Video-Buchtipp

Nächster Tipp: Verhängnisvoller Champagner
Letzter Tipp: Die fünf besten Bücher des Jahres 2025

Die fünf spannendsten Bücher des Jahres 2025

Publiziert am 23. Dezember 2025 von Matthias Zehnder

Ich gebe Ihnen jede Woche einen Lesetipp, ein Buch das ebenso intelligent wie unterhaltend ist. 50 Bücher habe ich Ihnen dieses Jahr empfohlen. Alle 50 finden Sie auf meiner Homepage oder natürlich hier auf YouTube. Jetzt ist es Zeit, Bilanz zu ziehen: Ich stelle Ihnen im Folgenden die fünf spannendsten Bücher des Jahres 2025 vor. Es sind fünf Bücher, die ich kaum mehr aus der Hand legen konnte. Das ist natürlich eine subjektive Wertung. Es gibt bestimmt weitere, sehr spannende Bücher. Sagen wir also: Von den 50 Büchern, die ich Ihnen dieses Jahr empfohlen habe, sind es jene fünf Titel, die mir beim Lesen die Welt um mich herum am stärksten haben vergessen lassen. Das sind keinesfalls nur Kriminalromane. Es sind Pageturner im besten Sinn: Bücher, die einen um den Schlaf bringen. Ich liebe es, wenn mich ein Buch so packt. Deshalb lege ich auch Ihnen diese fünf Titel ans Herz. Also – hier kommen Sie: Die fünf spannendsten Bücher des Jahres 2025.

 

Wenn ein Buch spannend ist, entsteht eine Art Sog: Ich muss weiterlesen. Für mich fühlt sich das manchmal an wie Hunger und manchmal eher wie das lustvolle Eintauchen in einen reissenden Fluss. Psychologen sprechen tatsächlich von einem kognitiven Sog. Dieser Sog stellt sich ein, wenn ich emotional beteiligt bin, wie es in der Psychologie heisst, wenn mich also kümmert, was mit den Figuren passiert, wenn ich mich mit einer Heldin oder einem Helden identifiziere. Und wenn offen ist, wie sich die Geschichte weiter entwickelt. Wenn ich also um die Helden bange oder ich mich frage, ob sie sich kriegen. Solche offenen Fragen hat unser Gehirn gar nicht gern. Es will die Lücke schliessen – und liest und liest. Spannung entsteht also, wenn ich einerseits mit ganzem Herzen dabei bin, und andererseits etwas offen ist oder gar eine Gefahr droht.

Drei Zutaten machen ein Buch zu einem Page Turner. Da ist erstens die Antizipation, eine Mischung aus Vorwegnahme und Erwartung. Die Autorin oder der Autor streut Hinweise und aktiviert damit einen Rate-Mechanismus in unserem Gehirn: Wir können gar nicht anders, als mitzuraten – und wollen dann natürlich wissen, wie die Sache herauskommt. Doch da ist zweitens die Ungewissheit: In einer spannenden Geschichte bleibt der Ausgang lange offen. Wir wissen nicht, ob unsere Erwartungen eintreffen. Diese Ungewissheit erzeugt eine angenehme Anspannung. Es ist, wie beim Auspacken eines Geschenks. Wir haben ja eine Ahnung, wissen aber dennoch nicht, was im Geschenkpapier steckt. Wir wollen das Geschenk deshalb unbedingt auspacken. Der Wunsch ist umso grösser, je stärker wir uns mit den Figuren eines Buchs verbinden. Das ist die dritte Zutat: die emotionale Investition. Weil wir uns mit den Figuren verbinden, wollen wir unbedingt wissen, was mit ihnen passiert, auch wenn die Uhr schon zwei Uhr morgens zeigt. Die Bindung macht aus Neugier Spannung.

Wir lesen also letztlich, weil wir nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht. Logisch, oder? Schon mein erster Buchtipp scheint allerdings gegen diese Grundregel zu verstossen.

(1) «Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete» von Lukas Maisel

«Wenn Sie diese Geschichte lesen, wissen Sie schon, wie sie ausgehen wird: Dass Sie leben, ist der Beweis dafür, dass sie gut ausgegangen ist.» Das schreibt Lukas Maisel zu Beginn seines Romans «Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete». Ganz offensichtlich verletzt er damit die wichtigste Grundregel für ein spannendes Buch: Wir kennen das Ende schon, sonst könnten wir es gar nicht mehr lesen. Doch Lukas Maisel macht mit diesem Anfang auch klar, was in seiner Geschichte auf dem Spiel steht: alles. Seine Erzählung spielt in einer Nacht Ende September 1983. Die USA und die Sowjetunion besassen damals zusammen über 60’000 einsatzbereite Atomsprengköpfe, jeder einzelne um ein mehrfaches stärker als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Wie in einem schlechten Western sich die Helden beim Duell gegenüberstehen und darauf warten, dass der andere eine Bewegung macht, standen sich die USA und die Sowjetunion 1983 waffenstarrend gegenüber und beobachteten sich gegenseitig.

