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Letzter Tipp: Die fünf spannendsten Bücher des Jahres 2025
Verhängnisvoller Champagner
Kein anderes Getränk spielt zum Jahreswechsel eine grössere Rolle als Champagner: Der Schaumwein aus der Champagne fliesst in Strömen, wenn das neue Jahr anbricht. Doch ist nicht alles Champagner, was schäumend sich ins Glas ergiesst: Es gibt vom italienischen Prosecco über den deutschen Sekt bis zum Crémant d’Alsace viele andere spannende Produkte, die ganz ähnlich prickeln. Keiner dieser schäumenden Weine erzielt aber so hohe Preise wie das Original aus der Champagne. Die Anbaufläche 150 km nordöstlich von Paris umfasst knapp 35’000 Hektar. Seit 1927 ist das Anbaugebiet der Champagne gesetzlich bestimmt. Der Ertrag ist entsprechend beschränkt. Da ist die Versuchung gross, dem edlen Tropfen mit billigerem Traubensaft aus anderen Gebieten nachzuhelfen. Genau das passiert im Krimi von Tom Hillenbrand. Bereits zum achten Mal ermittelt, wie immer eher widerwillig, der luxemburgische Sternekoch Xavier Kieffer in Sachen Mord und Lebensmitteln. Nach gepanschtem Olivenöl, bitterer Schokolade und tödlichem Honig dreht sich der neuste Fall, Sie haben es erraten, um Champagner. Der Koch wird in der Champagne Zeuge eines Unfalls in einer Kellerei. Aber war es wirklich ein Unfall? Xavier Kieffer beginnt, in der Champagne zu Schnüffeln. In meinem 286. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum Sie den Krimi auch dann lesen können, wenn Sie die Neujahrstage trocken verbringen.
Die Ermittler in literarischen Krimis haben unterschiedliche Berufe. Auf der Hand liegt etwa, dass ein Anwalt ermittelt. Ich denke etwa an Mickey Haller aus der Serie «Lincoln Lawyer» von Michael Connelly. Bei Journalisten ist der Übergang zwischen Recherchieren und Ermitteln fliessend. Eine meiner Lieblingsfiguren ist Mikael Blomkvist aus der «Millennium-Trilogie» von Stieg Larsson. Etwas weniger auf der Hand liegt der ermittelnde Priester. Unvergessen sind der kluge William von Baskerville aus «Der Name der Rose» von Umberto Eco und Rabbi David Small aus der Krimireihe von Harry Kemelman. Dick Francis hat uns eine ganze Reihe von detektivischen Jockeys hinterlassen. Sie ermitteln oft, um ihren eigenen Hals zu retten (durchaus im wörtlichen Sinn). Zusammen mit seinem Sohn Felix hat Francis den Krimi «Abgebrüht» geschrieben. Die ermittelnde Hauptfigur des Romans heisst Max Moreton. Er ist Sternekoch mit einem Restaurant in Newmarket, dem Zentrum des englischen Pferderennsports. Nach einem Gala-Dinner, das Max ausgerichtet hat, leiden viele Gäste an einer schweren Lebensmittelvergiftung. Also beginnt Max zu ermitteln.
Max Moreton war, wenn ich meine Bücher richtig überblicke, bisher der einzige Sternekoch, dem ich in der Rolle eines Ermittlers begegnet bin. Übersehen habe ich dabei, dass in einem kleinen Restaurant in Luxemburg ein ehemaliger Sternekoch regelmässig Mordfälle aufklärt. Xavier Kieffer, erfunden von Tom Hillenbrand, betreibt in der Altstadt von Luxemburg-Stadt das Restaurant «Deux Églises». Kieffer war früher Spitzenkoch in einem Sternerestaurant, er hat sich aber bewusst vom Glanz und Gloria der besternten Küche abgewendet. In seinem Restaurant serviert er bodenständige luxemburgische Küche: Bouneschlupp, Judd mat Gaardebounen, Rieslingspaschtéit. Xavier Kieffer steht also für Qualität ohne Chichi, echte Bohnen ohne falsche Garnitur. Er geniesst das Essen und das Leben und bleibt seinen Freunden treu – über den Tod hinaus.
Was bei Dick Francis das Pferdesportmilieu, ist bei Tom Hillenbrand die Gastroszene: Xavier Kieffer schnüffelt seit acht Bänden in der kulinarischen Welt herum. Die Reihe begann 2010 mit «Teufelsfrucht»: Xavier Kieffer gerät darin eher unfreiwillig in seinen ersten Fall. Ein befreundeter Gastrokritiker stirbt unter mysteriösen Umständen in seinem Lokal. Kieffer beginnt mit den Ermittlungen, weil er das Kulinarik-Milieu gut kennt. Seither ergeben sich seine Fälle immer aus seinen Beziehungen zur Gastronomie und der Lebensmittelindustrie.
