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Sonnenaufgang mit Giraffen

Publiziert am 14. September 2023 von Matthias Zehnder

1938 zerstörte die Grosse Depression in den USA den amerikanischen Traum: Ein Viertel der Bevölkerung wurde arbeitslos. Junge Menschen ohne Ausbildung hatten keine Chance mehr, Arbeit zu finden. Menschen wie der 17-jährige Woodrow Wilson Nickel. Nachdem er in Texas das letzte Familienmitglied beerdigt hat, reist er nach New York zu einem entfernten Verwandten – mit der ebenso entfernten Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Doch ein Hurrikan zerschlägt diese Hoffnung. Der Sturm trifft auch ein Schiff schwer, das zwei Giraffen aus Afrika an Bord hat. Die Giraffen sind für einen Zoo in Kalifornien bestimmt. Der junge Woody verliebt sich auf der Stelle in die Tiere mit den grossen Augen und den langen Hälsen. Mit viel Ausdauer und Hartnäckigkeit gelingt es ihm, als Fahrer für deren Transport angeheuert zu werden. Es beginnt eine phantastische Reise quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika. In meinem 171. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es sich lohnt, diese wunderbar schräge Coming of Age-Geschichte zu lesen.

Giraffen sind wunderbare Tiere. Mit einer Höhe von bis zu sechs Metern sind sie offiziell die höchsten Tiere der Welt. Ihr Blutdruck ist etwa doppelt so hoch wie der anderer Säugetiere. Sie haben eine blaue Zunge, die bis zu einen halben Meter lang werden kann. Und sie haben wunderbar schöne Augen mit langen Wimpern. Giraffen haben die Menschen seit je fasziniert. Die erste lebende Giraffe wurde schon im Jahr 46 v. Chr. nach Europa gebracht und zwar von niemand geringerem als Gaius Julius Caesar.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind Giraffen in den USA noch eine grosse Sensation. Bis 1925 gab es in ganz Nordamerika insgesamt gerade einmal fünf Giraffen. Als 1938 die beiden Giraffen «Lofty» und «Patches» auf dem Landweg von der Ostküste her den San Diego Zoo in Kalifornien erreichen, berichten die Zeitungen gross darüber. Diese Berichte bilden die Basis für den Roman von Lynda Rutledge.

Die Geschichte setzt ein, als die Giraffen auf der S.S. Robin Goodfellow aus Mombasa im heutigen Kenia in New York eintreffen. Kurz zuvor sind Schiff und Stadt vom bis dato heftigsten Hurrikan der Geschichte heimgesucht worden. Über 700 Menschenleben kostet der Sturm. Er hinterlässt am Schiff und an den Transportkäfigen schwere Schäden. Dass die Giraffen überleben, ist ein Wunder. Allerdings hat sich das Weibchen an den Beinen verletzt. Die Lage scheint hoffnungslos.

Insbesondere für unseren jungen Helden: Der letzte Verwandte von Woody liegt tot unter den Trümmern seines Lagerhauses am Quai. Woody selbst erwacht nur aus einer Ohnmacht, weil ihm ein Landstreicher die Schuhe ausziehen will. Da sieht er die Giraffen und es ist um ihn geschehen. Obwohl ihm sein Vater eingetrichtert hat, dass Tiere nur zum Schlachten da seien, verliebt er sich sofort in die beiden Giraffen. Er findet heraus, dass sie mit einem Lastwagen quer durch die USA nach Kalifornien transportiert werden sollen. Noch am Hafen fasst er einen Entschluss: Er will mit. Nach Kalifornien.

Zunächst verfolgt er den Transporter auf einem geklauten Motorrad bis zur Quarantänestation. Da schleicht er sich in den Käfig der grossen Tiere und freundet sich mit ihnen an. Er ist selbst zwar am verhungern, teilt aber einen Apfel und eine Zwiebel mit ihnen. Der Transporter bricht mit seiner wertvollen Fracht auf, Woody folgt ihm auf dem Motorrard. Als sich der Fahrer bei einem Zwischenhalt betrinkt, vom Begleiter der Giraffen zusammengestaucht und von den Giraffen mit dem Huf am Kopf getroffen wird und flüchtet, ist Woody deshalb zur Stelle. Er packt die Chance am Kopf und bietet sich als Fahrer an. Obwohl er noch nie einen Lastwagen gesteuert hat, schafft er es, den Begleiter der Giraffen zu überzeugen, ihn anzuheuern.