Die Lage war 1983 heikel. Die Sowjets hatten SS-20-Mittelstreckenraketen in Osteuropa stationiert, die Amerikaner hatten darauf mit Pershing-II-Mittelstreckenraketen in Westeuropa geantwortet. Die sowjetische Führung war verunsichert. Generalsekretär Juri Wladimirowitsch Andropow war schwer krank. Im September 1983 verschärfte sich die Lage, weil die Sowjets irrtümlich ein südkoreanisches Passagierflugzeug abschossen. Dabei kamen alle 269 Insassen ums Leben, darunter viele US-Bürger. Die Sowjetunion war nervös. Und dann schlug am 26. September 1983 um 0.15 Uhr Moskauer Zeit das sowjetische Frühwarnsystem Alarm: Die Satellitenüberwachung meldete einen Raketenangriff durch die Amerikaner.

Das bedeutete, dass der diensthabende Offizier in der Überwachungsstation den amerikanischen Angriff sofort zu melden hatte, damit unverzüglich die sowjetische Antwort ausgelöst werden konnte: Noch bevor amerikanische Raketen in Moskau einschlugen, sollten die sowjetischen  Nuklearwaffen in Richtung USA unterwegs sein. Diese Doktrin war bekannt als «launch on warning» – eine gegenseitig zugesicherte totale Zerstörung. Der diensthabende Offizier in der Nacht vom  26. September war Oberstleutnant Stanislaw Petrow. Um ihn dreht sich der Roman von Lukas Maisel.

Oberstleutnant Stanislaw Petrow arbeitete für das satellitengestützte Frühwarnsystem der Sowjetunion. Es hiess «Oko», auf deutsch «Auge». Das System basierte auf Satelliten, die jene Gebiete überwachten, wo die Amerikaner ihre Raketen stationiert hatten. Mit Hilfe von Infrarot-Sensoren sollten die Satelliten die heissen Abgase einer startenden Interkontinentalrakete sofort bemerken. Die Daten der Satelliten wurden an die sowjetische Bodenstation weitergeleitet, an die Kommandozentrale des Systems im Bunker Serpuchow-15 bei Moskau.

Stanislaw Petrow leitet als Oberstleutnant nicht nur jeweils eine Überwachungsschicht, er hat das System auch mitentwickelt: Er hat die Algorithmen geschrieben, die den Alarm auslösen. Deshalb kennt er auch die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Sie beginnen mit den Signalen, die seine Satelliten auffangen, und sie enden beim roten Knopf auf seinem Pult. Und dann, um 0:15 Uhr, gellen die Sirenen. Das System meldet den Start einer Rakete. Ziel: Moskau. Was jetzt, Stanislaw Petrow?

Er saß auf seinem Drehsessel und übte sich im Abwarten. Von seinem Vater hatte Petrow das Nachdenken gelernt und von seiner Mutter, schnelle Entscheidungen zu treffen. Beides war zu gegebener Zeit nützlich. Aber manchmal war es besser, abzuwarten. Von wem hatte er das Abwarten gelernt? Bestimmt nicht von seiner Mutter, vielleicht von seinem Vater. Vielleicht aber hatte er sich das Abwarten auch selbst beigebracht. Dein Abwarten wird dich noch einmal in Schwierigkeiten bringen, hatte Raisa gesagt.
Jetzt erkannte er, dass sie falsch lag.
Nicht das Abwarten brachte einen in Schwierigkeiten, sondern das überstürzte Handeln. Es war einfacher, etwas zu tun, irgendetwas zu tun, als abzuwarten. Dann musste man sich später nicht vorwerfen, tatenlos geblieben zu sein.
Deswegen bleiben Torhüter, dachte Petrow, bei einem Elfmeter niemals in der Mitte stehen, wenn der Schütze anläuft. Auch wenn der Torhüter nicht weiß, wohin der Schütze schießt, springt er in eine Ecke. Dabei ist es doch genauso wahrscheinlich, dass er in die Mitte schießt und dass er den Ball fängt, wenn er einfach stehen bleibt. Es sieht nur ganz schön dämlich aus, stehen zu bleiben und nichts zu tun, während der Ball ins Netz geht. (Seite 53f.)

Stanislaw Petrow wartet also ab. Und rettet, wie wir wissen, damit die Welt. Lukas Maisel hat dieses erschütternde Ereignis in einer knappen, fast schon lakonischen Sprache beschrieben. Er erzählt in schlichten Worten, was Stanislaw Petrow tut und was in seinem Kopf vorgeht. Das ist so einfach gesagt, dass es auf direktem Weg nicht nur unseren Kopf erreicht, sondern auch das Herz. Und da gehört ein gutes Buch auch hin.

Lukas Maisel: Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete. Roman. Rowohlt, 128 Seiten, 32.90 Franken; ISBN 978-3-498-00730-0

Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung:
Video: https://youtu.be/uOMuT7rLzGs
Text: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/wie-ein-mann-nichts-tat/

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783498007300

Unterstützen Sie unabhängiges Denken – mit einem einmaligen oder monatlichen Beitrag.

(2) «Staying Alive. Kein Arztroman» von Eva Mirasol.

