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Letzter Tipp: Der blaue Salamander

Schatten über Monte Carasso

Publiziert am 10. Juli 2024 von Matthias Zehnder

Sommer, Ferien, Reisezeit. Wie jeden Sommer entführe ich Sie in meiner literarischen Sommerserie mit einer Reihe von spannenden Romanen und Krimis an interessante Orte auf der ganzen Welt. Diese Woche führt die Reise ins Tessin. Hier, im kleinen Bergdorf Montagnola, hat Hermann Hesse 1919 Zuflucht gefunden. Hier hat er nicht nur Werke wie «Der Steppenwolf» und «Das Glasperlenspiel» geschrieben, sondern auch die friedliche Landschaft gemalt. Und hier spielen die Krimis von Mascha Vassena. In Montagnola lebt Ambrogio Rusconi, emeritierter Professor für deutsche Literatur. Ihm geht der Hesse-Tourismus im Dorf auf den Wecker. Er liest Hesse lieber, als ihn zu feiern. Auch wenn er sehr gerne feiert. Davon zeugen der Speckgürtel um seine Hüfte und die schlechten Blutwerte. Sein Arzt hat ihn deshalb zu einer Kur in der schicken Wellnessklinik Villa Carasso verdonnert. Damit er da nicht versauert, hat er Tochter Moira eingeladen, mit ihm zu kuren. Die lebt als Übersetzerin mit ihrer Tochter Luna in Frankfurt. Die Aussicht auf ein paar Tage Wellness mit Papa Ambrogio locken sie aber schnell ins Tessin. Kaum ist Moira in der Klink eingetroffen, verschwindet eine Patientin. Statt den Zauber der Bergklinik zu geniessen, steckt Moira ihre Nase mal wieder in einen Fall. In meinem 212. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum sich diese literarische Reise ins Tessin lohnt.

Das Tessin gilt als Sonnenstube. Nicht nur Deutschschweizer, auch viele Deutsche verbringen gerne Ferien in der Südschweiz. Vermutlich ist es die Kombination aus italienischer Lebensart und sonnigem Wetter einerseits und Schweizer Qualität und Aufgeräumtheit andererseits, die so viele Deutschsprachige anzieht. Die Folge davon ist, dass sich im Tessin viele Menschen tummeln, die kein Italienisch sprechen. Moira Rusconi, die als Übersetzerin ihren Lebensunterhalt mit dem Übertragen von Betriebsanleitungen verdient, hat deshalb bereits zweimal die lokale Polizei als Übersetzerin unterstützt. Im neuen Roman will sie aber erst mal nur ausspannen. Die Einladung von Papa Ambrogio kommt ihr da gerade recht.

Zusammen fahren die beiden bei der noblen Villa Carasso vor. Ambrogio nimmt die Kurven zur Villa auf seiner Honda Goldwing. Das ist eine Art Sofa auf zwei Rädern. Moira tuckert ihm in seinem alten, rostigen Geländewagen hinterher. Die Villa liegt verborgen hinter Palmen, Sträuchern und Farnen und leuchtet weiss in der gleissenden Augustsonne des Tessins. In der Glasverkleidung der Seitenflügel spiegelt sich die Auffahrt mit den Palmen. Moira findet, es sehe aus wie bei «Downton Abbey!». Mit ihrem alten Auto wird sie prompt für eine Lieferantin gehalten und angewiesen, nach hinten, zum Lieferanteneingang zu fahren.

Die Villa Carasso liegt zwar auf einem Berg und ist zum Kuren da, Zauberbergathmosphäre stellt sich aber nicht ein. Die Mischung aus herrschaftlicher Eleganz und klinischer Klarheit, die Kombination von altem Marmor und modernen Konstruktionen aus Stahl und Glas machen klar: Hier herrscht nicht Nostalgie, sondern die Wissenschaft. Dafür sorgt die Hausherrin, Dr. Bonvin. Sie hat eine Eigenbluttherapie entwickelt. Das Blut wird dabei mit Vitalstoffen angereichert. Dr. Bonvin versichert Moira, dass sie sich schon nach der ersten Behandlung wie neu geboren fühlen werde. Doch Moira setzt lieber auf Entspannung – und auf Yoga.

Die Yoga-Stunden werden von Dr. Bonvins Ehe- und Geschäftspartner Olivier erteilt, einem charismatischen Mann, der es versteht, den Patientinnen viel Aufmerksamkeit zu schenken. In ihrer ersten Yoga-Stunde trifft Moira ausgerechnet Luca Cavadini, den Pathologen der Kiminalpolizei von Lugano. Luca war als Teenager ihre erste Liebe. Diese Liebe ist im letzten Roman wieder aufgeflammt. Aber Luca ist verheiratet, wenn auch mittlerweile unglücklich, und hat ein Kind. Moira hat sich deshalb vorgenommen, sich zurückzuhalten. Doch jetzt begegnen sie sich auf dem Berg im Yoga und umarmen sich ganz unverhofft.

Moira kann ihre Yoga-Stunden, die Aussicht auf die Berge und das bekömmliche Essen aber nicht lang geniessen. Schon nach wenigen Tagen wird Julia vermisst, eine Patientin, mit der sich Moira gerade angefreundet hatte. Julia hat sich in der Klinik vor ihrem Mann versteckt, dem Manager eines internationalen Grosskonzerns. Er will ihr das Sorgerecht des gemeinsamen Kindes entziehen. Julia hat Angst vor ihm. Die Klinik versucht, das Verschwinden von Julia unter dem Deckel zu halten. So etwas ist schlecht fürs Geschäft. So beginnt Moira, auf eigene Faust zu schnüffeln, bis sie überzeugt ist, dass da etwas faul ist. Sie informiert Ispettrice Chiara Moretti, ihre Freundin bei der Polizei in Lugano.

