Darf man das?

Die Fondation Beyeler zeigt Gemälde von jungen Mädchen in aufreizenden Posen. Im bayrischen Wahlkampf und in Chemnitz fallen Worte, wie man sie seit den 30er Jahren kaum mehr gehört hat. Die einen schreien «Skandal!», die anderen: «Das wird man wohl noch sagen dürfen!» Darf man das alles wirklich? Und dürfen es die Medien zeigen – und damit Auflage machen? Wie sollen wir darauf reagieren? Schweigen? Die Bilder abhängen? Die Worte meiden? Gedanken zu den Grenzen der Redefreiheit und der Freiheit der Kunst – und unserer Rolle im Publikum.

Die Fondation Beyeler in Riehen widmet dem polnisch-deutsch-französischen Maler Balthasar Klossowski de Rola, alias Balthus eine grosse Ausstellung und spielt dabei gekonnt unschuldig auf der Empörungsklaviatur. Einerseits betont das Museum, Balthus zähle zu den letzten grossen Meistern der Kunst des 20. Jahrhunderts und zu den meist diskutierten Künstlern der Moderne. Natürlich geht es dem Museum nur darum, diesen wichtigen Meister zu zeigen. Andererseits bedient das Museum mit Inszenierung und Kommunikation genau jenen Aufmerksamkeitsmarkt, der auf Empörung setzt.

Denn Maler Balthus (1908-2001) hat mit seinen Bildern in letzter Zeit dicke Schlagzeilen gemacht. In New York zum Beispiel haben Ende letzten Jahrs über 10’000 Menschen mit einer Online-Petition gefordert, dass das Metropolitan Museum ein Bild von Balthus mit einem Wanrschild versieht.[1] Für Mia Merrill, welche die Petition ins Leben gerufen hatte, macht das Bild ein Kind zum Sexualobjekt. In der Zeit von #MeeToo sei so ein Bild nicht erträglich. Das Bild heisst «Thérèse rêvant». Es ist eines der Kernstücke der Ausstellung in der Fondation Beyeler.

Das Bild «Thérèse rêvant» von Balthus in der Ausstellung der Fondation Beyeler. (Bild: mz)

Eine Zwölfjährige in aufreizender Pose

Bei dieser Thérèse handelt es sich um Thérèse Blanchard, die Tochter eines Nachbarn von Balthus. Von 1936 bis 1939 hat Balthus Thérèse zehn Mal gemalt. Auf den ersten Bildern ist sie elf Jahre alt. «Thérèse rêvant» zeigt das Mädchen im Alter von 12 oder 13 Jahren in einer selbstsicheren Pose, die offen lässt, ob das Mädchen unbefangen-kindlich ist, oder ob es sich seiner Verführungskraft bewusst ist und weiss, dass es den Maler (und den Betrachter) einen Blick unter seinen Rock auf seine weissen Unterhosen werfen lässt. Mia Merrill sagt, Balthus habe immer wieder sehr junge Mädchen in sein Atelier gebeten und sie ausgezogen gemalt. Das sei problematisch, daher müsse das Metropolitan Museum darüber kritisch informieren.[2] Das Museum will auf die Petition jedoch nicht eingehen.

Ist die Petition von Mia Merrill ein Ausdruck ausufernder, politischer Korrektheit? Schränken Bedenken rund um die Bilder von Balthus die Freiheit der Kunst ein? Darf man die Bilder also ohne weiteres zeigen? Oder sind sie unmoralisch und unsittlich, rücken sie Mädchen in die Rolle von Sexualobjekten und machen die Betrachter damit zum Mitschuldigen eines Übergriffs des Malers? Und wie sollen sich die Medien verhalten, die über das alles berichten?

Darf man das sagen, schreiben, rufen, zeigen?

Darf man das? Diese Frage stellt sich dieser Tage immer wieder. Thilo Sarrazin veröffentlicht ein Buch über den Islam in Deutschland. Es heisst «Feindliche Übernahme»: Sarrazin warnt darin vor einer allmählichen demografischen Überwältigung des Westens durch bildungsunfähige Moslems. Sarrazin hat den Koran in einer deutschen Übersetzung gelesen wie ein Sachbuch und tel-quel auf alle Moslems übertragen. Seine Schrift ist grenz-völkisch, teilweise rassistisch und manipulativ.[3] Darf er das schreiben?