In der Geschichte von Lukas Maisel entsteht die Spannung, weil so viel auf dem Spiel steht. Um mehr als die ganze Welt kann es fast nicht gehen. Der Roman von Eva Mirasol ist so etwas wie das Gegenstück dazu. Sie schlägt einen so leichten und ironischen Ton an, dass wir sofort wissen: Das ist keine schwere Kost. Denn es ist kein Arztroman. Der klassische Arztroman hat einen «Gott in Weiss» zum Helden – also einen männlichen Arzt, der zwischen medizinischer Pflicht und persönlichen Leidenschaften hin- und hergerissen ist. Selbstverständlich meistert er alle Herausforderungen, ohne dabei seinen weissen Kittel zu bekleckern. Er rettet Leben, spendet Trost – und findet dabei auch noch die grosse Liebe.

Bei Eva Mirasol ist alles anders. Es ist ja auch «kein Arztroman»: Die Hauptfigur ist kein Arzt, sondern eine Assistenzärztin. Der Schauplatz weder Schönheitsklinik noch Praxis mit Alpenblick, sondern die Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses. Es geht nicht um spektakuläre Notoperationen und die grosse Liebe über dem offenen Herzen, sondern um das Ringen mit der Realität. Der Alltag ist hier Heldentat genug – und zwar einer mit ironischem Soundtrack. «Stayin’ Alive» von den Bee Gees stammt aus dem Film «Saturday Night Fever», wörtlich: «Fieber am Samstagabend». Läuft der Song im Schockraum, bekommt das Wort «Überleben» eine ganz neue Bedeutung. So schnörkellos wie das Setting ist auch der Ton des Buchs: Eva Mirasol erzählt mit trockenem Humor von einem Berufsalltag am Limit.

Dabei geht es ordentlich und sehr realistisch zur Sache: Das Personal in der Notaufnahme kämpft mit einer endlosen Flut an Fällen, von der Magenverstimmung bis zum Herzstillstand. Die Ärztinnen laufen auf dem Zahnfleisch, die Verwaltung verlangt gute Zahlen, und viele Patienten halten das Spital offenbar für ein Hotel mit Service. Eva Mirasol erzählt ihre Geschichte aus der Sicht von Assistenzärztin Nicki, die auf der internistischen Rettungsstelle eines Berliner Grossspitals ihre Stelle antritt. Internistisch – in der Schweiz würde man sagen: medizinisch – bedeutet, dass es um Notfälle der inneren Medizin geht, nicht um gebrochene Knochen oder Platzwunden. Die Realität? Herzinfarkte verstecken sich zwischen Mückenstichen, versehentlich konsumierten Cannabis-Cookies, einem ganz normalen Schwindelgefühl und vielen, vielen Betrunkenen.

Wer in die Rettungsstelle kommt, wird triagiert – nicht bedient. Oder, wie Eva Mirasol es formuliert: Die Pflege «stellt fest, ob der Patient lebt und wenn ja, wie lange noch. Je kürzer die vermutete Überlebenszeit, desto schneller geht es weiter. Und bei vielversprechenden Vitalparametern passiert erst einmal eine ganze Weile gar nichts.» Wer also keine dramatischen Symptome zeigt, sitzt schon mal drei Stunden im Warteraum. «Ein weiterer Notfall – und schon sind es fünf.» Das einzige, was in diesem Roman unrealistisch ist: Selbst nach einer Zwölf-Stunden-Schicht hat Assistenzärztin Nicki noch genug Humor, um das Geschehen mit lakonischem Witz zu kommentieren.

Der Ton, den Eva Mirasol ihrer Figur gibt, hat mich stark an Alexander Spörl erinnert – an seine «Memoiren eines mittelmässigen Schülers». Diese Mischung aus naiver Weltsicht und gnadenloser Selbstironie findet sich auch in Nickis Erzählweise. Etwa, als es im Sommer so richtig heiss wird und Berlin auch noch den Christopher Street Day feiert:

Auch in den nächsten Tagen bleiben die Temperaturen hoch und die Rettungsstelle voll. Ob es das hausärztliche System überhaupt noch gibt? Mein Nachrichtenkonsum ist in den letzten Wochen derart vollständig zum Erliegen gekommen, dass ich nicht ausschließen möchte, die eine oder andere gesundheitspolitische Entwicklung verpasst zu haben. Vielleicht hat sich auch der gesamte ambulante Sektor dazu entschlossen, endlich einmal gemeinsam in den Urlaub zu fahren, eine riesige Ballermann-Party, frei nach dem Motto «wer sich erinnert, war nicht dabei», und die Rettungsstelle ist doch ohnehin immer besetzt – wo liegt das Problem?
Womöglich in dem seit Wochen wolkenlosen Himmel und der Tatsache, dass viele glauben, zwei bis drei Bier pro Tag reichten für die Aufrechterhaltung einer reibungslosen Nierenfunktion.
Interessant auch, dass immer mindestens fünf Pflegekräfte auf einmal nicht da sind – als wären auch sie in einem undurchschaubaren System gegenseitiger Abhängigkeiten gemeinsam verreist, erkrankt oder einfach nur verhindert.
«Sind alle im Urlaub?», frage ich Micha.
«Nein, im Burn-out», sagt er. «Und wer kann es ihnen verdenken.»
Die Niedergelassenen auf Mallorca, die Pflege am Limit, und als bräuchte die aufgeheizte Stadt einen weiteren Siedepunkt, ist heute auch noch der Christopher Street Day.
«Schlimmer als Silvester, aber besser als Fußball», sagt Schwester Babsi.
«Und das aus deinem Mund.»
Babsi grinst. «Habt ihr schon unser Matratzenlager gesehen?»
Nina und ich schütteln den Kopf und folgen ihr in den Eingangsbereich.
«15 Matratzen, zehn davon als Monitorplätze», sagt Babsi stolz.
«Und alle auf dem Boden, damit niemand stürzen kann.»
«Beeindruckend», sage ich. «Aber ist das wirklich nötig?»
«Jetzt bist du schon so lange dabei, Nicki, und immer noch so naiv. Es sind fünfunddreißig Grad, da finden viele Leute schon ohne Drogen nicht mehr allein nach Hause.» (Seite 219)

