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Eine Fantasie der Zeit

Publiziert am 14. März 2024 von Matthias Zehnder

Wenn eine Autorin oder ein Autor eine erfundene Geschichte erzählt, dann ist das Fiktion. Wenn die Hauptfigur in dieser Geschichte die Autorin oder der Autor selbst ist, dann ist es Autofiktion. Die Schreibenden vermischen dabei autobiografische und fiktionale Elemente, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Ein Meister dieses Genres ist der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm. Die Helden seiner Bücher sind Männer, die sehr an ihn selbst erinnern. Vor einem Jahr hat der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm den Roman «In einer dunkelblauen Stunde» veröffentlicht. Im Roman will ein Fernsehteam einen Dokumentarfilm über den bekannten Schriftsteller Richard Wechsler drehen. Peter Stamm hat dieses Buch geschrieben, während das Schweizer Fernsehen einen Dokumentarfilm über ihn drehte. Jetzt hat er dem Vexierspiel einen weiteren Spiegel hinzugefügt: In seinem neusten Buch «Eine Fantasie der Zeit» denkt Peter Stamm über sein Schreiben nach und erzählt, wie er den Roman «In einer dunkelblauen Stunde» geschrieben hat. Der Autor schreibt über den Autor, wie er eine Geschichte schreibt, die von einem Dokumentarfilm über einen Autor handelt. In meinem 195. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es sich lohnt, in Peter Stamms Spiegelkabinett einzutauchen.

Vom Berner Liedermacher und Autor Mani Matter gibt es ein Lied, das von einem Besuch beim Frisör handelt. «Bim Coiffeur» heisst das Lied. Mani Matter beschreibt darin, wie er vor dem Spiegel sitzt und im Spiegel einen weiteren Spiegel sieht, der hinter ihm an der Wand hängt. In diesem hinteren Spiegel spiegelt sich der Spiegel, der vor ihm steht und in dem wieder der Spiegel hinter ihm. Und immer so weiter. Mani Matter sieht sich in einem unendlichen Korridor sitzen, indem sein Kopf hundertfach von hinten und von vorne zu sehen ist, bis er sich in der Unendlichkeit des langen Korridors verliert. Im Lied packt Mani Matter ein metaphysisches Grauen, er flüchtet aus dem Frisörladen, seine Haare bleiben ungeschnitten. An dieses Lied musste ich denken, als ich das neue Buch von Peter Stamm las.

Auf den ersten Blick ist «Eine Fantasie der Zeit» ein wunderbar präzise geschriebenes Buch über das Schreiben. Peter Stamm erzählt darin, wie seine Bücher entstehen und welch grosse Rolle dabei der Zufall spielt. Zum Vexierspiel wird das Buch, weil er das anhand seines letzten Romans macht. «In einer dunkelblauen Stunde» ist schon ohne reflektierende Ebene ein autofiktionales Vexierspiel.

Auf der ersten Ebene erzählt der Roman die Geschichte der Dokumentarfilmerin Andrea und ihren Dreharbeiten an einem Film über den Schriftsteller Richard Wechsler, Peter Stamms Alter Ego im Buch. Auf der zweiten Ebene im Buch erzählt der Film im Buch das Leben von Schriftsteller Richard Wechsler. Auf der dritten Ebene schreibt Schriftsteller Richard Wechsler autofiktional über sein Erleben. Damit aber noch nicht genug. In der Realität wollten die beiden realen Dokumentarfilmer Georg Isenmann und Arne Kohlweyer für das Schweizer Fernsehen SRF einen Film über Peter Stamm drehen. Im Film wollten sie die Entstehung eines Romans dokumentieren. Sie begleiteten Peter Stamm von der ersten Idee bis zum fertigen Roman. Während der Dreharbeiten merkten die beiden Regisseure, dass Peter Stamm daran war, einen Roman über einen bekannten Schweizer Schriftsteller zu schreiben, der von Dokumentarfilmern porträtiert wird. Sie realisierten, dass sie selber zum Sujet des neuen Buchs wurden, dessen Entstehung sie eigentlich dokumentieren wollten. Der reale Film ist als DOK-Sendung im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt worden.

Diesem Spiegelkabinett fügt Peter Stamm also jetzt noch einen Spiegel dazu und beschreibt seinerseits, wie er das Buch geschrieben hat. Es ist also ein Buch über das Schreiben eines Buchs über einen Film über das Schreiben eines Buchs. Sie sehen: Es ist ein Mani-Matter-Gefühl, das sich da einstellt.

Das neue Buch ist auf den ersten Blick ein Sachbuch über das Schreiben. Es ist denn auch als «Poetikvorlesung» überschrieben. Peter Stamm beschreibt detailliert, wie er auf seine Ideen kommt, wie er seine Figuren benennt und entwickelt. Und genau deshalb ist es kein Sachbuch: Kein Literaturwissenschaftler hat das Buch geschrieben, kein Sachbuchautor, kein Journalist, sondern der Autor selbst. Er schreibt in Ich-Form, wie er schreibt. Und das heisst: Auch dieser Text ist Teil des autofiktionalen Werks von Peter Stamm.

