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Letzter Tipp: Kafka im Grossraumbüro

Verrat und Jugendträume

Publiziert am 26. Februar 2026 von Matthias Zehnder

Eines meiner Lieblingsgedichte von Bertolt Brecht ist «Der Radwechsel» aus dem Jahr 1953:
Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

An dieses Gedicht habe ich immer wieder gedacht, als ich «Die Lebensentscheidung» las, die neue Erzählung von Robert Menasse. Franz Fiala ist ein österreichischer Beamter der EU-Kommission in Brüssel. Er hetzt hin und her zwischen Brüssel und Wien und ist nie gerne da, wo er gerade ist. Vor vielen Jahren ist er voller Idealismus nach Brüssel aufgebrochen, um die Zukunft Europas mitzugestalten. Jetzt ist er zermürbt und desillusioniert. Er empfindet die Politik als schal und leer. Oder ist es sein Leben das er so empfindet? In seinem Büro erinnert er sich an seine Promotionsfeier in Wien, als seine Mutter nach der Tischrede des Vaters Schiller zitierte: «Sagen Sie ihm, dass er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er ein Mann sein wird!» Viele Jahre später steht er jetzt in seinem Büro in Brüssel und findet: «Nein, er hatte seine Überzeugungen nicht verraten, sie wurden verraten von jenen, in deren Dienst er stand.» Aber ist das wirklich so? In meinem 294. Buchtipp sage ich Ihnen, warum das neue Buch von Robert Menasse unter die Haut geht, auch wenn Sie mit Wien und Brüssel nichts am Hut haben.

 

Franz Fiala steht in seinem Büro in Brüssel und hat genug. Jahrelang hat er als Referent für die Europäische Kommission  gearbeitet, jetzt kann er nicht mehr. Er hat für etwas gelebt, von dem er überzeugt war. Jetzt distanziert er sich davon. Jahrelang hat er mitgearbeitet an der Entwicklung des Green Deal-Programms der Europäischen Kommission, dem Plan für einen ökologischen Wandel. Jetzt stehen ein paar Bauern mit Traktoren und Jauchewagen vor der Brüsseler Zentrale und die Kommission schreddert die Pläne sofort.

Franz Fiala war nur ein kleines Rädchen, aber eben doch ein Rädchen in der Maschinerie, die eine bessere Welt produzieren wollte. Und er fühlte sich betrogen. Er hatte genug. Es war sinnlos. Man konnte nicht für das Bessere arbeiten, wenn es für mächtige Interessensverbände besser war, mit Gift und Tod Profit zu machen. (Seite 11)

Die Bauern vor dem Bürogebäude in Brüssel hupen, werfen Stinkbomben, laden Mist ab, zünden Autoreifen an und schütten Fässer voller Jauche auf die Rue de la Loi. Das ganze Europaviertel wird blockiert. Im Haus ist schon nach kurzer Zeit klar, dass die leitenden Beamten auf den oberen Etagen denen da unten definitiv nachgeben werden. Das hat sich schon nach den grossen Demonstrationen in Berlin und Paris Ende des vergangenen Jahres abgezeichnet.

Franz Fiala macht das wütend. Er hämmert voller Verzweiflung mit der Faust an sein Fenster: Weniger als vier Prozent der europäischen Bevölkerung sind Bauern, und sie bekommen ein Drittel des EU-Budgets an Förderungen. Aber sie wollen weder Formulare ausfüllen noch mit einer Frist von zehn Jahren von krebserregenden Umweltgiften auf Alternativen umstellen.

Die Bauern da unten kannten und wollten keine Kompromisse. Seine Wut wuchs. Sie war eine Wut auf die Wut, auf diese dumme, herrische, aggressive, unversöhnliche Wut der Demonstranten, oder der sogenannten Protestwähler, der «Menschen da draußen», die man «ernst nehmen» müsse, wie die Politiker so gerne betulich sagten, als wären «da draußen» nur Bauern, Rechtsextremisten, Faschisten oder Idioten, die angeblich keine Faschisten waren, sondern nur Faschisten wählten, das müsse man auseinanderhalten, und genau das war die Politik: auseinanderhalten, und dann versprechen, Brücken zu bauen, Gräben zuzuschütten. Jetzt schütteten die Bauern Jauche auf die Rue de la Loi, das musste man verstehen, aber warum konnte die Chefin, die Präsidentin der Europäischen Kommission, nicht sagen: Wir müssen auch die Wut von Herrn Fiala verstehen, wir müssen auch seine Ängste ernst nehmen! Es gab doch viele Fialas hier herinnen und da draußen! (Seite 12f.)