Aber problemlos in die Notaufnahme. Eva Mirasol erzählt die Geschichte von Nicki in der Notaufnahme ganz ohne Bergdoktor-Romantik. Man merkt dabei, dass Eva Mirasol selber Ärztin ist: Die medizinischen Details sind präzise, die Fälle realistisch – aber nie trocken erzählt. Denn Mirasol schreibt mit Schmäh, Biss und einem Humor, der an Alexander Spörl erinnert. Es ist ein Vergnügen, Nicki durch diesen Wahnsinn zu begleiten – von der ersten Triage bis zum letzten Einlauf.

Eva Mirasol: Staying Alive. Kein Arztroman. Ullstein, 336 Seiten, 22.50 Franken; ISBN 978-3-548-07031-5

Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung:
Video: https://youtu.be/y-d_D_cBMbw
Text: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/staying-alive-kein-arztroman/

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783548070315

(3) «Die Nacht» von Marc Raabe.

Weder der Roman über die Rettung der Welt von Lukas Maisel noch der Ärztinnenroman von Eva Mirasol sind ein echter Thriller. Gibt es denn keine echten Krimis mehr auf Deutsch? Doch, gibt es. Einer der besten Thrillerautoren deutscher Sprache ist für mich Marc Raabe. Er versteht es, Sie mit knappen Worten in die Lesefalle zu locken. Eh Sie sich versehen, ist eine Stunde verflogen, Sie haben Hundert Seiten gelesen und Sie kommen zu sich, weil Sie sich nur schnell auf die Stuhlkante gesetzt haben und Ihnen jetzt der Hintern weh tut. Der neuste Thriller von Marc Raabe heisst: «Die Nacht». Es ist der dritte Band seiner Serie mit Art Mayer und Nele Tschaikowski.

Die beiden ermitteln auch in «Die Nacht» in Sachen Mord. Allerdings nicht offiziell. Nele ist im Mutterschutz. Ihr Sohn Lasse ist inzwischen sieben Monate alt. Sie überlässt ihn recht unprätentiös Partner Roman und macht sich mit Art Mayer auf die Suche nach Dana, einer jungen Frau, die mit ihrer Mutter und ihrer Tochter im Stockwerk unter Art wohnt. Oder besser: wohnte. Denn Dana ist verschwunden. Danas achtjährige Tochter Milla sucht öfter mal Zuflucht bei Art Mayer, wenn sie nicht mehr klar kommt, weil die Grossmutter dement ist. Art hat die kleine, altkluge Milla ins Herz geschlossen. Ihretwegen sucht er nach Dana. Als die Spuren, die er verfolgt, sich mit einer Mordermittlung des BKA überkreuzen, lässt er sich nicht davon abhalten, dass sein Vorgesetzter ihn von diesen Ermittlungen ausschliesst.

Art Mayer ist zwar Kommissar und rechtschaffen noch dazu, aber rebellisch und eigensinnig. Wie ein Hardboiled-Detektiv handelt er gerne allein, nach seinen eigenen Prinzipien – nicht unbedingt nach den Regeln der Polizei. Er leidet unter einem Trauma aus seiner Jugend, das ihn antreibt und gleichzeitig an der Realität zweifeln lässt. Er kann hart und unberechenbar sein, wenn Worte nicht mehr ausreichen, schlägt er auch einmal zu. Er ist robust, leidet aber unter einem starken Diabetes. Im dümmsten Moment schlägt sein Handy lautstark Alarm, dass sein Zuckerspiegel sich im roten Bereich befindet. Dann muss er notfallmässig Traubenzucker kauen oder sich eine Insulinspritze setzen. Das zeigt, dass er nicht nur psychisch, sondern auch körperlich verletzlich ist. Er ist in der Lage, zu lieben, dumm nur, dass seine grosse Liebe mit dem Bundeskanzler verheiratet ist. Das vergrössert sein Misstrauen gegenüberPolitik, Justiz und Medien.