Der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) äussert sich nach langem Schweigen zu den Krawallen in Chemnitz. In einem Interview mit der «Rheinischen Post» sagt er: Ich wäre, wenn ich nicht Minister wäre, als Staatsbürger auch auf die Strasse gegangen. Der Innenminister meint damit nicht etwa die Zehntausenden, die gegen rechte Hetze protestierten, sondern die ursprünglichen Demos der Rechten gegen Ausländer. Denn er fährt fort: Die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land.[4] Darf er das sagen?

Wie in den 30er Jahren

Nicht nur in Sachsen tönt es, wie in den 30er Jahren. In Bayern ruft die AfD-Spitzenkandidatin Katrin Ebner-Steiner, die AfD sei die Strafe Gottes für die CSU, weil die mit der falschen Mutti in Berlin, also der Kanzlerin Merkel, gemeinsame Sache gemacht habe. Die Mission der AfD: Langfristig spielen wir nicht auf unentschieden, sondern auf Sieg und zwar nicht auf Sieg für uns, sondern für Deutschland. Ihre Anhänger pflichten ihr bei. Was die Flüchtlinge machen, sei eine Landnahme. Die hätten so viele Messer, das sei Wahnsinn.[5] AfD-Politiker Markus Frohnmaier spricht sogar von todbringender Messermigration.[6] Darf man so reden?

Die politische Korrektheit sei der neue Scheiterhaufen der linken Moralisierer, schreibt SVP-Nationalrat Roger Köppel in seiner «Weltwoche».[7] Das ist das Narrativ, das die Rechte pflegt: Man wird wohl noch die Wahrheit sagen, die Probleme noch beim Namen nennen dürfen. Von Tugendterror ist die Rede, von Denkverboten, Maulkörben und Zensur. Es geht um Freiheit und Authentizität: Um die Freiheit der Fasnacht (Guggenmusig Negro-Rhygass), um die Freiheit der Kunst (Balthus) oder die Redefreiheit in der Politik (AfD). Und die Freiheit wollen wir doch alle wahren, oder?

Der Blick des Vaters

Ich habe mir die Bilder von Balthus bei Beyeler diese Woche angeschaut. Ich wollte wissen, wie sie auf mich wirken, wie die anderen Ausstellungsbesucher damit umgehen und wie die Fondation darüber informiert. Balthus ist zweifellos ein interessanter Maler und die Fondation inszeniert ihn gekonnt als Meister des 20. Jahrhunderts. Aber die Mädchenbilder gehen mir zu weit. Das sage ich nicht als kunstinteressierter Mensch, sondern als Vater einer Tochter. Intellektuell betrachtet mögen die Bilder die charakteristische Spannung zwischen kindlicher Unbekümmertheit und verführerischer Erotik zeigen, wie es in den Saaltexten der Fondation heisst. Als Vater sage ich: Ich möchte meine Tochter so nicht abgebildet sehen.[8]

Denn Maler Balthus spielt mit der Erotik und zwingt mich als Betrachter dazu, die Kinder-Bilder erotisch zu betrachten. Das mag ich nicht, das will ich nicht. Es mag sein, dass er keine pädophilen Absichten hat – aber seine Inszenierung von Thérèse spielt sehr bewusst damit. Heisst das, dass man die Bilder abhängen muss? Nein. Es ist und bleibt Kunst und es ist deutlich als solche gekennzeichnet und erkennbar. Aber die Bilder müssen stärker relativiert werden, als es die Fondation Beyeler tut. Eine junge Frau mit «Ask me»-Button neben das Bild zu stellen und sie mit einem Balthus-Buch unter dem Arm die Freiheit der Kunst verteidigen zu lassen, ist deutlich zu wenig. Es darf nicht sein, dass sich Männer mit schmierigem Grinsen im Gesicht an den Bildern delektieren. Stell Dir vor, die Bilder würden Deine Tochter zeigen…

Das Problem der Normalisierung

Denn das Problematische an der Ausstellung der Bilder von Balthus ist der Effekt, der sich einstellt, wenn die Bilder ohne kritischen Kommentar gezeigt werden: Das führt zu einer Normalisierung von kindlicher Erotik – mit anderen Worten: man gewöhnt sich daran. Und das ist fatal. Dasselbe gilt für die Äusserungen von Seehofer, für das Buch von Sarrazin, für die bösen N-Worte (auch die in den Kinderbüchern) und den ausländerfeindlichen Wortmüll der AfD: Je häufiger abwertende Sätze über Ausländer, Moslem und Migranten wiederholt werden, desto mehr gewöhnen wir uns daran. Die abwertende Sprache wird normalisiert – wir alle stumpfen ab. Und das darf nicht sein.

