Fünf Denkanstösse an Stelle eines Wochenkommentars

Einen eigentlichen Wochenkommentar gibt es heute nicht – der Wochenkommentar macht Herbstpause. Dafür gibt es aktuelle Lesetipps. Heute: fünf Denkanstösse – also fünf höchst anregende Sachbücher. Es sind Bücher, nach deren Lektüre sie die Welt anders sehen werden. Das erste Buch zum Beispiel handelt davon, wie Sie sich angesichts der Digitalisierung neu erfinden müssen (wenn Sie weiterhin im Berufsleben stehen möchten). Das zweite Buch handelt von Migration in der Natur. Das dritte dreht sich um die Finanzkrise und das vierte um die Finanzen des Vatikans. Beide Bücher sind im Wortsinn fürchterlich spannend. Mein letzter Denkanstoss schliesslich handelt von der Philosophie der Aufklärung. Es ist ein Buch, das Microsoft-Gründer Bill Gates als sein absolutes Lieblingsbuch bezeichnet.

Wenn Sie trotzdem einen Wochenkommentar lesen möchten, empfehle ich Ihnen diese drei Kommentare der letzten Wochen, die immer noch aktuell sind:

Informationssouveränität statt Ernährungssouveränität: Die Schweiz muss ihre Medien unterstützen, sonst erstickt die Demokratie
https://www.matthiaszehnder.ch/wochenkommentar/informationssouveraenitaet/

Google: Einfluss ohne Verantwortung. Fünf kritische Fragen zum 20. Geburtstag von Google
https://www.matthiaszehnder.ch/wochenkommentar/google-einfluss-ohne-verantwortung/

Keine Hauptstadt für die Schweiz – auch keine Medienhauptstadt. Kritische Anmerkungen zur Konzentration der Medien in Zürich.
https://www.matthiaszehnder.ch/wochenkommentar/keine-medienhauptstadt-fuer-die-schweiz/

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Aber jetzt zu den fünf Denkanstoss-Lektüretipps.

Mein erster Denkanstoss dreht sich um die vielbeschworene Disruption, die scharfe Veränderung, die von der Digitalisierung verursacht wird. Allerdings dreht sich dieses Buch nicht um irgendwelche Firmen, sondern um Sie. Ja: um Sie selbst.

Disrupt Yourself

Eine Disruption ist eine Störung, eine Unterbrechung, ein Bruch. Disruption und das Adjektiv disruptiv sind derzeit Lieblingswörter von Managern und Beratern: Die Digitalisierung führt zu disruptiven Entwicklungen. Das meint: Die Digitalisierung reisst die herkömmliche Wirtschaftswelt auseinander, sie stellt Wertschöpfungsketten auf den Kopf und verändert, kurz gesagt, die Welt und das nicht in Jahrzehnten, sondern rasch und heftig innert weniger Jahre. Betroffen davon sind natürlich nicht nur abstrakte Organigramme und Firmen, sondern auch Menschen aus Fleisch und Blut.

Das ist das Thema des neuen Buchs von Christoph Keese. Er setzt bei der eigenen Erfahrung ein. Er erzählt, wie sich der Journalismus durch das Internet, durch Blogs und Soziale Medien in kurzer Zeit dramatisch verändert hat – und welche Auswirkungen das auf ihn persönlich hatte: Mein Beruf ist disruptiert worden, ich bin disruptiert worden. Ihnen muss es nicht genauso gehen wie mir, wenn Sie die Gefahr früh genug erkennen. Disrupt Yourself bedeutet: Erfinden Sie sich neu, bevor es jemand anders für Sie tut. Das gilt für individuelle Menschen genauso wie für Unternehmen. Keese ist überzeugt: «Selbstdisruption» ist möglich. Es ist möglich, sich neu zu erfinden, einen Neuanfang zu wagen, alles auf Null zu setzen, über den Haufen zu werfen und mit einem neuen Selbstkonzept neu zu beginnen.

Angenehm ist das nicht: Selbstdisruption fällt deshalb so schwer, weil man sich nicht neu erfinden kann, ohne Fragen nach dem eigenen Ich zu stellen: Wer bin ich? Was möchte ich tun? Wofür werde ich anerkannt? Solche Fragen haben sich viele zuletzt in der Pubertät gestellt, schreibt Keese. Doch es sei wichtig, sich diese Fragen zu stellen, bevor man von der digitalen Revolution überrollt werde. Keese versteht sein Buch deshalb als vorbeugende Massnahme, nicht als Erste Hilfe. Und genau das ist das Problem: Während Firmen es sich gewöhnt sind, vorausschauend zu handeln und zu planen, bewegen sich Menschen meistens erst, wenn es weh tut.