Sein Sidekick ist Nele Tschaikowski. Sie ist so etwas wie sein Anker in die Institution, die vernünftige Hälfte des Ermittlerduos. Allerdings ist Nele grad im Mutterschutz: Sohn Lasse ist sieben Monate alt. Ihr Partner Roman will sie dazu bringen, den Polizeiberuf an den Nagel zu hängen und ganz nach Hause an den Herd und das Kinderbett zurückzukehren. Das macht Nele wütend und emotional: Sie liefert zu Beginn des Romans Sohn Lasse bei Roman ab und stürzt sich mit Art in die Ermittlungen. Auch sie entwickelt also Outlaw-Tendenzen, sie bleibt aber die Vernünftige im Bund.

Nele und Art ermitteln also ausserhalb der Polizeistrukturen. Und das, wie sich noch erweisen wird, aus gutem Grund. Der folgende Ausschnitt gibt einen guten Einblick in die Art und Weise, wie Art und Nele funktionieren – und wie Marc Raabe schreibt. Die Szene spielt sich in Arts Wohnung ab. Art und Nele besprechen den Fall und tragen zusammen, was sie wissen:

Nele lehnte sich im Stuhl zurück. Ihr Blick ging durch den Bildschirm des Laptops hindurch ins Leere. «Die Teamsitzungen fehlen mir», sagte sie. «Ich verliere langsam die Übersicht.» Art nickte und stand auf. Er war immer noch etwas energielos und warf einen Blick auf seine Diabetes-App. 89, steigend. Der Wert war in Ordnung. Manchmal dauerte es einfach etwas länger, bis man aus dem Gefühl der Schwäche wieder herausfand. Er zog eine Schublade in der Küchenzeile auf, holte einen Block Post-its und mehrere Filzstifte heraus, dann ging er zur gegenüberliegenden Wand. In die Mitte klebte er einen Zettel und schrieb dana darauf. Darunter einen weiteren Zettel, auf den er wohnwagen schrieb, dann zog er mit einem roten Filzstift eine Verbindungslinie. Rechts daneben klebte er einen Zettel, auf den er motorradfahrer schrieb, mit einem roten Fragezeichen dahinter und ohne Verbindungslinie. Links von dana platzierte er richter dressel, zog von dort eine Linie zwischen wohnwagen und dressel und eine Linie zwischen dressel und dana. Mitten auf diese Verbindungslinie klebte er einen weiteren Zettel foto 5 jugendliche, darunter schrieb er kleiner: dressel, sammy, dana und zwei Fragezeichen. «Das Thema sexuelle Vorlieben von Dressel fehlt noch», meinte Nele. Art nickte und schrieb es klein unter dressel. «Christine Karasch», ergänzte Nele. «Und die Hinweise, die sie uns gestern gegeben hat.» Art klebte danas mutter schräg oberhalb von dana, zog eine rote Linie zu ihrer Tochter, dann schrieb er unter danas mutter den Begriff schachtel und die Namen karasch und bauer. Auf die Linie zwischen dana und ihrer Mutter klebte er einen Zettel, auf den er kleiner junge schrieb. Er trat zurück, betrachtete das Gesamtbild. «Zwei Dinge fehlen noch.» Er klebte einen weiteren Zettel ohne Verbindungslinie etwas abseits: 3 tote / skelettiert, darunter schrieb er: junge Frau, junger Mann, Mann ca. 50. Einen letzten Zettel mit cäsar, rechte drohungen klebte er oberhalb von richter dressel mit einer einzelnen roten Verbindungslinie zu ihm. Nele starrte auf das Gebilde mit den Linien. «Malst du immer einfach so auf deine Wände?» «Wenn’s nötig ist», sagte Art. «Einmal streichen, und alles ist weg.» (Seite 202)

Die Szene zeigt auch schön, wie Marc Raabe schreibt. Er sagt nicht, dass Art körperlich am Limit ist. Er zeigt es, indem er Art auf seine Diabetes-App blicken lässt. Er sagt nicht, dass Art über Grenzen geht und extrem zielgerichtet durchzieht, was er im Kopf hat. Raabe zeigt es, indem er Art die Verbindungslinien zwischen den Zetteln direkt auf die Wand in seiner Wohnung malen lässt. Das kann man ja irgendwann überstreichen, Hauptsache, jetzt nützt es. Diese Schreibweise macht für mich das Buch von Marc Raabe so lesenswert: Er sagt nicht, er zeigt. Sein Roman liest sich manchmal wie das Skript eines Films – eines Films, der, wenigstens bisher, nur im Kopf von uns Lesenden zu sehen ist. In meinem Kopf ist beim Lesen dabei ganz schön was abgegangen.

Marc Raabe: Die Nacht. Thriller. Ullstein, 464 Seiten, 25.90 Franken; ISBN 978-3-86493-261-8

Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung:
Video: https://youtu.be/CjzJ0KRqeEw
Text: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/die-nacht/

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783864932618

Unterstützen Sie unabhängiges Denken – mit einem einmaligen oder monatlichen Beitrag.

(4) «Bretonische Versuchungen» von Jean-Luc Bannalec

Ein Roman wie «Die Nacht» von Marc Raabe ist spannend, aber nicht unbedingt entspannend. Für lockereres Lesevergnügen empfehle ich im Sommer als Urlaubslektüre jeweils Krimis, die Sie an einen besonderen Ort entführen. Es sind jeweils sechs Bücher und entsprechend sechs Reiseziele. Diesen Sommer ging es vom Mittelmeer bis an den Atlantik, vom Tessin bis nach Berlin. Aus diesen Tipps möchte ich zum Jahresende den letzten der Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec herausgreifen. Bereits zum 14. Mal schickt er Commissaire Georges Dupin in der Bretagne auf die Piste. In jedem Roman entdecken wir mit dem Kommissar, der aus Paris ans Ende der Welt strafversetzt worden ist, einen neuen Aspekt der Bretagne.