Die Freiheit der Kunst und die Klarheit der Sprache sind kostbar. Zugleich muss uns allen, ob Politiker oder Künstler, ob Autor oder Kurator, immer klar sein, dass jede Äusserung auch mit einer Verantwortung verbunden ist. Und die Verantwortung beschränkt sich nicht nur auf jene, die politisieren, malen oder schreiben. Auch das Publikum trägt Verantwortung. Wie Erich Kästner in «Das fliegende Klassenzimmer» Professor Kreuzkamm sagen lässt: An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern. Die Schlüsselfrage ist deshalb nicht: Dürfen das die anderen? Sondern vielmehr: Was soll ich tun?

Basel, 7. September 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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[1] Vgl. «The New York Times», 4.12.2017: https://www.nytimes.com/2017/12/04/arts/met-museum-balthus-painting-girl.html

[2] Vgl. «The New York Times», 8.12.2017: https://www.nytimes.com/2017/12/08/nyregion/we-need-to-talk-about-balthus.html

[3] Vgl. «Tagesspiegel», 30.8.2018: https://www.tagesspiegel.de/politik/sarrazins-neues-buch-thilo-sarrazin-legt-nach-verletzend-grenz-rassistisch-und-manipulativ/22974564.html

[4] Vgl. «Rheinische Post», 6.9.2018: https://rp-online.de/politik/deutschland/horst-seehofer-lehnt-stichtagsregelung-fuer-fluechtlinge-als-fachkraefte-ab_aid-32736207

[5] Vgl. «Echo der Zeit», 5.9.2018: https://www.srf.ch/sendungen/echo-der-zeit/postfinance-soll-hypotheken-gewaehren-koennen

[6] Auf Twitter am 26.8.2018: https://twitter.com/Frohnmaier_AfD/status/1033806135990644744

[7] Vgl. «Weltwoche» vom 18.7.2018: https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2018-29/artikel/sternstunden-die-weltwoche-ausgabe-29-2018.html

[8] In Anlehnung an Alexander Spoerl, «Memoiren eines mittelmässigen Schülers»: Tu mit Deiner Freundin nicht, was Du nicht willst, dass es ein anderer mit Deiner Schwester tut.

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14 Kommentare zu Darf man das?