Bei der Lektüre des Buchs wird klar, wie stark das Schreiben und das Denken von Peter Stamm miteinander verschränkt sind und wie oft er sich dabei selbst zitiert. Auch wenn er etwas flapsig sagt, schon aus urheberrechtlichen Gründen sei es unproblematischer, sich selbst zu zitieren als andere. Peter Stamm schreibt:

Auch einige Dinge, die Wechsler sagt und schreibt, stammen aus Texten von mir oder aus Interviews, die ich irgendwann gegeben habe. Vor allem sind Wechsler und ich, was das Schreiben angeht, oft einer Meinung, nur formuliert er diese oft apodiktischer, als ich es tun würde. Einige Titel von seinen Büchern sind Titel, die ich selbst einmal für meine Bücher in Betracht gezogen und dann verworfen hatte. Wechsler und ich haben dasselbe Alter, und das Dorf, in dem er aufwuchs, ist Weinfelden im Kanton Thurgau, das Dorf meiner Kindheit und Jugend. Aber bin ich deswegen Wechsler? Der Grund, weshalb ich es nicht bin, ist so banal wie hoffentlich einleuchtend: Was hätte ich davon? Mich selbst zu beschreiben fände ich nicht nur langweilig, sondern auch mühsam und vollkommen fruchtlos. Es ist schwierig, einem porträtierten Menschen gerecht zu werden, noch schwieriger ist es, sich selbst gerecht zu werden, ohne Eitelkeit oder falsche Bescheidenheit über sich zu schreiben. (Seite 20)

In seinem Roman lässt er Richard Wechsler deshalb sagen: «Nie lügt man so schamlos, wie wenn man von sich selbst erzählt.» Peter Stamm erzählt von sich selbst – heisst das, er lügt?

So einfach ist die Sache nicht. Stamm beschreibt ein Porträt, das Alberto Giacometti von James Lord zeichnete. Beim Porträtierten handle es sich zweifellos um James Lord, das Bild zeige aber mehr als das. Es zeige auch die Dynamik zwischen Maler und Modell. «Vor allem zeigt sich im Bild Alberto Giacometti selbst mit seinem Blick auf die Welt und seiner Arbeitsweise.» Indem ein Bild die Sichtweise des Malers zeigt, sagt es viel, vielleicht sogar mehr über den Maler aus als über das, was er malt. Das heisst: Jedes Porträt, das ein Maler malt, ist eigentlich ein Selbstporträt. Peter Stamm zitiert Alberto Giacometti: «Ich habe oft das Gefühl, dass ein menschliches Gesicht sich kaum von all den anderen unterscheidet. Details sind für sich genommen unwichtig.» Denn beim Malen geht es nicht um diesen einen Menschen, sondern um den Menschen und wie der Maler diesen Menschen sieht.

Und beim Schreiben? Ist auch jedes Schreiben eine Selbstbeschreibung? Peter Stamm zitiert Julia Schoch, die schreibt, die Aufgabe der Literatur sei es,

«…die Ähnlichkeit zwischen Menschen zu beweisen, nein: diese Ähnlichkeit überhaupt erst herzustellen.» Die Lust der Leserinnen und Leser auf autofiktionale Texte, meint sie, habe mit deren «universellen Subjektivität» zu tun, mit Intimität und Verbindlichkeit. Aber steckt die universelle Subjektivität nicht in jedem ernsthaft literarischen Text? Ich würde behaupten, dass in jedem meiner Bücher sehr viel von mir verborgen ist, aber kaum je in meinen Figuren und schon gar nicht in einer einzelnen Figur. Das Persönliche in meinen Büchern ist, wie ich die Welt sehe und beschreibe, sei es in einer Person oder einer Landschaft, einer Handlung oder einem Gedanken. Meine Texte sind ganz unabhängig von ihrem Inhalt Ausdruck meiner Persönlichkeit. (S.23)

Deshalb ist jedes Schreiben letztlich autofiktional: Die Geschichte, die der Schreibende entstehen lässt, entsteht in seinem Kopf und kann wohl nur da entstehen. Seine Wahrheit kann das Erfundene nur über die Echtheit der Sprache einlösen. Gerade dass diese Bücher subjektiv sind, macht sie universell. Die Subjektivität führt zu Intimität und Verbindlichkeit. Über alle Spiegel, alle Figuren und alle Namen hinweg ist es letztlich eine Nähe zwischen Leser und Schreiber, die sich einstellt.

In seiner «Poetikvorlesung» ermöglicht es uns Peter Stamm, neben ihm an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen und ihm beim Erfinden seiner Wahrheit über die Schultern zu schauen. Es ist spannend, zu lesen, wie seine Figuren entstehen und ein Eigenleben entwickeln. Wie er zufällige Fundstücke und Begegnungen nutzt. «Ich bin ein Wanderer ohne Proviant», schreibt Stamm. «Alles, was mir einfällt, fliesst sofort in den Text.» Das ist schön geschrieben – und natürlich gelogen: Im Buch erzählt er ja gerade davon, wie stark er an seinen Texten arbeitet, wieviele Anläufe er nimmt, wie er ausprobiert, verwirft und neu ansetzt. Aber die Wahrheit einer Erzählung misst sich bekanntlich nicht an Fakten. Auch eine erfundene Geschichte kann wahr sein – es spielt deshalb keine Rolle, was in diesem Buch stimmt und was nicht. Ob erfunden oder gefunden – es ist so erzählt, dass es mich berührt, dass Peter Stamm diese zauberhafte Intimität und Verbindlichkeit herstellt, die gute Texte auszeichent. Und darauf kommt es an.

Peter Stamm: Eine Fantasie der Zeit. Poetikvorlesung. S. Fischer Verlag, 128 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-10-397527-7

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783103975277

Weitere Buchtipps gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/

Basel, 14. März 2024, Matthias Zehnder

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

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