Dazu kommt: Viele Menschen dürften gar nicht in der Lage sein, sich aus ihrem bestehenden Umfeld herauszubewegen, sich neu zu erfinden. Der angestammte Beruf, und sei er noch so deutlich eine Sackgasse, ist schon fordernd genug, dazu kommen Kinder und Familie, die Sorgen und Nöte des Alltags. Dazu kommt eine Erkenntnis, die seit Max Frischs «Stiller» zum Schulstoff gehört: sich selbst wirklich neu zu erfinden, ist kaum möglich. Keses Buch bietet deshalb viele Denkanstösse und wertvolle Tipps für die Happy Few, die agilen, gut gebildeten Selbstständigen. Für das Gros der Angestellten, der Normalos, die arbeiten, weil sie arbeiten müssen, um eine Familie zu ernähren, bleibt die digitale Zukunft eine Bedrohung.

Christoph Keese: Disrupt Yourself. Vom Abenteuer, sich in der digitalen Welt neu erfinden zu müssen. Penguin Verlag München. 288 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-328-60033-6

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783328600336

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Mein zweiter Denkanstoss handelt von der Migration. Aber nicht von der Migration der Menschen, sondern von eingewanderten Tieren und Pflanzen. Die können der heimischen Fauna und Flora ganz schön zusetzen. Doch es gibt auch nützliche Einwanderer-Pflanzen.

Natur aus den Fugen

Es gibt ein riesiges Umweltproblem, das auf den ersten Blick oft wie das Gegenteil aussieht: invasive Arten. Diesem neuen Problem hat der Schweizer Biologe Atlant Bieri sein neues Buch gewidmet. Es dreht sich also um Pflanzen und Tiere, die aus anderen Erdgegenden, oft von anderen Kontinenten stammen. Weil sie hier bei uns oft keine natürlichen Feinde haben, können sie sich ungehindert vermehren. Auf diese Weise bedrohen sie die hier heimischen Arten. Sie überwuchern die Ufer von Flüssen, fressen sich durch das mannigfaltige Leben eines Sees, ersticken das Unterholz eines Waldes, nagen an Häusern, Schienen und Stromverteilerkästen oder machen Menschen und Tiere krank.

Dass Pflanzen und Tiere von reisenden Menschen eingeschleppt werden, ist kein neues Phänomen. Zu den ältesten, eingeschleppten Arten in Mitteleuropa gehören die Kirsche, die Walnuss und die Ratte. Die Kirsche reiste mit den Römern aus dem Gebiet des Schwarzen Meeres nach Mitteleuropa. Walnuss und Ratte gelangten mit dem Handel zwischen Asien, Vorderasien und Ägypten nach Europa. Weil sie seit der Antike in Mitteleuropa anzutreffen sind, gelten sie als heimisch. Als «Schallgrenze» für invasive Arten gilt die Entdeckung Amerikas 1492: Was vorher eingeschleppt wurde, wird als heimisch bezeichnet, was nachher in Europa Fuss fasste, gilt als exotisch. Ein Teil dieser exotischen Arten breitet sich in ihrer neuen Heimat unkontrolliert aus und verdrängt die einheimischen Arten. Das sind invasive Arten. Diesen Arten also hat Atlant Bieri sein neues Buch gewidmet.

Er gibt darin einen guten Überblick darüber, welche Pflanzen und Tiere unsere heimische Fauna und Flora bedrohen. Von den Grundeln aus dem Schwarzen Meer, die unsere Fische bedrohen, über den Laubholzbockkäfer, der Laubbäume frisst, bis zum Riesenbärenklau, der bei Berührung starke Hautreizungen verursacht. Bieri stellt aber nicht nur die Arten vor, die nach Europa eingewandert sind, er stellt auch europäische Arten vor, die von Europa aus die Welt bedrohen. Der Rothirsch etwa ist in Australien und Neuseeland zum Schrecken der Bauern geworden. Der europäische Rotfuchs ist für die vielen, am Boden lebenden Beuteltiere Australiens eine Katastrophe. Die Gemeine Wespe ist in Neuseeland zu einer Bedrohung für viele einheimische Arten geworden. Auf den Galapagos ist die europäische Brombeere zum Problem geworden, weil sie da keine Fressfeinde hat. Der Blutweiderich ist in Nordamerika, Ostasien, Australien und Neuseeland eine invasive Pflanze.