Franz Fiala fühlt sich von der EU Kommission verraten, für die er selbst arbeitet. Er steckt fest in der EU-Bürokratie und sieht deshalb nur noch einen Ausweg. Wenn Sie jetzt denken, dass sich der gute Franz gleich aus dem Fenster stürzt – falsch geraten. Die Fenster in seinem Büro lassen sich schon lange nur noch einen kleinen Spalt weit öffnen. Nein: Franz geht in Rente. Aus Protest gegen die Bürokratie wählt er – den bürokratischen Abgang.

Der Ausgangspunkt von Robert Menasses Erzählung ist also die Bürokratie in Brüssel. Anders als in seinem Roman «Die Hauptstadt» dreht sich seine Erzählung aber nicht um die Politik der europäischen Hauptstadt, er wendet das Thema ins Existenzielle. Max Weber hat von der «Entzauberung der Welt» durch die Bürokratie gesprochen. Er meint damit die Ablösung von magisch-religiösen Deutungen durch rationale Wissenschaft und bürokratische Organisation. Die Bürokratie wird zum Motor, der durch unpersönliche Regeln, Fachwissen und Effizienz das Leben zwar berechenbar macht, aber auch zu Sinnverlust führt. Robert Menasse führt anhand von Franz Fiala vor, wie sich das anfühlt.

Franz beschliesst also, seiner Arbeit vorzeitig den Rücken zu kehren. Damit gesteht er sich ein, dass er einer Lebenslüge aufgesessen ist: Seine Träume liessen sich in der Brüsseler Bürokratie nicht verwirklichen. Für Brüssel hat das keine Konsequenzen, aber für Franz Fiala.

Statistisch hatte er eine Lebenserwartung von noch zwanzig Jahren. Er hatte ungesund gelebt, viel geraucht. War das in der Statistik berücksichtigt? Er wollte seine Ruh‘, er wollte stressfrei leben, gute Bücher lesen, guten Wein trinken, ein paar schöne Reisen machen, solange er sie noch genießen konnte. Er hatte vieles im Leben falsch gemacht, nur weil er sich der Eigendynamik des Lebens ergeben hatte, immer fleißig, ernsthaft, überzeugt, engagiert, es ist immer gesagt worden, er sei so engagiert, so hatte er gearbeitet, in dieser simplen Automatik, wonach auf jeden Tag ein nächster Tag folgte, und plötzlich waren zwanzig, dreißig Jahre vergangen, im Rhythmus des Noch-nicht-Nicht-mehr: Immer wieder war für etwas die Zeit noch nicht gekommen, und dann war es immer wieder für etwas zu spät. (Seite 22)

Das ist der Radwechsel-Moment: Immer wieder war für etwas die Zeit noch nicht gekommen, und dann war es immer wieder für etwas zu spät. Franz erkennt seine Lebenslüge. Er fliegt nach Wien zu seiner Mutter. Sie ist auch im Alter seine wichtigste Bezugsperson. Franz stammt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater hat in einer Eisenhandlung gearbeitet. Sie hatten wenig Geld, aber die Mutter sorgte immer für Kultur. Sie sparte für Opern- und Theaterkarten, und für die Klassikerausgaben der Buchgemeinschaft. Aus diesen Büchern las sie dem kleinen Franz vor. Märchen hatte er nie gehört. Aber Heinrich Heine und Droste-Hülshoff.  Die Mutter war zuständig für die Ideale. Daran erinnert sie ihn heute noch.

Sie hatte eine Volksausgabe der Ilias, und darin zu lesen hatte für sie zum Aufbäumen gegen ihre Herkunft gehört. Es war mehr Pflichtgefühl als Begeisterung, wenn sie Homer las – sie war ja mehr Schiller–, aber einige Verse hatte sie sich gemerkt, seit damals, als sie dem kleinen Franzi vor dem Einschlafen daraus vorgelesen hatte. «Lass mich also nicht unrühmlich», deklamierte sie und zeigte auf Franz, «lass mich also nicht unrühmlich …» na? Weißt du noch? Ja. «… und ohne Kampf sterben, sondern–» Sondern? Beide: «Lass mich zuerst etwas Großes vollbringen …» Sie: Genau! «Lass mich zuerst etwas Großes vollbringen, von dem die Menschen später erzählen werden.» (Seite 28)

Schon damals hatte die Mutter dem kleinen Franzi das nicht einfach vorgelesen, sondern als Auftrag mitgegeben. Jetzt kehrt er als resignierter Frührentner aus Brüssel zurück. Und was hat er erreicht? Nichts. Franz muss also befürchten, dass er unrühmlich und ohne Kampf sterben wird.

Denn sterben wird er bald: Kaum in Wien angekommen, quälen ihn heftige Bauchschmerzen. Er versucht sie zu ignorieren, sie werden aber immer heftiger. Ein notfallmässig konsultierter Arzt spricht das Todesurteil aus: Pankreaskrebs im fortgeschrittenen Stadium.