Langsam kommt eine Ermittlung ins Rollen, die eine düstere Geschichte ans klinisch-helle Tageslicht der Klink bringt. Moira muss sich dabei sogar ihrer Höhenangst stellen. Zuerst in der kleinen Seilbahn, die Carasso mit der Alp Curzùtt verbindet und dann ausgerechnet auf dem Ponte Tibetano, einer im tibetanischen Stil erbauten Hängebrücke. Die Seilbrücke für Fussgänger ist 270 Meter lang. Der schwankende Steg schwebt 130 Meter über dem Talboden. Das wäre auch für mich eine Herausforderung. Zum Glück ist Moira nicht allein auf der Brücke.

In einem ruhigen Moment entspannt sie sich in Ambrogios Garten in Montagnola: Sie nahm einen Schluck von Ambrogios hausgemachter Zitronenlimonade, die neben der Liege stand und perfekt zwischen süß und sauer ausbalanciert war, dann ließ sie sich wieder zurückfallen und lauschte dem Vogelgezwitscher, Elfriedes Schnurren und dem Summen von Ambrogios Bienen, die zwischen den Kleeblüten hin und her flogen. Doch es kam ihr vor, als läge unter der idyllischen Oberfläche die wirkliche Welt, die düster und gefährlich war. Schreckliche Dinge konnten in nächster Nachbarschaft passieren, ohne dass man davon wusste. Menschen gingen kurz weg und kehrten nie wieder nach Hause zurück.
Die Bassstimme ihres Vaters schreckte sie hoch. «Na, wie sehe ich aus?» Er kam in ihr Blickfeld, in ein weißes Hemd, eine weiße Bundfaltenhose und seinen Strohhut gekleidet. «Kann ich so zum Aperitif mit Arianna gehen?» Er breitete die Arme aus und drehte sich etwas unbeholfen um sich selbst.
«Beinahe ein bisschen zu schick.» Moira stutzte. «O mein Gott, du willst ihr den Antrag machen?» (Seite 328f.)

Das bringt die Tessin-Krimis von Mascha Vassena gut auf den Punkt: Unter einer idyllischen Oberfläche liegt eine gefährliche, düstere Welt verborgen. Schaudernd blickt Moira bei ihren Ermittlungen unter die Oberfläche. Weil sie kein Polizeiprofi ist, hat sie sich den guten Glauben an die Menschen und ihre Naivität behalten. Als Leser können wir uns deshalb gut mit ihr identifizieren – und bangen um sie, wenn sie ihre Nase mal wieder zu tief in fremde Angelegenheiten steckt. Ausbalanciert wird der Suspense mit der Tessin-Romanze zwischen Moira und Luca – und der Altersliebe ihres Vaters zu Staatsanwältin Arianna.

Eine wunderbar-leichte Ferienlektüre – mit einem kleinen Wermutstropfen: Gerade in einem Roman, dessen Hauptfigur Übersetzerin ist von Beruf, sollte die Sprache sitzen. Im Fall der Schweizerdeutsch-Zitate stimmt die Sprache aber ganz und gar nicht. Die Tante von Dr. Bonvin, die den Wellness-Tempel in den Tessiner Bergen finanziert hat, weigert sich im Gespräch mit Chiara und Moira, Hochdeutsch zu sprechen. In ihrem eigenen Land wolle sie auch ihre eigene Sprache sprechen. Was sie dann aber spricht, ist ein verquerer Mix aus Schweizerdeutsch und Schriftdeutsch. So redet auch in der Schweiz niemand.

Davon abgesehen lohnt sich die literarische Reise mit Mascha Vassena ins Tessin, weil sie es gut versteht, die Sorgen und Nöte der Einheimischen zu thematisieren. Als in Montagnola eine Firma in eine Rodelbahn investieren will, kommt es in der Osteria zu einer Dorfversammlung. Gemeindepräsidentin Daria, die auch das Hermann Hesse-Museum leitet, plädiert für die Bahn. Sie findet, so eine Rodelbahn würde den Tourismus beleben und könnte Chancen für Restaurants und Läden im Dorf bringen. Viele Dorfbewohner sind jedoch dagegen, unter ihnen auch Moira und Ambrogio. Moira findet, das Dorf solle lieber auf sanften Tourismus setzen und Ambrogio warnt in grellen Farben vor dem Massentourismus, den eine solche Bahn unweigerlich mit sich bringe. Es ist ein Dilemma, das viele Gemeinden im Tessin nur zu gut kennen. Moira und ihre Freunde lassen sich vom Streit um die Bahn aber nicht abhalten, dem Merlot zuzusprechen. Denn auch das gehört zum Tessin. Monte Carasso gibt es übrigens wirklich. Bloss die Wellnessklinik ist erfunden – und zwar gut.

Mascha Vassena: Schatten über Monte Carasso. Moira Rusconi ermittelt. Eichborn, 368 Seiten, 26.5 Franken; ISBN 978-3-8479-0167-9

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783847901679

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Basel, 10. Juli 2024, Matthias Zehnder

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