Doch invasive Arten müssen nicht immer schädlich sein. Gerade in Zeiten des Klimawandels gibt es Arten, deren Resistenz und Resilienz gewünscht sind. Ein Beispiel für eine nützliche, invasive Art ist die Robinie. In normalen Wäldern sind Robinien gefährliche Unkräuter, die rasch Überhand nehmen können. In den ehemaligen Kohleabbaugebieten im Osten Deutschlands sind Robinien dagegen als Erstbesiedler und Bodenaufbauer geschätzt. Atlant Bieri setzt sich in seinem Buch sachlich und fundiert mit den eindringenden Arten auseinander und zeigt differenziert, welche Schäden oder auch welcher Nutzen die invasiven Tiere und Pflanzen anrichten. Ein Buch, nach dessen Lektüre man die Natur mit anderen Augen sieht.

Atlant Bieri: Natur aus den Fugen. Die Verbreitung invasiver Arten – Gefahr & Chance. Orell Füssli, 240 Seiten, 26.90 Franken; ISBN 978-3-280-05680-6

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Mein dritter Denkanstoss handelt von der Finanzkrise, die ab Herbst 2008 die Welt veränderte. Für einmal ist das nicht untertrieben: Was wir aus den Medien erfahren haben, ist nur eine politisch polierte Oberfläche. Darunter brodelt es im weltweiten Finanzsystem weiterhin gefährlich. Aber lesen Sie selbst.

Crashed

Vor genau zehn Jahren, im Herbst 2008, ging als Folge der amerikanischen Immobilienkrise und Subprime-Markt-Krise die Investmentbank Lehman Brothers Konkurs. Die Bilder von schockierten Bankmitarbeitern, die, eine Schachtel mit den persönlichen Gegenständen in der Hand, das Bankgebäude an der Wallstreet verlassen, sind bis heute Symbolbilder der Finanzkrise, die danach ausbrach. Heute, zehn Jahre später, zwei Jahre nach der (wirklich disruptiven) Wahl von Donald Trump zum 45. US-Präsidenten, wissen wir, dass diese Finanzkrise der Schlüssel ist für das Verständnis der heutigen Welt und ihrer Krisen und Probleme. Genau das ist die These des Buchs von Adam Tooze: Die Finanzkrise und die ökonomischen, politischen und geopolitischen Reaktionen darauf sind der Schlüssel für das Verständnis der heutigen Welt.

Um die Bedeutung der Finanzkrise zu erfassen, ordnet Tooze zunächst die Bankenkrise von 2008 in einen grösseren politischen und geopolitischen Kontext ein. Das bedeutet auch: Er entschlüsselt die Ökonomie des Finanzsystems. Oder, wie Tooze selbst sagt: Er entschlüsselt die «Denkweise von Davos» und zeigt, wie der Kreislauf von Macht und Geld 2008 funktionierte – oder eben nicht mehr funktionierte. Es ist ein globaler Kreislauf. 2008 ist keineswegs nur die angloamerikanische Bankenwelt in eine Krise gestürzt – es war das weltweite Finanzsystem, das über den Abgrund taumelte. Tooze beschreibt detailliert, was dann passierte, wie Amerika und wie Europa reagierten. Dabei kommen Aspekte der Finanzkrise zur Sprache, von denen Laien wohl noch nie gehört haben. Die Staaten investierten Hunderte Milliarden Steuergelder, um habgierige Banken zu retten. Manche der Investitionen waren erfolgreich, wie etwa die Rettung der UBS durch die Schweizerische Nationalbank. Andere dieser Rettungsgeschäfte sind gescheitert: Sie liegen den Steuerzahlern in den Ländern schwer auf der Tasche.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten die Nationalstaaten dadurch in der globalisierten Welt wieder an Bedeutung gewonnen. Doch der Schein trügt. Tooze zeigt in seinem Buch, dass auf globaler Ebene haben etwa 20 bis 30 Banken das Sagen haben. Dazu kommen einige mittelgrosse Banken, die in ihren jeweiligen Ländern wichtig sind. Laut Tooze sind es weltweit maximal 100 Finanzinstitute, welche die Weltwirtschaft über die Finanzströme kontrollieren. Tooze schreibt deshalb: Wenn die Krise aus theoretischer Sicht eine Krise der makroökonomischen Wirtschaftslehre war, wenn sie praktisch betrachtet eine Krise der herkömmlichen Instrumente der Geldpolitik war, so war sie ebenso eine tiefe Krise der modernen nationalstaatlich verfassten Politik. Seine Diagnose: Wir leben in einer Welt, die von Oligopolen der Wirtschaft dominiert wird. Das sei eine Kröte mit geradezu explosivem Potenzial, an welcher sich die demokratische Politik auf beiden Seiten des Atlantiks verschluckt hat. Nein, das ist kein einfaches Buch. Aber ein nötiges.

