dem Land der Riesen mit Hilfe eines Adlers.

Der Gulliver Komplex

Genau wie Gulliver ergeht es Firmen und Institutionen in der Schweiz: Sie sind mal Zwerg, mal Riese – aber nirgends wirklich passend. Am einfachsten lässt sich das am Schicksal des FC Basel zeigen (wenigstens am FCB in alter Form und Stärke). In der Schweiz ist der FCB in den letzten Jahren der Konkurrenz weit enteilt. Als erster Schweizer Fussballverein erzielte der FC Basel 2014 einen Umsatz von mehr als 100 Millionen Schweizer Franken. Im Geschäftsjahr 2016 waren es sogar 132 Millionen Franken. Zum Vergleich: Der FCZ wirtschaftete im letzten Jahr mit einem Budget von 20 Millionen Franken, die Berner Young Boys sollen, Stadionbetrieb eingerechnet, über etwa 35 Millionen Franken verfügen.[3] Finanziell spielt der FCB in der Schweiz also in einer anderen Liga. International ist der FCB aber ein Zwerg. Der FC Bayern München etwa hat in der letzten Saison 640,5 Millionen Euro (750 Mio. Franken) umgesetzt. [4] Umsatzstärkster Verein Europas ist Manchester United mit 676 Millionen Euro (792 Mio. Franken).[5]

Coop und Migros geht es wie dem FCB: In der Schweiz sind die beiden Grossverteiler die ungeliebten Riesen – international sind sie Zwerge, die von den grossen Markenartiklern bei Preisverhandlungen nicht ernst genommen werden. Deshalb hat sich Coop schon vor Jahren mit der deutschen Rewe Gruppe, der belgischen Colruyt Group und der italienischen Conad zur Einkaufsgemeinschaft Core zusammengeschlossen.[6] Alleine wäre die in der Schweiz übermächtige Coop viel zu klein.

Zu gross – oder zu klein?

Coop, Migros, FC Basel – und die SRG. Sie alle leiden unter dem Gulliver-Komplex: Zu Hause Riesen, international Zwerge. Nehmen wir die SRG: Sie beschäftigt etwa 6000 Mitarbeiter, verteilt auf 4946 Vollzeitstellen. Vergleichen wir das mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland: Die ARD beschäftigt 22’711 festangestellte Mitarbeiter, verteilt auf 20’447 Vollzeitstellen.[7] Das ZDF beschäftigt rund 3500 Festangestellte, sowie 1900 Vollzeit-Äquivalente, die sich auf 4500 freie Mitarbeiter aufteilen.[8] Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland beschäftigt also über 25’000 Menschen – und die machen Radio und Fernsehen in nur einer Sprache. Ist die SRG jetzt gross oder klein?

Interessant ist, dass es Schweizer Riesen gibt, die kaum für ihre Grösse kritisiert werden. Ich sehe prototypisch drei Firmen mit unterschiedlichen Modellen, wie man mit der eigenen Grösse umgeht. Wären sie mögliche Vorbilder für die SRG?

Das Nestlé-Prinzip

Nestlé gehört mit einem Umsatz von fast 90 Milliarden Franken[9] zu den grössten Firmen der Schweiz, wird aber in der Öffentlichkeit selten so gross wahrgenommen. Das Nestlé-Prinzip: Die Firma tritt fast nie unter ihrem Namen auf. Im Vordergrund stehen extrem starke Marken wie Cailler, Henniez, Maggi, Mövenpick, San Pellegrino, Thomy und natürlich Nespresso.

In der Medienwelt folgt Tamedia dem Nestlé-Prinzip. Obwohl Tamedia mittlerweile fast die Hälfte des Zeitungsmarkts in der Schweiz gehört, tritt der Verlag hinter seine Titel zurück. So haben die Leserinnen und Leser weiterhin die Illusion, mit Berner Zeitung, Bund, Landbote, Tages-Anzeiger, Thuner Tagblatt oder Zürichsee-Zeitung gebe es in der Schweiz Medienvielfalt. Dabei ist es immer dieselbe Zeitungssuppe.

Das Suva-Prinzip

Die Schweizerische Unfallversicherung Suva ist der mit Abstand grösste Unfallversicherer in der Schweiz. Würde man in einer Strassenumfrage nach den grössten Versicherungsgesellschaften in der Schweiz fragen, käme die Suva aber wohl nicht vor. Ihr Prinzip: Bescheiden, bescheiden, bescheiden.

In der Medienwelt folgen die Coop Zeitung und das Migros Magazin dem Suva-Prinzip. Obwohl es die beiden mit Abstand grössten Druckerzeugnisse der Schweiz sind, tauchen sie kaum in einer Zeitungsübersicht auf. Kari Lüönd hat die beiden Mitgliederzeitungen deshalb einmal die heimlichen Riesen genannt.