Dieser Begleiter ist ein älterer Mann namens Riley. Er ist Tierpfleger im Zoo von San Diego und kann den Lastwagen nicht steuern, weil er eine verstümmelte Hand hat. Zwischen Woody und Riley entwickelt sich eine grummelige Freundschaft. Die beiden raufen sich zusammen und versuchen, das Unmögliche zu schaffen: die beiden Giraffen trotz der Verletzung am Bein lebend quer durch die Vereinigten Staaten zu transportieren. Die Transportkiste mit den beiden Tieren steht senkrecht auf der Ladefläche des Lastwagens. Während der Fahrt dürfen die beiden oft oben aus der Kiste schauen. Manchmal müssen sie aber auch die Köpfe einziehen. Es geht in der Höhe oft um Zentimeter. Einmal müssen Woody und Riley sogar den Luftdruck in den Reifen des Lastwagens verringern, damit die Fracht entscheidende Zentimeter an Höhe verliert.

Bei allen Schwierigkeiten mit Unterführungen, Reportern (und Reporterinnen) und einem aggressiven Zirkusdirektor dreht sich die Geschichte aber um die Giraffen. Und um das Verhältnis, das wir Menschen zu den Tieren haben. Woody lernt von Riley, dass es möglich, dass es erlaubt ist, Tiere gern zu haben.

Riley erklärt Woody, dass der San Diego Zoo die Giraffen haben möchte, weil jeder eine Giraffe sehen will.

«‹Und einige müssen sie sogar sehen. Wenn man bedenkt, was du auf dich genommen hast, um hier zu sein, scheinst du zu denen zu gehören, die sie sehen müssen.›
Ich muss einfach nur nach Kalifornien kommen, schoss es mir durch den Kopf.
‹Ah, du denkst jetzt bestimmt: Du willst einfach nur nach Kalifornien kommen›, fuhr er fort, noch ehe ich überhaupt fertig gedacht hatte. ‹Aber du musstest auch die Giraffen sehen – du weisst nur nicht, warum, hab ich recht? Ich sag es dir, Weil Tiere das Geheimnis des Lebens kennen.›
Ich war lediglich an einem einzigen Geheimnis interessiert: zu überleben. Ausserdem war ich überzeugt davon, dass er mich bloss auf den Arm nehmen wollte, und ich wartete nur darauf, dass er wieder anfing zu kichern. Stattdessen warf er den Giraffen mit derselben resoluten Zärtlichkeit, die ich schon in der Quarantänestation an ihm beobachtet hatte, über den Aussenspiegel einen Blick zu und redete weiter.
‹Tiere sind so, wie sie sind: vollkommen. Sie leben nach Regeln, die wir nicht kennen, und verfügen über ein Wissen, das über unseren eigenen dürftigen Horizont weit hinausreicht. Und Giraffen scheinen noch viel mehr zu wissen. Elefanten, Tiger, Affen, Zebras …Was immer du in ihrer Nähe fühlst – in der Nähe von Giraffen ist es noch mal etwas anderes. Gilt eindeutig auch für unsere beiden – trotz der Hölle, durch die sie gegangen sind.› Er hatte die Giraffen nicht aus den Augen gelassen. Dann stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht.» (Seite 104)

Das ist, bei allen Abenteuern, der Kern der Geschichte: Wie wollen wir das Verhältnis zu Tieren gestalten? Behandeln wir sie wie Sachen – oder wie Lebewesen?

Zwischen Woody und Riley entwickelt sich während der Reise eine Beziehung, die mich an die Beziehung zwischen Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer erinnert hat. Bloss die technischen Fähigkeiten sind umgekehrt verteilt. Es ist aber eine ähnliche, fast schon magische Reise, die dazu führt, dass der junge Woody erwachsen wird. Erzählt wird die Geschichte übrigens von Woody selbst: In der Gegenwart lebt er in einem Pflegeheim und schreibt seine Geschichte auf. Die ironische Wende: Im Heim bringt ihm das Pflegepersonal deutlich weniger Verständnis entgegen, als er damals den Giraffen entgegengebracht hat.

Lynda Rutledge: Sonnenaufgang mit Giraffen. Roman. Piper, 432 Seiten, 31.50 Franken; ISBN 978-3-492-07095-9

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492070959

Weitere Buchtipps gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/

Basel, 14. September 2022, Matthias Zehnder

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