Franz Fiala saß nach seiner Entlassung aus dem Spital (die therapeutischen Maßnahmen sollten nur aus Schmerzlinderung bestehen, bis demnächst das weitere Vorgehen zusammen mit anderen Fachärzten entschieden wurde) in seiner Garçonnière in der Postgasse, er war unfähig, etwas anderes zu tun, als vor sich hin zu schauen. Wie armselig das hier war. Nach einem Leben, einem doch gar nicht langen Leben, das zunächst zu den schönsten Hoffnungen berechtigt hatte und dann von ihm mit größtem Fleiß und Engagement geführt worden war. Aber bei allem Engagement: Er war nicht der Typ, der bis zur letzten Patrone kämpfte. Er hatte gegoogelt und wusste, dass bei einem Pankreaskarzinom die durchschnittliche Zeit zwischen Befund und Exitus sechs Monate betrug. Er dachte: Das war’s. (Seite 90)

Das wars noch nicht, aber es kommt ganz bestimmt anders raus, als Sie jetzt denken. Schliesslich hat Robert Menasse seine Erzählung eine «Novelle» genannt.

Kern der Erzählung ist nicht diese Krankheit, sondern die Täuschung. Mutter und Sohn verfallen gleichzeitig, ihr Verfall spiegelt sich. Beide versuchen dabei, durch Täuschung den anderen zu schonen. Die Lebensentscheidung, die der Titel nennt, ist nicht die Entscheidung, Brüssel den Rücken zu kehren. Franz entscheidet sich, der Mutter die Katastrophe zu ersparen, ihn sterben sehen zu müssen und so am Ende ihres Lebens den grösstmöglichen Lebensschmerz zu erfahren. Seine Lebensentscheidung ist der Entscheid zur Lüge.

Dabei spielen sich Mutter und Sohn in ihrem Verfall. Robert Menasse zeigt das fast wörtlich:

Er hatte Schmerzen. Wo? Überall. Gliederschmerzen. Am Rücken, hinunter in die Unterschenkel. Er ging seltsam, leicht schief, um dem Schmerz auszuweichen. Er konnte das kaschieren. Dachte er.
Als seine Mutter die Tür öffnete, war sie entsetzt.
Als seine Mutter die Tür öffnete, war er entsetzt.
Sie hatte noch mehr abgenommen, stand schief da, ihre Gesichtshaut war bleich und knittrig wie Pergament. (Seite 59)

Beide wollen sich nichts anmerken lassen, beide sind entsetzt darüber, wie schief der andere ist, beide versuchen, den anderen durch Täuschung zu schonen. Die Lüge als Lebensentscheidung. Damit verengt Robert Menasse den Fokus von der grossen Weltpolitik in Brüssel auf die beiden kleinen Leben in Wien. Er zeigt im Kleinen, was er mit seiner Kritik der Bürokratie im Grossen beklagt.

Und stellt uns vor grosse Fragen: Was ist mit meinen Träumen? Franz Fiala stellt fest, dass in seinem Leben immer wieder für etwas die Zeit noch nicht gekommen war – und dann war es immer wieder für etwas zu spät. Sind wir Mutlosen nicht alle zwischen diesem noch nicht – nicht mehr gefangen? Die Träume von Franz Fiala werden von Bürokraten zerrieben und versinken in der Jauche der protestierenden Bauern. Ihm bleibt nur die Wut und die frisst ihn innerlich auf. Aber ist das wirklich so? Bleibt ihm nur die Wut? Wie könnte er seinen, wie können wir unseren Jugendträumen treu bleiben?

Die Mutter zitiert aus «Don Carlos» von Friedrich Schiller. Das vollständige Zitat lautet:

Sagen Sie
Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend
Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,
Nicht öffnen soll dem tödtenden Insekte
Gerühmter besserer Vernunft das Herz
Der zarten Götterblume – daß er nicht
Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit
Begeisterung, die Himmelstocher, lästert.
(Friedrich Schiller: «Don Carlos»; Marquis Posa zu König Philipp, 4. Akt)

Schiller sagt es deutlich: öffne Dein Herz nicht dem Stachel der sogenannt besseren Vernunft, lass Dir von der staubtrockenen Weisheit die Begeisterung nicht vom Himmel holen. Sonst, ja: sonst endest Du beim «Radwechsel»:

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

Robert Menasse: Die Lebensentscheidung. Novelle. Suhrkamp, 158 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-518-43274-7

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783518432747

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 26.02.2026, Matthias Zehnder

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Quellen:

Brecht, Bertolt (1988): Werke. 12: Gedichte ; 2: Sammlungen 1938 – 1956, hrsg. v. Werner Hecht, 1. Aufl, Frankfurt am Main 1988.

Schiller, Friedrich (2012): Don Carlos, Infant von Spanien: Ein dramatisches Gedicht (Reclams Universal-Bibliothek), Ditzingen 2012 Reclams Universal-Bibliothek.