Adam Tooze: Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben. Siedler, 800 Seiten, 51.50 Franken; ISBN 978-3-8275-0085-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783827500854

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Mein vierter Denkanstoss ist so spannend wie ein Mafia-Thriller, doch er handelt von den Machenschaften hinter den Mauern des Vatikans. Viel zu denken gibt es dabei, ehrlich gesagt, nicht. Aber es gibt zu denken.

Erbsünde

Der italienische Investigativjournalist Gianluigi Nuzzi ist einer der besten Kenner des Vatikans. In bisher drei Büchern hat er die schmutzigen Geschäfte der Kurie und die geheimen Abläufe hinter den Mauern des Vatikans ans Licht gebracht. In Vatikan AG (2008) hat er sich den Strömen von Schmiergeldern gewidmet, die durch die Vatikanbank IOR geschleust wurden, sowie die Verdunkelungs- und Verschleierungsstrategie des Vatikans. Mit Seine Heiligkeit (2012) hat er die Vatileaks-Affäre losgetreten. Im Buch zeigt Nuzzi, wie die Monsignori hinter den Mauern des Vatikans mit harten Bandagen gegeneinander kämpfen und wie sie Politik machen. 2015 erschien Alles muss ans Licht, ein Buch, in dem es um chaotische Buchführung, fragwürdige Einnahmen bei Selig- und Heiligsprechungen und Fälle von Bereicherung und Vertrauensbruch im Vatikan geht.

Erbsünde ist sein jüngstes Buch. Nuzzi schreibt, er gehe in seinem neusten Buch sieben konkreten Fragen nach, die in meiner nunmehr zehnjährigen Arbeit als investigativer Journalist noch offen geblieben sind, und runde damit eine Recherche ab, deren Ergebnisse ich mit Vatikan AG, Seine Heiligkeit und Alles muss ans Licht schon vorlegen konnte. Die sieben Fragen lauten: Wurde Johannes Paul I. ermordet? Wer hat Emanuela Orlandi entführt? Was hat der Vatikan mit dem Entführungsfall zu tun? Warum scheitern alle Reformen, mit denen erst Papst Benedikt XVI. und nun Papst Franziskus für eine transparentere Kurie sorgen wollten? Was steht einer Veränderung im Wege? Bestimmen die Händler im Tempel, die beim Rücktritt von Benedikt XVI. eine Rolle spielten, noch immer die Geschicke der katholischen Kirche? Und schliesslich die entscheidende Frage: Gibt es ausserhalb und innerhalb des Vatikans Personen, die sich gegen Papst Franziskus stellen, die sein Reformwerk behindern und die für den aktuellen Reformstillstand verantwortlich sind?

Nuzzi ging bei der Beantwortung der Fragen vor wie ein Mafia-Ermittler: Er folgte der Spur des Geldes. Das Resultat liest sich wie ein Thriller. Standesgemäss drehen sich die Recherchen um Geld, Tod und Sex. Den Vatikan umgebe ein dichtes Netz aus undurchsichtigen Interessen, Gewalt, Lügen und Erpressung, das jede Veränderung im Keim ersticke. Laut Nuzzi sind nicht spirituelle Fragen, sondern dieses undurchdringliche Gespinst für die Glaubenskrise der katholischen Kirche verantwortlich. Ein Schlüsselereignis in den Recherchen ist der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. Laut Nuzzi ist dieser Rücktritt nicht einigermassen spontan erfolgt. Der Papst, schreibt Nuzzi, habe seinen spektakulären Rücktritt vom Februar 2013 bereits im Winter 2011 geplant und detailliert vorbereitet. Genau in diese Zeit fallen die heftigsten Auseinandersetzungen im Vatikan. Benedikt XVI. wollte die Probleme angehen und seinem Nachfolger die Steine aus dem Weg räumen. Als die Kurie ihm in die Arme fiel, beschloss er, zurückzutreten.