Diese Verbindung von Kulinarik und Kriminalfall macht Xavier Kieffer besonders. Autor Tom Hillenbrand nutzt die Fälle, um dunkle Seiten der Gastronomie und der Lebensmittelindustrie zu zeigen. Schon im ersten Band der Serie geht es ordentlich zur Sache: Im Zentrum steht eine neu entdeckte Frucht aus Papua-Neuguinea. Diese «Teufelsfrucht», die dem Roman den Titel gab, soll über erstaunliche Eigenschaften verfügen. Tom Hillenbrand thematisiert dabei eine düstere Seite der Lebensmittelbranche: Er zeigt, wie die Nahrungsmittelindustrie mit künstlichen Aromen unsere Zunge und den Gaumen manipuliert, um uns ihre Industriepampe zu verkaufen.
Diese synthetischen Aromen und künstlichen Geschmacksstoffe sind das Gegenteil der Küche von Xavier Kieffer. Sein Restaurant «Deux Eglises» in Luxemburg steht für ehrliche, bodenständige Küche. Kieffer weigert sich, all den EU-Beamten, den Gastrokritikern und den Food-Bloggern kulinarisch auch nur einen Jota entgegenzukommen: Er serviert seinen Gästen standhaft luxemburgische Traditionsgerichte nach Rezepten, wie sie seine Oma liebte. Ehrliche Küche, begleitet von ehrlichen Weinen. Und, im neuen Band, Schaumweinen.
Er trat an den Tisch, setzte sein breitestes Chefkochlächeln auf.
«Guten Abend», sagte Kieffer auf Englisch, «bereit für die Getränke?»
Der Älteste am Tisch, ein Herr mit kahl rasiertem Schädel, nickte und sagte: «Wasser. Flasche. Und eine Diet Coke für mich.»
«Gerne. Möchten Sie auch einen Aperitif?»
Die vier jüngeren Mitarbeiter blieben stumm. Vermutlich warteten sie, ob ihr Spesenverwalter einen bestellte. Kurz fragte Kieffer sich, ob er vielleicht falsch lag und es sich doch nicht um Fondsmanager handelte, sondern um Wirtschaftsprüfer. Letztere waren immer ein bisschen knickerig.
Der Glatzkopf schaute in die Runde, lächelte. Kieffer kannte diesen Blick. So guckten die Leute immer, wenn sie ihren Tisch beeindrucken wollten, indem sie etwas Teures bestellten. Der Mann zeigte auf die Getränkekarte.
«Das hier, ah, Domaine Schmartz-Weber. Ist das Champagner?»
«Das ist ein Crémant.»
Die Amerikaner sahen ihn verständnislos an.
«Ein Schaumwein, kommt aus Luxemburg. Wird genauso gemacht wie Champagner, also: Flaschengärung. Dieser ist sehr gut.»
«Okay. Aber es ist kein richtiger Champagner?»
«So darf nur heißen, was wirklich aus der Champagne kommt. Aber wie gesagt …»
«Haben Sie keinen richtigen Champagner? Wir hätten gerne den wahren Jakob.»
Der Glatzkopf sagte the real McCoy, aber Kieffer vermutete, dass er damit den Jakob meinte – dass er keine Kopie wollte. Der Koch spürte, wie sein Blutdruck anstieg. Natürlich hatte er auch französischen Champagner im Keller. Aber der Crémant war diesem geschmacklich ebenbürtig und zudem eine hiesige Spezialität.
Das «Deux Eglises» bot in erster Linie regionale luxemburgische Küche an und servierte dazu Tropfen von der Mosel. Doch er ahnte, dass es keinen Sinn machte, dem Glatzkopf diese Dinge auseinanderzusetzen. Also sagte er: «Selbstverständlich, der Herr. Ich hätte einen.» Er hielt dem Mann die Karte hin und zeigte auf die nächste Seite. «Einen Haendinger Jahrgangschampagner. Ferner einen Ledoux & Duvalle.»
An den Gesichtern sah Kieffer, dass diese Leute den Namen des ersten Champagnerhauses noch nie gehört hatten. Bei der Erwähnung von Ledoux & Duvalle leuchteten ihre Augen hingegen.
«Great! Wir nehmen eine Flasche von dem Ledoux & Duvalle.»
Es war der schlechtere der beiden – Schaumwein von der Stange, sozusagen.
«Eine hervorragende Wahl», sagte Kieffer, «Flasche kommt sofort. Mit dem Essen schauen Sie noch? Sehr gut, ich bin gleich wieder da.» (Seite 14f.)
Die Bestellung der Amerikaner, die Xavier etwas grimmig aufnimmt, führt zum Kern der Geschichte: Schaumwein aus der Champagne. Champagner also. Das ist nicht nur eine Herkunftsbezeichnung, sondern war lange auch eine Produktionsweise. Heute heisst die «Méthode Champenoise» allerdings «Méthode Traditionnelle», damit sich kein Schaumwein als falscher Champagner ausgeben kann.