Diesmal geht es um den Mord an der Chefin und Inhaberin von Zerua, Bretagnes berühmtester Schokoladenmanufaktur. Die Frau ist ertrunken. Nicht im Atlantik, sondern in einem Bottich voller Schokolade. Die Manufaktur ist berühmt für ihre Schokolade-Kreationen, mal mit Earl-Grey-Tee, mal mit Zimt aus Java, kandiertem Ingwer oder Piment d’Espelette. Die neuste Geschmacksrichtung: Schokolade mit geröstetem Buchweizen und Fleur de Sel. Genial – aber wer würde dafür töten?

Obwohl er schon seit vielen Jahren und sehr erfolgreich im Finistère ermittelt, gilt er immer noch als Zugezogener. Seine Sekretärin Nolwenn verfolgt seit seinem ersten Arbeitstag ihr Projekt der Bretonisierung von Dupin. Mit Erfolg: Er hat die Bretagne und ihre Regeln mittlerweile verinnerlicht. Zum Beispiel dass man in der Bretagne mit Butter kocht und nicht mit Olivenöl. Das übrige Frankreich ist den Bretonen bis heute suspekt. Schliesslich gehört die Bretagne erst seit 1532 zu Frankreich. Zu den bretonischen Eigenheiten gehört auch das Wetter. «In der Bretagne ist das Wetter schön – fünf Mal am Tag», sagen die Bretonen. Allerdings dürfen nur die Bretonen selbst über das bretonische Wetter schimpfen oder lachen. Wenn es andere tun, ist das eine Beleidigung.

Hier, am Ende der Welt also, wird die Inhaberin einer Schokolademanufaktur in ihrer eigenen Fabrik in Schokolade ertränkt. Georges Dupin und seine beiden Inspektoren Riwal und Kadeg nehmen also die Ermittlungen in Sachen Schokolade auf. Das gibt Jean-Luc Bannalec Gelegenheit, in das Geschmacksuniversum der Chocolatier einzutauchen. Für mich als Schweizer ist das lustig zu lesen, weil die Schweiz die Schokolade ja quasi erfunden hat.

Jean-Luc Bannalec versteht es, auch in der vierzehnten Folge seiner Dupin-Krimis, Wissen über die Bretagne und die Bretonen in einen Krimi zu verweben, den man nicht nur gerne liest, weil der Plot spannend ist, sondern auch weil das Buch schlicht gut geschrieben ist. Vielleicht müsste man sagen: Wieder besser geschrieben ist. Ich finde, die Serie hatte etwa nach zehn Büchern einen sprachlichen Hänger. Vielleicht hat der Lektor im Verlag gewechselt? Ich weiss es nicht. Die 14. Folge hat mich sprachlich wieder mehr überzeugt. Schön ist, dass Jean-Luc Bannalec uns interessante Seiten der Bretagne nicht nur referiert, sondern auch zeigt. Ein Beispiel dafür ist der Crachin:

Dupin stieg aus dem Wagen – um im nächsten Moment wieder hineinzuspringen. Der Crachin war ihm entgegengeschlagen – einer der übelsten Sorte: allerfeinster Sprühregen, auf mysteriöse Weise so intensiv, dass man innerhalb von Sekunden völlig durchnässt war und das Wasser einem das Gesicht hinunterlief. Dabei gab er sich ganz und gar harmlos, man sah und hörte ihn nicht. Der bretonischste aller bretonischen Regen. Kein Regen war perfider, auf der ganzen Welt nicht, vor allem in Kombination mit heftigen Böen. Es war drei Uhr morgens, die Müdigkeit schmerzte Dupin mittlerweile richtiggehend. Das hatte ihnen noch gefehlt: dass die Kleidung, die sie seit zwei Tagen trugen, nun auch noch nass wurde, muffige Feuchtigkeit das Auto und die Sitze beherrschte. Wo kam der Regen plötzlich her? Und die heftigen Windböen? Eine Frage, die ein gebürtiger Bretone freilich nie stellen würde. Wettervorhersagen hatten für einen Bretonen erst Gültigkeit, wenn sie bereits eingetreten waren. Fast immer kam es anders als meteorologisch berechnet. Zudem gab es in der Bretagne, Dupin war es bis heute ein Rätsel, keine Übergänge von einem Wetter zum anderen. Als hätte man, wie in einer Theatervorstellung, rasch den Himmel ausgetauscht. (Seite 329)

Das ist der Crachin. Wieder etwas über die Bretagne gelernt. Es ist übrigens das einzige bretonische Wetter, das Dupin wirklich nicht mag: eine deprimierende graue Materie, die Himmel und Erde beherrscht. Ein veritabler Sturm, heftigster Regen, dramatische Wolkenwelten in allen möglichen und unmöglichen Farbtönen, ein aufgepeitschtes tiefschwarzes Meer – all dem kann Dupin etwas abgewinnen. Aber der Crachin, das, findet er, ist «eine zum Wetter geronnene Depression».

