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Zürcher Verstrickungen

Publiziert am 23. Februar 2023 von Matthias Zehnder

Die Schweiz war keine Kolonialmacht. Aber haben die Menschen in der Schweiz deshalb wirklich nichts zu tun mit Kolonialismus? Diese Frage steckt hinter «Zürcher Verstrickungen», dem neuen Kriminalroman von Gabriela Kasperski. Bereits zum achten Mal schickt sie Zita Schnyder und Werner Meier auf die Piste. Eine junge Frau aus der Karibik sucht das Ermittlerpaar auf. Vor über zwanzig Jahren ist ihre Mutter verschwunden. Die letzten Spuren hat sie in Zürich hinterlassen. Es sind Spuren, die tief verknüpft sind mit dem kolonialen Erbe der Stadt. Es geht dabei nicht nur um Kaffee, Kakao und Baumwolle, sondern auch um Sklaven in der Karibik. Da, wo die besten Zürcher Familien reich geworden sind. In meinem 142. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum der Krimi nicht nur der Leichen wegen spannend ist, die im Laufe der Geschichte anfallen.

Bereits zum achten Mal ermitteln Zita Schnyder und Werner Meier gemeinsam in einem Fall. Und dies, obwohl sie schon lange ein Paar sind. Meier arbeitet nicht mehr bei der Kriminalpolizei, er ist jetzt Hausmann. Eigentlich. Und er ermittelt privat: Zusammen mit Partner Eli Apfelbaum führt er die Agentur für besondere Affären. Eine ihrer Spezialitäten ist die Personensuche bei auseinandergerissenen Familien. Über einen ihrer erfolgreich gelösten Fälle hat sogar die «New York Times» berichtet. Die Zeitung schrieb, dass die Agentur sogar das FBI getoppt habe.

Mit dem Zeitungsausschnitt über diesen Erfolg in der Hand klingelt eines  Abends Nelly Gomez an der Tür des Hauses von Schnyder und Meier. Sie hat eine weite Reise hinter sich: Sie stammt von Saint Croix, einer Insel der Kleinen Antillen in der Karibik. Nelly sucht ihre Mutter Bernardine. Die ist seit über 20 Jahren verschwunden. Die letzte Spur von ihr ist ein Foto, das in Zürich entstanden sein muss. Es zeigt eine junge, schöne Frau an einer Veranstaltung. Bernardine war Sängerin. Doch über ein Konzert von ihr ist nichts zu erfahren.

Dokumentarfilmerin Andrea von Hartmann bereitet sich auf die Premiere ihres neuen Films vor. «Züri-Kolon» heisst die Doku. Sie beschäftigt sich mit den Spuren des Kolonialismus in der Stadt Zürich. Spuren, von denen die meisten Zürcher lieber nichts wissen wollen. Vor allem jene Familien nicht, die auf die eine oder andere Art und Weise ihre Finger im Geschäft mit Kolonialländern hatten. Pikant daran: Dazu gehört auch die Familie von Hartmann. Andreas eigene Familie.

Die Familie von Hartmann kann einen Skandal gerade gar nicht brauchen. Martin, der Bruder von Andrea, kandidiert für den Stadtrat von Zürich. Für die Wahlkampagne hat er das «von» im Namen zwar weggelassen, er kandidiert nur als «Martin Hartmann». Einige Klicks bei Google reichen aber, um herauszufinden, dass die Postkarten von der Insel Saint Croix, die Andrea in ihrem Film zeigt, aus dem Familienarchiv seiner Familie stammen. Das könnte für den Kandidaten rasch ungemütlich werden.

Fast gleichzeitig stösst die Kriminalpolizei im Zürichsee auf eine Leiche. Ein Mann ist ertrunken. Oder war er schon tot, als er in den See stürzte? Kripopolizistin Beanie Barras zieht den Toten aus dem Wasser und versucht herauszufinden, wer der Mann ist. Beanie ist mit Zita befreundet. Zita erzählt der Polizistin von der Frau aus der Karibik, die schon so lange vermisst wird, und von dem Foto. Und plötzlich verweben sich alle Handlungsstränge zu einem spannenden Plot.

Ein Plot, der glaubwürdig wirkt, weil die Menschen alle mit ihrem Alltag zu kämpfen haben. Für Schnyder und Meier sind die Kinder die grosse Herausforderung. Bei all der Ermittlungsarbeit schrumpft der Papa-Tag schon mal auf zwei Stunden im Zoo. Und Schnyder vergisst über einer E-Mail, dass auf dem Herd schon lange die Spaghetti kochen. Es sind diese Details, die dafür sorgen, dass Schnyder und Meier einem rasch ans Herz wachsen.

Und ganz nebenbei gibt Gabriela Kasperski mit ihrer Geschichte gehörig zu denken. Klar: Die Schweiz hatte keine Flotte und war keine Kolonialmacht. Aber im Handel mit Kolonialwaren wie Baumwolle, Kaffee, Tee und Kakao haben Schweizer Familien tüchtig mitgemischt. Und profitierten in diesem Geschäft von der Ausbeutung von Sklaven, wenn nicht sogar von Sklavenhandel. Wer die Augen öffnet, sieht die Spuren davon in der Stadt Zürich noch heute, sei das der schiere Reichtum einzelner Familien, seien das Malereien an den Häusern, die manchmal ganz unverblümt farbige Sklaven zeigen. Wissenschaftliche Publikationen gibt es darüber viele. Gabriela Kasperski hat es geschafft, den sperrigen Stoff in eine spannende Geschichte zu verpacken.

Gabriela Kasperski: Zürcher Verstrickungen. Kriminalroman. Emons Verlag, 336 Seiten, 20.90 Franken; ISBN 978-3-7408-1588-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783740815882

Weitere Buchtipps gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/

Basel, 23. Februar 2022, Matthias Zehnder

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