  1. Thomas Zweidler sagt:

    Zum Thema Kunst: Sie wissen ja, Kunst darf alles….
    Zum leidigeren Thema Migration: Tja, da ist es nicht so einfach. Darf das Volk aufbegehren (Demokratie lebendig werden lassen) wegen Gewalt von Migranten an Einheimischen? Darf man in München auf die Strassen gehen, wenn es Null bezahlbaren Wohnraum mehr gibt, da in den letzten Jahren 200´000 Menschen mehr die Stadt bevölkern (200´000 Menschen allein in München zugewandert sind)? Geht da das Ventil nicht immer öfters hoch?
    Ursache all des Übels ist die unbegrenzte Massenzuwanderung (kein Masshalten mehr). Braucht Deutschland deswegen wieder eine dichte Grenze? Prof. Dr. Martin Wagener sagt: JA!
    Er ist nicht irgendjemand. Er ist Professor an der „Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung“ in Haar bei München, Fachbereich Nachrichtendienste, und sein neues Buch dürfte für Aufsehen, aber gewiss auch Kritik sorgen.
    „Deutschlands unsichere Grenze – Plädoyer für einen neuen Schutzwall.“ Mit der Sorgfalt eines Wissenschaftlers analysiert Martin Wagener auf 430 Seiten die Schwächen unserer Grenzsicherung. SEIN FAZIT: Vollkommene Grenzenlosigkeit funktioniert auf Dauer nicht.
    Doch wie kommt ein Hochschullehrer auf die Idee, ein Plädoyer für neue Grenzen zu verfassen?
    „Illegale Migration, Grenzkriminalität, Terror-Einreise und -Rückkehrer, Waffen- und Drogenschmuggel gefährden den inneren Frieden der Gesellschaft“, sagt Wagener. (eben = Chemnitz = eben: „Darf man das“)
    „Der Attentäter von morgen kann jederzeit unkontrolliert die ,grüne Grenze‘ überschreiten.“
    Will der Experte für internationale Politik also Mauern und Wachtürme zurück?
    „Das allein wäre zu wenig“, sagt Wagener. „Mauern und Zäune sind kein Allheilmittel. Was wir brauchen, sind sichere UND durchlässige Grenzen. Das ist der fehlende Baustein der innenpolitischen Sicherheitsarchitektur, die dann mit den europäischen Nachbarn verzahnt werden könnte.“
    Aber lassen sich 3876 Kilometer deutscher Grenze überhaupt schützen?
    „Ja“, sagt Wagener. Er hat weltweit 70 Grenzanlagen untersucht (an einigen haben deutsche Firmen mitgewirkt) und ist überzeugt: Mit großen Grenzübergangsstellen ließe sich der frei fließende Verkehr reibungslos bewältigen, während Wärmebildkameras, Nummern- und Ausweis-Scanner und etwa 90 000 Grenzschützer die Sicherheit fast unmerklich im Blick hätten.
    Wagener: „Es wäre wie jetzt, nur kontrolliert. Mit Abschottung hat mein Vorschlag nichts zu tun.“
    Und die Kosten?
    Etwa 9,3 Mrd. Euro für die Grenztruppen jährlich, hat Wagener errechnet. Die Grenzanlage selbst würde bis zu 20 Mrd. Euro kosten. „Zum Vergleich: Die asylbedingten Belastungen des Bundeshaushalts sollen zwischen 2016 und 2021 bei 71,31 Milliarden Euro (ohne Kosten für die Fluchtursachenbekämpfung) liegen.“
    In Regierungskreisen sorgt das Buch des Professors schon jetzt für Aufruhr.
    ► „Aktuell umfasst die Weltbevölkerung 7,6 Mrd. Menschen – in weniger als 50 Jahren wird sie sich verdoppelt haben. Wer diese Fakten ausblendet und ohne Rücksicht auf ihre Umsetzbarkeit die Losung ,Fluchtursachen bekämpfen!‘ ausgibt, verweigert sich den Realitäten.“ (!!!!!!!!)
    ► „Will Deutschland auch künftig weiter zum Wohle fremder Kulturvölker sowie zum Weltfrieden beitragen, dann muss es sich zunächst einmal selbst schützen.“
    ► „Wer die freiheitlich-demokratische Grundordnung schützen möchte, muss neue Wege beschreiten. Dazu muss der Begriff der ,Grenze‘ neu gedacht und mit neuen Inhalten gefüllt werden. Anders geht es nicht. Die aktuelle Politik wird dagegen langfristig zu einer Systemerschütterung führen. (!!!!!!!!!)
    ► „Zu diskutieren wäre z. B., ob die Deutschen den Nationalstaat, ihr historisches Erbe sowie den eigenen Kulturraum überhaupt für schützenswert halten. Fällt die Antwort negativ aus, braucht es auch keine neue Grenzanlage.“
    Mein dieswöchiges Wochenkommentar-SCHLUSSFAZIT: 1.) Kunst darf sowieso alles. 2.) Prof. Wagner befolgen, und die Politik-Fragen „Muss man das“ und „Darf man das“ fallen dahin.

    • Rolf Meier sagt:

      Habe Ihren Artikel mit Interesse gelesen und komme zu Schluss: Sie wären ein spannender Diskussionspartner.

      • Thomas Zweidler sagt:

        Herr Meier, freut mich, dass man mich (erstmals) in diesem Forum lobt. Ich bin halt nicht im „Nachbet-Verein“ dabei, sondern sehre oft die andere Sicht. Trotzdem schätze ich die Wochenkommentare, in welchen stets versucht wird, interessante Themen aufzugreifen und näherzubringen.