Das Vitol-Prinzip

Kennen Sie die Firma Vitol? Das ist einer der grössten Rohstoffhändler der Welt und (etwa gleichauf mit Glencore) die umsatzstärke Firma mit Sitz in der Schweiz. Nie gehört, oder? Wie Glencore macht Vitol ihre Geschäfte vor allem im Ausland: Die Firma handelt mit Erdöl, Erdags und mit Strom. In der Schweiz (und in Rotterdam) befindet sich lediglich das Hauptquartier.

In der Medienwelt ist vielleicht die Marquard Media Group mit Vitol und Glencore vergleichbar – nicht was die Grösse, sondern was das Prinzip angeht. Marquard gibt eine ganze Reihe von Zeitschriften heraus in Deutschland, Polen und Ungarn, darunter Magazine über Computerspiele und den polnische und ungarischen Playboy. In der Schweiz kennt (ausserhalb der Fachwelt) kaum jemand die Firma.

Und die SRG?

Welches Prinzip eignet sich am besten für die SRG? Natürlich kann die SRG sich nicht wie Vitol und Glencore verhalten. Kommt das Nestlé-Prinzip für die SRG in Frage? Vielleicht in dem Sinn, dass die SRG sich zurücknehmen kann. Für den Zuhörer und den Zuschauer soll nicht die SRG im Vordergrund stehen, sondern die Leistung, die SRF 2 Kultur erbringt oder Couleur 3 oder das Fernsehen RSI. Vor allem aber muss sich die SRG das Suva-Prinzip zu eigen machen: Bescheidenheit. Grösse wird in der Schweiz dann zum Problem, wenn sie als arrogant wahrgenommen wird. Auch wenn es gar nicht arrogant gemein ist. Aber in der Kommunikation kommt es bekanntlich nicht darauf an, was man sendet, sondern was der Empfänger empfangt.

Aber ist die SRG nicht doch zu gross? Es bleibt der Gulliver-Komplex: Die SRG mag für Schweizer Verhältnisse ein Riese sein – in der globalen Medienwelt bleibt sie ein Zwerg. Wer die SRG partout auch in der Schweiz klein haben will, vergisst, dass es in der digitalen Welt sehr wohl auf Grösse ankommt. Auf Grösse und auf Geschwindigkeit. Eine Mischung, die sich nicht leicht erzielen lässt. Wichtig scheint mir, dass die SRG in der Schweiz den Kleinen Platz lässt und ihnen Hand bietet. Und die Kleinen, das sind nicht nur die Radio- und Fernsehsender der Verleger. Das könnten auch Blogger, Podcaster und Youtuber sein. Vielleicht liegt die Zukunft der SRG ja doch etwas im Nestlé-Prinzip.

Basel, 9. März 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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[1] Vgl. https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/das-ist-keine-niederlage/story/21149895

[2] Vgl. https://www.nzz.ch/schweiz/die-svp-provoziert-mit-sparvorschlaegen-fuer-die-srg-ld.1361669

[3] Vgl. https://www.nzz.ch/sport/zehn-jahre-nach-der-schande-von-basel-die-uebermacht-des-fc-basel-in-zahlen-und-grafiken-ld.75551

[4] Vgl. http://www.epochtimes.de/lifestyle/unterhaltung/der-umsatz-der-bundesligavereine-bayern-die-unangefochtene-nummer-eins-a2347893.html

[5] Vgl. https://www.aargauerzeitung.ch/sport/fussball/20-fussballclubs-machen-fast-8-milliarden-umsatz-132119391

[6] Vgl. https://www.retaildetail.eu/en/news/mode/colruyt-conad-coop-suisse-and-rewe-enter-new-alliance

[7] Vgl. http://www.ard.de/home/die-ard/fakten/Mitarbeiterinnen_und_Mitarbeiter_in_der_ARD/309568/index.html

[8] Vgl. https://www.zdf.de/zdfunternehmen/zdf-mitarbeiter-und-standorte-zdf-studios-100.html

[9] Vgl. https://www.nestle.ch/de/nestleschweiz/kennzahlen

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3 Kommentare zu Der Gulliver-Komplex: Warum die Schweiz sich schwer tut mit Grösse

  1. Eduard Daetwyler sagt:

    Interessante Ansätze, Herr Zehnder, wie sich die SRG in Zukunft strukturieren könnte. Eines darf dabei jedoch nicht vergessen werden: Die SRG kommt bei den Leuten so rüber, wie sich ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor Kamera und Mikrofon verhalten; Stichworte „Arroganz, Überheblichkeit, Besserwisserei“. Wer die unzähligen Beiträge im Rahmen der Billag-Initiative gelesen hat, weiss vielleicht, was ich damit meine. Die SRG sollte sich bemühen, so nahe wie nur möglich bei ihren Kunden zu sein und ihnen auch zuzuhören. Andernfalls wird sie sehr schnell als elitärer Club, deren Mitarbeitende viel zu gut bezahlt sind, abgestempelt. Und das wäre schade für diese grosse und wichtige Institution.