Bei dieser Methode wird Wein nach einer ersten Gärung im Tank auf Flaschen gezogen, mit Zucker und Hefe versetzt und so zu einer zweiten Gärung in der Flasche gebracht. Die Hefe wandelt dabei den Zucker in Alkohol und Kohlensäure um. Weil das Gas nicht entweichen kann, bindet es sich im Wein – der Champagner beginnt zu prickeln. Es folgt ein aufwändiges Verfahren, bei dem die Flasche gedreht und gerüttelt und immer steiler gestellt wird, bis sich die Hefe im Flaschenhals gesammelt hat. Dann wird die Flasche in ein Eisbad getaucht, so dass der Hefepfropfen gefriert. Der Kronkorken wird geöffnet, und der Innendruck schiesst den Eis-Hefe-Pfropfen heraus. Die Flasche wird mit einer Mischung aus Wein und Zucker aufgefüllt und mit einem Naturkorken verschlossen, gesichert durch ein Drahtgestell.
In der Flasche vergorene Schaumweine gibt es aus verschiedenen Regionen. Beliebt sind in Frankreich etwa der Crémant d’Alsace aus dem Elsass und der Crémant de Bourgogne aus dem Burgund, in Spanien der Cava aus der Region Barcelona und in Italian der Franciacorta aus der Lombardei, aber auch in Südafrika, Deutschland, Österreich und sogar in England wird nach der Méthode Traditionnelle Schaumwein produziert wie in der Champagne.
Damit ein Schaumwein sich als «Champagner» bezeichnen darf, muss er zu hundert Prozent aus Trauben hergestellt sein, die aus dem Gebiet der Champagne stammen. Meistens handelt es sich dabei um Chardonnay, Pinot Noir oder Pinot Meunier. Die Trauben müssen von Hand geerntet werden. Maschinen sind verboten. Es darf nur eine bestimmte Menge Trauben pro Hektar geerntet werden, und aus einer bestimmten Menge Trauben darf nur eine begrenzte Menge Saft gepresst werden. Ein Champagner muss mindestens 15 Monate reifen, 12 Monate davon auf der Hefe in der Flasche. Bei einem Jahrgangschampagner sind es sogar mindestens drei Jahre. Ein Journalist erklärt Xavier Kieffer, wie die Hersteller beim Champagner tricksen.
«Vorgeschrieben sind mindestens fünfzehn Monate. Erstklassige Schaumweine lagern länger, drei Jahre. Bei Jahrgangschampagnern sind es oft sogar fünf. Aber betriebswirtschaftlich betrachtet ist natürlich schon das Minimum von fünfzehn Monaten brutal. Die Faustregel lautet, dass von dem Moment, wo man die Trauben kauft, bis zu dem, wo man den daraus hergestellten Champagner verkaufen kann, mindestens zwei Jahre vergehen.»
«Klingt kapitalintensiv.»
«In der Tat. Eine Möglichkeit, seinen Schnitt zu verbessern, ist es deshalb, die Reifung auf der Hefe zu verkürzen.»
«Fällt das nicht auf?»
«Bei einer Flasche, die irgendwo in München oder Maastricht im Supermarkt steht? Wem denn?» (Seite 270)
Chefkoch Xavier interessiert sich für gepanschten Champagner, weil er in der Champagne Zeuge eines Unfalls geworden ist: Luc Reiser, Besitzer und Chef von Champagne Reiser, eines kleinen, unabhängigen Weinguts in der Champagne, ist dabei ums Leben gekommen. Xavier kennt Luc seit dreissig Jahren, hat ihn aber aus den Augen verloren. Als Xavier in den 80er-Jahren in einem Sternelokal in der Champagne seine Kochausbildung absolvierte, hatte er Luc kennengelernt: Der «Champagnerprinz» machte in derselben Küche ein Praktikum – und spannte Xavier die Freundin aus. Es ist lange her. Xavier ist dem Champagnermacher nicht mehr böse, sucht aber auch seinen Kontakt nicht mehr. Er ist deshalb überrascht, als er ihn in Paris auf einer Kulinarik-Party zufällig trifft und Luc ihn auf sein Gut einlädt. Als Xavier da auftaucht, liegt Luc unter einer Gyropalette begraben. Das sind riesige, stählerne Käfige, in denen die Flaschen für die remuage vollautomatisch gedreht werden. Die können eigentlich nicht abstürzen, oder?
Xavier kann Luc nicht mehr helfen. Luc flüstert einige letzte Worte, darunter «Händler, Sauerei, König und Kaiser». Xavier findet zudem in einer Tasche von Luc eines dieser Plättchen, die zwischen Korken und Metallbügel eines Champagners geklemmt werden. Dieses Plättchen ist golden. Zunächst schöpft Xavier keinen Verdacht. Als er aber wenig später kurz nach Schliessung seines Restaurants in Luxemburg Besuch von zwei Schlägern erhält, die ihn nach Champagnerflaschen fragen, wird er misstrauisch und beginnt, nach Xavier Kieffer-Art, zu ermitteln.
Der neue Fall von Xavier Kieffer verspricht also prickelnde Unterhaltung. Und gibt, zumindest was den grossen Schaum um die Weine angeht, dabei auch noch zu denken.
Tom Hillenbrand: Verhängnisvoller Champagner. Ein kulinarischer Krimi. Xavier Kieffer ermittelt. Kiepenheuer & Witsch, 496 Seiten, 21.50 Franken; ISBN 978-3-462-00329-1
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462003291
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 01.01.2026, Matthias Zehnder
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