  2. Rolf Meier sagt:

    Was die Ausstellung der Balthus-Bilder betrifft, sehe ich keinen Grund, warum diese nicht gezeigt werden sollen. Was für ein Geist muss dahinter stecken, wenn man ein solches Bild nicht einfach als Bildnis sehen kann, ohne seltsame Gedanken zu produzieren. Ich habe auch ein Kind und habe dieses einige Male in Positionen gesehen, die diesem Bild nahe kommen. Deswegen aber irgendwelche abstrusen Vorstellungen zu produzieren lag mir fremd. Darf man ein Bild nicht ausstellen, nur weil die Möglichkeit besteht, dass ein „Kranker“ dieses Bild ebenfalls sehen kann. Und vermutlich – ich weiss das aber nicht und war auch nicht an der Ausstellung – steht im Ausstellungskatalog, dass diese Bilder (es sind mehrere in ähnlicher Form und Gestaltung) aus der Absicht entstanden, aus Imponiergehabe möglichst rasch Geld zu verdienen. Und sonst – es steht jedem frei, sich im Internet über den Maler Balthus zu informieren, wenn man das will.
    Was die Sprache betrifft: Was darf man sagen? Wenn alle Wortwendungen und alle Schlagwörter verboten werden, oder mindestens nur noch kommentiert gebraucht werden dürfen, dann versteht man vor lauter Kommentar die Aussage nicht mehr. Nein: Man soll alles sagen dürfen, und man soll alles so sagen dürfen, wie uns die „Schnauze“ gewachsen ist. Aber man muss halt damit rechnen, dass es Widerspruch und Häme gibt. Und damit mussman halt dann umgehen können.
    Verbote aller Art, die sich auf die Vergangenheit (meistens) oder auf die Aktualität (eher selten) beziehen, sind kein Weg, sich wie auch immer mitzuteilen.
    Es kann keine „entartete“ Kunst und keine „entarteten“ Wörter geben. Was und wie immer wir uns äussern – die Äusserung muss so sein, wie sie der Äussernde meint.

    • Habe ich etwas von Verboten geschrieben? Ganz zu schweigen von «entartet». Wie Sie selbst schreiben: Sie waren nicht an der Ausstellung. Dann schlage ich vor, Sie gehen die Ausstellung besuchen und danach sprechen wir uns wieder. Es geht mir bei all dem nicht um Verbieten, sondern um Verantwortung. Sie schreiben: Man soll alles sagen dürfen, aber man muss dann halt mit den Konsequenzen leben. Das ist etwa so, wie wenn Sie sagen würden: Man darf mit einem Messer alles machen, man muss einfach mit den Konsequenzen leben. Und wenn man jemanden mit einem Messer verletzt, gibts halt Gefängnis dafür. Da ist es egal, ob Sie sagen: Das hab ich nicht so gemeint. Wenn Sie mit einem Messer jemanden verletzen, ist die Verletzung des Opfers entscheidend, nicht Ihre Absicht. Das gilt auch für Sprache und Bilder. Die Wirkung misst sich nicht an dem, was der Absender meint, sondern an der Wirkung beim Empfänger. Deshalb müssen Sprecher verantwortungsvoll mit Worten umgehen.

      • Rolf Meier sagt:

        In Ihrer ersten Frage ging es darum, ob man Bilder wie die von Balthus zeigen darf oder was man sagen darf. Die Frage dreht sich also um Tätigkeiten, welche geistiger Natur sind. Es wird vom Schreiben und Sprechen oder vom Malen gesprochen. Und von diesen Tätigkeiten habe ich gesagt: Sie müssen gedürft werden. Ihre Weiterinterpretation von wegen Messer ist einTotschlagargument, frendartig und hilflos. Ich beantwortete die Frage, ob geistige Dinge getan werden dürfen und nicht ob Gewalt legitim ist.
        Natürlich ist Gewalt nie (!) legitim. Aber das Gesprochene, Geschriebene und bildlich Dargestellte muss immer möglich sein. Und hier muss ich eben auch mit Konsequenten leben. Stelle ich etwas absolut Scheussliches dar – in Wort oder Bild – dann muss ich als Darsteller damit leben, dass ich mit den selben Mitteln angegriffen werde. Der Geist muss frei sein, nicht die Gewalt.
        Was die Abbildung des Mädchens von Balthus betrifft, erklären Sie, die Aus- und Darstellung würde nur von Männern verteidigt. Ob es wirklich so ist, das kann ich nicht widerlegen und auch nicht bestätigen. In diesem Forum trifft das wohl zu. Aber wollen Sie daraus schliessen, dass alle Frauen diese Ausstellung widerlich finden?
        Sie erklären auch, wie die Männer diese Bilder fotografieren – das tun offenbar auch Frauen, wenn ich Ihren Text und das Bild betrachte. Aber vielleicht ist es etwas anderes, ein solches Bild vom Original zu fotogrfieren als es sich im Internet anzusehen – das entzieht sich aber meiner Kenntnis. Wir knipsen auch den Eiffelturm, obwohl es schon tausende andere Bilder davon gibt.