  2. Thomas Zweidler sagt:

    Herr M. Zehnder sagt richtig: „72% der Stimmbevölkerung schickten die NoBillag-Initiative bachab – so deutlich ist eine Volksinitiative selten abgelehnt worden. „
    Im weiteren Verlauf seines Wochenkommentars klingt es bei mir so, als bemängele Herr M. Zehnder: „(…) TROTZDEM sagt Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler im «Tages-Anzeiger»: Das ist keine Niederlage, sondern ein Schuss vor den Bug für Medienministerin Doris Leuthard. Jetzt müsse die SRG endlich abspecken. Auch die SVP-Nationalräte Natalie Rickli und Gregor Rutz haben bereits zwei Vorstösse eingereicht, welche die SRG zum «Abspecken» zwingen wollen. Die SRG sei zu gross und zu mächtig.“
    Natürlich will Herr M. Zehnder seinen Berufsstand (Journalisten, Medien, Redaktoren) schützen und sicher nicht „halbieren“ oder seine „Funk+TV-Macher“ zum abspecken nötigen.
    Zudem kommen Rutz, Rickli und auch Bigler für ihn ohnehin aus der falschen politischen Ecke.
    Doch man darf doch noch die Frage anregen, ob die SRG nicht wirklich zu gross ist? Die SRG betreibt 17 Radiostationen, 7 Fernsehsender, dazu 108 Facebook-, 54 Twitter- und 32 Instagram-Accounts sowie 42 YouTube-Kanäle. Ein enormer zeitlicher und finanzieller Aufwand. Ist das wirklich der „Service Public“, von dem alle reden und den wir in dieser verzerrten Form wirklich brauchen?
    Die Antwort liefert die Tamedia-Abstimmungsumfrage vom 5. März 2017. Der Tenor ist eindeutig:
    „Mehrheit für Abgabe von 200 Franken“
    (…) Bessere Chancen als die Abschaffung der Radio-und Fernsehgebühren hätte laut der Umfrage derzeit eine Senkung auf 200 Franken. 62 Prozent würden bestimmt oder eher zustimmen, 30 Prozent lehnen die Kürzung bestimmt oder eher ab. Die
    Meinungen sind hier aber noch nicht gefestigt.
    Zugleich sind 58 Prozent der Stimmbürger dagegen, dass die SRG im grossen Stil
    Sender einstellt und sich künftig auf einen Sender pro Sprachregion und Medium
    beschränkt. Breit akzeptiert ist auch Fernsehwerbung auf den SRG-Angeboten: 72
    Prozent sind dagegen, dass die SRG künftig ganz auf Fernsehwerbung verzichtet.
    …Et voila…. Halbierung der SRG, massiver Abbau – solches geistert also nicht nur in meinem Kopf als Positiv herum, sondern die Mehrheit der Bevölkerung denkt so, was diese soliden und wasserdichten Ergebnisse klar aufzeichnen. Denn die Tamedia-Abstimmungsumfragen werden in Zusammenarbeit mit der LeeWas
    GmbH der Politikwissenschaftler Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen
    durchgeführt. Sie gewichten die Umfragedaten nach demografischen, geografischen
    und politischen Variablen, sodass die Stichprobe der Struktur der Stimmbevölkerung
    entspricht. Die Resultate werden jeweils umgehend ausgewertet, damit die
    Tageszeitungen und Newsplattformen von Tamedia schweizweit rasch und fundiert
    darüber berichten können. Weitere Informationen und der Bericht zur Umfrage sind
    unter tamedia.ch/umfragen abrufbar.
    Kleine, überschaubare Gebilde sind besser und sinnvoller. DIES BEGINNT BEI der eigenständigen Schweiz welcher es klein aber besser geht als dem unüberschaubaren Riesen-EU-Moloch, der niemand überblickt und bei dem niemand die Verantwortung trägt. UND DIES ENDET bei kleinen, flinken und schlanken Privatsendern (TeleZüri, Wallis-Kanal9 etc…), welche nah am Kunden sind und einem ans Herz wachsen gegenüber dem unpersönlichen heillos-gigantischem-Kasten „SRG“, wo die Angestellten dank ihren (nicht zu knappen) Zwangsgebühren-Gehältern nach ein- zwei- Jahre Anstellung jeglichen Bezug zur Realität und zum einfachen Zuschauer verlieren.

  3. Ueli Keller sagt:

    Grössenwahn giert nach Geld und Macht. Und nach immer noch mehr. Grössenwahn kann auch Kleine unter Strom setzen: beispielsweise mit dem Internet.

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