Das ist gut geschrieben und macht, wie Schokolade, glücklich. Aber im Gegensatz dazu nicht dick. Nur glücklich. Und ich bin sicher: Wenn Sie alle 14 Dupin-Folgen gelesen haben, sind sie, wie Dupin selber es durch die Erklärungen von Nolwenn ist, richtig bretonisiert.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Versuchungen. Kommissar Dupins vierzehnter Fall. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-462-00250-8

Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung:
Video: https://youtu.be/WZmHqR-Dfj0
Text:  https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/bretonische-versuchungen/

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462002508

(5) «Thanatopia» von Tom Hillenbrand.

Die Geschichte aus der Bretagne, der Arztroman, der keiner sein will und der Roman über den Berliner BKA-Ermittler Art Mayer haben gemeinsam, dass sie in unserer Wirklichkeit spielen. Der Roman über den russischen Offizier greift sogar eine historische Gegebenheit auf. Es ist ein historischer Roman. Auf dem Zeitstrahl in die andere Richtung geht Science Fiction. Das sind Romane, die keine irrwitzigen Zukunftsvorstellungen bieten, sondern ernsthafte Auseinandersetzungen mit der Technik und ihrer möglichen Entwicklung. Isaac Asimov zum Beispiel hat mit seinen Büchern über Roboter viele Fragen vorweggenommen, die uns heute beschäftigen. Von Arthur C. Clarke kennen Sie sicher «2001: A Space Odyssey» – wenn nicht das Buch, dann doch den Film. Bordcomputer HAL 9000 wird zum emotionalen Computerwesen. Arthur C. Clarke stösst damit Fragen an, die uns heute ernsthaft beschäftigen.

An diese Tradition der Hard Science Fiction knüpft Tom Hillenbrand mit seinem Roman «Thanatopia» an. Seine Geschichte spielt im Jahr 2095. Seit einigen Jahren sind die Menschen in der Lage, Gehirne zu digitalisieren. Das Resultat ist ein Cogit, ein Programm, das auf einem Computer läuft. So ein Cogit lässt sich nicht nur im Stammkörper benutzen. Ein Cogit lässt sich auch in einen «Gefäss» hochladen. So werden geklonte Körper ohne Gehirn genannt. Zur Sicherheit wird dabei ein Backup des Gehirns hinterlegt. Stirbt der Klon, wird das digitale Gehirn automatisch in den Stammkörper hochgeladen. Das macht etwas ganz Neues möglich: Selbstmorde, an die sich das digitale Gehirn erinnern kann. Eine Gruppe von «Thanatonauten», also von Todesfahrern, versucht auf diese Weise herauszufinden, ob das Leben nach dem Tod weitergeht. Dabei stossen sie auf ein verrücktes Geheimnis.

Die Hauptfigur von Tom Hillenbrand ist Wenzel Landauer, Hauptkommissar beim Wiener Morddezernat. Er ist der Dienstälteste, er geht auf die fünfundsiebzig zu. Das ist im Jahr 2095 natürlich kein Alter mehr, Wenzel ist da quasi ein Mann in den besten Jahren. Er ist etwas altmodisch: Wenzel Landauer ist noch ein Schwammhirn. Das heisst, dass in seinem Schädel noch sein ursprüngliches Gehirn aus Fleisch und Blut steckt. Viele andere in seinem Dezernat haben die Quant-Transformation längst hinter sich. Aber Wenzel Landauer will sich darauf nicht einlassen. Er hängt an seinem Schwammhirn. Als Figur übernimmt er im Roman von Tom Hillenbrand die Rolle des Überbrückers zwischen uns Leserinnen und Lesern in der heutigen Zeit und der Zukunft des Jahres 2095.

Und Wenzel Landauer bringt mit seinen Ermittlungen die Story ins Rollen. Es geht um zwei Leichen. Wobei: Ganz sicher ist das nicht. Die beiden toten Frauen sehen nicht nur genau gleich aus, sondern auch genau gleich wie eine reale Frau. Und das ist seltsam. Warum sollte jemand einen Klon verwenden, der exakt so aussieht wie er respektive sie selbst? Im Gespräch mit der Forensikerin versucht er, genaueres herauszufinden.