  3. Jürg Stöckli sagt:

    Wer oder was zwingt Sie sehr geehrter Herr Zehnder, die Kinderbilder erotisch zu betrachten? Glauben Sie wirklich, ein kritischer Begleitkommentar zu den Bildern würde Sie auf andere Gedanken, Fantasien, Gefühle bringen? Entscheidend ist das, was den Betrachter in seinem ganzen Wesen ausmacht.
    Immerhin wollen Sie die Bilder nicht abhängen lassen. Dennoch, der Mensch ist nicht mündig, muss begleitet, belehrt und letztlich bevormundet werden. Das ist leider das Grundproblem der linken Denkungsart.
    Ich bin Vater von zwei Töchtern.

    • Was hat denn das mit «linker Denkungsart» zu tun? Gemeinhin gilt als links, wenn der Staat einschreiten soll. In meinem Text ist davon keine Rede. Es geht um die Verantwortung, die sich mit einer Äusserung (sei es Sprache oder Bild) verbunden ist. Nein, es zwingt niemanden die Betrachter, die Bilder sexualisiert zu betrachten. Die schiere Menge nackter Mädchenbilder (und die Menge älterer Männer, die mit ihren Handys die Bilder fotografieren) empfinde ich als übergriffig. Es geht nicht darum, dass der Mensch bevormundet werden solle. Es geht um das Bewusstsein darüber, dass nicht die Absicht des Senders entscheidend ist, sondern die Wirkung, die beim Empfänger eintritt. Es geht nicht um ein Aufruf zum Verbot, zum Abhängen oder Verdecken, sondern um das Nachdenken darüber. Deshalb ist der ganze Kommentar ja mit einem Fragezeichen überschrieben. Und mit links oder rechts hat das absolut gar nichts zu tun.

  4. Lorenz Egeler sagt:

    Die Meinungen der Herren Meier und Stöckli kann ich voll und ganz teilen. Herr Zehnder scheint das Wortgefecht (was darf man sagen … und zeigen) mit dem Messergefecht gleichzusetzen, die Auseinandersetzung mit Wort und Bild der blanken Gewalt gleichzustellen. Welche Wirkung ein Bild erziehlt hängt einzig und allein vom Geist des Betrachters ab. Er ist es, der interpretiert, so oder so oder eben anders oder mit seinem „esprit mal tourné“. Die Sensationslust unserer Gesellschaft wähnt überall nur noch Angriffe und Übergriffe und fühlt sich sofort zur nächsten Empörung gezwungen. Es scheint mir nicht zufällig, dass im Amerika des verlogenen Puritanismus, im Amerika der Evangelikalen, ein Mädchenbild von Baltus peziell bewacht oder gar abgehängt werden soll. Herr Zehnder, da sind wir nicht mehr weit weg vom Begriff „entartete Kunst“. Die Malerei von Baltus interessiert kaum jemanden, nur die Tatsache, dass er einige Bilder von jungen Mädchen gemalt hat und dass die ausgestellt werden und dass das ein Skandal sein soll. Dass Sie Ihre Tochter so nicht abgebildet wissen wollen ist Ihr gutes Recht, Ihr Einfluss aber nur begrenzt. Schauen Sie bitte mal nach wie sich junge Mädchen selbst im Internet präsentieren. Da wäre ich im Sinne des Jugendschutzes schon eher für Kontrollen und Verbote. Aber das sind die heiligen Dinge des Zeitgeistes, wie etwa die Unmöglichkeit eines Handyverbots in der Schule. Zurück zu Baltus. Es mag ja sein, dass aus dem Bild eine gewisse Erotik spricht. Was täumt Thérèse auf dem Bild, träumt sie in ihrer beginnenden Pubertät etwa von einem Prinzen? Soll sie das etwa nicht? Was verstört Sie dabei – nein ich will es nicht wissen!