Unter Papst Franziskus, schreibt Nuzzi, wiederhole sich dasselbe. Die Massen jubelten ihm zu, die Kurie torpediere sein Handeln. Eigentlich fürchterlich. Nichtsdestotrotz: Das Buch liest sich spannend, stellenweise wie ein Agententhriller. Würden nicht Menschen wie der Kommandant der Schweizer Garde zitiert, könnte man meinen, es seien Auszüge aus einem Roman von Dan Brown. Doch die Originaldokumente im Anhang des Buches beweisen: Es ist keine Fiktion. Das sind Fakten.

Gianluigi Nuzzi: Erbsünde. Papst Franziskus einsamer Kampf gegen Korruption, Gewalt und Erpressung. Orell Füssli, 350 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-280-05685-1

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783280056851

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Mein fünfter Denkanstoss schliesslich ist ein Buch, das Microsoft-Gründer Bill Gates nach der Lektüre des Manuskripts zu seinem Lieblingsbuch erklärt hat, und zwar zu seinem favorite book of all time. Erstaunlich daran ist, dass Computer darin kaum eine Rolle spielen. Die Hauptrolle spielt die Philosophie (und die Psychologie) der Aufklärung.

Aufklärung jetzt

Wer dieser Tage regelmässig die «Tagesschau» schaut oder das «Echo der Zeit» hört, kann Depressionen kriegen: Die Welt präsentiert sich düster, ja dem Verfall geweiht. Nationalistische Politik, Drogenkartelle, miserable Schulen, eine Medizin nur für Reiche – die Welt, ein Jammertal. Steven Pinker zeigt in diesem Buch, dass diese düstere Zustandsbeschreibung der Welt falsch ist. Und nicht nur ein bisschen falsch – sie ist komplett und grundfalsch.

Steven Pinker ist Experimentalpsychologe, Kognitionswissenschaftler und Linguist. Er ist Psychologieprofessor an der Harvard-Universität und zeigt in diesem Buch ein ganz anderes Verständnis der Welt, als die Schlagzeilen es uns vermitteln. Pinker zeigt fundiert, dass mitnichten früher alles besser war und die Welt also vor die Hunde geht, sondern dass es im Gegenteil der Welt immer besser geht. Wir leben länger, gesünder, sicherer, glücklicher, friedlicher und wohlhabender denn je, und das nicht nur in der westlichen Welt.

Pinker ist dabei kein Schwärmer. Sein optimistisches Weltbild beruht auf Fakten und ist von den Idealen der Aufklärung inspiriert – von Vernunft, Wissenschaft, Humanismus, Fortschritt – und Frieden. Diese Ideale sind zeitlos – und sie waren noch nie so wichtig wie heute. Wenn es etwas gibt, das die Denker der Aufklärung gemeinsam hatten, dann war es das Beharren darauf, dass die Vernunft den Schlüssel zur Welt bildet, nicht Glaube, Dogma, Offenbarung, Visionen oder ein wie auch immer geartetes Bauchgefühl – auch wenn es der Bauch des Präsidenten ist.

Die Vernunft als Weg zu wählen ist gerade deshalb so wichtig, weil der Mensch nicht immer ein rationales Wesen ist. Nur die Vernunft ermöglicht die Wissenschaft und damit das Entrinnen aus Ignoranz, Angst und Schrecken. Die Vernunft brachte die Denker der Aufklärung dazu, eine weltliche Ethik zu begründen, die das Wohlergehen des einzelnen Menschen ins Zentrum stellt. Seit die Menschen sich von der Vernunft leiten lassen, gibt es weniger Kriege. Das fällt uns heute kaum mehr auf: Früher war Krieg eher der Normalfall, Frieden die Ausnahme. Heute ist es doch weitgehend umgekehrt. Pinkers Buch ist ein Lob der vernünftigen Welt und ein Parforceritt durch die Geschichte der Aufklärung. Es ist ein Manifest der Ratio gegen die tumben Gefühlswelten von Populisten, Rassisten und anderen –isten – und bietet ein stabiles Fundament dafür, selbst einen gesunden Optimismus für die Welt zu entwickeln. Allen Schlagzeilen zum Trotz.

Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung. S. Fischer, 736 Seiten, 37.90 Franken; ISBN 978-3-10-002205-9

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783100022059

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Das waren sie, meine herbstlichen Denkanstösse. Weitere Buchtipps finden Sie jederzeit hier: https://www.matthiaszehnder.ch/category/buchtipp/

Es bleibt, Ihnen schöne Herbsttage zu wünschen – denken Sie gut.

Basel, 5. Oktober 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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