Soweit Wenzel wusste, war der Sinn dieser ganzen Upload-Geschichte ja gerade, dass du jemand anderes sein konntest. Mausige Mädchen wurden zu Aphrodite, schmalbrüstige Bürschchen zu Herkules – oder ebenfalls zu Aphrodite, je nach Pläsier. Oder vielleicht wolltest du als Aphrodite auch gerade eine graue Maus werden, um endlich einmal all die geifernden Idioten los zu sein. «Okay. Auf jeden Fall seltsam. Und wie findet man jetzt raus, ob es Klone sind, mangels Markierungen?» «Der Körper eines Gefäßes ist gezüchtet, er wächst schneller heran als der eines echten Menschen – viel schneller. Es gibt bestimmte Histone, die …», Bach bemerkte Wenzels Gesichtsausdruck, brach ab. «Sagen wir einfach, es gibt Marker, an denen man das sieht. Ich weiß es nachher.» «Okay. Mach’s fertig und schick alles an Tish. Bist du denn sicher, dass es nur ein doppeltes Lottchen ist? Und nicht vielleicht ein dreifaches?» «In der Datenbank waren keine weiteren. Aber vielleicht handelt es sich um Konfektionsware, auch das sollte man überprüfen.» «Gefäße von der Stange? So was gibt’s?» «Inzwischen schon. Es gibt diese Kloneriekette, Hibitai. Da kannst du so was leihen.» «Gottgütiger. Okay, das wäre es fürs Erste. Schick uns den Bericht, ja? Firma dankt.» (Seite 36)

Zu Beginn der Ermittlungen ist nicht sicher, ob beide Körper Klone sind oder ob es sich bei einem der beiden Körper um den Stammkörper einer Frau namens Maudite handelt. Das ist entscheidend, denn wenn beides Klone sind, könnte es sein, dass Wenzel Landauer gar nicht zuständig ist. Die Zerstörung eines Gefässes ist kein Mord, sondern nur Sachbeschädigung. Möglicherweise. Die Juristen sind sich in dieser Frage 2095 nicht ganz einig. Wird ein Klon getötet, stirbt nämlich der Mensch, der sein Cogit in das Gefäss hochgeladen hat, nicht.

Tom Hillenbrand greift in seinem spannenden Roman Fragen über das Verhältnis von Geist und Materie auf, mit denen sich schon René Descartes im 17. Jahrhundert beschäftigt hat. Auf Descartes geht der Dualismus zurück: Er unterscheidet zwischen dem Geist, der res cogitans, also dem denkenden, bewussten, zweifelnden Ich einerseits, und dem Körper andrerseits, der res extensa, dem ausgedehnten, mechanisch funktionierenden Objekt. Descartes sagt: Der Geist ist immateriell und kann nicht geteilt oder mechanisch erklärt werden. Der Körper hingegen ist ein physikalischer, berechenbarer Gegenstand wie jeder andere Teil der Natur. Die grosse Frage, die Descartes nicht beantworten konnte: Wenn der mechanische Körper und der immaterielle Geist so strikt voneinander getrennt sind – wie können sie einander dann beeinflussen? Wie hängen mit anderen Worten Geist und Körper zusammen?

Diese Frage steht auch im Zentrum des Romans von Tom Hillenbrand, auch wenn er sie nie so ausformuliert. Eine Gruppe junger Menschen stellt diese Verbindung nämlich radikal in Frage. Sie nennen sich selber «Deather» oder «Thanatonauten» – nach Thanatos, der Personifikation des Todes in der griechischen Mythologie. Diese Thanatonauten laden sich in einen Klon hoch und bringen sich dann um. Genau genommen stirbt ein Cogit nicht, vielmehr stürzte es ab. Durch diesen Braincrash wird die filigrane Datenstruktur des Quantgehirns zerstört. Das ist prinzipiell kein Problem, weil es ja Back-ups gibt. Die sind so programmiert, dass das Backup in den Stammkörper geladen wird, wenn das Gefäss aussteigt. Backups werden automatisch geschrieben. Thanatonauten haben einen Weg entwickelt, wie sie mit einem Mind Recorder auch die letzten Sekunden oder Minuten aufzeichnen können. Ihr Ziel ist es, herauszufinden, was beim Sterben passiert.

Wir haben also einen behäbigen Kommissar, der sich mit toten Körpern konfrontiert sieht, von denen er nicht sicher ist, ob es leere Gefässe sind oder echte Leichen. Wir haben eine Thanatonautin, die sich durch serielle Suizide an den Tod herantasten will – oder sogar darüber hinaus. Beide kämpfen damit, dass sich im Jahr 2095 Realität und Vorstellung nicht mehr so einfach unterscheiden lassen. Tom Hillenbrand ist mit «Thanatopia» ein faszinierender Science Fiction-Roman gelungen. Er knüpft damit an die ganz grossen Geschichten der Zukunft und stellt, wie Isaac Asimov oder Arthur C. Clarke, mit den Mitteln des Science Fiction jene Fragen, die uns heute beschäftigen – oder beschäftigen sollten. Thom Hillenbrand verpackt die philosophischen Fragen rund um das Leben, den Tod, die Simulation und die Künstliche Intelligenz in einen spannenden Thriller der einen beim Lesen nicht nur reinzieht, sondern auch nach der Lektüre ganz schön beschäftigt.

Tom Hillenbrand: Thanatopia. Thriller. Kiepenheuer & Witsch, 384 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-462-00872-2

Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung:
Video: https://youtu.be/7oo4Dfg8EII
Text: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/thanatopia/

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462008722

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 23.12.2025, Matthias Zehnder

PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten,   abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:

  • den neuen Buchtipp
  • den aktuellen Sachbuchtipp
  • den Hinweis auf den Wochenkommentar
  • das aktuelle Fragebogeninterview

Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!

Unterstützen Sie unabhängiges Denken – mit einem einmaligen oder monatlichen Beitrag.