    • Mit entarteter Kunst hat diese Diskussion nun aber überhaupt nichts zu tun. Das ist allenfalls eine bewusste Verharmlosung des Wortes «entartet». Die Nazis haben mit der Bezeichnung «entartete Kunst» mit rassentheoretischen Begründungen moderne Kunst diffamiert. Zum Beispiel wurden generell alle Werke von jüdischen Künstlern als entartet bezeichnet. Mit der „darf man das?“-Frage habe ich versucht, die moralische Frage zu stellen. Ich habe nie nach dem Staat gerufen, ich schreibe nichts von Kontrollen oder Verboten. Die Frage nach dem Dürfen ist die moralische Frage, es ist die Frage nach der Achtsamkeit. Und es ist ein Unterschied, ob ein Mädchen sich selbst abbildet und selbst über sein Bild verfügt, oder ein Maler ein Mädchen in einer bestimmten Pose malt und das Bild dann ausstellt. Bei letzterem kann (kann, nicht muss) es sich eben um einen Übergriff handeln, der durch das Publikum in der Ausstellung wiederholt wird. Wenn Sie so dezidiert meinem Kommentar widersprechen, haben Sie ja sicher die Ausstellung in der Fondation besucht und wahrgenommen, wieviele Balthus-Bilder nackter Mädchen da hängen und gesehen, wieviele Besucher (Männer) diese Bilder mit ihren Handys fotografieren. Ich sage nicht, dass man das nicht darf. Ich stelle eine moralische Frage dazu. Es ist interessant, dass vor allem Männer diese Bilder verteidigen.

  5. Ueli Keller sagt:

    Der Fortpflanzungstrieb kann sich im Begehren- oder im Begehrtwerden-Wollen manifestieren. Mutiert der Trieb rücksichtslos zu Gier, kann es für Betroffene brutal oder gar tödlich werden. Ich will keine Freiheit, die auf Kosten von andern geht.

  6. Martin Schäfer sagt:

    Lieber Matthias Zehnder
    So sehr ich Deine persönliche Reaktion auf die Balthus-Ausstellung nachvollziehen kann (ich habe sie allerdings noch nicht gesehen), so problematisch finde ich es, sie unter dem Nenner „Was darf Kunst?“ mit der Meinungsäusserungsfreiheit (im Zeichen von Chemnitz) kurzzuschliessen. Hier geht es m.E. um prinzipiell Anderes.

    Zu Balthus empfehle ich Dir die kluge und subtile Bildbetrachtung zu „Th érèse, rêvant“ von Angelika Overath im aktuellen „Kulturtipp“. Die Gefahr der aktuellen Medienwelt (erst recht der sog. „Social Media“) ist, dass allzu vieles allzu rasch über einen Leisten geschoren wird.

    Mit herzlichem Gruss

    Martin Schäfer

    • Lieber Martin

      Ich habe mich wahrscheinlich wirklich schlecht ausgedrückt oder es war halbgar oder überhaupt. Es geht mir keinesfalls um «Was darf Kunst?», das Balthus-Bild «Thérèse rêvant» ist schön, es gefällt mir. Es geht mir um die Medialisierung der Kunst, um die Ausstellung in der Fondation, darum, zuzusehen, wie die Besucher (männliche Form) auf die Bilder reagieren. Es ist die Medialisierung und die Meta-Ebene, die mir aufstösst, nicht die Kunst. Anders formuliert: Balthus hat schöne Bilder gemalt, indem die Fondation die Bilder so ausstellt, wie sie sie ausstellt (und dazu gehört zum Beispiel der Zeitpunkt, also der Kontext von #MeToo) setzt sie die Bilder auf eine Art und Weise einer Öffentlichkeit aus, dass ich es als Übergriff empfinde. Ich verlange nie, dass man mit mir einig ist. Ich wünsche mir, dass man mit einer gewissen Sensibilität in diese Ausstellung geht und darüber nachdenkt. that’s all. Oder noch einmal anders gesagt: Die Frage «Darf man das?» meint genau das: Lasst uns die Sache moralisch betrachten, nicht nur ästhetisch. Die Frage beinhaltet auf keinen Fall die Antwort: Das darf man nicht. Es geht um die moralische Frage. Ist das nachvollziehbarer?

  7. Martin Schäfer sagt:

    Wie gesagt, ich war noch nicht in der Ausstellung, darum weiss ich noch nicht, ob sich auch mir diese moralische Frage stellen wird. Ist der Zeitpunkt dafür schlecht gewählt? Ich bin eigentlich froh, dass sich die Fondation mit Balthus quasi ausserhalb der Zeit stellt – und damit der Diskussion gerade nicht ausweicht. Gleichzeitig bewundere ich, dass Overath (als Frau!) in ihrem Text zu „Thérèse“ die aktuelle Hysterie nicht einmal erwähnt. Wie gesagt, da geht es um mehr, Anderes, Hintergründigeres.

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